Radikaler Pietismus. Der wahre Christ in der Kirchengeschichtsschreibung am Beispiel Gottfried Arnolds


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Kontext

3 Quelleninterpretation
3.1 Quellenkritik
3.1.1 Äußere Quellenkritik
3.1.2 Innere Quellenkritik

4 Interpretation

5 Fazit

1 Einleitung

"Der Pietismus war die erste neuzeitliche Geistesbewegung von breitem Ausmaß in Deutschland, und ihm kommt in der Geschichte und Kirchengeschichte Deutschlands und seiner protestantischen Nachbarn daher weitreichende Bedeutung zu."[1] Dieses Zitat aus Beutels Kirchengeschichte im Zeitalter der Aufklärung fasst die Bedeutung des Pietismus prägnant zusammen. Neben der "Ausbildung und Pflege religiöser Subjektivität"[2], einem Ziel, das bereits die Ideale der Aufklärung in sich trägt, verdanken wir dieser Strömung bedeutende Impulse in Frömmigkeitserneuerung und sozialem Engagement. Beispielhaft zu nennen sind hier die Eröffnung der Cannsteinschen Bibelanstalt 1710[3], die erschwingliche Bibelnachdrucke als Massenware herstellte, und natürlich die Halleschen Anstalten mit diversen sozialen Funktionen.

Eine besondere Wirkung entfaltete der Pietismus in literarischer Hinsicht.[4] Es beeindruckt nicht nur die ungeheure schriftstellerischer Produktivität einiger führender Köpfe der Bewegung. Seine oft formelhafte bildreiche Sprache von Frömmigkeit und Glauben ist charakteristisch und macht entsprechende Texte gut identifizierbar. Floskeln wie wahre Christen, die Stillen im Lande, Frömmigkeit von Herzen und innige Liebe zu Christus prägen, oft paarweise verbunden mit einem diametralen Gegensatz, seit dem gedanklichen Vorläufer des Pietismus Johann Arndt die überwiegend der Erbauung und Reflexion dienenden Schriftstücke.[5] Diese und weitere Beispiele werden bei der Quelleninterpretation noch einmal näher beleuchtet. Auch ein großer Einfluss auf die allgemeine deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts wird den Pietisten heute zugesprochen.[6] Grundlage dafür waren sicher auch die modernen Kommunikationsformen wie Journale, Traktate und Register, die eine für die damalige Zeit absolut neuartige Netzwerkbildung der Pietisten über ganz Europa und sogar bis nach Pennsylvania ermöglichten.[7]

In theologischer Hinsicht hat der kirchliche Pietismus traditionsbildend gewirkt und starke Impulse für die Kirchen- und Theologiegeschichte gesetzt.[8] Dem radikalen Pietismus wird, mit wenigen Ausnahmen, ungleich weniger Einfluss zugebilligt. Eine dieser Ausnahmen ist Gottfried Arnold.[9] In seinem literarischen Hauptwerk, der Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie, wandte er Ideen der Aufklärung auf die Kirchengeschichtsschreibung an und beeinflusste damit diese sowie die weltliche Geschichtsschreibung nachhaltig.

Der vorliegenden Arbeit liegen die Paragraphen vier bis sieben des Beschlusses des ersten Bandes der Historie zugrunde, die auf die Frage hin, welche Rolle Arnold der Kirchengeschichtsschreibung darin beimisst und welchen Nutzen und Zweck er in ihr sieht, analysiert werden sollen. Darüber hinaus sollen wesentliche Aspekte des sogenannten wahren Christentums, wie es Arnold verstand, aus dem Text herausgearbeitet werden. Konkret lautet die Fragestellung an die Quelle also:

Wie charakterisiert der radikale Pietist Gottfried Arnold den wahren christlichen Glauben und welchen Nutzen weist er der Kirchengeschichte in diesem Zusammenhang zu?

Um einige Abschnitte der Quelle durch den Autor selbst näher erklären lassen zu können, werden auch Teile aus der Vorrede zitiert, in welcher er zu diesen Fragen ebenfalls vertieft Auskunft gibt.

