Pierre Nora und das Konzept des „Erinnerungsorts“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Entwicklungen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im 20. und 21. Jahrhundert

3. Pierre Nora und das Konzept des „Erinnerungsorts“
3.1 Autobiographische Aspekte
3.2 Geschichte vs. Gedächtnis
3.3 Eine Definition der lieux de mémoire
3.4 Die Grenzen der lieux de mémoire - eine Kritik

4. Erinnerungsorte aus geographischer Perspektive
4.1 Themenorte
4.2 Emotionale Ortsbezogenheit und atmosphärische Ortsqualitäten

5. Schluss

Bibliographie

1. Einleitung

Bei rein theoretischen Arbeiten, wie die hier vorliegende ebenso eine ist, stellt sich für die sie Verfassenden oftmals die Frage, welchen Nutzen diese erfüllen, welchen Mehrwert sie haben. Umso mehr stellt sich diese Frage des Mehrwerts jedoch, wenn klar ist, dass die Arbeit von den Mitstudierenden ebenso gelesen werden wird, denn so entsteht doch das Bedürfnis mehr als eine verkürzte, in gut verdaubare Happen heruntergebrochene Darstellung eines theoretischen Konzepts abzuliefern, welche auch in Einführungswerken oder Handwörterbüchern gefunden werden kann. Irgendwie will es geschafft werden, obwohl es im Grunde hauptsächlich um eine Reformulierung und Paraphrasierung der Ausführungen und Gedanken anderer geht und darum diese in Bezug zueinander zu setzen, auch selbst zu sprechen.

Doch was ist überhaupt Thema dieser Arbeit? Wie der Titel schon verrät, kreisen die folgenden Ausführungen um Pierre Noras Konzept der lieux de mémoire und versuchen dieses aus der Geschichtswissenschaft stammende Modell mit dem Fach der Geographie in Verbindung zu bringen . Im Deutschen finden sich für den Begriff der lieux de mémoire unterschiedliche Bezeichnungen: Erinnerungsorte, Gedächtnisorte oder Orte der Erinnerung. Der Begriff des Orts ist in Noras Modell - so viel sei hier vorweg genommen - jedoch nicht als absolut zu verstehen, sondern als Ort in einem Raum zu begreifen. Dieses Ortsverständnis stellt ferner einen wichtigen Kontaktpunkt zwischen den lieux de mémoire und der Geographie dar, in welcher der Begriff des Raums eine zentrale Rolle spielt.

Im Zuge einer Verortung von Noras Ansatz im wissenschaftlichen Diskurs wird zu Beginn zunächst auf die Entwicklungen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im 20. und 21. Jahrhundert eingegangen werden. Anschließend wird Pierre Noras Modell der Erinnerungsorte näher behandelt werden. In diesem Zusammenhang soll deutlich gemacht werden, dass Noras neue Form der Geschichtsschreibung Produkt bestimmter räumlicher, zeitlicher und sozialer Gegebenheiten ist. Abschließend wird versucht, die Brücke zur (Kultur-)Geographie zu schlagen, wobei einerseits ein Bezug auf die bereits stattgefundene Rezeption des Konzepts hergestellt wird; andererseits soll diskutiert werden, inwiefern geographische Herangehensweisen an das soziale Phänomen des Erinnerns bereichernd für weitere Untersuchungen im Feld der Erinnerungsforschung sein können.

2. Entwicklungen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im 20. und 21. Jahrhundert

Jede wissenschaftliche Arbeit beginnt mit einer Literaturrecherche – es wird zunächst erkundet, was zum im Zentrum der Forschung stehenden Phänomen schon festgehalten wurde. Bei einer Recherche dieser Art zum Bereich der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung folgt rasch die Feststellung, dass sich seit den 1980er und 1990er Jahren VertreterInnen unterschiedlichster Disziplinen mit dem Phänomen befasst haben (vgl. Erll 2011). Dieses multidisziplinäre Interesse, welches Disziplinen wie die Geschichte, Psychologie oder Soziologie miteinschließt, liegt wohl darin begründet, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem Erinnerungs- und Gedächtnisphänomen, um nichts Geringeres geht als eine Antwort auf die anthropologische Grundfragestellung nach dem Umgang des Menschen mit der Zeiterfahrung zu finden. Entscheidend ist jedoch, dass keine der involvierten Disziplinen eine Monopolstellung eingenommen hat (Assmann 1999, S. 16).

