mes racines en l’air. Tuchkollektion in Digitaldruck und Jacquard


Masterarbeit, 2016

75 Seiten, Note: mit Auszeichnung bestanden


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

mes racines en l’air
Kurzbeschreibung
Heimat - die Küste Marseilles

Was ich und andere mit Tüchern verbinden
Wegue Wegue
Carolines Geschenk
Akikos Furoshiki Tuch
Die erste Wanderung mit Teresa
Das goldene Tuch
Der Haik
Nora, Gil, Theo und der Burel

Verantwortung der Designerin
Lokale Produktion
Herstellung von Tüchern und meine Familie
Textiles Zentrum Haslach

DesignerInnen, Verwendungen von Tüchern und deren Bedeutungen
Blanket Scarves
Formation
Index Collection - Blankets
Besuch bei Carola Kindermann
Traits Paris
Alex Mullins
Sabine Zelger

Tücher als Kopfbedeckung
Anónimo
Dudu Kücükgöl
Bethan Wood
TRU$T FUN!

Stoffe aus Westafrika
Adinkra
Wax-print
GeZebte Stoffe aus WestaIrika

Umsetzung der Tücher
Ausführung in Jacquard
Ausführung in Digitaldruck
Transfer ins Höllental

Literatur- und Quellenverzeichnis

Danksagung

Abstract

Das Tuch ist eines der grundlegendsten Kleidungsstücke, dank seiner Einfachheit kann es vielfältig verwendet werden. Unter dem Schlagwort Kopftuch kam das Tuch in den letzten Jahren verstärkt als Symbol in den Blick und wurde Teil einer gesellschaft- lichen Debatte. In der Diskussion wurde aber zumeist die Vielzahl an Bedeutungen übersehen, die das Tuch für seine TrägerInnen haben kann. Vor diesem Hintergrund möchte ich in meiner Masterarbeit eine Tuchkollektion entwerfen und produzieren. Auch aufgrund meiner Familiengeschichte ist die lokale Produktion dabei für mich ein wichtiger Punkt. Ich möchte die Strukturen nutzen, die mich umgeben, um einen di- rekten Austausch mit den Produzenten zu gewährleisten und im Zuge dieser Ausein- andersetzung zu erforschen, wie man vor Ort produziert und welche Verantwortung man als Designerin für die lokale Produktion hat.

mes racines en l’air ...

Kurzbeschreibung

Tücher können ein Ausdruck eines Gefühls sein, des eigenen Geschmacks, einer gesellschaftlichen oder religiösen Zugehörigkeit. Neben diesen eher symbolischen Bedeutungen hat das Tuch aber auch vielfältige Gebrauchswerte: es hält warm, es schützt, es schmückt seine/n TrägerIn, es kann verbergen und verhüllen. Aktuell wird erneut spürbar, wie wichtig es ist, sich mit anderen Kulturen, seiner eigenen Herkunft, dem respektvollen Umgang untereinander und der gesellschaftlichen Verantwortung, die Meder Mensch hat, di΍erenziert auseinanderzusetzen.

Es sind 5 Tücher im Format 110x180 cm entstanden, welche inspiriert von meiner Recherche ein persönliches Statement sichtbar machen. Das übergroße Format, in letzter Zeit unter dem Stichwort „blanket scarf“ geführt, garantiert eine maximale Anzahl möglicher Gebrauchsweisen und lässt die Entwürfe besonders gut zur Geltung kommen.

In meiner Arbeit interessiert mich die vielfältige Verwendung von Tüchern und insbesondere der je individuelle Einsatz. In meiner Recherche beschäftige ich mich mit verschiedenen Traditionen, Gebrauchsweisen, künstlerischen Arbeiten und Designs. Dafür habe ich in meinem Umfeld Interviews mit Designerinnen und Künstlerinnen wie Carola Kindermann (Textildesignerin, ehemalige Siebdruckȴrma Kindermann, :ien), Sabine Zelger (Malerin, Handweberin, Tirol), sowie mit Freunden, Bekannten und Verwandten zu ihren Erfahrungen mit Tüchern geführt.

