Faszination Mignon. Zur Problematik der Enträtselung einer Figur aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre"


Bachelorarbeit, 2015

47 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

2. Goethes Bild von ‚Mann‘ und ‚Frau‘
2.1 Androgynie – Etymologie des Begriffs und Einfluss desselben als Motiv in der Literatur
2.2 Mignon als androgynes Wesen und Reflexionsfigur Philines

3. Das rätselhafte Geschöpf
3.1 Inkarnation der Romantik
3.2 Mignons Name und Herkunft
3.3 Gestalt und Kleidung
3.4 Kommunikation
3.4.1 Sprache und Augen
3.4.2 Lieder und Poesie
3.4.3 Bewegung und Tanz

4. Warum sie sterben muss: Bedeutung der Symbol- und Projektionsfigur Mignon für Wilhelm Meister

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

Die vorliegende Bachelorarbeit unternimmt den Versuch, mit der androgynen Gestalt der Mignon eine der zentralsten Figuren aus Goethes Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre anhand einer Reihe von ausgewählten, prägnanten Wesenszügen ein Stück weit zu enträtseln und transparenter zu machen. Die Rolle der Mignon wurde, wie zu sehen sein wird, im Laufe der Zeit von der Sekundärliteratur, eingehend auf verschiedenste Sichtweisen und Interpretationsansätze, ausführlich behandelt.

Ich strebe mit dieser Arbeit eine systematische Betrachtung der Figur, aufgeschlüsselt nach verschiedenen Kriterien, an. Zunächst werde ich das dem Roman zugrunde liegende Bild, welches Goethe von den Begriffen ‚Mann‘ und ‚Frau‘ im sozialhistorischen Kontext hatte, erläutern, um dann auf die Bedeutung des Androgyniebegriffs für die Literatur im Allgemeinen und Mignon im Speziellen, wobei die Bedeutung der Rolle von Philine nicht außer Acht gelassen werden darf, einzugehen.

„Hier ist das Rätsel“[1] (S. 96, 38) ruft Philine, als sie Mignon kurz nach deren Kennenlernen zu Wilhelm bringt. Wie orakelhaft dieser arglos hervorgebrachte Ausruf ist, wird im Folgenden zu sehen sein, wenn einige der prägnantesten Eigenschaften Mignons näher betrachtet werden. Als erstes wird auf ihre[2] Bedeutung für die Epoche der Romantik eingegangen, danach folgt die Analyse ihrer Eigentümlichkeiten, beginnend mit Mignons Namen und ihrer Herkunft. Dann werden ihr Aussehen sowie die Art und Bedeutung ihrer Kleidung und ihre Kommunikationsweise, wozu neben der holpernden Sprechweise und ihrem bedeutsamen Blick vor allem die Lieder und ihre Art sich zu bewegen und zu tanzen gehören, erläutert.

Zum Abschluss werde ich zusammenfassend auf die symbolhafte Bedeutung der Figur Mignon als Projektionsfläche für Wilhelm und seinen Bildungsweg eingehen und darlegen, warum ihr Tod unter Berücksichtigung ihrer Herkunftsgeschichte und der damit verbundenen Rolle für das Werk unausweichlich ist.

Mignons Beerdigung und die sich daraus ergebenden Interpretationsmöglichkeiten werden nicht behandelt, da die ausführlichen Betrachtungen dieser zu umfangreich für den Rahmen der Bachelorarbeit sind.

Am Ende soll die Figur der Mignon, im Hinblick auf ihre Notwendigkeit für das Romangeschehen, so rätselhaft sie auch immer bleiben wird, durch die strukturierte Darstellung ein Stück weit anschaulicher und in ihrer Komplexität greifbarer werden.

Zum Kontext des vorliegenden Romans ist zu sagen, dass die Entstehungsgeschichte der Lehrjahre schon 1776 begann und bis zu ihrer Fertigstellung im Jahre 1796 zwei Jahrzehnte überdauerte.

Die Urfassung des Werks, Wilhelm Meisters theatralische Sendung, welche die Vorlage des endgültigen Romans bildete, ist erst 1910 entdeckt worden und war noch stärker vom titelgebenden Ideal des Theaters sowie von autobiographischen Elementen Goethes geprägt. Später arbeitete er dieses Fragment zu den ersten fünf der nun vorliegenden acht Bücher um und hat dabei die Form teilweise stark verändert. Unter anderem wurden die starken autobiographischen Züge eliminiert, einzelne Figuren stärker herausgearbeitet und der Stil bereinigt, was zu großen Teilen Goethes regem Briefwechsel mit Friedrich Schiller zu verdanken ist.

