Die Ästhetik des Geldes in der romantischen Literatur


Bachelorarbeit, 2011

40 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 EINLEITUNG

2.0 ÄSTHETIK DES GELDES
2.1. Romantische Theorie im historische Kontext.
2.1.1. Frühromantik
2.1.2. Hochromantik
2.1.3. Spätromantik
2.2. Geldtheorie
2.2.1 Pro und Contra einer Geldgesellschaft
2.2.2 Was macht die Faszination von Geld aus
2.2.3 Geld als Ersatzreligion
2.3. Programmatische Literatur
2.3.1. Der Runenberg von Ludwig Tieck (1804)
2.3.1.1. EtymologischeBegriffsanalyse
2.3.1.2. Äguivalenzen zwischen Geld und Kunst
2.3.2. Die Bergwerke zu Falun von E.T.A Hoffmann (1819)
2.3.2.1. Analyse des Begriffes Vitriol
2.3.2.2. Geld als modernes Kunstwerk und seine Inkompatibilität zur Gesellschaft
2.3.3. Das kalte Herz von Wilhelm Hauff (1827)
2.3.3.1. Die moralisierende Abkehr von dem monetären Kunstideal
2.3.3.2. Der Holländer - Michel und die Funktionsweise seiner unlauteren Geschäftspraktiken

3.0 FAZIT

4.0 LITERATURVERZEICHNIS

1.0 Einleitung

Ich möchte in dieser Arbeit auf die Multimodalität und Ästhetizität von Geld eingehen. Dabei wird das Verhältnis zwischen ökonomischem und ästhetischem Wert Gegenstand der Arbeit sein. Ich werde die phantastischen Texte der Romantik zur Kapitalismuskritik mit aktuellen kulturkritischen Aufsätzen von Philosophen, Soziologen und Ökonomen in Bezug setzen, um somit das genannte Verhältnis plastischer zu machen. Mein Forschungsinteresse liegt darin begründet Parallelen zu finden zwischen den frühen Formen der Kapitalakkumulation und dem Selbstverständnis des Künstlers mit Blick auf sein Verhältnis zur Gesellschaft. Welche funktionalen Äquivalenzen gibt es z.B. im Umgang mit Geld und im Umgang mit Kunst? Ist ein Kapitalist nicht auch eine Art Künstler, der seine Arbeit inszeniert? Er arbeitet nicht wirklich, sondern lässt das Geld in Form von Zinsgewinnen arbeiten. Somit wird das Geld zum alleinigen Selbstzweck, vereint Wirk und Zweckursache in sich. In der Hinsicht gleicht es der Kunst, die sich allerdings auch nur solange selbst genügt, bis sie von ihrem Schöpfer in einer finanziellen Notlage veräußert wird und somit wieder in den Wertwechselstrom[1] der Wirtschaft integriert wird.

Doch bevor ich zu der Gliederung der einzelnen Phasen der Romantik komme, möchte ich zunächst eine Etymologie des Begriffs „Romantik“ geben. Der Begriff hat mit dem heutigen Verständnis von Romantik nur noch wenig gemeinsam. Eigentlich ist er abgeleitet aus den Schriften, die in romanischer Sprache verfasst wurden („in lingua romana“). Dabei handelte es sich nicht um Romane, wie man sie heute kennt, sondern um ungereimte, volkstümliche Lieder, die über Sagen und Heldentaten der Vergangenheit berichteten. Somit grenzten sich die romanischen Schriften ab von ihrem sprachlichen Ursprung, dem gesprochenen und geschriebenen Latein der Antike, indem sie eher eine Volkssprache benutzten als eine Gelehrtensprache. Frankreich, als eines der romanischen Länder, prägte aus „in lingua romana“, den Ausdruck „Roman“. Vor diesem sprachgeschichtlichen Hintergrund befassten sich „Romantiker“ mit ihrer eigenen Kultur und Herkunft und schufen mit ihrer phantastischen Sagen und Mythenwelt einen Gegensatz zur Regelpoetik der Klassik. Die Assoziation mit Ästhetik hat sich der Begriff Romantik allerdings behalten können. Im alltagssprachlichen Gebrauch verbindet man immer noch Sinnlichkeit und Gefühl mit dem Begriff Romantik.