Schlaglichtartig sollen zusätzliche Beispiele der Auseinandersetzung mit Tüchern herangezogen werden. In der Fotoserie „Anónimo“ des New Yorker Künstlerduos Floto+Warner zum Beispiel symbolisieren die Tücher die Individualität eines jeden der 2015 in Mexiko von einem Kartell aus Drogenmaȴa und Politik verschleppten und ermordeten Studenten. Durch die Verhüllung der Körper mit den Tüchern wird das Individuelle in der Arbeit der Künstler gleichzeitig wieder zurückgenommen und eine Einheit, Gemeinschaft entsteht.

Dudu Kücükgöl aus Wien forscht über Islam und Feminismus und referiert über die Themen Islam, Integration, Jugend und muslimische Frauen. Im Zuge der Debatte um das Kopftuch als Symbol hat sie sich in den vergangenen Jahren oft der Frage stellen müssen, weshalb sie selbst ein Kopftuch trägt. Tücher können reizvoll wirken, in der Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wird aber auch anstoßen und zu Konȵikten und Missverständnissen führen. Verschiedene DesignerInnen haben sich ausschließlich auf Tücher spezialisiert, so etwa Barbara Platte mit ihrem Label Traits, mit dem sie ganz auf die lokale Produktion in Frankreich setzt. Die Recherche diente als Basis für die von mir entworfenen Tücher, sie diente der Inspiration und der Reȵexion auf mich und meine Umwelt. Die Tücher, die aus der Arbeit entstanden, sollen diese Reȵexion in persönliche Entwürfe übersetzen.

Zu meinen künstlerischen Ausdrucksmitteln gehören u.a. Collage, Zeichnung, malerische Tech- niken, die Arbeit am Computer, welche meine Designs zu einer charakteristischen Bildsprache vereinen, bestimmt durch klare Entwürfe und kräftige Farben. Handarbeit in Verbindung mit neuen Technologien ist mir sehr wichtig. Um einen größtmöglichen gestalterischen Spielraum zu gewährleisten, wurden die Tücher mit den Techniken des Jacquard und des Digitaldrucks hergestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Fahrt mit dem Boot entlang der Küste Marseilles

Heimat - die Küste Marseilles

Das Tuch ist eine Heimat, in die ich mich hülle, es schützt mich vor Kälte und Hitze. Das Tuch ist wie ein Haus, es ist ein Stück Heimat. Ich trage ein Stück Heimat mit. Eines meiner zu Hause ist Marseille, das Meer, die Küsten, die Calanque. Wie die Wellen des Meeres umschmeichelt das Tuch mein Gesicht, ich tauche in das Tuch ein wie in Wogen des Meeres. Gleichzeitig ist das Weiche des Tuches ein schöner Kontrast zu den rauhen und harten Felsen der Klippen der Berge. Weil ich ein Kind der Berge bin, tauche ich in die Berge ein wie in das Meer.

Ich interpretiere in meiner Arbeit die Fotograȴen, welche ich während meiner Besuche in Marseille gemacht habe. Es sind Momentaufnahmen von Ereignissen. Ich nehme somit ein Stück mit mir mit. Heimat ist für mich nicht nur ein Ort, es ist ein Gefühl. Man kann Heimat auch ortsunabhängig spüren. Das Tuch ist mein Sinnbild der Heimat.