Vor allem haben aber die Geistes- und Kulturwissenschaften das Thema des „Erinnerns“ und des „Gedächtnisses“ für sich entdeckt. So stellt der Historiker Klaus Große-Kracht (1996, S. 21) etwa für die Geschichtswissenschaft fest, dass HistorikerInnen „neben einer Geschichte, die geschieht, auch eine Geschichte, derer man gedenkt “ für sich entdeckt haben. Sie interessieren sich nicht mehr nur für das Geschehene sondern auch für die Imaginationen des Geschehenen bzw. die Erinnerung an das Geschehene. Für Heidemarie Uhl (2004, S. 139f) liegt diese Hinwendung zum Thema des Erinnerns und der Rolle des Gedächtnisses grundlegend in einem die Gesellschaft erfassenden Perspektivenwechsel begründet. Demnach baut die Gesellschaft ihr Orientierungswissen und ihre Erwartungshorizonte nicht mehr länger auf utopischen und von Optimismus überstrahlten Zukunftsvorstellungen auf, sondern stiftet ihre Identität und ihren Zusammenhalt basierend auf ihren Erfahrungen der Vergangenheit oder, besser gesagt, ihren gemeinsamen Erinnerungen an die Vergangenheit. Bezugnehmend auf Erll (2011, S. 3f) muss aber noch auf drei weitere Faktoren hingewiesen werden. Zunächst wären dies historische Transformationsprozesse, wie das Ende des Kalten Krieges, der Übergang zur Demokratie von ehemals diktatorischen Ländern, die Erinnerung an die Schoah, die Globalisierung, das Phänomen der Migration sowie der Dekolonialisierung, welche alle das Bedürfnis und Interesse nach gesellschaftlicher Erinnerungsarbeit wecken. Als zweiten Faktor nennt Erll (ebd.) den Wandel der Medientechnologien, welcher neue Möglichkeiten der Speicherung der Vergangenheit bietet, und die Wirkung der Medien, die etwa durch semi-fiktionale Kinofilme, Historienfilme oder TV-Dokumentationen die Vergangenheit auf ihre Art und Weise repräsentiert. Abschließend führt Erll (ebd., S. 4) als dritten Punkt die geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Dimension an, weil sie den Boom des Gedächtnisdiskurses als eine Konsequenz der postmodernen Geschichtsphilosophie und des Poststrukturalismus sieht:

„Die Einsicht in die wirklichkeitskonstituierende Kraft von Repräsentation und in die Geformtheit der Geschichtsschreibung, die Rede vom >Ende der Geschichte< (Francis Fukuyama) oder doch zumindest vom >Ende der Großen Erzählungen< (Jean-François Lyotard) haben Vorstellungen von Geschichte als monolithischem >Kollektivsingular< (Reinhart Koselleck), als objektiv Gegebenem oder als Prozess der teleologischen Progression unterhöhlt.“ (ebd., Hervorh. im Orig.)

Doch drehen wir das Rad noch einmal zurück zu den Anfängen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im 20. Jahrhundert. Einen entscheidenden Beitrag zur theoretischen Fundierung des Forschungsgebiets leistete schon in den 1920er und 1930er Jahren der französische Soziologe Maurice Halbwachs. Mit seinem Konzept des kollektiven Gedächtnisses, der mémoire collective, war Halbwachs seiner Zeit allerdings voraus. Dies spiegelt sich darin wider, dass seine theoretischen Ausführungen erst rund fünfzig Jahre später ausführlich rezipiert wurden bzw. in den wissenschaftlichen Diskurs im Zuge des Erinnerungsbooms wieder Eingang fanden (vgl. Cornelißen 2003, S. 551). Das Interessante an Halbwachs Konzept in Zusammenhang mit dem eigentlich geschichtswissenschaftlichen Kernthema dieser Arbeit, Noras lieux de mémoire, ist, dass Halbwachs (1967) zwischen kollektiven Gedächtnis und Geschichte unterscheidet. Während die Geschichte außerhalb der Gruppe und über ihr steht und zeitlich weit in die Vergangenheit zurückgehen kann, ist das kollektive Gedächtnis