2.0 Ästhetik des Geldes

2.1. Romantische Theorie im historische Kontext 2.1.1. Frühromantik

Wie jede Kultur verschiedene Entwicklungsphasen durchläuft, kann auch die Romantik in unterschiedliche Stadien eingeteilt werden. Durch die in der Einleitung angesprochene Spannung zwischen romanischer und lateinischer Sprache wird zur bildlichen Darstellung und Verdeutlichung keine Pyramide als Schema benutzt, sondern die Entwicklung einer Blume. Die Pyramide wäre ein Sinnbild des antiken Dramas und der späteren französischen Klassik unter den Dramatikern Pierre Corneille, Jean Racine und Molière. Mit der Volksnähe der romanischen Texte geht auch eine Ursprünglichkeit einher, eine Suche nach historischen Wurzeln und nationaler Identität. Diese Suche nach Ursprünglichkeit und Natürlichkeit findet häufig ihren Ausdruck in der Natur. Die Natur ist harmonisch und nicht den gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. In Anwendung auf das Schema, wäre also die Frühromantik einem stetigen Wachstum der Blumenwurzel zuzuordnen. In der Hochromantik stünde die Blume in voller Blüte und in der Spätromantik verblühe sie langsam. Es ist problematisch Datumsgrenzen für sich allein sprechen zu lassen, deshalb werden Anfang und Ende einer jeden Phase mit einem Ereignis verbunden.

Die Frühromantik beginnt mit der französischen Revolution 1789 und hört auf mit der Auflösung des Jenaer Kreis um 1801. In diese Phase fällt die gesamte Revolution, die bis ungefähr bis 1799 dauerte. Dieses einschneidende Ereignis beeinflusste auch „Deutschland“. Ein vereintes, autonomes Deutschland gab es nicht. Das Heilige Römische Reich deutscher hatte noch bis 1806 bestand, als es später durch Napoleons Sieg im vierten Koalitionskrieg gegen Sachsen und Preußen aufgeteilt wurde[2]. Die Organisation in einzelne Stadtstaaten[3] sorgte dafür, dass „Deutschland“ keine Bündelung von revolutionären Kräften entwickeln konnte. Angesichts des blutigen Terroregimes der Jakobiner, stimmte der Großteil für friedliche Änderungen durch Reformen. Detlef Kremer bestätigt dies, wenn er in seinem Buch Romantik folgendes sagt: „Die Frühromantik zeichnete sich parallel zur Französischen Revolution durch ein Moment der Offenheit für das Unerschöpfte und Unerschöpfliche, der Beziehungen und Kräfte aus“. [4] Die damalige deutsche Gesellschaft war demnach offen für die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der französischen Revolution. Viele Philosophen und Theoretiker entwarfen infolgedessen Gedankengebäude zur Umstrukturierung der Gesellschaft. Dabei wurde Jena im Laufe der Zeit zum Zentrum der Dichter und Denker. Zu nennen wären da vor allem Friedrich Schlegel, sein Bruder August Wilhelm Schlegel und dessen Frau Caroline Schlegel. Aber auch Johann Gottlieb Fichte, der zwischen 1794 und 1799 im Rahmen seiner Professur am Lehrstuhl für Philosophie in Jena lehrte, aber wegen des Vorwurfs atheistische Ideen verbreitet zu haben zum Rücktritt gezwungen wurde. Ähnlich erging es dem Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling.