Vilém Flusser hat in seinem Essay Heimat und Heimatlosigkeit Folgendes gesagt:

„Man hält die Heimat für den relativ permanenten, die Wohnung für den auswechselbaren, über- siedelbaren Standort. Das Gegenteil ist richtig: Man kann die Heimat auswechseln oder keine ha- ben, aber man muss immer, gleichgültig wo, wohnen. Der Mensch kann überall wohnen: unter den Pariser Brücken, in Zigeunerkarawanen, in den Hütten der Paulistaner Favelas und sogar in Au- schwitz. Er ist wie die Ratte - kosmopolitisch ... Wer aus der Heimat vertrieben wird (oder den Mut aufbringt, von dort zu ȵiehen), der leidet. Die geheimnisvollen Fäden, die ihn an Dinge und Men- schen binden, werden zerschnitten. Aber mit der Zeit erkennt er, dass ihn diese Fäden nicht nur verbunden, sondern angebunden haben, dass er nun frei ist, neue zwischenmenschliche Fäden zu spinnen und für diese Verbindungen die Verantwortung zu übernehmen.“1

Das Design der Tücher ist eine Hommage an die schro΍en Felsen der Provence und der Alpen, an die Botanik, die sie beheimatet und die auch meine Heimat ist. Die Vielzahl an Farben und Formen, die man immer wieder aufs Neue entdecken kann und die so kraftvoll und monumental immer da sind, uns immer begleiten, das intensive Licht des Südens und der Alpen.

Marseille ist eine Stadt, in der viele unterschiedliche Menschen und Kulturen beheimatet sind, sie ist lebendig, farbenfroh, kontrovers. Für mich war es ein guter Ausgangspunkt für die Kollektion, mich von den Küsten dieser Stadt inspirieren zu lassen, die ein Schmelztiegel von Sprachen, Nationen, Heimaten und Gerüchen ist.

Was ich und andere mit Tüchern verbinden

Wegue Wegue

Mir ist der Song von Buraka Som Sistema in den Sinn gekommen. Er erinnert mich an Marseille, meine Familie, Karine wie sie auf dem Boot tanzt. Sie hielt ihr Badetuch in den Händen und dieses ȵatterte wild im Wind. Der Meereswind in unseren Haaren, die Sonne des Südens, das Beisam- mensein.

Mit Stoffen geht es mir oft gleich, sie rufen bei mir Gerüche, Bilder, Erlebnisse wieder herbei.

Buraka Som Sistema?2

Der Liedtext wurde aus urheberrechtlichen Gründen für die Publikation entfernt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

oben li.: Valérie während des Locationscoutings, Sommer 2015

oben re.: Rosie the Riveter-Look URL: http://www.wom- enofwwii.com/civilians.html

unten: während der Dreharbeiten für den Film Screentest, unten rechts im Bild das Tuch von Akiko

Carolines Geschenk

Zum Beispiel das rot gewebte Tuch aus Wolle, welches mir Caroline in unserer Schulzeit von ihrer Reise nach Südamerika mitgebracht hat. Es spiegelt die Verbundenheit, die jahrelange Freund- schaft wieder, erinnert an das Gefühl von Freiheit, das wir damals hatten, als wir die Schule endlich beendeten. Die Aufregung über Neues, wo es uns hinführen würde unser Leben, die Erfahrungen, die wir machen würden.

Akikos Furoshiki Tuch

Das Tuch, das Akiko Fabian und mir als Gastgeschenk mitgenommen hat, als sie kam, um im Tanzquartier Kompanien und TänzerInnen für das FFT Düsseldorf kennenzulernen . Sie hat damals bei uns übernachtet. Das Tuch hat gleich zweierlei Bedeutung für mich, einerseits erinnert es uns an die verbrachte Zeit mit Akkiko und es hat meine Neugier Japan gegenüber noch mehr geweckt. Sie ist Japanerin und das Furoshikituch hat ihre Mutter genäht. Das Tuch weckt jetzt mit den ver- gangenen Jahren noch mehr Erinnerungen, es erinnert mich an ein Kurzȴlmprojekt Screentest, das ich mit meiner Schwester gemacht habe. An die Begeisterung der SchülerInnen, an die Hitze und die Euphorie bei der Arbeit. Die gemeinsam verbrachte Zeit mit meiner Schwester, die ich nicht sehr oft sehen kann, da sie und ihre Familie in Marseille wohnen. Die Zeit mit meinem Ne΍en Vad- im, der mit uns in der Schule war, an das Glück das er gesund ist und so ein wunderbarer Mensch.