„[…] eine kontinuierliche Denkströmung – von einer Kontinuität, die nichts Künstliches hat, da sie von der Vergangenheit nur das behält, was von ihr noch lebendig und fähig ist, im Bewußtsein [sic!] der Gruppe, die es unterhält, fortzuleben.“ (ebd., S. 68)

Aber auch aus geographischer Perspektive kann eine Auseinandersetzung mit Halbwachs‘ mémoire collective bereichernd sein. Denn immerhin konstatiert er, dass kein kollektives Gedächtnis sich außerhalb eines räumlichen Rahmens bewegt (vgl. ebd., S. 142). So steht für Halbwachs jegliche Tat einer Gruppe oder kollektive Tätigkeitsart in irgendeiner Relation zum Teil eines Raumes, denn an diese Teile des Raumes ist unser Denken angewiesen, wenn bestimmte Sachverhalte, Momente oder Erlebnisse in Erinnerung gerufen werden sollen (vgl. ebd.).

Weiterentwickelt wurde Halbwachs‘ Konzept entscheidend von den beiden Ägyptologen Jan und Aleida Assmann. So greift Aleida Assmann die im obigen Zitat von Halbwachs angedeutete Veränderlichkeit der Inhalte des kollektiven Gedächtnisses auf, denn dieses muss, wie sie festhält, „immer neu ausgehandelt, etabliert, vermittelt und angeeignet werden“ (1999, S. 19). Die jeweilige Rekonstruktion der Vergangenheit wird dabei sowohl von gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen sowie dem Abrufzeitpunkt determiniert, als auch von den zur Disposition stehenden Kommunikationsmedien und Aufzeichnungstechniken beeinflusst (vgl. ebd., S. 21).

Jan Assmann (2007[6]) prägte in Anlehnung an Halbwachs’ kollektives Gedächtnis hingegen zwei neue Begriffe: das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis. Beim kommunikativen Gedächtnis handelt es sich um ein Produkt der Interaktion von Individuen, welches von Generation zu Generation weitergegeben wird. Es vergeht, wenn die TrägerInnen, die es verkörpern, ableben. Im typischen Fall reichen die Erinnerungen des kommunikativen Gedächtnisses also rund drei Generation, also rund achtzig bis einhundert Jahre zurück. Somit verkörpert das kommunikative Gedächtnis, berücksichtigt man den in die Vergangenheit hineinragenden Zeitraum, welches es umfasst, jenen Erfahrungshorizont, welcher mit der Methode der Oral History erforscht werden kann (vgl. ebd., S. 50f). Bei dieser Methode wird versucht aus einer anderen Perspektive auf die Vergangenheit zu blicken, indem ZeitzeugInnen ihre Version der Geschichte erzählen können. Diese Form der Erforschung der Vergangenheit ist besonders für herrschaftskritische Bewegungen von Relevanz, denn würde es diese von unten erzählte Geschichte nicht geben, würde auf die Vergangenheit immer noch nur durch den Filter der offiziellen in der Macht stehenden Institutionen und Organisationen geblickt werden (vgl. Klee 2006).

