Das Ziel dieser Arbeit besteht in dem Versuch, die Theorien der politischen Religion des Nazismus, in denen hauptsächlich die Logik der Rechtfertigung dieses Despotismus im Mittelpunkt stehen, durch die Souveränitätstheorie Giorgio Agambens, welche er in seiner „Homo sacer“-Tetralogie aufstellt, juridisch zu fundieren. Jene stellt eine Souveränitätstheorie in einem untypischen, sehr weiten und umgreifenden Sinne dar: sie beansprucht, die politisch-juridische und philosophische Struktur der Geschichte des Abendlandes seit der römischen Antike aufgedeckt zu haben, welche sich durch die abendländische Geschichte hindurch bis zu ihrer Gegenwart von einer Latenz zu einer Transparenz entwickelt habe und im Nationalsozialismus und Stalinismus ihre extremste Formierung gezeigt haben soll.
Der Nazismus stellt daher nach Agamben keinen historischen Bruch dar, sondern ist – auch wenn eine extreme – Erscheinung der politisch-juridischen und philosophischen Struktur des Abendlandes. Im Gegensatz zu den Theorien der politischen Religion, die sich eher auf mentale und psychologische Aspekte des Vorgehens der Despotien des 20. Jahrhunderts konzentrieren, stehen bei Agamben Techniken des Machterwerbs und der Machtperpetuierung im Vordergrund, welche er stets auf seine Souveränitätstheorie zurückbezieht. Um diesen Aspekt einer grundlegenden Souveränitätstheorie, in denen Techniken des Machterwerbs und der -perpetuierung zentral sind, möchte ich hier versuchen, die Theorien der politischen Religion des Nazismus zu fundieren, und damit die juridisch-politischen Voraussetzungen der Beschreibung des Nazismus als eine politische Religion aufzeigen.
Die Logik der Macht wird laut Hans Maier in den Theorien des Nazismus als politische Religion nicht mit berücksichtigt. Aber auch die juridischen und machttheoretischen Voraussetzungen müssen seiner Meinung nach bei einer solchen Theorie mit angegeben werden. Dies versucht diese Arbeit, in Ansätzen zu leisten. Das Hauptaugenmerk liegt dabei eher auf der Darstellung der Souveränitätstheorie Agambens, und erst am Ende dieser Arbeit werde ich versuchen, diese für die Theorien der politischen Religion des Nazismus fruchtbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: ein Versuch der Fundierung der Theorien des Nationalsozialismus als politische Religion durch Agambens Souveränitätstheorie
1.1 Die Vorgehensweisen der Theorien des Nazismus als politische Religion und der Souveränitätstheorie Agambens
1.2 Ein Angelpunkt der Theorien des Nazismus als politische Religion
2. Hauptteil: Agambens Souveränitätstheorie
2.1 Der aktive Pol der Ausnahmebeziehung
2.1.1 Hinleitung: Das Paradox der Souveränität und die Schwelle der Ordnung als Hinweise auf die Ausnahme als besonderes Moment der Souveränität
2.1.2 Konzeptualisierung des Paradoxes der Souveränität durch Schmitts Deutung des Ausnahmezustandes als Strukturelement der Souveränität
2.1.3 Agambens Interpretation des Pindar-Fragments und sein Absprung von Schmitts Bedeutung der Ausnahme
2.1.4 Absonderung des Menschen vom Menschen in der Unterwerfung unter das Gesetz als ein zentrales Motiv jeder abendländischen Souveränität
2.1.5 Die Logik der Ausnahme als originäre juridisch-politische Struktur der Beziehung auf das Leben
2.2 Beschreibung des passiven Pols der Ausnahmebeziehung: der homo sacer
2.2.1 Unterscheidung von Recht und Leben als Basis der Ausnahme und der adäquate Gegenpol zum aktiven Pol der Ausnahmebeziehung
2.2.2 Die Voraussetzung für die Depotenzierung in der Ausnahmebeziehung: die Reduktion zum homo sacer
2.3 Ausnahmebeziehung und Biopolitik
2.3.1 Die Menschenrechte als neue exceptio des Lebens ins Recht aufgrund der Heiligung des Lebens
2.3.2 Der Zerfall des Nexus Nativität-Nationalität
2.3.3 Die biopolitische Bewegung des Nazismus als Antwort auf den Zerfall des Nexus Nativität-Nationalität durch die Setzung unwerten Lebens
2.3.4 Das biopolitische Novum des Nazismus und seine juridisch-politischen Konsequenzen
3. Die juridische Fundierung der Theorien des Nazismus als politische Religion und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Theorien des Nationalsozialismus als "politische Religion" durch die Anwendung von Giorgio Agambens Souveränitätstheorie auf eine fundiertere wissenschaftliche Basis zu stellen, um die zugrunde liegenden juridisch-politischen Strukturen der Nazidiktatur präziser zu erfassen.
- Analyse der Logik der Souveränität nach Giorgio Agambens "Homo sacer".
- Untersuchung der "Ausnahmebeziehung" zwischen Recht und nacktem Leben.
- Kritische Auseinandersetzung mit der "politischen Religion" im Nationalsozialismus.
- Interpretation des Nationalsozialismus als biopolitische Bewegung und deren Konsequenzen.
- Verhältnis von Menschenrechten, Natürlichkeit und staatlicher Souveränität.
