Unter dem Begriff „Narration“ versteht man im weitesten Sinne eine Erzählung, die als eine Form der Darstellung sowie Wiedergabe eines Geschehens in mündlicher oder schriftlicher Form fungiert. Hierbei beziehen sich die Narrationen sowohl auf den Vorgang des Erzählens als auch auf das Ergebnis. Erzählungen bzw. Narrationen transportieren Ereignisse, Erlebnisse, Erfahrungen und Emotionen. Diese beziehen sich häufig auf einen individuellen Hintergrund, der Anhaltspunkt für neue Perspektiven und Orientierungen geben kann.
In der Erwachsenenbildung haben Narrationen mittlerweile eine wichtige Funktion eingenommen, da das Geschichten erzählen seit langem eine bewährte Methode ist, wenn es darum geht, Wissen anzueignen als auch weiterzugeben. Gekennzeichnet ist diese Methode durch die Tatsache, dass Wissen im Langzeitgedächtnis durch die Bindung an Emotionen und Gefühle intensiver abgespeichert wird. Mittels narrativen Interviews profitiert besonders die Biographieforschung von der Methodik des Geschichtenerzählens. Dadurch, dass Narrationen eher als andere Informationswege auch Gefühle aktivieren und transportieren können, regen Narrationen immer wieder zum Nachdenken und transferieren an und werden in der Erwachsenenbildung damit als Element zur Reflexion genutzt. Aus diesem Element lässt sich ebenfalls die autobiographische Reflektion als ein Kennzeichen der Entwicklung des Individuums ableiten.
In der folgenden Ausarbeitung, die auf den Basistexten „Narration als Element der Arbeit in der Erwachsenenbildung – oder: kann man aus Geschichten lernen“ von Anne Schlüter und „Die Entwicklung autobiographischen Denkens: Hilfreiche und weniger hilfreiche Verwendungsweisen“ von Tilmann Habermas und Sarah Römisch beruht, geht es zunächst um den geschichtlichen Hintergrund von Narrationen, die im Kontrast zu der aktuellen Bedeutung von Erzählungen in der Bildungsarbeit, den Wert von Erzählungen in früheren Zeiten darstellen. Daraus ableitend wird die Bedeutung des autobiographischen Denkens und Urteilen für die Fähigkeit zum Herstellen von biographischen Zusammenhängen hervorgehoben. Um sowohl das Element der Narration als auch die Methodik der autobiographischen Reflektion in der Praxis einzuordnen, werden anschließend das narrative Interview und die Argumentationsfiguren zur Verdeutlichung der Praxis präsentiert. Mit diesem Hintergrund schließt die Ausarbeitung mit der Frage, in wie weit man aus Geschichten lernen kann u
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die geschichtliche Entwicklung von Erzählungen in der Erwachsenenbildung im Kontrast zur aktuellen Bedeutung
3. Autobiographisches Denken als Möglichkeit die eigene Lebensbiographie zu verstehen
4. Argumentationsfiguren in Bezug auf das autobiographische Denken
5. Das narrative Interview als Methode zur Erfassung und Analyse lebensgeschichtlicher Hintergründe in der Bildungsarbeit mit Erwachsenen
5.1. Entstehungszusammenhang
5.2. Theoretischer Hintergrund
5.3. Aufbau und Ablauf
5.3.1 Eröffnungsphase
5.3.2 Nachfrageteil
5.3.3 Bilanzierung
6. Fazit – Wie man das Leben versteht, wenn man das Leben erzählt
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Narrationen und autobiographischem Denken für die Erwachsenenbildung. Das primäre Ziel besteht darin, darzulegen, wie das Erzählen und Reflektieren der eigenen Lebensgeschichte zur Identitätsbildung, zum Verständnis biographischer Zusammenhänge und zur persönlichen Weiterentwicklung beiträgt.
- Historische Entwicklung der biographischen Selbstdarstellung
- Autobiographisches Denken als Instrument der Selbstkontinuität
- Die Methode des narrativen Interviews in der Bildungsarbeit
- Narrative Identität als flexible Form der Identitätsbildung
- Verknüpfung von individueller Lebenserfahrung und lebenslangem Lernen
Auszug aus dem Buch
4. Argumentationsfiguren in Bezug auf das autobiographische Denken
Im weiteren Verlauf werden Argumentationen vorgestellt, die verdeutlichen, wie Jugendliche in der Präadoleszent autobiographische Argumente in ihren Erzählungen nutzen. Die Autoren des Basistextes „Die Entwicklung autobiographischen Denkens“ Tilmann Habermas und Sarah Römisch geben dafür folgendes Beispiel:
„Eine komplexe, tatsächlich biographische Argumentation findet sich bei dem neunzehnjährigen Alexander:
1. „...weil in den jüngeren Klassen da war das immer so,
2. ich hab was erzählt,
3. niemand hat mich verstanden,
4. weil ich einfach so viele Fachausdrücke hatte,
5. dadurch, dass ich mit meiner Mutter alleine gelebt habe,
6. als ich sechs Jahre alt war,
7. saß ich mit meiner Mutter auf der Couch,
8. und sie hat mit mir über Geldprobleme geredet,
9. und es war halt schon so,
10. das ich halt da schon sehr früh reifer werden musste als Leute,
11. die zum Beispiel zwei Eltern haben.
Alexander berichtet von Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen, die mit seinem schlauen Reden nicht zurechtkamen und ihn hänselten. Diese Eigenschaft erklärt er als Teil einer umfassendere Frühreife, die er wiederum in Zeilen 6 bis 8 mit einem Verhalten der Mutter erklärt, dass er dann in Zeile 10 als zu früh für sein Alter beurteilt. Damit beruft er sich auf eine Common Sense-Vorstellung davon, was altersangemessen ist.
Zugleich benutzt er den Prototyp einer biographischen Erklärung: Er erklärt die Entwicklung einer Eigenschaft, hier die Frühreife, mit einem typischen Ereignis, das wiederum durch länger anhaltende biographische Umstände erklärt wird. Eine problematische, umfassende Persönlichkeitseigenschaft, die ihn lange von seinen Klassenkameraden isoliert hat, versucht er sich durch Umstände zu erklären, die er nicht zu verantworten hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert Narration als Form der Darstellung von Geschehenem und erläutert deren wachsende Bedeutung als reflektierendes Element in der Erwachsenenbildung.
2. Die geschichtliche Entwicklung von Erzählungen in der Erwachsenenbildung im Kontrast zur aktuellen Bedeutung: Skizziert den Wandel der biographischen Selbstdarstellung von moralischen Erzählungen des 18. Jahrhunderts hin zum heutigen Fokus auf die individuelle Lebenserfahrung.
3. Autobiographisches Denken als Möglichkeit die eigene Lebensbiographie zu verstehen: Beschreibt die kognitive Entwicklung und Fähigkeit, das Leben in einen zeitlichen und persönlichen Zusammenhang zu bringen, um Identität zu festigen.
4. Argumentationsfiguren in Bezug auf das autobiographische Denken: Verdeutlicht anhand von Fallbeispielen, wie Individuen komplexe biographische Ereignisse narrativ verknüpfen, um ihr Selbstbild zu erklären.
5. Das narrative Interview als Methode zur Erfassung und Analyse lebensgeschichtlicher Hintergründe in der Bildungsarbeit mit Erwachsenen: Führt in die methodischen Grundlagen nach Fritz Schütze ein und erläutert den strukturierten Ablauf der Interviewführung.
5.1. Entstehungszusammenhang: Verortet die Entstehung des narrativen Interviews im Kontext der qualitativen Forschung der 1970er Jahre.
5.2. Theoretischer Hintergrund: Erläutert die Annahme der Homologie von Erzähl- und Erlebnisstrukturen sowie die wirkenden „Zugzwänge“ des Erzählens.
5.3. Aufbau und Ablauf: Beschreibt die offene Gestaltung des Interviews ohne Leitfaden.
5.3.1 Eröffnungsphase: Erklärt die initialen autobiographischen Erzählaufforderungen und deren Bedeutung.
5.3.2 Nachfrageteil: Beschreibt die gezielte Vertiefung von Erzählinhalten durch explorative Fragen.
5.3.3 Bilanzierung: Erläutert die abschließende Phase der theoretischen Reflexion des Erzählten durch das Individuum.
6. Fazit – Wie man das Leben versteht, wenn man das Leben erzählt: Fasst zusammen, wie das reflektierte Erzählen und der Blick auf die eigene Lebensbiographie grundlegende Bestandteile des lebenslangen Lernens sind.
Schlüsselwörter
Narration, Erwachsenenbildung, autobiographisches Denken, biographische Zusammenhänge, narratives Interview, Identitätsbildung, narrative Identität, Lebensgeschichte, Selbstkontinuität, Biographieforschung, lebenslanges Lernen, Selbstdarstellung, Reflexion, Konstruktivismus, Erfahrungsaustausch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle von Erzählungen (Narrationen) und dem autobiographischen Denken im Kontext der Erwachsenenbildung und Identitätsfindung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die historische Entwicklung biographischer Selbstdarstellung, die methodischen Ansätze narrativer Interviews und die psychologische Bedeutung autobiographischer Reflexion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte als Werkzeug genutzt werden kann, um das eigene Leben besser zu verstehen und biographische Zusammenhänge zu konstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit analysiert das Verfahren des „autobiografisch-narrativen Interviews“ nach Fritz Schütze als zentrale Methode der Biographieforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Genese von Erzählungen, die theoretischen Grundlagen des autobiographischen Denkens sowie den konkreten Ablauf und die theoretischen Hintergründe narrativer Interviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Narration, narrative Identität, biographische Forschung, Erwachsenenbildung und das narrative Interview.
Was versteht man unter dem „Zugzwang“ im narrativen Interview?
Nach Fritz Schütze sind dies strukturelle Anforderungen wie der Gestaltschließungszwang oder Detaillierungszwang, die den Erzählenden dazu anregen, eine Geschichte vollständig und sinnvoll strukturiert zu präsentieren.
Wie unterscheidet sich autobiographisches Denken von reiner Narration?
Während Narrationen der Darstellung und Wiedergabe dienen, zielt das autobiographische Denken primär auf das therapeutische Verstehen von Informationen und die Herstellung von Selbstkontinuität und -konsistenz ab.
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- Stephanie Krampe (Autor), 2016, Aus Narrationen lernen. Zur Bedeutung autobiographischer Reflexion in der Erwachsenenbildung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351157