Die Masterarbeit bearbeitet alle gängigen Definitionen von Europäisierung und erarbeitet aus dem Konvolut die Hauptstränge des Europäisierungsbegriffs.
Die vorliegende Masterarbeit stellt fest, dass Europäisierung in der wissenschaftlichen EU-Integrationsdebatte trotz des vielfältigen Theorieangebots eine Sonderrolle einnimmt. Der Trend in Richtung Theorien mittlerer Reichweite und offener Konzepte wird in der Integrationsdebatte deutlich. Die Sonderstellung der Europäisierung als Beschreibungsperspektive auf nationalstaatlichen Wandel konkretisiert sich auch durch klare Anforderungen zur Präzisierung des Konzepts der EU-Integration als Bottom-up-Prozess. Europäisierung löst EU-Integration nicht als Begriff ab, weist Integration aber eine genauere Funktion zu. Die weitere Konzeptentwicklung von Europäisierung erfordert eine EU-Integrationsdefinition, die den eigenen Bottom-up-Prozess trennschärfer beschreibt.
In der Beschreibung nationalstaatlicher Anpassungsprozesse kommen Europäisierungsstudien häufig zu divergierenden Ergebnissen zwischen den verglichenen Staaten. Europäisierung untersucht komplexe staatliche Wandlungsprozesse, die keiner „Integrationslogik“ folgen. Politikwissenschaftliche Europäisierungsforschung beschreibt dabei vertikale und horizontale (zwischenstaatliche) Prozesse staatlichen Wandels. Insgesamt zeigt sich ein pragmatischer Umgang der Politikwissenschaft mit der Europäisierung. Die Interdisziplinarität des Konzepts wird von PolitikwissenschaftlerInnen genutzt, um auch andere (vor allem rechtliche) Dimensionen der Europäisierung zu untersuchen. Politikwissenschaftliche Europäisierungsforschung entwickelte bisher noch kein etabliertes Methodenrepertoire, sondern greift auf MLG-Forschung und Konzepte der vergleichenden Regierungslehre zurück. Um eine Profilschärfung der politikwissenschaftlichen Europäisierungsforschung zu erreichen, wäre es nötig, die bisher im Vordergrund stehende Institutionenforschung stärker mit der Erforschung der Bedeutung (politischer) Akteure und Parteien zu verknüpfen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Politikwissenschaftliche Theorien europäischer Integration
2.1 Föderalismus
2.2 Neo-Funktionalismus
2.3 Intergouvernementalismus
2.4 Supranationalismus
2.5 Multi-Level-Governance
2.6 Sozialkonstruktivistische Ansätze
3 Politikwissenschaftliche Europäisierungsforschung
3.1 Die Begriffsdebatte um Europäisierung
3.2 Europäisierung als integrativer Forschungsansatz
3.2.1 Europäisierung und die Perspektive des Mehrebenenregierens
3.2.2 Europäisierungsforschung und die vergleichende Politikfeldforschung
3.3 Europäisierungsforschung und ihre Methodendebatten
3.3.1 Europäisierung als “Second-Image-Reversed”-Forschungsdesign
3.3.2 Vertikale und horizontale Wandlungsprozesse
3.3.3 Top-down und Bottom-up-Perspektive
3.3.4 Goodness-of-fit und neo-institutionalistische Ansätze
3.3.5 Up-, Cross- und Downloading
3.3.6 Europäisierung, Globalisierung und Regionalisierung
3.3.7 Qualitative Europäisierungsforschung
3.3.8 Quantitative Europäisierungsforschung
3.3.9 Methodentriangulation in der Europäisierungsforschung
3.4 Aspekte politischer Europäisierung
3.4.1 Europäisierung innerhalb der EU
3.4.1.1 Europäisierung auf mitgliedsstaatlicher Ebene
3.4.1.2 Europäisierung auf regionaler Ebene
3.4.2 Europäisierung außerhalb der EU
3.4.2.1 Erweiterungsprozess der Europäischen Union
3.4.2.2 Europäisierung außerhalb der Europäischen Union
3.5 Modelle „variabler Integration“ und Europäisierung
4 Europäisierung in der wissenschaftlichen EU-Integrationsdebatte
5 Weitere Dimensionen der Europäisierungsforschung
5.1 Rechtliche Europäisierung
5.2 Wirtschaftliche Europäisierung
5.3 Gesellschaftliche Europäisierung
6 Die Konzeptdebatte innerhalb der Europäisierungsforschung
6.1 Europäisierungsdebatte und Concept Stretching
6.2 „Konzeptionelle Schlampigkeit“ und Europäisierung
6.3 Ergebnisse der Konzeptdebatte in der Europäisierungsforschung
7 Europäisierung als Konzept politikwissenschaftlicher EU Integrationsforschung?
7.1 Politikwissenschaftliche EU-Integrationsforschung
7.2 Politische Prozesse der Integration und Europäisierung
7.3 Politikwissenschaft und Europäisierung
8 EU-Integration konkretisiert durch Europäisierung - Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Masterarbeit analysiert die Rolle des Konzepts der Europäisierung innerhalb der wissenschaftlichen Debatte zur EU-Integration. Ziel ist es, die politikwissenschaftliche Einordnung dieses interdisziplinären Ansatzes zu klären, die Forschungsweise sowie methodische Debatten zu beleuchten und eine präzisere Abgrenzung gegenüber dem allgemeinen EU-Integrationskonzept vorzunehmen.