Mignons Geschichte beginnt, als Wilhelm nach einigen unglücklichen Geschäften, unschönen Regentagen und einer mit „unerträglichen Beschwerden“ verknüpften Reise endlich „in einer schönen und fruchtbaren Ebene, an einem sanften Flusse, im Sonnenscheine“ in einem heiteren Landstädtchen ankommt, in welchem er zwar keine Geschäfte zu erledigen hat, sich aber entschließt, ein paar Tage in einem Wirtshaus abzusteigen, in welchem sich auch die Seiltänzertruppe um Mignon einquartiert hat (Vgl. Buch 2, Kapitel 3).

2. Goethes Bild von ‚Mann‘ und ‚Frau‘

Goethe setzt voraus, dass es zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht „nicht nur einen biologischen, sondern auch einen Wesensunterschied“ gibt. Dieser komme auf jeder Ebene zu tragen und sei ein „natürlicherweise voneinander abweichende[s] Bewegungsgesetz“, welches die „Entfaltungsspielräume beider Geschlechter“ bedingt. Generell sieht er das Prinzip des Männlichen als das „reiche, gebende, schöpferische, selbständige“, das des Weiblichen als das „empfangende, aneignende, abhängige“.[3]

Vor diesem Hintergrund ist es als erstaunlich zu erachten, dass Goethe den Frauenfiguren in seinem Roman einen solch hohen Stellenwert beimisst und vor allem Mignon als Schlüsselfigur für die Entscheidungen und die Entwicklung für Wilhelm Meister auftreten lässt. Man muss dabei beachten, dass Goethes Zeitalter dasjenige war, in dem neben der Französischen und Industriellen auch die feministische Revolution langsam einsetzte. Was Goethe als „konservativ denkender Mann mit einem traditionellen Frauenbild ablehnt und deshalb entweder bekämpft oder nicht fördert, […] das hat er doch als utopisch imaginierender Dichter […] in glaubwürdigem Vorgriff auf die Zukunft vor Augen gestellt.“[4]

Mignon gehört bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Wilhelm einer Gruppe Seiltänzer an, welche den wandernden Schaustellern und damit einer der im 18. Jahrhundert niedrigsten Gesellschaftsschichten angehört. Daher kann man es als besondere Leistung Goethes beurteilen, dass er eine zunächst am Rande der Gesellschaft lebende Schaustellerin als zentrale Figur in den Roman einfügt. Im Laufe des Romans setzt er sich detailliert mit ihr auseinander und spielt mit den Vorurteilen seiner Zeit.

Goethe hat sich offen zu seinen „abgehobenen literarischen Frauenentwürfen“ bekannt: „Die Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Früchte legen. […] Meine dargestellten Frauencharaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.“[5] Denn die ‚Wirklichkeit‘ sah laut Fuhrmann so aus, dass „das Reich des Mannes […] die Welt und die Gesellschaft [ist], die Domäne der Frau ist das Haus und die Familie.“[6] Weiterhin führt er über die zeitgenössischen Geschlechterrollen an, dass „die Männer […] dazu da [sind], im großen zu wirken, die Frauen, im kleinen tätig zu sein, insbesondere aber für das Glück der Männer zu sorgen […].“[7] Betrachtet man die Wirkung von Mignon auf Wilhelm, so kann diese Annahme durchaus so gesehen werden, dass Mignon im Endeffekt eine tragende Rolle dabei spielt, Wilhelm zu seinem Glück und der Erreichung seiner Ziele zu verhelfen, beziehungsweise ihn dorthin zu leiten.

Ladendorf merkt an, dass Goethe in dem Roman „alle Formen von Romanheldinnen, die in diesem Zeitraum noch existent sind“, auftreten lässt.[8] Er hat also „die Geschichte der weiblichen Heldin vom Barock bis ins 19. Jahrhindert hinein“ beschrieben.[9] Des Weiteren lässt Goethe „Außenseiterinnen des ihn umgebenden Moralsystems im Licht poetischer Sympathie glänzen […].