Nach einer vorangestellten Zusammenfassung der historischen Ausgangslage, in welcher das Milieu, in dem die Quelle entstanden ist, analysiert wird, folgt die Quellenkritik, gegliedert nach äußeren und inneren Faktoren. Schließlich folgt eine Interpretation der Quelle auf die oben genannte Fragestellung hin. In einem abschließenden Fazit wird das Wichtigste nochmal kurz zusammengefasst.

2 Historischer Kontext

Die vorliegende Quelle geht zurück auf das Jahr 1699. Rückblickend wird diese Zeit in der Geschichtswissenschaft als Beginn der Neuzeit bezeichnet.[10] 1648 endete mit dem Westfälischen Frieden die Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Europa, in welchem katholische und protestantische Fürsten um ihre Herrschaftsgebiete gekämpft hatten. Frankreich erreichte unter der Herrschaft Ludwig XIV (1643-1715) den Höhepunkt der absolutistischen Staatsform.[11] Deutschland hingegen zerfiel in Kleinstaaten, in welchen der Landesherr die religiöse Ausrichtung bestimmte.[12] Diese Regelung, die eigentlich bereits seit dem Augsburger Religionsfrieden existierte, musste neu errungen werden. Eine Folge für Deutschland aus diesen Auseinandersetzungen war die Schwächung der Position des Kaisers und eine Stärkung der Macht des höheren Adels. In der darauffolgenden Friedensperiode konnten in anderen Bereichen Kräfte freigesetzt werden, wie zum Beispiel der Philosophie, die nun aus dem Schatten der Theologie heraustreten konnte.[13]

Die geistige Strömung der Aufklärung, unter anderem repräsentiert durch die Philosophen John Locke und Gottfried Wilhelm Leibniz, die zu dieser Zeit lebten, breitete sich über Europa aus und übte großen Einfluss auf das Denken und in der Konsequenz auf die Politik aus.[14] Parallel veränderten Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften das mittelalterliche Weltbild.[15] Dies hatte auch Einfluss auf die Bibelinterpretation.

Nach diesen ganzen religiösen Wirren und dem Leid, das im Namen des Glaubens während der Konfessionskriege über Europa hereingebrochen war, kam es in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts überall in Europa zu Bewegungen der Frömmigkeitserneuerung. Auch im kirchlichen Bereich musste nach den Greueln des langen Kriegszustandes Wiederaufbauarbeit geleistet werden.[16] Im protestantischen Bereich entwickelte sich der Pietismus, dessen wichtigste Vertreter Philipp Jakob Spener und August Hermann Francke waren.[17] Vorbereitet durch die literarischen Werke Johann Arndts war die Hauptzeit des Pietismus von 1670-1720.[18] Als wesentliche Merkmale dieser Frömmigkeitsbewegung charakterisiert Moeller "das Dringen auf persönliche Frömmigkeit, das die objektiven Heilsgaben [...] zurücktreten ließ, die Ausrichtung auf die Ethik, auf die praktische [...] Betätigung des Glaubens, die fromme Selbstbetrachtung, und [den] religiöse[n] Individualismus."[19] Dieser Individualismus äußerte sich unterschiedlich stark ausgeprägt in der Bildung frommer Konventikel, den sogenannten ecclesiolae in ecclesia, die sich zum Teil innerhalb des Rahmens der Großkirche befanden, zum Teil diese aber auch ablehnten und separatistische Neigungen zeigten.[20] Der Autor der vorliegenden Quelle, Gottfried Arnold, zeigte diesbezüglich ambivalentes Verhalten. Er war studierter Theologe, Inhaber einer Gießener Professur für Geschichte, schied dann aus dem Staatsdienst aus und widmete sich ganz dem Schreiben radikalpietistischer kirchenkritischer Literatur und kehrte schließlich wieder, als Prediger und Superintendent, in den Schoß der Kirche zurück.[21] Da seine wesentlichen, einflussreichsten Arbeiten während der Phase der Separation entstanden, wird er heute als bedeutender Vertreter des radikalen Pietismus bezeichnet.[22]