- Einordnung der Europäisierung in die EU-Integrationsdebatte
- Vergleich zwischen klassischen Integrationstheorien und dem Europäisierungsansatz
- Untersuchung der Rolle der Politikwissenschaft im Europäisierungskontext
- Analyse methodischer Debatten und Forschungsdesigns
- Differenzierung der Europäisierung in rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimensionen
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Europäisierung als “Second-Image-Reversed”-Forschungsdesign
Die Vorstellung einer “Second-Image-Reversed”-Analyse (Gourevitch 1978:890) bezieht sich auf einen Forschungsansatz des Realismus in den internationalen Beziehungen. Analytisch geht es darum, internationale Faktoren zu erforschen, die auf nationalstaatlicher Ebene Wandlungsprozesse hervorrufen. Die Vorstellung des “second image” geht auf die Theorie der IB von K. Waltz, in der das “second image“ den Nationalstaat beschreibt.
Radaelli nimmt auf diese Theorie Bezug und wendet die Vorstellung auf die Europäisierungsforschung an. Er macht klar, dass Europäisierung ohne den Prozess der europäischen Integration nicht vorstellbar ist (Radaelli 2000:5). Zweitens müsse der “umgekehrte Integrationsprozess”, den Europäisierung beschreibt, auf die Mitgliedsstaaten unterschieden werden können. Damit ist die Herstellung einer Entscheidung auf supranationaler Ebene sowie ihrer Diskussion zur Umsetzung auf nationaler Ebene gemeint (und damit einer “Neuinterpretation” der Entscheidung; Radaelli 2000:6). Trotz der verschiedenen nationalen Politikansätze sei zu untersuchen, wie es zu gemeinsamen Regelungen kommen kann (Brunnengräber et al. 2008:22). Allerdings ist auch hier wegen den weitreichenden Unterschieden der nationalen Administrationen eher von Divergenz als von Konvergenz auszugehen (Radaelli 2004:5,20). Börzel und Risse stimmen der “Second-Image-Reversed”-Vorstellung zu, kritisieren aber die fehlende Einbindung der horizontalen Ebene (2006:485).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der Europäisierung als neuen konzeptionellen Ansatz in der Integrationsdebatte ein und stellt die zentralen Fragestellungen der Arbeit vor.
2 Politikwissenschaftliche Theorien europäischer Integration: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über zentrale Theorien wie Föderalismus, Neo-Funktionalismus und Intergouvernementalismus und deren jeweilige Funktion für die Integrationsdebatte.
3 Politikwissenschaftliche Europäisierungsforschung: Hier werden Definitionen und methodische Anwendungsgebiete der Europäisierungsforschung dargelegt, insbesondere die Perspektiven der Politikfeld- und Governance-Forschung.
4 Europäisierung in der wissenschaftlichen EU-Integrationsdebatte: Das Kapitel verortet das Europäisierungskonzept innerhalb der breiteren wissenschaftlichen Debatte und beleuchtet seine Sonderrolle.
5 Weitere Dimensionen der Europäisierungsforschung: Die Arbeit differenziert hier zwischen rechtlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Europäisierung, um die Interdisziplinarität des Ansatzes zu zeigen.
6 Die Konzeptdebatte innerhalb der Europäisierungsforschung: Dieses Kapitel widmet sich der kritischen Debatte um Begriffsdefinitionen, "Concept Stretching" und konzeptionelle Schlampigkeit.
7 Europäisierung als Konzept politikwissenschaftlicher EU Integrationsforschung?: Die Analyse der Rolle der Politikwissenschaft in diesem Feld verdeutlicht Herausforderungen bei der Identifikation politischer Prozesse.
8 EU-Integration konkretisiert durch Europäisierung - Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Relevanz der Europäisierung für das Verständnis staatlichen Wandels.
Schlüsselwörter
Integration, Europäisierung, Politikwissenschaft, EU-Integrationsdebatte, Konzeptdebatte, Mehrebenensystem, Multi-Level-Governance, Policy-Transfer, Goodness-of-fit, Nationalstaat, Governance, Rechtliche Europäisierung, Wirtschaftliche Europäisierung, Gesellschaftliche Europäisierung, Politikfeldforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept der Europäisierung in der politikwissenschaftlichen Forschung und dessen Verhältnis zur klassischen Theorie der EU-Integration.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Theorien der europäischen Integration, die Methodik der Europäisierungsforschung, die Differenzierung zwischen verschiedenen Dimensionen (rechtlich, wirtschaftlich, gesellschaftlich) und die Debatte um die Präzision des Europäisierungsbegriffs.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Einordnung der Europäisierungsforschung in die wissenschaftliche Integrationsdebatte sowie die Untersuchung der Rolle der Politikwissenschaft innerhalb dieses interdisziplinären Feldes.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und einem Theorievergleich der politikwissenschaftlichen Europäisierungsforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen, die Konzept- und Methodendebatte innerhalb der Europäisierungsforschung sowie spezifische Dimensionen wie Recht, Wirtschaft und Gesellschaft detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Europäisierung, EU-Integration, Mehrebenensystem, Politikwissenschaft und Konzeptdebatte.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen "Up-", "Cross-" und "Downloading"?
Diese Begriffe beschreiben die Richtung von Policy-Transfers: "Uploading" bezeichnet die Übertragung nationaler Politiken auf die EU, "Crossloading" den horizontalen Transfer zwischen Mitgliedstaaten und "Downloading" die Implementierung von EU-Vorgaben in nationales Recht.
Warum ist das Konzept der Europäisierung für die Forschung so umstritten?
Das Konzept wird aufgrund seiner Offenheit und definitorischen Unschärfe kritisiert. Kritiker bemängeln eine "konzeptionelle Schlampigkeit" und befürchten, dass das Label Europäisierung inflationär für unterschiedlichste Phänomene staatlichen Wandels verwendet wird.
- Quote paper
- Maurice Müller (Author), 2010, Europäisierung in der wissenschaftlichen EU-Integrationsdebatte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351544