Durch Anerkennung vermittelt der Roman ein zu erhoffendes, humaneres Normensystem für die Frau.“[10] Im Gegensatz dazu stellt Dick in Bezug auf Goethes Frauenbild fest, dass das „in diesem verkörperte Humanitätsideal […] nicht in Widerspruch zu der Wirklichkeit dieser Gesellschaft [steht], sondern […] vielmehr Bestandteil ihrer „Mythologie“, Bestandteil ihres „Ideenreichs“ über diese Wirklichkeit, ein Moment der Stabilisierung dieser Realität [ist].“[11] Ladendorf führt diesen Gedanken sogar so weit, dass Goethe „ein Frauenideal [konstruiert], das im Hinblick auf Moral, Geschlechterverhältnisse und weibliche Selbständigkeit über den Status quo hinausgeht und eine menschlichere Zukunft denkbar werden läßt, in der das Weiblichkeitsideal zugleich Menschenideal ist.“[12]

Es lässt sich unter Berücksichtigung dieser Darstellungen also feststellen, dass Goethes Sicht der Frauen weitaus moderner ist, als von der zu seiner Zeit vorherrschenden Geschlechterpolarisierung vorgegeben. Er fasst eine „Egalisierung und Humanisierung der Normen für beide Geschlechter ins Auge.“[13] Vor allem in Bezug auf die androgyne Gestalt der Mignon ist diese Sichtweise, wie in den weiteren Ausführungen zu sehen sein wird, wesentlich. Goethe betont mit der Darstellung der Frauenfiguren die Bedeutung der Tradition, aber auch den Fortschritt der Kunst und schafft damit eine „literarische Entwicklung des Frauenbilds“, welche den „realen Hintergrund [spiegelt].“[14] Goethe hat sich zwar „nicht selbst zum Sprecher der Frauenemanzipation gemacht“, wie Fuhrmann erkennt, aber er hat den Anliegen und der Veränderung des Frauenbildes „eine Sprache verliehen in denjenigen seiner Frauen gestalten, die nach einem eigenständigen Zugang zur Welt und zum Geist streben […].“[15]

Wie an Mignon zu sehen sein wird, definiert sich die Weiblichkeit „durch Wandel und fortschrittliche Dynamik“.[16] Es sind die Frauen, welchen Wilhelm auf seinem Bildungsweg begegnet, welche ihn beeinflussen und leiten und durch die ihnen eigene Dynamik sein Weiterkommen überhaupt ermöglichen.

Dem von Goethe durchaus anerkannten und traditionellen Frauenbild steht somit das im Wilhelm Meister dargestellte Bild der Gleichberechtigung der Geschlechter gegenüber. Doch obwohl sein Weg von bedeutsamen Frauenfiguren geprägt ist, steht am Ende der Lehrjahre die Initiationszeremonie der Turmgesellschaft, zu deren innerem Kreis Frauen, selbst wenn sie durch Verwandtschaftsbeziehungen zum äußeren Kreis derselben gezählt werden können, keinen Zutritt haben.

2.1 Androgynie – Etymologie des Begriffs und Einfluss desselben als Motiv in der Literatur

Androgynie (kommend aus dem Altgriechischen ἀνήρ, Genitiv ἀνδρός andros ‚Mann‘ und γυνή gyne ‚Frau‘; wörtlich übersetzt: Mannweiblichkeit[17] ) bedeutet „weibliche und männliche Merkmale vereinigend“, wörtlich übersetzt „Mann-Frau“,[18] beziehungsweise „mit männlichen und weiblichen Merkmalen versehen“.[19] Das Adjektiv androgyn ist ein Lehnwort aus dem französischen ‚ androgyne‘, was so viel wie ‚Zwitterwesen‘ bedeutet.[20]

Ursprünglich schreibt man den Begriff Platon zu, welcher den Gedanken entwarf, dass der Begriff „die alte Sehnsucht des Menschen nach Vollkommenheit wider[spiegelt].“[21] Die dem Menschen verloren geglaubte physische andere Hälfte sollte so zusammen mit der eigenen Hälfte wieder zu einem einzigen vollkommenen Wesen werden.