Dass beide ihre Arbeit in Jena aufgeben mussten hängt mit ihrer Philosophie zusammen, die dem späteren literarischen Gedankengut der Romantik eine wissenschaftliche Grundlage gab. Johann Gottlieb Fichte vertrat in seiner Religionsphilosophie eine provokante These. Der Errichtung einer weltumspannenden moralischen Ordnung bedürfe nicht zwangsläufig die Existenz eines Gottes. Die aktive Weltordnung an sich könne bereits als Gott gelten. Der Kern seiner Theorie ist eine Ontologie des Subjekts. Mit seinem Begriff des absoluten Ich, was später auch synonym für Gott steht wertet Fichte das Individuum auf. Das Individuum schafft sich mit Hilfe seiner Phantasie ein Gegenstück, was Fichte Nicht-Ich[5] nennt. Dieses Nicht-Ich verkörpert die Umwelt des Subjekts. Fichtes Gott ist also kein durch Institutionen wie Kirche aufoktroyierter Gott, sondern einer den jeder Mensch erkennen kann durch Selbsterkenntnis. Die Philosophie müsse den Menschen lediglich auf diesen Tatbestand hinweisen. Die Tugenden der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind sehr wahrscheinlich dabei in diese Konzeption mit eingeflossen. Auch Friedrich Joseph Wilhelm Schelling Naturphilosophie provozierte die herrschende Lehrmeinung. Schelling schließt an Fichtes Ich-Konzeption an und erweitert sie. Für ihn ist das Ich nicht menschlich, wie bei Fichte, sondern im Rahmen eines Panpsychismus ebenfalls Geist. Natur und Geist bilden eine Einheit. Somit wird der Mensch ein Teil der Natur und ein Teil von Gott.[6] Diese extreme Position der Naturphilosophie, welche er zwischen 1797 und 1799 entwickelte, greift Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher 1799 in seinem Werk Über die Religion wieder auf. Er versucht diese extreme Position mit aufklärerischer Vernunft zu vereinen. Religiöse Besinnung müsse sich nicht mit Vernunft ausschließen, vielmehr sei es Ziel vernünftige Gründe für den Glauben aufzuzeigen. Die Religiosität gehöre genauso zum Menschen, wiedas (deduktive) Denken und das (moralische) Handeln. Diese Synthese aus Wissen und Glauben, Wissenschaft und Kunst wird programmatisch für die Romantik. Friedrich Schlegel und sein Bruder August Wilhelm Schlegel gründen 1798 die Zeitschrift „Athenäum“ in der diese Synthese ebenfalls auftaucht. Im 238. Athenäumsfragment prägt Schlegel in Anlehnung an Fichte den Neologismus „Transzendentalpoesie“. Schlegel überträgt die Epistemologie von Fichtes Ich-Konzeption auf die Poesie. Detlef Kremer schreibt dazu folgendes: Wie bei Fichte Erkenntnis der Welt nur als Erkenntnis des Ichs möglich ist, kann in seinem Verständnis Transzendentalphilosophie nur zugleich Philosophie und Philosophie der Philosophie sein.[7] Schlegel beabsichtigt mit dieser Metatheorie nicht nur eine Grenzüberschreitung von Philosophie und Poesie, sondern fordert auch eine Vermischung, eine gegenseitige Ergänzung. Diese romantische Doppelreflexion, wie sie Kremer auch nennt, beschreibt Schlegel im 116. Athenäumsfragment, in welchem er der romantischen Poesie in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert einräumen möchte. Er bezeichnet seine romantische Theorie als „Progressive Universalpoesie“.[8]

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen.[9]

Der Begriff „progressiv“ gilt paradigmatisch für das unendliche Entwicklungspotential, das sich aus der Synthese von künstlerischer Komposition und gleichzeitiger theoretischer Selbstreflexion[10] ergibt. Schlegel verfolgt mit seiner Theorie keinen teleologischen Ansatz, sondern die Theorie selbst gilt ihm als ein Gesamtkunstwerk. Dieses Kunstwerk kann nie abgeschlossen werden und bleibt ewig offen für neue Einflüsse. Schlegel betont diese Offenheit dadurch, dass die Zeitschrift Athenäum nur aus Fragmenten bestand. Friedrich und August Wilhelm Schlegel veröffentlichten viele Ideen bzw. Artikel von anderen Intellektuellen. Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg alias „Novalis“, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Caroline Schlegel etc. leisteten unter anderem ihren Beitrag zu den insgesamt 451 Fragmenten der Athenäumszeitschrift.

Ein historisches Eckdatum für das Ende der Frühromantik ist die Auflösung des Jenaer Kreises um 1801[11]. Hierfür gab es zahlreiche biographische Gründe. Zum Beispiel stirbt Novalis in diesem Jahr, Friedrich Schlegel studiert in Paris und zieht 1804 nach Köln, um an der Universität Vorträge zu halten. Sein Bruder August Wilhelm verlässt Jena ebenfalls, zieht nach Berlin und lehrt an der dortigen Universität. Für das Enddatum der Frühromantik gibt es aber nicht nur historische Belege, sondern auch literarische. Es häufen sich Werke, in denen es nicht mehr um die romantische Theorie an sich geht, sondern in denen sie ihre Anwendung findet. So greift zum Beispiel der Roman Nachwachen (1804) von Ernst August Friedrich Klingemann alias Bonaventura, romantische Topoi auf. Im Roman findet sich die Ich- Konzeption von Fichte wieder. Im ersten Kapitel „der sterbende Freigeist“ beobachtet der Protagonist, ein Nachtwächter, einen sterbenden Mann, von dem er glaubt er sei Poet. Seine Frau und der Pfarrer stehen neben dem Bett des Kranken. Im Anblick des Sterbenden hält der Nachtwächter einen Monolog. „Ich war mir in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewiss; denn nur das endliche Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken, während der unsterbliche Geist nicht vor ihr zittert, der sich, ein freies Wesen, ihr frei opfern kann, wie sich die indischen Weiber kühn in die Flammen stürzen, und der Vernichtung weihen.“[12]

