Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Aktion T4 des NS-Staates im Sommer 1941. Besonders wird die Rolle des Protestes von Kardinal von Galen in den Blick genommen und zwei seiner Predigten genauer analysiert.
Was heute unter Aktion T4 verstanden wird, ist die systematische Ermordung von rd. 70.000 geistig und körperlich behinderten Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Ermordungen wurden unter den Überschriften „Euthanasie“ bzw. „Aktion Gnadentod“ durchgeführt. Die in der Nachkriegszeit für diese Aktion der Nationalsozialisten benutzte Bezeichnung Aktion T4 ist abgeleitet worden aus dem Sitz der Leitung der Verantwortlichen, nämlich in Berlin in der Tiergartenstr. 4.
Nicht nur rassenhygienische Vorstellungen sondern auch kriegswirtschaftliche Erwägungen dürften den Beschluss zur Ermordung „unwerten Lebens“ zugrunde gelegen haben.
Nach ersten kirchlichen Protesten gegen die seit dem Jahr 1940 laufende Aktion wurde sie nicht mehr in aller Öffentlichkeit sondern versteckt und mehr dezentral durchgeführt. Die Aktion wurde erst durch das Kriegsende im Mai 1945 tatsächlich beendet. In diesem Zusammenhang muss auch das Verhältnis der Kirche zum nationalsozialistischen Staat betrachtet werden. Es stellt sich außerdem die Frage wie im Zusammenhang mit der Kirche der Begriff des Widerstands zu behandeln ist. Hierzu muss veranschaulicht werden, wie diese Begrifflichkeit in der Forschung behandelt wird. Doch die Euthanasie traf in der Bevölkerung auf Widerstand. Hier ist vor allem der Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen zu nennen. Durch seine bekannten Kanzelproteste aus dem Sommer 1941 erwirkte er einen augenscheinlichen Stopp der Euthanasie. Hierzu sollen die Predigten vom 20. Juli 1941 und vom 3. August 1941 analysiert werden. Letztlich stellt sich die Frage ob sich Bischof von Galens Protest ihn als einen Widerstandskämpfer klassifiziert. In der Forschung ist das Handeln von Galens immer wieder ausführlich besprochen worden. Hervorzuheben ist hier der Sammelband Streitfall Galen aus dem Jahr 2007, worin Aspekte wie von Galens Widerstand und auch Verhältnis zum Nationalsozialismus in Aufsätzen verschiedener Historiker diskutiert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Aktion T4
2.1 Die Planung der Aktion T4
2.2 Rechtliche Legitimation
2.3 Durchführung der Aktion T4
2.4 Einstellung der Aktion T4
3. Kirche und Widerstand im Nationalsozialismus
3.1 Kirche im Nationalsozialismus
3.2 Kirche und Widerstand
4. Bischof Clemens August Graf von Galen
4.1 Anfänge von von Galens Protest
4.2 Bischof von Galens Kanzelproteste
4.2.1 Predigt in der Überwasserkirche zu Münster am 20. Juli 1941
4.2.2 Predigt in der Lambertikirche zu Münster am 03. August 1941
5. War von Galen ein Widerstandskämpfer?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis der katholischen Kirche zum nationalsozialistischen Regime, insbesondere im Kontext der systematischen Ermordung geistig und körperlich behinderter Menschen, bekannt als „Aktion T4“. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, ob die öffentlichen Proteste des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen – im Speziellen seine Kanzelpredigten von 1941 – als aktiver Widerstand gegen das NS-Regime klassifiziert werden können oder ob sie als bloßer Protest im Rahmen einer seelsorglichen Selbstbehauptung zu werten sind.
- Historische Aufarbeitung der „Aktion T4“ und deren rechtliche sowie organisatorische Hintergründe
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen katholischer Kirche und nationalsozialistischem Staat
- Detaillierte Betrachtung der Kanzelproteste von Bischof von Galen im Sommer 1941
- Kritische wissenschaftliche Einordnung von „Protest“ versus „Widerstand“ anhand theoretischer Stufenmodelle
- Untersuchung der Motive von Galens gegenüber der NS-Ideologie und staatlichen Repressionen
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Predigt in der Lambertikirche zu Münster am 03. August 1941
Die Predigt vom 3. August 1941 ist die wohl bekannteste Predigt des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen gegen die Euthanasie. Für die Bedeutsamkeit der Predigt spricht auch der Ort an dem sie gehalten wurde.