Laut des Gründlichen Mythologischen Lexikons nach Hederich liegt dies daran, dass die ersten Menschen „welche von beyden Geschlechtern waren“ jeweils zwei Köpfe, vier Arme, vier Beine und „alle Gliedmaßen doppelt hatten“.[22] Diese runden, außerordentlich starken Menschen entschlossen sich, Krieg gegen die Götter zu führen, was von Jupiter damit geahndet wurde, dass er sie teilte und von Apollo daraus jeweils zwei eigenständige Menschen formen ließ. Seitdem ist es diesen getrennten Teilen bestimmt, sich zu suchen um sich wieder zu vereinigen und „daraus entspringt die Liebe“.[23] Im Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie von Metzler werden diese Gestalten „Kugelmenschen“ genannt, welche aus der „Verbindung von männlichen und weiblichen Prinzipien“[24] entstehen.

Bei Kluge entspricht diese Beschreibung dem Begriff des Hermaphroditen, welcher vom griechischen hermaphróditos, nach der Sagenfigur des Hermaphroditos, Sohn des Hermes und der Aphrodite, kommt. Dieser „wurde auf Wunsch einer Quellnymphe, die er zurückgewiesen hatte, von den Göttern mit ihr auf ewig vereint, indem sie aus den beiden ein Wesen – halb Mann, halb Frau – schufen“.[25] Laut Fuhrmann findet sich der „Widerstreit zwischen einander entgegengesetzten Grundtypen der Weiblichkeit […] nicht nur in Goethes Leben und Dichten […], sondern auch in der langen europäischen Literaturtradition.“ Diese habe sich wiederum auf vielfältige Weise in Goethes Werk niedergeschlagen.[26]

Die im Folgenden exemplarisch aufgezeigte Reihe gegensätzlicher Frauengestalten zeigt, dass die „Spannung von Typus und Antitypus“ bei der Gestaltung des Weiblichen einen „integrierenden Bestandteil der europäischen Literaturtradition ausmacht“.[27] Dieser beginnt bei Homer und erstreckt sich bis ins 18. Jahrhundert. Die ersten Antagonismen von Weiblichkeit finden sich in den antiken Schriften, so etwa in der Antigone von Sophokles und der Camilla aus Vergils Aeneis. Im Mittelalter waren zum Beispiel die Brünhild aus dem Nibelungenlied und die Gyburg aus dem Willehalm Vorreiterinnen der mit maskulinen Attributen ausgestatteten Frauen. Diese Tradition zieht sich über Shakespeares Portia (Merchant of Venice) und Rosalind (As you like it) bis zu Lessings Minna von Barnhelm.[28]

All diese androgynen Frauenfiguren heben sich stark gegen eine ihnen entgegengestellte Figur mit deutlich „weiblichen“ Eigenschaften ab, wie im Folgenden auch an dem Gegensatzpaar Philine-Mignon gezeigt wird. Androgyne Frauengestalten, welche die rollenkonformen Grenzen überschreiten, seien „ganz einfach von höherem und mannigfaltigerem poetischen Interesse als diejenigen Frauenfiguren, die sich auf den herkömmlich engen weiblichen Aktionsradius […] beschränken.[29] In Bezug auf Mignons Bedeutung für Goethes Werk scheint dieser Interpretationsansatz sinnvoll.

2.2 Mignon als androgynes Wesen und Reflexionsfigur Philines

Wissenschaftlich gesehen bedeutet „Androgynie […] eine gleichzeitig maskuline wie feminine Geschlechtsrollenidentität.“[30] Dass diese Beschreibung auf Mignon zutrifft, zeigt die Szene ihres ersten Zusammentreffens mit Wilhelm:

„[…] als ein junges Geschöpf ihm entgegen sprang, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit geschlitzten spanischen Ärmeln, knappe, lange Beinkleider mit Puffen standen dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und Zöpfen um den Kopf gekräuselt und gewunden. Er sah die Gestalt mit Verwunderung an, und konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie für einen Knaben oder für ein Mädchen erklären sollte“ (S. 90, 5-13).

Schon die unbestimmten Bezeichnungen Geschöpf, Kinde und Gestalt zeigen, dass sich Wilhelm, auch wenn er sich „bald“ (S. 90, 13) dafür entscheidet, sie für ein Mädchen zu halten, unsicher ist, wie er Mignon einordnen soll. Der Erzähler benennt Mignons Geschlecht nicht explizit, es ist Wilhelm selbst, der ihr das Weibliche zuordnet und somit das Geschlecht von außen zuschreibt. Allerdings soll Wilhelm nicht entscheiden, „ob Mignon ein Junge oder ein Mädchen ist, sondern nur, als was er sie betrachten will.“[31]