Die Sehnsucht und das Streben nach dem Unendlichen, einer Transzendenz, zeigen sich in diesem Monolog deutlich. So schreibt Novalis auch in seinem letzten Roman Heinrich von Ofterdingen: „ Wo gehen wir hin?“ „Immer nach Hause.“[13] Aus dieser Gewissheit heraus hat der Sterbende auch keine Angst vor dem Tod, weil er von seiner göttlichen Abstammung überzeugt ist und nun in sein wahres zuhause zurückkehrt. Darüber hinaus verwundert es nicht, dass der Roman Heinrich von Ofterdingen ebenfalls fragmentarischen Charakter besitzt. Die Unabschließbarkeit der romantischen Poesie wird in diesem Beispiel übertragen auf die sensible Künstlerseele, dessen unsterblicher Geist im Gegensatz zu normalen Bürgern die Vernichtung der menschlichen Existenz zu denken vermag.

Eine zweite Phase der Romantik kann zwischen 1804 und 1815 angesetzt werden. Es gibt viele verschiedene Bezeichnungen für diese Phase wie. z.B. Hochromantik, Mittlere Romantik, Heidelberger Romantik etc. Der Begriff Nationalromantik passt allerdings am besten, weil diese Bezeichnung das Wesentliche dieser Zeit wiedergibt. Die Koalitionskriege sind bereits bei der Erläuterung der Frühromantik angeklungen. Sie waren der Versuch durch verschiedene Bündnisse unter den einzelnen Fürstentümern die Vormachtstellung des französischen Kaiserreiches unter Napoleon Bonaparte einzudämmen. Der Reichsdeputationshauptschluss[14] von 1803 und der spätere Rheinbund[15] von 1806 sind wesentliche Ereignisse, in denen das Heilige Römische Reich umgestaltet wurde. Im Reichsdeputationshauptschluss verpflichtete sich das Heilige Römische Reich im Rahmen der Friedensverhandlungen des zweiten Koalitionskrieges freie Reichsstädte den lokalen Fürsten zu unterstellen, sodass der Kaiser nicht mehr unmittelbar über diese Städte verfügen konnte. Dieser Abtretung an rechtlichen Verfügungen galt als Entschädigung für die deutschen Fürsten, weil die Gebiete auf der linken Rheinseite bereits unter französischer Herrschaft standen. Auch die dritte Koalition ab 1805 hatte keinen Erfolg gegen Frankreich und somit schlossen sich viele Fürstentümer unter der Schutzherrschaft von Napoleon zu dem sogenannten Rheinbund zusammen. Der Kaiser Franz der Zweite legte daraufhin seine Krone nieder und beendete somit das Bestehen des Heiligen Römischen Reiches.[16]

Dieser politische Vorlauf ist wichtig, um die Identitätskrise vor allem bei den Texten von Ludwig Tieck zu verstehen oder einschneidende Erlebnisse in der Biographie von Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns. Frankreich bestimmt in dieser Zeit das gesamte Leben der deutschen Gesellschaft. Nicht nur geographisch ändert sich das Land, sondern vor allem der Alltag wird zunehmend durch französische Sitten diktiert. Napoleon hat 1804 den Code Civil[17] eingeführt, eine Art bürgerliches Gesetzbuch, welches das Zusammenleben dezidiert regeln sollte. Der bereits angesprochene vierte Koalitionskrieg bei Jena und Auerstedt bedeutete die größte Niederlage für die Allianz von Preußen, Sachsen und Russland. Preußen verlor die Hälfte seine Gebiete an das französische Kaiserreich. Napoleon besetzte somit ohne Gegenwehr um 1806 Berlin.

Insbesondere der damals 30jährige E.T.A. Hoffmann ist von diesem Ereignis betroffen gewesen. Er musste nämlich in Folge der preußischen Gebietsverluste seine Anstellung als Regierungsrat in Warschau aufgeben.[18] Vor dem Hintergrund der französischen Besatzungsmacht ist es nachvollziehbar, dass die damalige deutsche Gesellschaft reformpolitische Veränderungen einforderte. Unmittelbar politische Folgen waren die Bauernbefreiung unter Freiherr von Stein.[19] Die Bauern waren durch die Abschaffung der Erbuntertänigkeit nicht mehr an ihre gepachteten Gutshöfe gebunden. Sie konnten sich nun ihren Arbeitsplatz selbst aussuchen waren Eigentümer ihrer Arbeitskraft. Eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren des Kapitalismus im Zuge der Industrialisierung.