In demselben Sommer sind meine Schwester und ich im Zuge eines Filmprojektes durch die Auen bei Stockerau gefahren. Es war der Sommer, der dem Film Hundstage alle Ehre machte. Bei 40 Grad wanderten wir durch die Au, auf der Suche nach dem Set des Filmes Grenzgänger von Florian Flicker, für den ich 2010 Location gescoutet habe. Er ist in jenem Sommer verstorben, dieses Er- eignis hat uns mit auf dem Weg durch die Au begleitet. Meine Schwester hatte damals ein Tuch von mir ausgeliehen, nun trägt es diese Erinnerung, wenn ich es ansehe. Es ist an sich kein besonderes Tuch, es hat gelbe und schwarze Streifen und ich erwarb es einmal in Wien in einem Geschäft. Das Bild erinnert mich an den Rosie the Riveter-Look aus den 40igern, als Amerika in den Zweiten Welt- krieg eintrat kam der Rosie the Riveter-Look, der Arbeiterlook für viele Frauen und wurde dann zu einem Symbol der Unabhängigkeit.

Die erste Wanderung mit Teresa

Die erste große Bergtour meiner Schwester in Osttirol auf die Seespitze bestritten wir gemeinsam. Sie hatte damals dieses Tuch, so eines hatte ich auch in ihrem Alter, viele Jugendliche tragen es, man kennt es unter dem Namen Kuȴya. Sie hat sich bestimmt keine Gedanken über die Bedeutung gemacht. Insbesondere die politische Strömung der Antideutschen und Teile der antinationalen Linken kritisieren das Tragen der Kuȴya als Symbol des Kampfes und Terrorismus gegen Israel. In Deutschland wird die Kuȴya seit Ende der 1990er Jahre zunehmend auch von Rechtsextrem- isten und Neonazis getragen. Dies geschieht zum einen im Rahmen des Verwendens linker Sym- bole, das seit den späten 1990er Jahren häuȴg in der rechtsextremen Szene zu beobachten ist, um sich als sozialistisch oder revolutionär darzustellen, ist aber andererseits auch Ausdruck einer antiisraelisch motivierten Parteinahme für die Palästinenser im Nahost-Konȵikt oder schlicht An- tisemitismus mit historischer Referenz. Im Zuge des Nahostkonȵiktes hat sich die Kuȴya zu einem Symbol für die kämpfenden Palästinenser entwickelt, so dass es im deutschsprachigen Raum viel- fach als Palästinensertuch bekannt wurde.3 Für meine Schwester hat es Schutz vor dem schnell wechselnden Klima in den Bergen geboten und erinnert uns jetzt an ein gemeinsames Abenteuer. Zuerst hat sie das Tuch um den Hals getragen, da es zwar ein sonniger Tag war, aber sehr frisch. Später hat sie es mir geliehen um mich gegen die starken Sonnenstralen zu schützen. Das Wetter in den Bergen ist immer wieder sehr überraschend. Wir haben dort durch meine damalige Arbeit einige Sommer verbracht und immer wieder Neues entdeckt, Blumen Gestein Berge, Stimmungen.

Das goldene Tuch

Bei meinem ersten Tre΍en mit Elisabeth Stötzler, besprach ich die ersten Schritte für die Reali- sierung der Gewebe in Haslach. Nachdem ich ihr von meinem Konzept erzählt hatte, hatte sie gleich eine Geschichte für mich, die sich am Tag zuvor zugetragen hatte. Sie hatte eine Frau tür- kischer Abstammung in der Stadt gesehen, welche ein sehr schönes, gewebtes Tuch um die Schul- tern trug. Sie fragte diese gleich, ob sie ein Foto von ihrem Tuch machen könne. Die Frau erzählte ihr, das Tuch habe sie von ihrer Reise nach Mekka mitgenommen und es bedeute ihr sehr viel, sie war daher sehr erfreut, dass Elisabeth Interesse daran zeigte. Das Tuch hatte einen goldenen Schimmer und war in einem Paisleymuster gewebt. Es ȴel Elisabeth gleich auf und war interessant im Bezug auf ihre bevorstehende Ausstellung, in welcher es um eben diese Musterung ging. Ausserdem erzählte sie mir von der Heimtex, bei der sie einen interessanten Vortrag gehört hatte, über das Motiv der Natur in den Mustern und die Parallelen zu akuten Umweltveränderungen. Es gibt dazu auf der Webseite kurze Berichte über die Vorträge.