Auf die Inzestthematik wird an späterer Stelle ausführlicher eingegangen, bezüglich der Androgynie stellt Fick jedoch heraus, dass „die Ganzheit des Ungeschiedenen, die sich in der Geschwisterliebe unbegrenzt manifestiert, […] sich in der Androgynität des Kindes fort[pflanzt], die (später) die unterscheidende Ergänzung durch den Freund verhindert.“[32] Auch Roberts ist dieser Meinung: „[…] her undifferentiated sexuality […] is symbolic of her attachment to the original (incestuous) union of opposites, expressed as her longing for her origins.“[33]

Laut Bierhoff-Alfermann geht man davon aus, dass „Androgynie die Kombination positiver maskuliner und femininer Charakteristika beinhaltet, und die Operationalisierung vorwiegend über Eigenschaftsskalen, auf denen sich die Probanden selbst beschreiben, [erfolgt].“[34] So sieht sich Mignon zunächst als Knabe, was durch ihren „mit großer Lebhaftigkeit“ hervorgebrachten Ausspruch in Bezug auf Herrn Melinas Wunsch, sie möge „Weiberkleider“ anziehen, deutlich wird, „Ich bin ein Knabe, ich will kein Mädchen sein!“ (Vgl. 205, 23-27), und Wilhelms erster Geschlechtszuweisung entgegensteht.

Sie selbst fördert stets ihr androgynes Erscheinungsbild „durch die langandauernde Weigerung, Mädchenkleider zu tragen und sich dementsprechend zu gebärden“[35] und die androgynen Züge helfen, „Mignons Innerstes [zu] verschleiern, statt ihr Wesen zu offenbaren.“[36] Bereits in frühester Kindheit zeigen sich, wie im achten Buch durch die Erzählung des Markese bekannt wird, die Anlagen zu diesem Verhalten: Um das Klettern, Balancieren und Kunststücke machen leichter zu üben, „liebte sie mit den Knaben die Kleider zu wechseln […]“ (S. 588, 5-6).

Selbstverständlich muss bei der Textbeschreibung und der Bewertung von Androgynie und ‚männlichem‘ Verhalten im Kontext des Romans berücksichtigt werden, dass diese Einschätzung aus dem Geschlechterrollenverständnis des 18. Jahrhunderts getroffen wird und aus Goethes beziehungsweise der zeitgenössischen Perspektive heraus bestimmte Handlungen und Eigenschaften als typisch weiblich oder männlich galten, die bei der mittlerweile veränderten Rollenauffassung aus heutiger Sicht nicht mehr so einseitig bewertet würden.

Etymologisch gesehen spaltet sich der Begriff der Androgynie in zwei Untergruppen, dies sind einmal die Amazonen („kriegerische/reitende Frau“[37] ), zu welchen Therese und Natalie gezählt werden und auf der anderen Seite die Hermaphroditen, zu welchen Mignon gehört, da ihr Geschlecht nicht eindeutig zugeordnet werden kann. Hier wird die Unterscheidung zwischen Geschlecht, sex, und Geschlechtsidentität, gender, deutlich, welche laut Butler das Argument stützt, dass „die Geschlechtsidentität eine kulturelle Konstruktion ist, unabhängig davon, welche biologische Bestimmtheit dem Geschlecht […] anhaften mag.“[38]

Mignons Wesen kann jedoch nicht vollständig beschrieben werden, ohne die ihr spiegelbildlich gegenüberstehende Protagonistin Philine, welche fast gleichzeitig im Roman auftritt, zu berücksichtigen. An Philines Geschlechtszugehörigkeit besteht von Anfang an nicht der geringste Zweifel. Als Wilhelm sie bei seiner Ankunft in dem Dorf das erste Mal am Fenster erblickt, wird sie als „wohlgebildetes Frauenzimmer“ (S. 89, 29) beschrieben. Die beiden Charaktere scheinen von Goethe bewusst als sehr gegensätzlich angelegt worden zu sein, sowohl das Aussehen als auch die Charaktereigenschaften betreffend.