Jedoch muss hier erwähnt werden, dass die deutschen Bischöfe bereits in einem am 6. Juli 1941 öffentlich verlesenen Hirtenbrief die Euthanasie angesprochen hatten. Darin erklärten die Bischöfe: „Nie unter keinen Umständen darf der Mensch außerhalb des Krieges und der gerechten Notwehr einen Unschuldigen töten.“
Einzig Bischof von Galen hatte nach der Verlesung in Münster ergänzend hinzugefügt, dass es sich bei der Tötung Kranker um eine „furchtbare Lehre“ handeln würde. Die Ergänzung von Galens beinhaltete, dass „seit einigen Monaten hören wir Berichte, daß aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt wer- den. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben.“ Der Rechtslage nach fiele die vorsätzliche Tötung eines Menschen unter den § 211 des Reichsstrafgesetzbuches. So machte er klar, dass er selbst bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen Mordes erstattet habe, als er vom geplanten Abtransport von Kranken aus dem Kloster Marienthal erfuhr. Dazu verlas Galen den exakten Wortlaut, den er bei der Staatsanwaltschaft eingereicht hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert die „Aktion T4“ als systematische Ermordung behinderter Menschen und skizziert die Fragestellung nach der Rolle des bischöflichen Widerstands.
2. Die Aktion T4: Dieses Kapitel erläutert die Planung, die bürokratische Durchführung, die rechtliche Legitimationsbasis sowie die Gründe für die Einstellung der „Aktion T4“.
3. Kirche und Widerstand im Nationalsozialismus: Hier wird der Konflikt zwischen der katholischen Kirche und dem NS-Regime sowie die theoretische Definition des Widerstandsbegriffs im Kontext eines asymmetrischen Herrschaftssystems beleuchtet.
4. Bischof Clemens August Graf von Galen: Dieser Abschnitt widmet sich der Person von Galens, seiner Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und der detaillierten Analyse seiner Protestpredigten im Sommer 1941.
5. War von Galen ein Widerstandskämpfer?: Das Fazit beantwortet die Forschungsfrage unter Anwendung eines Stufenmodells und kommt zu dem Schluss, dass von Galens Handeln als öffentlicher Protest, nicht als Widerstandskampf zu werten ist.
Schlüsselwörter
Aktion T4, Nationalsozialismus, Katholische Kirche, Clemens August Graf von Galen, Euthanasie, Widerstand, Protest, Kanzelpredigten, NS-Regime, Rassenhygiene, Zivilcourage, Bischof, Glauben, Gewissen, Vernichtung lebensunwerten Lebens.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wirken des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen während der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere seinen öffentlichen Protest gegen die nationalsozialistischen Euthanasie-Morde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die nationalsozialistische „Aktion T4“, die Rolle der katholischen Kirche als moralische Instanz im „Dritten Reich“ und die historische Einordnung von kirchlichem Protest.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob das Handeln von Galens, speziell seine Predigten von 1941, wissenschaftlich als Widerstand gegen das NS-Regime eingestuft werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die Primärquellen (Predigten) und Sekundärliteratur auswertet und diese anhand eines theoretischen Stufenmodells für Widerstand und Opposition einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Aufarbeitung der T4-Aktion, das Verhältnis der Kirche zum NS-Staat sowie eine detaillierte Analyse der Kanzelproteste von 1941 in Münster.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Euthanasie, Widerstandsbegriff, Kanzelproteste, NS-Ideologie und Clemens August Graf von Galen.
Warum wird von Galens Protest nicht als klassischer Widerstand eingestuft?
Da von Galen zwar öffentlich gegen Unrecht protestierte, aber ein gewaltbereites Einschreiten gegen das Regime sowie eine Beteiligung an aktiven Umsturzgruppen aus religiöser Überzeugung ablehnte.
Welche Rolle spielten die Predigten vom Sommer 1941?
Sie dienten als wirkmächtige öffentliche Anklage gegen die Euthanasie-Verbrechen, die kurzzeitig zu einem Stopp der Aktionen führte und den Ruf von Galens als „Löwe von Münster“ festigte.
Wie reagierte das NS-Regime auf Bischof von Galen?
Das Regime scheute aus Sorge vor Unruhen in der Bevölkerung vor einer direkten Verhaftung von Galens zurück und wählte stattdessen Repressalien gegen seinen Klerus.
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- Julia T. (Autor), 2015, Kirche und Widerstand im Nationalsozialismus. Bischof Clemens August Graf von Galen und die Aktion T4, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351791