Weiter gab sie mir einige Tipps, wie das Buch Kienbaum Bindungslehre, es kann herangezogen werden, um Bindungen zu recherchieren. www.handweaving.net ist ein online Katalog mit unter- schiedlichen Bindungen, welche man auch herunterladen kann.

Der Haik

Im Gespräch mit Gilbert Bretterbauer erzählte er mir von einer Reise nach Marokko, bei der er eine Erfahrung mit einem Tuch hatte. Er hüllte sich in ein großes Tuch ein, so empfand er es wie einen Schutz vor dem Staub und den Blicken der Menschen. Es war ein wohliges Gefühl, das ihn in den Straßen begleitete.

Bis weit in die 60er- und 70er-Jahre war der Haikb eine Alltagsstraßenkleidung. Heute wird das traditionelle Gewand noch von den älteren Frauen und alsbKleidung für festliche Anlässe wie Hochzeiten getragen. Die Frauen tragen stattdessen moderne Kleidungen, Kopftuch (Hijab) oder Nikab. Der Haik war in Algerien ein Symbol des Widerstands gegen die Kolonialmacht,bso schrieb Frantz Fanon, der Theoretiker des algerischen Befreiungskampfes gegen die Kolonialmacht Frankreich: “Jeder Schleier, der ȴel, jeder Körper, der von der traditionellen Umarmung des Haik (algerische Variante des Schleiers) befreit wurde, jedes Gesicht, das sich dem dreisten und ungeduldigen Blick des Besatzers bot, war Ausdruck der Tatsache, dass Algerien begann, sich selbst zu verleugnen und die Vergewaltigung durch die Kolonisatoren zu akzeptieren.”4

Abderrahim, mein Schwager, kommt aus Marokko, er kennt das Tuch, es ȴndet in Marokko der Ge- genwart kaum Verwendung. Seine Familie stammt ursprünglich von Berbern ab, aus der Nähe von Imsouane. Seine Mutter hat den Haik früher getragen, für ihn hat es immer bedeutet, dass seine Mutter ihren Körper versteckt und vor fremden Blicken schützt. Heute trägt sie es nicht mehr, es ist aus der Mode gekommen. Ein solches Tuch hat Fabian bei einer Wanderung in Marseille ver- wendet, um seinen Kopf vor der Sonne zu schützen. Normalerweise verwenden wir diese Tücher als Badetuch.

Slavoj Ŀiŀek schreibt in dem Buch Blasphemische Gedanken Islam und Moderne: „In dem Moment, in dem Frauen aufgrund ihrer freien individuellen Wahl einen Schleier tragen, verändert sich die Bedeutung dieses Schleiers um geradezu 180 Grad. Er ist dann kein Zeichen ihrer unmittelbaren substantiellen Zugehörigkeit zur muslimischen Gemeinschaft mehr, sondern ein Ausdruck ihrer idiosynkratischen Individualität, ihrer spirituellen Suche und ihres Protests gegen die Vulgarität des heutigen sexuellen Umgangs, oder aber eine politische Geste des Protests gegen den Westen. Eine Wahl ist stets eine Meta-Wahl, nämlich die Wahl der Art und Weise, wie die Wahl selbst vollzo- gen wird. Es ist eine Schande, einen Schleier zu tragen, weil man unmittelbar in eine substantielle Tradition eingebunden ist; es ist wiederum eine ganz andere Sache, einen Schleier nicht aus sub- stantieller Zugehörigkeit, sondern als Akt einer ethisch-politischen Entscheidung zu tragen.”5