Laut Kohn tauchen in der Mignon-Philine-Konstellation wesentliche Merkmale Wilhelms Verhältnisses mit Mariane wieder auf und schaffen damit für ihn die Voraussetzung für eine „innere Dynamisierung“ und „neue Identifikationsmöglichkeiten“.[39]

Mignon zeichnet sich, wie wir sehen werden, durch eine „Unbedingtheit der Hingabe“[40] aus, Philine hingegen, „eine eindeutig, fast platt gezeichnete Figur“[41], nimmt kaum etwas ernst und pflegt einen „spielerische[n] Umgang“ mit den Dingen.[42] Die beiden Geschöpfe konfrontieren Wilhelm „mit Charakteren […], denen die Faszination des Ungewöhnlichen eigen ist – jedoch in ganz konträrer Weise.“[43]

Mignon steht „zwischen Sexualität und Transzendenz“, Philine im Gegensatz dazu „liebt und lebt ihre Sexualität ohne Transzendenz“.[44] Auch Stephan stellt fest, dass das „Geheimnisvolle und Sonderbare“, was Mignon umgibt, mit der „Unbestimmtheit ihres Geschlechts“ zusammenhängt.[45] Sagmo sieht in ihrer äußeren Androgynie einen „Ausdruck des Mißverhältnisses zwischen Wesen und Erscheinung […], wobei die männliche Komponente wie in Marianes Fall als die Schutzmaßnahme eines Wesens erscheint, das der rauhen Wirklichkeit sonst keinen Widerstand zu bieten hätte.“[46]

Mignon ist Wilhelm dienstfertig ergeben, Philine scheint die einzige weibliche Figur zu sein, welche sich nicht „an ein mächtigeres männliches anlehnt“, sie würde seinetwegen nie ihr Wesen verändern.[47] Weiterhin machen die Unterschiede ihrer Wesenszüge aus, dass Mignon „alle Morgen ganz früh […] die Messe“ besucht, wo man sie „knien und andächtig beten“ sah (S. 108, 30-32), Philine aber ist äußerst „frevelhaft“ (S. 105, 30). Mignons Kleidung ist immer sauber, wenn auch „fast doppelt und dreifach […] geflickt“, ihre Gegenspielerin scheint zwar viel Wert auf die Wirkung ihrer Kleidung zu legen, diese ist jedoch „nicht ganz reinlich“ (S. 91, 40), generell wird Philine immer wieder „Nachlässigkeit, Schmuddeligkeit und Unordnung zugeschrieben“[48].

Auf ganz elementarer Ebene sind die optischen Unterschiede zu sehen: Philine ist blond und „wohlgebildet“, Mignon hat schwarze Haare und ist „gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stärkern Wuchs versprachen, oder einen zurückgehaltenen ankündigten“ (S. 97, 16-18). Mignon tritt in Gauklertracht auf (siehe obiges Zitat), Philine trägt „hohe Absätze“, „ein weißes Negligee“ und ein „kurzes Röckchen“ (Vgl. S. 91, 39-40 & S. 92, 2), alles ausschließlich rein weiblich konnotierte Kleidungsstücke. Mignon ist Anfangs die „mysteriöse Kindfrau, das Zwittergeschöpf“[49] und steht für den „asozialen, weltfremden und vorsymbolischen Charakter des erotischen Begehrens“, wohingegen Philine „die Repräsentantin des codierbaren Teils, seine sozialisationsstiftenden, amüsanten und artifiziellen Komponenten“[50] darstellt. Laertes beschreibt Philine als „die wahre Eva“, weil sie ihm „das Geschlecht so rein darstellt“ (S. 98, 24-26), dies wirkt auf Wilhelm zwar erregend, „stößt ihn aber letzlich […] ab“[51], da er nur dort „wahrhaft begehren“ kann, wo „Mannweiblichkeit“ eine Rolle spielt.[52] Und auch Mignon verkörpert, wenn auch noch unterentwickelt, einen Teil dieser Mannweiblichkeit.

Ein letzter Unterschied unterstreicht laut Øhrgaard die Bedeutung der beiden Figuren für Wilhelm: Philine wohnt in dem anderen Gasthaus, aber Mignon wohnt in seinem eigenen. Insgesamt wirkt Philine leicht durchschaubar, da sie offen ihre Meinung äußert und sich nimmt, was sie will.[53]

Die grundlegenden Charakterzüge Mignons, welche sich im weiteren Verlauf des Romans entfalten, werden alle bereits im zweiten Buch angelegt. Durch die miteinander im Kontrast stehende Gestaltung der Figuren Mignon und Philine tritt Mignons Andersartigkeit von Beginn an deutlich hervor. Ihre knabenhafte Kleidung ist jedoch, anders als zuerst bei Mariane im Offizierskostüm, der im Mantel ihres Oheims erscheinendem Amazone Natalie und schließlich der mannweiblichen Therese in der Jägerstracht, kein bewusstes Spiel mit den Geschlechteridentitäten. Sie ist keine Frau, die sich vorsätzlich als Mann verkleidet, sondern entzieht sich durch ihr angeborenes Erscheinungsbild völlig der Festlegung einer bestimmten genuinen Geschlechteridentität.

