Joseph Wright of Derbys Ölgemälde "An Experiment on a Bird in the Air Pump" (1768). Ein Kerzenscheinbild zwischen Wissenschaft und christlichem Glauben


Seminararbeit, 2016
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werkbeschreibung

3. Werkgenese
3.1. Der Entwurf
3.2. Ausstellung in der Society of Artists und Verkäufe des Gemäldes
3.3. Der Stich nach dem Gemälde (Valentine Green)
3.4 Exkurs: Popularität der Wissenschaft im provinziellen England in der Mitte des 18. Jahrhunderts

4. Ikonografie

4.1. Das Kerzenscheinbild

4.2. Die Verwendung von Versatzstücken

4.3. Der Rekurs auf christliche Bildtraditionen und der Deismus

5. Stileinordnung/ Deutung

Literaturverzeichnis

Abbildungen

1. Einleitung

Der folgende Text setzt sich mit Joseph Wright of Derbys Ölgemälde An Experiment on a Bird in the Air Pump aus dem Jahre 1768 auseinander. Interessant, dies bemerkt Werner Busch in der Einleitung seines im Folgenden zitierten Aufsatzes, ist die erst spät einsetzende Beschäftigung der Kunsthistoriker mit dem Gemälde. Vielmehr setzten sich Kultur- und Sozialhistoriker mit dem dargestellten wissenschaftlichen Experiment und seinem Stellenwert im provinziellen, bürgerlichen England des 18. Jahrhunderts auseinander. Trotz der spärlichen Quellenlage, in welcher Werner Buschs Aufsatz eine erfrischende Ausnahme bildet, da er sich erstmals ausführlich kunstgeschichtlich deutend an das Bild wagt, soll der Fokus in dem vorliegenden Aufsatz auf die kunsthistorische Bedeutung des Gemäldes gerichtet werden. Bei dieser Betrachtung soll im Besonderen auf das Phänomen der künstlichen Beleuchtung der Bildszene durch eine Kerze eingegangen und untersucht werden, inwiefern sich der Künstler ikonografischer Vorbilder bedient. Weiterhin soll der Konflikt zwischen der Wissenschaft, die klar als Bildthema bestimmbar ist, und der Religion beleuchtet werden, die aufgrund eines ikonografischen Deutungsansatzes von Werner Busch Eingang in die Bilddeutung des Gemäldes findet. Zunächst soll jedoch nach klassischer Vorgehensweise das Bild beschrieben und im Anschluss wichtige zeitliche Stationen der Entwicklung des Bildsujets, der Ausstellung und des Vertriebes in Form eines Kupferstiches nach dem Gemälde nachgezeichnet werden. Um Gründe für die Wahl des Bildmotivs - die Darstellung einer wissenschaftlichen Demonstration - nachvollziehen zu können, dient ein knapper Exkurs zu Popularität der Wissenschaften im persönlichen Umfeld Wright of Derbys. Darauffolgend ist explizit auf die ikonografischen Vorbilder aus vorangegangen Kunstepochen und von Zeitgenossen einzugehen, um von hier aus mit der Beschreibung der These Werner Buschs eine Einordnung des Stils und eine vorsichtige Deutung vornehmen zu können.

2. Werkbeschreibung

Bei dem vorliegenden Gemälde An Experiment on a Bird in the Air Pump (dt.: Das Experiment mit der Luftpumpe) (Abbildung 1) von Joseph Wright of Derby handelt es sich um ein sogenanntes candlelight picture, ein Kerzenscheinbild. Der britische Maler beendete die Arbeit an dem Bildnis mit einer Leinwandgröße von 183 x 244 cm im Jahr 1768. Heute ist es in der National Gallery in London an prominenter Stelle ausgestellt.