Die wesentlichen Kennzeichen des radikalen Pietismus sind Separation und Heterodoxie.[23] Die Separation meint hier die Abkehr von der Landeskirche bis hin zur völligen Ablehnung.[24] Sie wird vom Autor selbst als Hure Babylon tituliert und als Hindernis auf dem Weg zum wahren Christentum angesehen.[25] Heterodoxie fungiert hier als Sammelbegriff für allerhand Abweichungen von der orthodoxen Lehrnorm sowie das "Fehlverhalten gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft"[26]. Das graduelle Maß der Verwirklichung dieser beiden Merkmale variiert jedoch auch innerhalb der Gruppe der radikalen Pietisten stark.[27] Deshalb ist die Bezeichnung umstritten und darf nicht den Eindruck vermitteln, es handelte sich dabei um eine homogene Gemeinde. Vielmehr handelt es sich um eine "Pluriformität geistiger Strömungen und anregender Persönlichkeiten"[28]. Da die individuelle Frömmigkeit im Vordergrund stand, ist der Zusammenhalt eher als lose anzusehen und die Unterschiede in den religiösen Auffassungen sind untereinander teilweise größer als zur Landeskirche.[29] Mit der Selbstzuschreibung der Radikalität ging oft ein gesellschaftlicher Nonkonformismus einher, also ein Ablehnen der bürgerlich-gesellschaftlichen Konventionen bis hin zum "religiös motivierten Aussteigertum".[30] So übten beispielsweise Frauen wie Johanna Eleonora Petersen eine für diese Zeit absolut ungewöhnliche Rolle als Schriftstellerin, als ekstatische Prophetin wie Rosamunde Juliane von der Asseburg oder gar als charismatische Anführerinnen eigener Gemeinden wie zum Beispiel Eva von Buttlar in der Buttlarschen Rotte, aus.[31] Ebenso spielte die soziale Schichtung eine untergeordnete Rolle. In den Kreisen der radikalen Pietisten waren Akademiker, Handwerker, aber auch Arbeitslose und verarmte Adelige vertreten.[32] Den geistesgeschichtlichen Ursprung ihrer heterodoxen Glaubensüberzeugungen haben die radikalen Pietisten in den Traditionen der mittelalterlich christlichen Mystik und dem Spiritualismus.[33] Von den Schriften des spätmittelalterlichen Mystikers Johann Tauler geprägt[34], gab es zum Beispiel im Kreis um Johann Jakob Schütz die Vorstellung von Seelenwanderung, Präexistenz der Seele, Wiedergeburt und der Stufentheorie der Entwicklung der Seele, was natürlich mit den großkirchlichen Dogmen unvereinbar war.[35] Ein wesentliches Merkmal war die eschatologische Naherwartung, aus der ein starker Enthusiasmus, Bereitschaft zur Askese, Ehelosigkeit und Erwähltheitsbewusstsein resultierten.[36] Dieser Chiliasmus, häufig verbunden mit einer Allversöhnungsvorstellung, war auch einer der Hauptgründe für den Vorwurf der Heterodoxie von Seiten des orthodoxen Protestantismus.[37] Die ursprünglich von Origenes entwickelte Idee[38], der so genannten Apokatastasis panton, in welcher Gott beim jüngsten Gericht allen Menschen ungeachtet ihrer Sünden, ihres Glaubens und ihrer Einstellungen die Gnade der Auferstehung zuteil werden lässt, wurde von der Orthodoxie abgelehnt.[39]

