Wie der Titel schon verrät, kreisen die folgenden Ausführungen um Pierre Noras Konzept der ‚lieux de mémoire‘ und versuchen dieses aus der Geschichtswissenschaft stammende Modell mit dem Fach der Geographie in Verbindung zu bringen. Im Deutschen finden sich für den Begriff der ‚lieux de mémoire‘ unterschiedliche Bezeichnungen: Erinnerungsorte, Gedächtnisorte oder Orte der Erinnerung. Der Begriff des Orts ist in Noras Modell – so viel sei hier vorweg genommen – jedoch nicht als absolut zu verstehen, sondern als Ort in einem Raum zu begreifen. Dieses Ortsverständnis stellt ferner einen wichtigen Kontaktpunkt zwischen den ‚lieux de mémoire‘‘ und der Geographie dar, in welcher der Begriff des Raums eine zentrale Rolle spielt.
Im Zuge einer Verortung von Noras Ansatz im wissenschaftlichen Diskurs wird zu Beginn zunächst auf die Entwicklungen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im 20. und 21. Jahrhundert eingegangen werden. Anschließend wird Pierre Noras Modell der Erinnerungsorte näher behandelt werden. In diesem Zusammenhang soll deutlich gemacht werden, dass Noras neue Form der Geschichtsschreibung Produkt bestimmter räumlicher, zeitlicher und sozialer Gegebenheiten ist. Abschließend wird versucht, die Brücke zur (Kultur-)Geographie zu schlagen, wobei einerseits ein Bezug auf die bereits stattgefundene Rezeption des Konzepts hergestellt wird; andererseits soll diskutiert werden, inwiefern geographische Herangehensweisen an das soziale Phänomen des Erinnerns bereichernd für weitere Untersuchungen im Feld der Erinnerungsforschung sein können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklungen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im 20. und 21. Jahrhundert
3. Pierre Nora und das Konzept des „Erinnerungsorts“
3.1 Autobiographische Aspekte
3.2 Geschichte vs. Gedächtnis
3.3 Eine Definition der lieux de mémoire
3.4 Die Grenzen der lieux de mémoire - eine Kritik
4. Erinnerungsorte aus geographischer Perspektive
4.1 Themenorte
4.2 Emotionale Ortsbezogenheit und atmosphärische Ortsqualitäten
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das geschichtswissenschaftliche Konzept der „lieux de mémoire“ von Pierre Nora und erörtert dessen Übertragbarkeit sowie Anknüpfungspunkte an das Fach der (Kultur-)Geographie. Ziel ist es, das Verständnis von Erinnerungsorten durch räumliche Perspektiven zu erweitern und die Bedeutung der Aura von Orten im Kontext des kollektiven Gedächtnisses zu beleuchten.
- Theoretische Grundlagen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung
- Analyse des Konzepts der „lieux de mémoire“ bei Pierre Nora
- Verknüpfung von Geschichtswissenschaft und Geographie
- Diskussion von Themenorten und räumlicher Konstruktion von Erinnerung
- Bedeutung von Atmosphären und emotionaler Ortsbezogenheit
Auszug aus dem Buch
3.3 Eine Definition der lieux de mémoire
Nora belässt es in seinen Ausführungen zum Gegensatzpaar Geschichte und Gedächtnis allerdings nicht dabei den Untergang des Gedächtnisses der französischen Nation bloß zu diagnostizieren. Der Historiker will mit seinem Gesamtwerk schlussendlich dazu beitragen, diese offene Wunde mit dem Konzept der lieux de mémoire zu heilen. Konkret versucht er mit den lieux de mémoire die Vergangenheit des Landes in die Gegenwart einer - wie Nora (1990b) sie skizziert - gedächtnis-/geschichtslosen Generation wieder einzufügen.