Wir blicken in eine Runde mit zehn Figuren, die sich zu nächtlicher Stunde um einen Tisch versammelt hat. Der Raum ist weitestgehend verdunkelt, nur der Mond als natürliche Lichtquelle im Fenster auf der rechten Seite, als natürliche Lichtquelle und ein sehr viel helleres Kerzenlicht in der Mitte des Tisches, für uns jedoch verdeckt durch ein Glas mit trüber Flüssigkeit, erhellen den Raum. Vom Raum ist durch die Verdunkelung wenig zu erkennen, einzig die reich verzierte Tür mit Giebel sowie ein Vogelkäfig zur Rechten lösen sich aus dem Schatten. Mittelpunkt des Geschehens ist ein älterer Mann - der Experimentator - in der Mitte des Bildes. Er blickt in Richtung des Betrachters und weist ihn mit seiner rechten Hand in Bild und Tischgesellschaft ein. Seine linke Hand ist erhoben, kurz davor, das Ventil des Glasgefäßes darunter zu öffnen. Sein roter Mantel, der nachlässig zugebunden ist und sein wallendes, grau-weißes Haar tragen neben dem Gestus seiner Hände zur Dynamik der Figur bei. Er scheint nicht nur kompositorisch im Mittelpunkt des Gemäldes zu stehen, sondern die Szene aktiv anzuleiten. Grund der Versammlung ist die Präsentation eines Experimentes, bei dem mithilfe einer Vakuumpumpe unterhalb der rechten Hand des Experimentators Luft aus einem Glasbehälter entzogen wird. Diese Pumpe, bestehend aus zwei Kolben, wird gerahmt von einer hölzernen Schmuckfassung mit zwei Säulen, einem Architrav und einem Giebel. Von hier aus windet sich eine Rohrleitung zu einem gläsernen Gefäß, aus dem die Luft entzogen werden soll. Der Vogel im Glasbehälter, ein weißer Kakadu, dient dazu, die Auswirkungen des Experimentes zu demonstrieren. Dieser Moment, den Derby uns hier präsentiert, zeigt den Vogel entkräftet durch den Luftentzug. Jedoch weist neben der linken Hand des Experimentators, die das Märtyrium des Vogels schnell beenden kann, auch der vom Gehilfen auf der rechten Seite geöffnete Vogelkäfig auf einen baldigen - für den Kakadu positiven - Wendepunkt des Experiments hinaus. Die weiteren Figuren unterschiedlichen Alters reagieren individuell auf die Vorführung. Das augenscheinliche Familienoberhaupt rechts neben der Luftpumpe legt väterlich einen Arm um eines der beiden sich umklammernden Mädchen und weist mit seiner rechten Hand auf den Glasbehälter. Die Mädchen, verschreckt durch das Schicksal des Vogels, wenden ihre Körper vom Tisch ab. Die jüngere der beiden, den Blick ängstlich auf den Glasbehälter gerichtet, scheint zu weinen. Das ältere Mädchen hat ihre Hände vor das Gesicht geschlagen. Zusammen mit ihrem Vater bilden die Mädchen eine geschlossene Gruppe, die geistig und körperlich miteinander zu agieren scheint. Zu ihrer Rechten schließt eine ältere männliche Figur die Tischgruppe zum rechten Bildrand ab. Sein Rumpf verschwindet größtenteils im Schatten. Er stützt den Oberkörper auf einen Stock, den er mit seinen Händen am Knauf umschließt. Die Augen richtet er nicht auf das Experiment, sondern eher auf die künstliche Lichtquelle der Kerze auf dem Tisch, welche sein Gesicht erhellt. Seine Brille hält er in den Händen. Dies könnte als Hinweis auf sein Desinteresse für das Experiment gedeutet werden.

Die linke Bildseite bevölkern vier adoleszente Figuren, von denen die drei männlichen gespannt auf den leidenden Vogel blicken. Die weibliche Figur schaut gedankenverloren zu ihrem Sitznachbarn. Auf der Tischplatte, um die sich die Figuren reihen, liegt wissenschaftliches Instrumentarium verteilt. Vor dem sinnierenden älteren Mann zur Rechten sind dort zwei metallene Halbkugeln auszumachen. Diese gehen auf eine Erfindung des Magdeburger Physikers Otto von Guericke in der Mitte des 17. Jahrhunderts zurück, die ebenfalls zur Demonstration eines Luftvakuums dient.1 Der Glaskelch in der Mitte des Tisches, in dessen trüber Flüssigkeit ein optisch gebrochener Holzstab steht, präsentiert, so Werner Busch, Lungenflügelpräparate eines Tieres, die ebenfalls zur Veranschaulichung des Vakuums dienen.2 William Shupbach hingegen erkennt in dem Glasbehälter einen menschlichen Schädel als Repräsentation der Vergänglichkeit menschlichen Lebens.3 Die Lücke zwischen den Figuren im Vordergrund ermöglicht dem Betrachter einen Blick auf den Tisch und die weiteren Figuren. Das Kerzenlicht, das durch seine blickführenden Eigenschaften als kompositorisches Mittel zu werten ist, entfaltet seinen stärksten Helligkeitsbereich etwas rechts von der Bildmitte, wo die Gruppe mit Vater und Mädchen positioniert ist. Zentrum des Bildes, wenn auch ein wenig verschattet, bleibt jedoch der Experimentator. Stehend überragt er die anderen Figuren des Bildes und auch in der Horizontalen dominiert er die Komposition durch seine ausladende Körperhaltung. Der Gestus seiner rechten Hand und der bereits erwähnte Zwischenraum, der sich in der Mitte der Figurengruppe im Vordergrund auftut, bezieht den Betrachter als ebenbürtiges Mitglied in die Gesellschaft der Interessierten ein. Ganz so, als wäre dort noch ein Platz für uns reserviert. Der Betrachter wird somit zum Teil des Publikums der erstarrten Szene, in welcher nicht nur der Vogel sprichwörtlich um Luft ringt. Der Betrachter partizipiert unweigerlich an der Dramatik des Augenblickes.