Da es dem Geist der Zeit entsprach, gab es einige neuartige Frömmigkeitsformen und religiöse Gemeinschaften innerhalb des protestantisch christlichen Spektrums, die sich wechselseitig beeinflussten. Enge Kontakte wurden beispielsweise zur philadelphischen Bewegung unterhalten, deren Mitglieder sich als "die Stillen im Lande" bezeichneten, ein Begriff, der auch bei Arnold zur Verehrung der frommen Christen auftaucht.[40] Er bezeichnet wahre fromme Christen abseits der Großkirche.[41] Sie wollten das Ideal einer endzeitlichen Geistkirche gemäß Joh 4,24 verwirklichen.[42] Aus diesem Bereich kam auch Georg Gichtel, der die Werke des Spiritualisten Jakob Böhme heraus brachte, die wiederum die Glaubensvorstellungen des radikalen Pietismus beeinflussten. Auch Gottfried Arnold reflektierte in seiner Schrift Das Geheimnis der göttlichen Sophia (1700) über die Sophienmystik Böhmes.[43] Bemerkenswert ist der rege Briefkontakt, in dem einige pietistischen Separatisten standen, da sie häufig weit voneinander entfernt in den religiös toleranten Fürstentümern lebten.[44] Auch die eifrige schriftstellerische Tätigkeit ist auf diesen Faktor zurückzuführen, da sie ihre Berufstätigkeit im Rahmen der Kirche nicht mehr ausübten und auf obrigkeitliche Unterstützung sowie Protektion angewiesen waren. So standen die bereits erwähnte Johanna Eleonora Petersen und ihr Mann in Briefwechsel mit dem Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz.[45] Einen steten Briefwechsel führten auch Philipp Jakob Spener und Gottfried Arnold ab 1688.[46]

[...]


[1] Moeller: Geschichte, 280.

[2] Beutel: Kirchengeschichte, 77.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd., 93.

[5] Vgl. ebd., 77.

[6] Vgl Hausschild: Lehrbuch, 702.

[7] Vgl. Beutel: Kirchengeschichte, 93f.

[8] Folgender Abschnitt vgl. Schneider: Pietismus, 15.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Sommer: Repetitorium, 176.

[11] Vgl. ebd., 175

[12] Vgl. ebd, 177.

[13] Vgl. Moeller: Geschichte, 268f, 279.

[14] Vgl. ebd., 271.

[15] Vgl. Sommer: Repetitorium, 177.

[16] Vgl. ebd., 175.

[17] Vgl. Moeller: Geschichte, 280ff.

[18] Vgl. Sommer: Repetitorium, 178.

[19] Moeller, 285.

[20] Vgl. Sommer: Repetitorium, 178.

[21] Vgl. Schneider: Pietismus im 18. Jahrhundert, 116.

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. Schneider: Pietismus in der neueren Forschung, 18.

[24] Vgl. Wallmann: Pietismus, 136.

[25] Vgl. ebd., 153.

[26] Schneider: Pietismus in der neueren Forschung, 18.

[27] Vgl. ebd., 17.

[28] Hausschild: Lehrbuch, 701.

[29] Vgl. Wallmann: Pietismus, 136f.

[30] Hausschild: Lehrbuch, 701.

[31] Vgl. ebd., 701-705.

[32] Vgl. Schneider: Pietismus im 17. Jahrhundert, 397f.

[33] Vgl. Hausschild: Lehrbuch, 701.

[34] Vgl. Schneider: Pietismus im 17. Jahrhundert, 394.

[35] Vgl. Wallmann: Pietismus, 140,143.

[36] Vgl. Hausschild: Lehrbuch, 701.

[37] Vgl. ebd., 702.

[38] Vgl. Flasch: Teufel, 322f.

[39] Vgl. Hausschild: Lehrbuch, 702

[40] Vgl. Wallmann: Pietismus, 158.

[41] Folgender Abschnitt vgl. Hausschild: Lehrbuch, 703f.

[42] Schneider: Pietismus im 17. Jh., 414.

[43] Vgl. ebd., 415.

[44] Vgl. Hausschild: Lehrbuch, 701.

[45] Vgl. Wallmann: Pietismus, 148.

[46] Vgl. ebd., 153.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Radikaler Pietismus. Der wahre Christ in der Kirchengeschichtsschreibung am Beispiel Gottfried Arnolds
Hochschule
Universität zu Köln  (evangelische Theologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Pietismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V351602
ISBN (eBook)
9783668392618
ISBN (Buch)
9783668392625
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pietismus, Kirchengeschichte, Gottfried Arnold, Radikaler Pietismus, Wahrer Christ, Kirchengeschichtsschreibung, Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie, Naherwartung, Chiliasmus, Frömmigkeitserneuerung, Schwärmer, Täufer, Herzensfrömmigkeit, Mystik
Arbeit zitieren
Henriette Gehse (Autor), 2016, Radikaler Pietismus. Der wahre Christ in der Kirchengeschichtsschreibung am Beispiel Gottfried Arnolds, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351602

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