Durch Frankreich erniedrigt entstand ein deutsches Nationalbewusstsein, dessen Meinungsführer auch viele Vertreter der Romantik waren. Zum Beispiel hielt Gottlieb Fichte, unter großer Anteilnahme, zwischen 1807 und 1808 in Berlin seine „Reden an die deutsche Nation“. In diesen Reden wertet er das „Deutschtum“[20] als den Höhepunkt der menschlichen Kulturgeschichte. Zur gleichen Zeit arbeiteten Clemens Brentano (1778 - 1842) und Achim von Arnim (1781 - 1831) an dem Volksliedkompendium Des Knaben Wunderhorn[21]. Zwischen 1805 und 1808 trugen sie verschiedene deutsche Volksliedtexte vom Mittelalter bis zum 18.Jahrhundert zusammen. Die Forschung nach den Ursprüngen der deutschen Geschichte und ihrer Sprache bestärkte auch Joseph Görres (1776 - 1848) mit seinem Werk Die Teutschen Volksbücher[22] von 1807. Görres war eigentlich Hochschullehrer, der Brentano und Arnim an der Heidelberger Universität im Rahmen einer Anstellung als Privatdozent zwischen 1806 und 1808 kennenlernte. Unter dem Einfluss der beiden veröffentlichte er in dreizehn Bänden viele mittelalterliche Geschichten, die über Helden, Sagen und Mythen berichteten. Diese gegenseitige geistige Beeinflussung dieses Heidelberger Kreises ist der Grund für die alternative Namensgebung „Heidelberger Romantik“[23], weil eben diese historisch- philologische Literatur und Sprachforschung in Heidelberg stattfand. In der Forschungsliteratur findet sich dabei auch der „Berliner Kreis“[24], der sich aber im Gegensatz zum Heidelberger Kreis, nicht als Namensgebung für diesen Epochenzeitraum durchsetzen konnte.

Im Zuge des sechsten Koalitionskriegs zwischen der Allianz Preußen und Russland erlebte Napoleon mit seinem Heer eine Niederlage. Durch den Russlandfeldzug um 1812 geschwächt verlor er 1813 seinen Großteil an Truppen in der Völkerschlacht bei Leipzig[25] gegen die nun um Österreich, Schweden und England verstärkte Allianz von Preußen und Russland. Seine endgültige Niederlage erfuhr das französische Heer 1815 in Waterloo von einem allierten Heer aus Briten, Niederländern und Deutschen. Zwischen 1814 und 1815 ordneten die fünf Großmächte Russland, England, Preußen, Frankreich und Österreich im sogenannten Wiener Kongress die neue politische Machtverteilung Europas. Alle staatlichen Vertreter verfolgten das Ziel die alten feudalen Herrschaftsstrukturen wieder zu etablieren und damit ihre alleinige Macht als Monarchen zu sichern. Die demokratischen Errungenschaften der französischen Revolution sollten abgeschafft und unter Strafe gestellt werden. Viele rechtliche Zugeständnisse wie emanzipatorische Lebensentwürfe bei den Frauen oder Bürgerrechte für Juden wurden wieder rückgängig gemacht.[26]