So kann man Tücher immer wieder neu interpretieren, es ist möglich einem Tuch, welches eine traditionelle Verwendung hat oder eine bestimmte Bedeutung, durch die Art, wer es trägt oder wie es getragen wird in einen neuen Kontext zu setzen, oder Tüchern, welche an sich nur einen praktischen und ästhetischen Wert haben, eine Bedeutung zu geben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nora und Theo in Portugal während ihres Aufenthaltes im Hotel Casa das Penhas Douradas

Nora, Gil, Theo und der Burel

Nora und Gil haben einen Artikel in der Zeit gefunden über das tolle Hotel Casa das Penhas Douradas mitten in der Serra da Estrela, Portugals höchsten Gebirgszug. João war als Jurist erfolgreich, Isabel als Managerin bei Portugals größtem Handelskonzern. Nachdem das Hotel fertig war, kam die Sache mit dem Stoff hinzu.

Der Burel genannte Stoff wurde schon im Mittelalter mit einer aufwendigen Technik aus der Schaf- wolle der Serra da Estrela gewebt. Im 19. und 20. Jahrhundert stellten Dutzende Textilfabriken in den Bergtälern Burel her. Die Nachfrage war international, und die Bewohner der Serra hatten Jobs. Doch um die Jahrtausendwende mussten fast alle Fabriken durch die Konkurrenz aus Fernost schließen.

2010 engagierte Isabel einige Arbeiterinnen, die die alte Technik noch beherrschten, und ließ sie den Burel statt aus naturbelassenen Fäden aus bunt gefärbter Wolle weben. Nach den Entwürfen junger Designer aus Lissabon und Porto fertigten die Frauen dann aus dem Stoff Taschen, Portemonnaies, Kissenbezüge, Halsketten und Teppiche. Erst nur fürs Hotel. Dann präsentierte Isabel die Ware auch auf internationalen Messen und in einem Laden in Lissabon. Anfangs waren die Aufträge spärlich. Dann bestellte Microsoft eine große Menge Wandteppiche für die Zentrale in Portugal. Um den Großauftrag zu bewältigen, mieteten Isabel und João eine pleitegegangene Stofffabrik samt Maschinen und stellten ein Dutzend Arbeiterinnen an. Es waren die ersten Neueinstellungen in einer Stofffabrik in Portugal seit Langem.

Nora und Gil haben dort einen Schal gekauft, der grün und grau war, die Farben der Umgebung. Von den Steinen das Grau, das Moos und die Flechten waren das Grün. Seitdem begleitet sie der Schal auf jedem Urlaub, der etwas kühler ist. Auf Reisen nach Skandinavien oder Island und weil er so groß ist, ca. 200 mal 80 cm, verwenden sie den Schal auch oft als Decke, als Kuscheldecke, oder Theo, ihr Sohn, wird damit zugedeckt. Nora verbindet mit dem Schal den Urlaub in Portugal, aber auch diese Sehnsucht nach der Natur, die sich wiederspiegelt in den Farben des Schals. Er steht ihrem Freund und ihr sehr gut, weil dieses Grün eine Farbe ist, welche man in ihrer beider Augen wiederȴndet. Deshalb würde sie sich nie im Leben von diesem Schal trennen wollen.

Verantwortung der Designerin

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Textiles Zentrum Haslach, Spulen und Jaquard-

maschine URL: http://www.textiles-zentrum-haslach.at// haslach-als-weberort

Lokale Produktion

Ein wichtiger Punkt ist die Produktion im Textildesign. Ich will mich auf die lokale Produktion fokussieren und somit die Strukturen nutzen, welche mich umgeben und einen direkten Austausch mit den Produzenten gewährleisten.

Im Zuge dieser Zusammenarbeit wollte ich als Designerin und Textilkünstlerin entdecken, für welchen Markt man produziert, wie man produziert, welche ökonomische, politische Verantwortung man als Designerin hat.

Ich habe mit dem Textilen Zentrum Haslach zusammengearbeitet, welches über eine sehr gute Ausstattung verfügt und über viel wertvolles Wissen.

Herstellung von Tüchern und meine Familie

Meine Familie aus Österreich hat eine jahrhundertelange Tradition in der Textilindustrie. In Tirol hat das Geschäft begonnen, als ein Vorfahre, Johann Baur, nach Innsbruck zog, da damals Maria Theresia das Handwerk und die Wirtschaft förderte. Damals bekamen ausgewählte Kauf- und Handelsleute unter anderem einen Webstuhl als Startkapital, um sich ein eigenes Unternehmen aufbauen zu können. Unter diesen Personen war auch Johann Baur. In der Familienchronik der Familie Baur steht: „ … um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist ein wirtschaftlicher Stillstand in der Gegend Lauingen eingetreten, sodass die Heimat für den jungen strebsamen Lodenweber Johann Baur keinen Verdienst mehr hatte. Aber da Österreich mit seiner klugen Kaiserin nach tüchtigen Gewerbetreibenden rief, machte er sich mit der Aussicht auf einige Privilegien auf, zog in die Berge nach Tirol und hat in Sterzing dann sein Glück gemacht.“6

Meine Mutter hat uns immer sehr stolz erzählt, wie damals Johann Baur in Innsbruck mit diesem Webstuhl seine Stoffe gewebt hat, um diese dann mit einem Leiterwagen aus Holz zu Fuß über den Brennerpass zu karren und dort zu verkaufen. Dieses Bild ist sehr einprägsam für mich ge- wesen. Später hat meine Familie die Weberei verkauft und nur mehr Trachten gefertigt unter dem Namen Lodenbaur. Ich war damals immer in der Näherei nach der Schule und war schon von Klein auf umgeben von Stoffen, Stickereien und lustigen Schneiderinnen. Das hat mich beeinȵusst und unter anderem deshalb habe ich eine Leidenschaft für Stoffe.

Textiles Zentrum Haslach

„Die ehemals renommierte Textilfabrik Vonwiller gilt als ein Wahrzeichen von Haslach. Wunderbare Jacquardgewebe, die in diesem Betrieb erzeugt wurden, wurden schon vor 1900 in aller Herren Länder exportiert. Neben der Firma Simonetta in Helfenberg war Vonwiller der zweite Großbetrieb des oberen Mühlviertels, eingebettet in eine kleinbetriebliche Struktur, der Hunderte Menschen beschäftigte und das Leben im Ort in vielen Belangen veränderte. Heute hat sich die Weberei in ein Museum und textiles Zentrum gewandelt und bewahrt in diesem Sinne die Tradition des Ortes und gibt das Wissen weiter.”7

DesignerInnen, Verwendungen von Tüchern und deren Bedeutungen

Blanket Scarves

Blanket Scarves sind für mich sehr vielseitig. Sie sind groß, halten warm, schützen vor Sonne, man kann sich darauf setzen oder sie als Sonnensegel umfunktionieren. Es hat eine große Fläche, um ein Bild zu zeigen, nach außen zu tragen. Große Tücher ȴndet man überall auf der Welt in Indien, Südamerika, Afrika, Europa, es ist etwas Verbindendes und individuell. Tücher können Geschichten erzählen von Erlebtem oder durch das Design, welches sie tragen etwas Bestimmtes symbolisieren. In den letzten Jahren sind große Tücher sehr in Mode gekommen, sie lassen sich gut kombinieren und sie bieten Schutz und Individualität.

Formation

Unter dem Namen Formation hat die Designakademie Eindhoven eine Kollaboration zwischen der italienischen Textilgesellschaft von Como, Italien, mit einer Auswahl an ehemaligen Absolvent- en initiiert.

Sie wurden eingeladen, mit Seterie Argenti, einem Familiengeschäft zusammenzuarbeiten, die im Digitaldruck auf Textilwaren spezialisiert sind. Da die Gesellschaft eine lange Geschichte in der Textilindustrie hat, verfügt sie über ein riesiges Archiv von Drucken und Stoffen, einschließlich Arbeiten für internationale Modelabels. Die DesignerInnen haben sich gefragt, wie man eine passende Interpretation zu einer solch reichen Geschichte beiträgt. Eine Auswahl an vom Archiv genommenen Drucken bildet die Basis für die sich überlagernden Gewebe, um ein neues Image mit den alten Drucken zu scha΍en. Die designten Schichten werden aus geometrischen, bunten Dessins, welche nach 64 cm dichter werden, kreiert. Jede neue Wiederholung fügt eine ande- re Schicht hinzu, bis die niedrigste Schicht fast völlig bedeckt wird. Die Endergebnisse wurden während des Textilwochenendes ComOn bei Villa del Grumello in Como, Oktober 2008, präsen- tiert. Seterie Argenti ist ein historisches italienisches Textilunternehmen mit Sitz in Como, dem Kern der Seidenindustrie Italiens. Seit mindestens fünf Generationen ist es in Besitz der Familie Argenti, dann Familie Vigan´ geworden. Die Produktion reicht von Uni-Stoffen mit innovativen Ausrüstungen, zu garngefärbten Jacquards bis auf Drucke, Injekt sowie klassisch.

Index Collection - Blankets

Das Textile Lab, Niederlande, hat das Indexieren der Farbe in der Technik des Webens als Aus- gangspunkt für diese Forschung genommen. Die Indexsammlung ist eine Reihe von Geschir- rtüchern und Decken. Die Gesamtsammlung besteht aus 3 verschiedenen Farbserien. Jede Reihe folgt demselben Verfahren, von Monotone über Duotone, zu Multitone, mit der ersten Schat- tierung die Führung übernehmend, und ein neuer Ton wird im folgenden Schritt hinzugefügt. Der ȆIndex’ wird besonders dafür entworfen, um die Menge der Farbe innerhalb jeder Oberȵäche durch den Gebrauch von Quadraten zu übersetzen, die 10 % bis 100 % darstellen. Das Projekt wird zum ersten Mal bei Dutch Invertuals präsentiert, was ein Kollektiv von individuellen De- signerInnen ist, die immer auf der Suche nach den Grenzen ihres Berufs sind. Sie präsentieren Stücke, die ihre zeitgenössischen Gesichtspunkte in Bildern, Objekten, Materialien, Einblicken und Geschichten widerspiegeln.

[...]


1 Flusser, Vil é m (1992), Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit, Düsseldorf, Bensheim, S.247- 264

2 2Album Black Diamond (2008), Buraka Som Sistema, Kalemba (Wegue Wegue). https://genius.com/Buraka-som-sistema-aqui-para-voces4yrics

3 Vgl.: Where Some See Fashion, Others See Politics. New York Times, 11. Februar 2007

4 Fanon, Frantz, Sociologie d’une révolution (L’An V de la Révolution algérienne), Éditions F. Maspero, Petite collection n° 28, Paris, 1959, S. 175

5 Ŀiŀek, Slavoj, (2015), Blasphemische Gedanken Islam und Moderne, Verlag: Ullstein, Berlin, S.22

6 Anonym (1980), Baur’sche Familienchronik S.112

7 Textiles Zentrum Haslach (2016) URL: http://www.textiles-zentrum-haslach.at//haslach-als-weberort

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
mes racines en l’air. Tuchkollektion in Digitaldruck und Jacquard
Hochschule
Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz - Kunstuniversität Linz  (Textil·Kunst·Design)
Note
mit Auszeichnung bestanden
Autor
Jahr
2016
Seiten
75
Katalognummer
V351749
ISBN (eBook)
9783668396135
ISBN (Buch)
9783668396142
Dateigröße
10639 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Textil, Design, Jacquard, Digitaldruck
Arbeit zitieren
Nathalie Pelet (Autor:in), 2016, mes racines en l’air. Tuchkollektion in Digitaldruck und Jacquard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351749

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