Für Nora zeichnen sich die lieux de mémoire dadurch aus, dass sie zwischen Geschichte und Gedächtnis stehen, sie sind beides: lebendig und tot (vgl. ebd., S. 18). Sie sind so etwas wie Überreste des nach Noras Sichtweise dem Untergang geweihten gemeinsamen Erinnerungsschatzes, welcher die französische Nation lange Zeit wie ein Band zusammenhielt. Die lieux de mémoire kommen zum Vorschein, weil es keine milieux de mémoire mehr gibt, so der vielzitierte Satz aus Noras Werk (vgl. ebd., S.11). Es gibt in Frankreich also in der Ansicht Noras keinen sozialen Kontext der gemeinsamen Erinnerung mehr. Genauer gesagt geht Nora ex ante davon aus, dass es diesen vorab gegeben hat und jetzt nicht mehr gibt. Er will im Endeffekt den Wandel, welches die kollektive Erinnerung Frankreichs durchläuft, nicht anerkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie Noras historisches Modell der Erinnerungsorte mit geographischen Raumkonzepten verbunden werden kann.
2. Entwicklungen der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung im 20. und 21. Jahrhundert: Dieses Kapitel zeichnet den multidisziplinären Boom der Gedächtnisforschung nach und diskutiert die Konzepte von Maurice Halbwachs sowie Jan und Aleida Assmann.
3. Pierre Nora und das Konzept des „Erinnerungsorts“: Hier wird Noras Theorie detailliert analysiert, wobei besonders die autobiographischen Hintergründe, die Differenz zwischen Geschichte und Gedächtnis sowie die Kritik am Modell im Vordergrund stehen.
4. Erinnerungsorte aus geographischer Perspektive: Das Kapitel verknüpft die Erinnerungsforschung mit geographischen Ansätzen wie dem Konzept der Themenorte und der Atmosphärenforschung.
5. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass die Annäherung von Geschichte und Geographie durch das Konzept der Erinnerungsorte fruchtbare neue Erkenntniswege für die Forschung eröffnet.
Schlüsselwörter
Pierre Nora, Erinnerungsorte, lieux de mémoire, kollektives Gedächtnis, Geschichtswissenschaft, Kulturgeographie, Cultural Turn, Themenorte, Raumkonzept, Atmosphäre, Erinnerungskultur, Identität, Geschichtsbewusstsein, Aura, soziale Konstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem theoretischen Konzept der „Erinnerungsorte“ (lieux de mémoire) des französischen Historikers Pierre Nora und dessen theoretischer Einordnung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die geschichtswissenschaftliche Gedächtnisforschung, die (Kultur-)Geographie und die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Ortes im Raum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Noras Modell des Erinnerungsorts aus der geschichtswissenschaftlichen Perspektive in den geographischen Diskurs zu übertragen und auf seine Anwendbarkeit zu prüfen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse sowie eine komparative theoretische Gegenüberstellung von geschichts- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entwicklung der Gedächtnisforschung, die Definition und Kritik von Noras Konzept sowie die Erweiterung durch geographische Konzepte wie Themenorte und Atmosphären.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Erinnerungsorte, kollektives Gedächtnis, Kulturgeographie, Raumkonstruktion und Identität beschreiben.
Inwiefern unterscheidet Nora zwischen „Geschichte“ und „Gedächtnis“?
Nora sieht Gedächtnis als ein lebendiges, affektives Gegenwartsphänomen, während Geschichte für ihn eine entzauberte, objektive Rekonstruktion der Vergangenheit darstellt.
Warum spielt der Begriff des „Raumes“ eine zentrale Rolle für diese Arbeit?
Da die Geographie als Disziplin stark auf Raumkonzepte fokussiert ist, dient der „Raum“ als Brücke, um die geschichtswissenschaftlichen Erinnerungsorte neu zu verorten und zu analysieren.
- Citation du texte
- Eva Schöttl (Auteur), 2016, Pierre Nora und das Konzept des „Erinnerungsorts“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/351835