Wenn man berücksichtigt, dass Mignons Alter auf zwölf bis dreizehn Jahre geschätzt wird (Vgl. S. 97, 16), also einem Alter, in welchem der menschliche Körper sich in einem Wandel zwischen Kindheit und Erwachsenenalter befindet und sich erst langsam spezifische Geschlechtsmerkmale entwickeln, ist umso deutlicher zu sehen, dass ihr indifferenter Status nicht durch einen wankelmütigen Charakter, sondern durch einen nicht bestimmbaren geschlechtlichen Zustand allegorisiert wird.

Des Weiteren spricht ihr anfangs ständiges Umherlaufen in der Tracht der Gauklertruppe, also in einem Kostüm, dafür, dass sie sich dadurch von der Außenwelt abschirmen und einer gesellschaftlich festgelegten Kleiderordnung entziehen will. Sie möchte nichts Näheres über sich bekannt geben und tauscht ihre Kleidung erst, als Wilhelm ihr ein Kleid schenken will und sie sich dafür entscheidet, seine Farben zu tragen. Während die anderen mannweiblichen Frauen im Laufe des Romans „mit ihren männlichen Kleidern auch ihre Androgynität […] ablegen, bleibt Mignon allein sich treu“.[54]

Es ist auch kein Zufall, dass Mignon Wilhelm durch ihr androgynes Wesen fasziniert, hegt er doch schon seit seiner frühesten Kindheit eine Vorliebe für die Gestalt der Chlorinde in Tassos Epos[55]:

„Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Tun und Lassen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseins, taten mehr Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln anfing, als die gemachten Reize Armidens“ (S. 26, 28- S. 27, 2).

Schon an dieser Stelle bildet sich laut Igel eine Ursprungsleidenschaft aus, welche die Sehnsucht nach der Amazone sowie Wilhelms Aufbruchs- und Suchpotential offenbart. Somit liegt die Anziehungskraft, welche Mignon vom ersten Zusammentreffen an auf Wilhelm ausübt, in seiner kindlichen Vorliebe für Chlorinde begründet. Bereits als er Mignon kurze Zeit später mit der Seiltänzertruppe auf der Straße sieht, erregt „die junge, schwarzköpfige, düstere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit aufs neue“ (S. 91, 7-9).

Die Verwendung der Adjektive „schwarzköpfig“ und „düster“ lassen hier schon auf Mignons undurchschaubares, qualvolles Inneres und ihre mysteriöse Herkunft schließen. Bei ihrem nächsten Zusammentreffen heißt es:

„Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens angezogen. […] Diese Gestalt prägte sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und vergaß der Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen. Philine weckte ihn aus seinem Halbtraume […]“ (S. 97, 13-28).

Wieder ist er so fasziniert in die Betrachtung von Mignons unergründlichem Wesen versunken, dass Philine ihn sogar wieder in die Realität zurückholen muss. Der Gebrauch von Ausdrücken wie „Wesen“ und „Gestalt“ in Bezug auf Mignon lassen erkennen, dass Wilhelm sich über ihre Geschlechtszugehörigkeit, auch wenn er sie nach dem ersten Zusammentreffen als Mädchen einordnete, immer noch nicht sicher ist.

Die Weigerung, sich zum weiblichen Geschlecht zu bekennen, ist eine von Mignons charakteristischsten Eigenheiten.[56] Als Wilhelm ihr, wie bereits erwähnt, nach der Aufführung des Eiertanzes ein neues Kleid verspricht antwortet sie „heftig“: „deine Farbe!“ (S. 114, 36) und erklärt, dass sie „ein neues Westchen und Schifferhosen“ haben wolle, „wie sie solche an den Knaben in der Stadt gesehen“ habe (S. 115, 17-18). Sie lehnt es entschieden ab, die Jungenkleidung auszuziehen und wehrt sich damit immer wieder gegen die von außen herangetragene Forderung, sie möge „Weiberkleider“ anziehen.