Im Gegensatz dazu handelt es sich bei TrägerInnen des kulturellen Gedächtnisses in Assmanns Konzeption um zur Festhaltung des Wissens bevollmächtigte Personen, wie SchamanInnen, PriesterInnen oder LeherInnen. Ein weiterer grundlegender Unterschied zwischen kommunikativen und kulturellen Gedächtnis ist, dass letzteres tendenziell schriftlich festgehalten wird. Das kulturelle Gedächtnis wird demnach nicht einfach so von Person zu Person mündlich tradiert, sondern dessen Weitergabe wird von einer Autoritätsinstanz kontrolliert (vgl. Assmann 2007[6], S. 54f). Die Polarität von kommunikativen und kulturellen Gedächtnis entspricht daher jener von Alltag und Fest. Denn während das kommunikative Gedächtnis ein gewachsenes Produkt darstellt, zeichnet sich das kulturelle Gedächtnis durch einen hohen Grad an Konstrukthaftigkeit aus (vgl. ebd., S. 56). Diese von Assmann vorgenommene Unterscheidung ist zwar durchaus nachvollziehbar, doch in der Realität können sich kommunikatives und kulturelles Gedächtnis genauso überlappen. Cornelißen (2003) entgegnet dieser Schwierigkeit der Differenzierung der beiden Gedächtnisformen in der Forschungsarbeit, indem er versucht neue Herangehensweisen an das Gedächtnis- und Erinnerungsphänomen zu finden. Konkret schlägt Cornelißen (vgl. ebd., S. 556ff) fünf unterschiedliche Zugangsweisen bzw. Forschungsfelder vor, deren Untersuchung es ermöglicht die Geschichte des Erinnerns systematisch zu rekonstruieren: (1) soziale Rahmenbedingungen des Erinnerns, also etwa die Frage, inwiefern die von den politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten formulierten Repräsentationen der Vergangenheit in den einzelnen gesellschaftlichen Gruppen anerkannt oder abgelehnt wurden; (2) Generationelle Aspekte, weil jede Generation ihre eigenen Vergangenheitsdeutungen hat, wie sich beispielsweise in der Geschichte der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland zeigt; (3) Nation und Erinnerung, wobei hier von Interesse ist, inwiefern die Konstruktion gemeinsamer Erinnerungen zur Herausbildung von Nationalstaaten und nationalstaatlichen Identitäten gedient hat bzw. nach wie vor dient; (4) Ideologien und Religionen, da insbesondere vor dem Aufkommen des Nationalismus religiöse Einstellungen als kulturelle Deutungsmuster fungierten, wobei sich hier die Frage stellt, welchen Einfluss diese heute haben bzw. inwieweit bestimmte ideologische oder religiöse Ausrichtungen Einfluss auf die Erinnerungs- und Vergessenspolitik eines Landes nehmen bzw. in der Vergangenheit genommen haben; (5) Medien, also den Blick auf die unterschiedlichen Formen der Vergangenheitsdeutungen in Kunst, Literatur, Fotographie, Film, Museen oder auch in den Geschichtswissenschaften zu richten und danach zu fragen, welche Medien für die Festschreibung der kollektiven Erinnerung einer Gemeinschaft besonders bedeutend sind bzw. waren.

Cornelißen (2003) deckt also ein sehr breites Spektrum an Themenbereichen und relevanten Aspekten ab, welches es erlaubt ein buntes Bild der Erinnerungs- und Gedächtniskultur einer Gesellschaft zu malen, weil vielen Stimmen die Möglichkeit eröffnet wird, zu sprechen und gehört zu werden. Im Grunde lassen sich hier Parallelen zu Pierre Nora erkennen, denn auch dieser verfolgte das Ziel eine polyphone Gedächtnislandschaft Frankreichs zu entwerfen. Allerdings näherte er sich der Vergangenheit inspiriert von der antiken Mnemotechnik, welche Merkhilfen zur Verbesserung des Speicherns und Behaltens von Information entwickelte, über den Begriff des Ortes an (vgl. Nora 1990a, S. 7). Hierin lässt sich auch wieder eine Verbindung zwischen Halbwachs und Nora herstellen, denn beide sahen die Erinnerung als ein räumlich verortetes Phänomen an. Das folgende Kapitel wird Noras Konzept der lieux de mémoire genauer vorstellen und auch den Kontext beleuchten, in welchem dieses entstanden ist.

[...]

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Details

Titel
Pierre Nora und das Konzept des „Erinnerungsorts“
Hochschule
Universität Passau  (Philosophische Fakultät, Lehrstuhl für Anthropogeographie)
Veranstaltung
Hauptseminar Erinnern aus kulturgeographischer Perspektive
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V351835
ISBN (eBook)
9783668381872
ISBN (Buch)
9783668381889
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geographie, Erinnerungsorte, Pierre Nora, lieux de memoire, Erinnern, Vergessen, Themenorte, Lossau, Atmosphärenwissenschaft, Phänomenologische Ansätze der Geographie, Frankreich, KOllektives Gedächtnis, Gedächtnisorte, kulturelles Gedächtnis, Maurice Halbwachs, Jan Assmann, GEschichtswissenschaft, Nationalgedächtnis, Geschichtsschreibung, Orte der Erinnerung, Erinnerungskultur
Arbeit zitieren
Eva Schöttl (Autor), 2016, Pierre Nora und das Konzept des „Erinnerungsorts“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351835

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