Auszug aus dem Buch
1.1 Die Vorgehensweisen der Theorien des Nazismus als politische Religion und der Souveränitätstheorie Agambens
Das Ziel dieser Arbeit besteht in dem Versuch, die Theorien der politischen Religion des Nazismus, in denen hauptsächlich die Logik der Rechtfertigung dieses Despotismus im Mittelpunkt stehen, durch die Souveränitätstheorie Giorgio Agambens, welche er in seiner „Homo sacer“-Tetralogie aufstellt, juridisch zu fundieren. Jene stellt eine Souveränitätstheorie in einem untypischen, sehr weiten und umgreifenden Sinne dar: sie beansprucht, die politisch-juridische und philosophische Struktur der Geschichte des Abendlandes seit der römischen Antike aufgedeckt zu haben, welche sich durch die abendländische Geschichte hindurch bis zu ihrer Gegenwart von einer Latenz zu einer Transparenz entwickelt habe und im Nationalsozialismus und Stalinismus ihre extremste Formierung gezeigt haben soll.
Der Nazismus stellt daher nach Agamben keinen historischen Bruch dar, sondern ist – auch wenn eine extreme – Erscheinung der politisch-juridischen und philosophischen Struktur des Abendlandes. Im Gegensatz zu den Theorien der politischen Religion, die sich eher auf mentale und psychologische Aspekte des Vorgehens der Despoten des 20. Jahrhunderts konzentrieren, stehen bei Agamben Techniken des Machterwerbs und der Machtperpetuierung im Vordergrund, welche er stets auf seine Souveränitätstheorie zurück bezieht. Um diesen Aspekt einer grundlegenden Souveränitätstheorie, in denen Techniken des Machterwerbs und der -perpetuierung zentral sind, möchte ich hier die Theorien der politischen Religion des Nazismus versuchen zu fundieren und damit die juridisch-politischen Voraussetzungen der Beschreibung des Nazismus als politische Religion aufzeigen. Die Logik der Macht wird laut Hans Maier in den Theorien des Nazismus als politische Religion nicht berücksichtigt. Aber auch die juridischen und machttheoretischen Voraussetzungen müssen seiner Meinung nach bei einer solchen Theorie angegeben werden. Dies versucht diese Arbeit in Ansätzen zu leisten. Das Hauptaugenmerk liegt dabei eher auf der Darstellung der Souveränitätstheorie Agambens und erst am Ende dieser Arbeit werde ich versuchen, diese für die Theorien der politischen Religion des Nazismus fruchtbar zu machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: ein Versuch der Fundierung der Theorien des Nationalsozialismus als politische Religion durch Agambens Souveränitätstheorie: Die Einleitung legt das theoretische Fundament und das Ziel der Arbeit fest, Agambens Souveränitätsbegriff zur Erklärung der Machtstrukturen des Nationalsozialismus zu nutzen.
2. Hauptteil: Agambens Souveränitätstheorie: Dieser Kernabschnitt analysiert die Logik der Ausnahme, die Rolle des Homo sacer und die biopolitische Dimension, um die juridischen Mechanismen des totalitären Machtanspruchs aufzudecken.
3. Die juridische Fundierung der Theorien des Nazismus als politische Religion und Schlussbetrachtung: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Nutzen der Agamben'schen Theorie für das Verständnis der nationalsozialistischen Judenvernichtung im Kontext der politischen Religion.
Schlüsselwörter
Souveränitätstheorie, Giorgio Agamben, Homo sacer, Nationalsozialismus, Politische Religion, Ausnahmebeziehung, Biopolitik, Nacktes Leben, Recht, Machtperpetuierung, Ausnahmezustand, Juridische Struktur, Nazismus, Menschenrechte, NS-Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der juristischen und philosophischen Fundierung des Nationalsozialismus, indem sie die Theorie der „politischen Religion“ mit Giorgio Agambens Souveränitätskonzept verknüpft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Ausnahmezustands, die Beziehung zwischen Recht und nacktem Leben sowie die biopolitischen Mechanismen, die den Machterhalt im Nationalsozialismus sichern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Theorien des Nationalsozialismus als „politische Religion“ durch Agambens Souveränitätstheorie theoretisch zu untermauern und die zugrunde liegenden juridischen Voraussetzungen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf einer intensiven Auseinandersetzung mit Giorgio Agambens „Homo sacer“-Reihe basiert und diese auf historische und ideengeschichtliche Theorien zum Nationalsozialismus anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des aktiven Pols der Ausnahmebeziehung, die Analyse des Homo sacer als passivem Gegenpol und die biopolitischen Implikationen des Nationalsozialismus.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit ist stark geprägt durch Begriffe wie "Ausnahmebeziehung", "Souveränität", "Homo sacer", "Biopolitik" und "nacktes Leben".
Wie unterscheidet sich Agambens Sichtweise von anderen Theorien des Nationalsozialismus?
Während andere Theorien oft auf psychologische oder mentale Faktoren der Diktatur fokussieren, legt Agamben (und somit der Autor) den Fokus auf die logischen und strukturellen Techniken des Machterwerbs.
Welche Rolle spielt das Konzept des „nackten Lebens“ in dieser Argumentation?
Das nackte Leben bildet bei Agamben das konstitutive Element der Souveränität, welches durch die Ausnahmebeziehung aus dem Schutz des Rechts herausgelöst und der Gewalt ausgesetzt wird.
Inwieweit wird der Begriff des Homo sacer auf den Nationalsozialismus übertragen?
Der Autor zeigt auf, wie der Nationalsozialismus den Juden als „Homo sacer“ behandelt, also als ein Leben, das außerhalb des rechtlichen Schutzes steht und somit straflos getötet werden kann.
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- Arne Laßen (Autor), 2015, Fundierung der Theorien der politischen Religion des Nationalsozialismus. Die Souveränitätstheorie nach Giorgio Agamben, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351671