3. Werkgenese

Bei der Betrachtung der Werkgenese soll im Folgenden auf die vorbereitende Skizze zum Gemälde eingegangen werden, welche grundlegende kompositorische Elemente andeutet, jedoch um einiges reduzierter in Ausarbeitung und Personal erscheint. Weiterhin muss auf die Geschichte des Bildes zwischen den zeitlichen Eckpunkten der Fertigstellung im Atelier Wright of Derbys und der Hängung am prominenten Ausstellungsort in der National Gallery of London eingegangen werden. Um die Steigerung der Popularität des vorliegenden Gemäldes bis hin zu einem der wichtigsten Bildbeispiele englischer Malerei des 18. Jahrhunderts nachzuvollziehen, geht der Text auf seine Verbreitung anhand von Kupferstichen ein. Da das Bildthema, die Darstellung einer wissenschaftlichen Demonstration, zentral für das Verständnis des Bildes ist, soll in einem knappen Exkurs auf die Popularität der Wissenschaften im Umfeld Wright of Derbys, der bürgerlichen Gesellschaft der englischen Provinz, eingegangen werden. Dies soll weiterhin dabei helfen, die Geisteshaltung des Künstlers zu ergründen, die vor allem in den Abschnitten der Ikonografie und anschließend der Deutung des Gemäldes eine wichtige Rolle spielt.

3.1. Der Entwurf

Die erste Skizze (Abbildung 2) für das Gemälde fertigte Wright auf der Rückseite eines Selbstporträts von 1767-8 in Öl auf Leinwand in einer Größe von 62,2 x 76,2 cm an.4 Auffällig ist der gewählte Blickwinkel auf das Geschehen. Anders als im Gemälde ist nicht die Apparatur des Experimentes und der Experimentator, die hier etwas an den Bildrand gedrängt scheinen, Mittelpunkt der Bildkomposition, sondern die von der Kerze hell erleuchteten Gesichter der beiden Kinder und ihres Vaters. Insgesamt sind jedoch in der Skizze lediglich sechs der zehn Figuren vorgemerkt. Wiederzufinden ist neben der kleinen Familie und dem Experimentator die ältere, auf einen Stock gestützte Figur auf der rechten Seite des Bildes.

[...]


1 EGERTON, Judy: National Gallery Catalogues. The British Paintings, London 1998, S.338.

2 BUSCH, Werner: Joseph Wright of Derby. Das Experiment mit der Luftpumpe. Eine Heilige Allianz zwischen Wissenschaft und Religion, Frankfurt a. M. 1986, S.16.

3 SHUPBACH, William: A select iconography of animal experiment in: Rupke, Nicolaas A.: Vivisection in Historical Perspective. London 1989, S.346.

4 EGERTON 1998, S.339.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Joseph Wright of Derbys Ölgemälde "An Experiment on a Bird in the Air Pump" (1768). Ein Kerzenscheinbild zwischen Wissenschaft und christlichem Glauben
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Englische Malerei 1750 - 1850
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V351310
ISBN (eBook)
9783668376274
ISBN (Buch)
9783668376281
Dateigröße
5159 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
joseph, wright, derbys, ölgemälde, experiment, bird, pump, kerzenscheinbild, wissenschaft, glauben
Arbeit zitieren
Laszlo Rupp (Autor), 2016, Joseph Wright of Derbys Ölgemälde "An Experiment on a Bird in the Air Pump" (1768). Ein Kerzenscheinbild zwischen Wissenschaft und christlichem Glauben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351310

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