[...]


[1] Die Seiten- und Zeilenangaben in dieser Bachelorarbeit bei Zitaten aus dem Werk beziehen sich auf die Ausgabe: Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Ein Roman. Hrsg. von Karl Richter in Zusammenarbeit mit Herbert G. Göpfert, Norbert Miller und Gerhard Sauder. Bd. 5. München: Carl Hanser 1988.

[2] Für einen leichteren Lesefluss werde ich mich Wilhelm Meisters erstem Eindruck anschließen, Mignon als Mädchen betrachten und daher weibliche Personalpronomina verwenden, wenn von ihr die Rede ist.

[3] Fuhrmann: Der androgyne Mensch, S. 19.

[4] Vgl. Fuhrmann: Der androgyne Mensch, S. 89-90.

[5] Dick: Weiblichkeit, S. 123.

[6] Fuhrmann: Der androgyne Mensch, S. 20.

[7] Ebd., S. 20.

[8] Ladendorf: Tradition und Revolution, S. 152.

[9] Ebd., S. 152.

[10] Ebd., S. 154.

[11] Dick: Weiblichkeit, S. 11.

[12] Ladendorf: Tradition und Revolution, S. 154.

[13] Ebd., S. 154.

[14] Ebd., S. 152.

[15] Fuhrmann: Der androgyne Mensch, S. 90.

[16] Ladendorf: Tradition und Revolution, S. 155.

[17] Vgl. Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, S. 17.

[18] Vgl. Bierhoff-Alfermann: Andorgynie, S. 7.

[19] Etymologisches Wörterbuch, S. 38.

[20] Vgl. ebd., S. 38.

[21] Bierhoff-Alfermann: Andorgynie, S. 7.

[22] Mythologisches Lexikon, S. 259.

[23] Vgl. ebd., S. 259-260.

[24] Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, S. 17.

[25] Etymologisches Wörterbuch, S. 371.

[26] Fuhrmann: Der androgyne Mensch, S. 85.

[27] Ebd., S. 86.

[28] Vgl. ebd., S. 85-86.

[29] Ebd., S. 89.

[30] Bierhoff-Alfermann: Andorgynie, S. 19.

[31] Øhrgaard: Die Genesung des Narcissus, S. 66.

[32] Fick: Das Scheitern des Genius, S. 247.

[33] Roberts: The Indirections of Desire, S. 210.

[34] Bierhoff-Alfermann: Andorgynie, S. 19.

[35] Ladendorf: Tradition und Revolution, S. 76.

[36] Willim: Frauengestalten, S. 244.

[37] Vgl. Etymologisches Wörterbuch, S. 32.

[38] Butler: Das Unbehagen, S. 22.

[39] Kohn: Weiblichkeitskonzeption, S. 278.

[40] Ebd., S. 282.

[41] Groß: Diskursregelung, S. 88.

[42] Kohn: Weiblichkeitskonzeption, S. 282.

[43] Dick: Weiblichkeit, S. 52.

[44] Jirku: Mignon, S. 289.

[45] Stephan: Mignon und Penthesilea, S. 193.

[46] Sagmo: Bildungsroman, S. 149-150.

[47] Vgl. Willim: Frauengestalten, S. 232.

[48] Groß: Diskursregelung, S. 88.

[49] Ladendorf: Tradition und Revolution, S. 73.

[50] Kohn: Weiblichkeitskonzeption, S. 181.

[51] Stephan: Mignon und Penthesilea, S. 196.

[52] Vgl. ebd., S. 196.

[53] Vgl. die Szene nach der Hamletaufführung, in welcher Philine sich in Wilhelms Zimmer geschlichen hat und damit Mignon, welche denselben Plan hatte, zuvorgekommen ist, S. 328, 5-14.

[54] Hörisch: Gott, Geld und Glück, S. 59.

[55] Vgl. Igel: Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 117.

[56] Vgl. Igel: Wilhelm Meisters Lehrjahre, S. 118.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Faszination Mignon. Zur Problematik der Enträtselung einer Figur aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
47
Katalognummer
V351427
ISBN (eBook)
9783668378827
ISBN (Buch)
9783668378834
Dateigröße
1068 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
faszination, mignon, problematik, enträtselung, figur, wilhelm, meisters, lehrjahre
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Faszination Mignon. Zur Problematik der Enträtselung einer Figur aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351427

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