Die Nationalromantik liegt also genau in dem Spannungsfeld zwischen liberalen Reformbestrebungen und konservativen Restaurationsbemühungen. Diese Ambivalenz zeigt sich bereits bei Ludwig Tiecks Kunstmärchen Der Runenberg, welches 1804 erschien, aber noch einmal 1812 im Taschenbuch für Kunst und Laune erschien. Tieck nimmt mit dieser Erzählung bereits Charakteristika vorweg, die die biedermeierliche Epoche ab 1815 kennzeichnen. Tieck beschreibt in seiner Erzählung die Abgrenzung zwischen bürgerlicher Privatsphäre und gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Als typisches Kennzeichen gilt die Flucht in die unberührte Natur und der Rückzug in die Sicherheit der eigenen vier Wände. Die Hauptperson Christian ist hin und hergerissen zwischen Fernweh und Heimweh. Auf seiner Reise trifft einen Fremden, dem er von seiner Herkunft und seinen Beweggründen für die Reise erzählt. Auf die Frage des Fremden woher er käme, weil ein Einheimischer sei er nicht, antwortet Christian folgendes: „Ach darüber, sagte der Jüngling, ließe sich viel sagen, und doch ist es wieder keiner Erzählung wert; es hat mich wie mit fremder Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen, mein Geist war seiner selbst nicht mächtig, wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele in seltsamen Vorstellungen und Wünschen“ .[27] Diese Äußerung fasst ganz gut die Empfindung der Zwiespältigkeit zusammen, die sich durch die ganze Erzählung zieht. Einerseits fühlt er sich seiner Heimat entrissen, andererseits glaubt er, dassihn sein Zuhause einengt, wenn er folgendes sagt: Die Ebene, das Schloss, der kleine beschränkte Garten meines Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weiter Himmel, der sich ringsrum so traurig ausdehnte, und keine Höhe, keinen erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrübter und verhasster[28]

Die Dichotomie Enge und Weite zeigt dabei ganz deutlich das Spannungsverhältnis, in welchem sich Christian kontinuierlich bewegt. Dabei nimmt Tieck auch mit der Bezeichnung „der kleine beschränkte Garten“ die bereits beschriebenen Charakteristika der biedermeierlichen Epoche um 1815 vorweg.

2.1.3. Spätromantik

Der Wiener Kongress[29] kann als ein Anhaltspunkt dienen, um das Ende der Nationalromantik festzustellen. Die Phasen innerhalb der Romantik gehen natürlich ineinander über und beeinflussen sich gegenseitig. Deutlich wird das im Übergang von der Nationalromantik zur Spätromantik. Ein bezeichnendes Charakteristikum für die Spätromantik war das Interesse an Religion und Psychologie. In der deutschen Nationalbewegung während der Koalitionskriege wurde bereits nach den geschichtlichen Wurzeln der Deutschen geforscht. Joseph Görres’ Sammlung Die Teutschen Volksbücher von 1807 und Arnims’ und Brentanos’ lyrische Sammlung verschiedener deutscher Volkslieder namens Des Knaben Wunderhorn von 1805 - 1808 trugen zur Stärkung eines deutschen Nationalgefühls bei. Diese noch eher literaturhistorische Forschung wurde zunehmend politisiert und als Grundlage gesehen, auf der ein Staat als kollektiver Organismus errichtet werden könne. Detlef Kremer schreibt dazu folgendes: Mit der Opposition von „Gewordenem “ und„Gemachtem “ wurde der napoleonische „Code Civil“ oder die englische Verfassung abgelehnt und stattdessen auf eine deutsche Verfassung gesetzt, die sich aus der Rechtstradition des deutschen Volkes organisch ergäbe.[30] In Folge der Zurücknahme von revolutionären Neuerungen wurde die Monarchie als natürlicher Organismus stilisiert. Friedrich Schlegel ist hier in seinen Meinungen das personifizierte Paradoxon, welches den Zwiespalt dieser Zeit widerspiegelt.

[...]


[1] Hutter, 2010, S. 241

[2] Brückmann, 2005, S. 58

[3] Kremer, 2007, S. 10

[4] Kremer, 2007, S.23

[5] Kremer, 2007, S.60

[6] Ebd.

[7] Kremer, 2007, S.90

[8] Ebd.

[9] Schlegel, 1988, S.114

[10] Kremer, 2007, S.90f

[11] Kremer, 2007, S. 48

[12] Bonaventura, 2006, S.8

[13] Novalis, 1978, S.163

[14] Brückmann, 2005, S. 58

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Kremer, 2007, S. 11

[19] Brückmann, 2005, S. 46

[20] Brückmann, 2005, S.47

[21] Kremer, 2007, S. 48

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd.

[25] Brückmann, 2005, S. 58

[26] Kremer, 2007, S. 15

[27] Tieck, 2009, S.30

[28] Tieck, 2009, S.31

[29] Brückmann, 2005, S. 58

[30] Kremer, 2007, S.26

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Ästhetik des Geldes in der romantischen Literatur
Autor
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V352082
ISBN (eBook)
9783668384729
ISBN (Buch)
9783668384736
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ästhetik, geldes, literatur
Arbeit zitieren
Alexander Schmieding (Autor:in), 2011, Die Ästhetik des Geldes in der romantischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352082

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Ästhetik des Geldes in der romantischen Literatur



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden