Italiano o Americano? Aspekte der Identität in der italoamerikanischen Literatur

Die 1. und 2. Generation im Vergleich


Bachelorarbeit, 2016

46 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

GLOSSAR

1 EINLEITUNG
1.1 ZIEL DER ARBEIT
1.2 METHODISCHES VORGEHEN

2 DIE 1. GENERATION: L’ITALIANITÁ ALS IDENTITÄTSSTIFTENDES MERKMAL
2.1 STA TERRA NUN FA PI MIA - ARBEITS- UND LEBENSVERHÄLTNISSE
2.2 „LA MIA CITTÁ“ - SEHNSUCHT NACH DER HEIMAT
2.2.1 Little Italies
2.2.2 Diskriminierungserfahrungen
2.2.3 Weiterpflegen von Sitten und Bräuchen
2.3 FEMMENI AMERICANE - GESCHLECHTERROLLE UND L‘ONORE DELLA FAMIGLIA

3. DAS AUFKOMMEN DER 2. GENERATION - ZWISCHEN WUNSCH NACH ANPASSUNG UND VERTEIDIGUNG DER ITALIANITÁ
3.1 DER FIKTIVE AUTOBIOGRAPHISCHE ROMAN

4 JOHN FANTE: WAIT UNTIL SPRING, BANDINI
4.1 DER ANPASSUNGSWUNSCH
4.1.1 Die Gegenüberstellung zu Svevo Bandini
4.1.2 Mary Fante
4.1.4 Armut und Xenophobie
4.3 VERTEIDIGUNG DER ITALIANITÁ
4.3.1 Die Liebe zu Rosa Pinelli
4.3.2 Die Stellung zur Religion
4.3.3 Der handwerkliche Beruf und die Bewunderung Svevos

5. FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

7 ANHANG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Befragung erste und zweite weibliche Generation über Einstellung gegenüber traditionelle Familienwerte ( Quelle: Alba, R.,S., 1988) 17

Glossar

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Dizionario Treccani / Acronymfinder / Oxford Dictionary

1 Einleitung

Ist von Italo-Amerikanischer Literatur die Rede, so stellt die Autobiographie das wesentlichste Element der gesamten Italo-Amerikanischen Migrationserfahrung sowohl der ersten als auch der zweiten Generation dar, wie es auch Gardaphé beschreibt: „l‘ autobiografia é il trait d’unio di tutta la letteratura d’emigrazione italoamericana della prima e della seconda generazione.“1 Die Autoren behandeln oftmals das Thema der eigenen Identität und das Zugehörigkeitsgefühl bzw. die Konfrontation mit dieser in der neuen Umgebung einerseits und die Auseinandersetzung mit zwei Kulturen sowie die daraus resultierende Identitätskrise andererseits seitens der zweiten Generation.

Von 1890 bis 1930 emigrierten circa fünf Millionen2 Italiener in die Vereinigten Staaten, getrieben von der Sehnsucht nach Wohlstand und auf ein besseres Leben als in der Heimat. Etwa 90% der Auswanderer stammten aus Süditalien, aus den Regionen Kampanien, Sizilien, Abruzzien, Basilicata und Kalabrien; nur eine Minderheit stammte aus den nördlichen Gebieten des Piemonts, der Lombardei, der Toskana und dem Veneto.3 Bei der Auswanderung handelte es sich um eine unqualifizierte Migration mit einer Analphabetenrate von etwa 70%.4 Es waren überwiegend Landarbeiter, die ihre Heimat wegen Unterdrückung, Elend und Hunger verließen, um anderswo ein besseres Leben zu führen. Die Auswanderung nach Übersee bedeutete nicht nur Hoffnung auf finanzielle Verbesserung; vielmehr war es eine Begegnung mit einer neuen Kultur, anderen Sitten und Bräuchen sowie die Konfrontation mit Vorbehalten seitens der Aufnahmegesellschaft gegenüber Neuankömmlingen. Infolgedessen bedeutete dies eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Mit dieser konfrontiert waren auch die Kinder der Einwanderer, die sogenannte zweite Generation, welche in den USA geboren wurde und sich gespalten zwischen zwei Kulturen sah: der des Herkunftslandes und der des Aufnahmelandes.

Unter den Mitgliedern der ersten Generation entstanden ethnische Enklaven und in mehreren Städten wie New York, Boston, San Francisco und Pennsylvania etablierten sich Little Italies,5 mit denen die Neuankömmlinge gemeinsam mit den eigenen Landsleuten zusammenwohnten. Traditionelle Musik- und Tanztraditionen aus der Heimat wurden fortgesetzt sowie die religiösen Feste, die eine wichtige Position in ihrem Leben einnahm. Zudem etablierten sich italienische Vereine und Mutual Benefits societies, womit das Ziel verfolgt wurde, Landsleuten in Notsituationen finanziell zur Seite zu stehen. Des Weiteren spielten traditionelle Erziehungsstile eine wichtige Rolle und Eltern bestanden darauf, dass sich die Kinder an ihren traditionellen Werten orientierten.

Anders erging es ihren Kindern, der nachfolgenden Generation. Meistens durchlebten diese eine Identitätskrise und waren gespalten zwischen der Kultur der Eltern und der Kultur der amerikanischen Gesellschaft. Der Schriftsteller John Fante, Sohn italiensicher Einwanderer, erläutert diese Problemstellung in seinem autobiographischen Roman „Wait until spring, Bandini“ mit dem Protagonisten Arturo Bandini, der zwölfjährige Sohn italienischer Einwanderer, der aus seinem italienischen Familienleben erzählt und Einblick gibt, wie es sich in einer italienischen Familie in Amerika lebt.

Die Konfrontation mit der eigenen Identität und das Zugehörigkeitsgefühl fanden Ausdruck in autobiographischen Liedern, Gedichten und Romanen.

Da die italo-amerikanische Migrationsgeschichte an italienischen Schulen und Universitäten wenig Aufmerksamkeit erhält, hat mich dies dazu motiviert, eine Bachelorarbeit darüber zu schreiben.

1.1 Ziel der Arbeit

Vor diesem Hintergrund soll im Rahmen dieser Bachelorarbeit anhand von autobiographischen Gedichten, Liedern und eines Romans das identitäre Zugehörigkeitsgefühl der Generationen untersucht werden. Dabei wird auf die Frage eingegangen, welcher Kultur sich die Generationen eher zugehörig gefühlt haben. Es sollen zudem die Ursachen dessen erläutert werden.

1.2 Methodisches Vorgehen

Die vorliegende Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut:

Im zweiten Kapitel soll an den Begriff der italianitá herangeführt werden: Was zeichnet die italianitá aus, wie bedeutsam ist sie für die Einwanderer der ersten Generation und inwiefern beeinträchtigt diese die Begegnung mit der neuen Umgebung? Ferner wird auf die angetroffenen Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Vereinigten Staaten und auch darauf eingegangen, welche Auswirkung diese auf das Amerikabild der Migranten hatte und wie die daraus resultierenden Beweggründe den Zusammenhalt der Migranten wie auch die Gründung der Verbände bestimmten. Im folgenden Abschnitt wird der Fokus auf das Thema Gefühl und Verständnis von Heimat und die Identifikation zu dieser gelegt. Daraufhin wird gezeigt, welche Folgen der Verlust der Heimat im Leben der Migranten hatte. In Bezug darauf werden die Ursachen für die Entstehung und den Wunsch erklärt, mit seinesgleichen in den italienischen Enklaven zu leben. Dabei wird ein Blick auf die angetroffenen Diskriminierungserfahrungen geworfen, welchen die Einwanderer ausgesetzt waren, und es wird deren Wunsch betrachtet, die mitgebrachten Sitten und Bräuchen weiterzupflegen. Der letzte Abschnitt von Kapitel 2 handelt von den Schwierigkeiten, amerikanische Werte in Bezug auf liberale Erziehung und emanzipierte Geschlechterrollen anzunehmen; dabei wird über die Bedeutung der italienischen Familienehre sowie über die Befürwortung traditioneller Geschlechterrollen in italienischen Familien eingegangen.

Im dritten Kapitel wird der Fokus auf das Identitätsgefühl der zweiten Generation gelegt. Es erfolgt ein kurzer Einblick zur schulischen Assimilationspolitik und zum gesellschaftlichen Druck, denen die Kinder während der 1920er und 1930er Jahre ausgesetzt waren und wie die Beeinflussung von zwei Kulturen sich auf ihre Identitätsbildung auswirkte. Ferner wird auf die Entstehung des fiktiven autobiographischen Romans eingegangen und die Identitätskrise der Autoren zweiter Generation näher beleuchtet. Des Weiteren wird ein biographischer Überblick über den italo-amerikanischen Autor zweiter Generation, John Fante geliefert und der autobiographische Roman „Wait until spring, Bandini“ mit dem Protagonisten Arturo Bandini wird näher betrachtet. Der Fokus liegt auf der verwirrenden Identität des zwölfjährigen Arturo Bandini. Gezeigt wird, dass er den Wunsch hegt, sich in der amerikanischen Gesellschaft zu assimilieren und wie er die italianitá seiner Eltern mit Scham und Verachtung betrachtet, da er sie mit schlechten Manieren, Religionsfanatismus und Armut assoziiert. Dann aber erfolgt ein Wandel und die verachtete italianitá gewinnt an Anerkennung und Lob.

2 Die 1. Generation: L’italianitá als identitätsstiftendes Merkmal

Eine exakte Definition über das, was unter italianitá zu verstehen ist, lässt sich nur schwer fassen. Ohne Zweifel aber kann darunter alles verstanden werden, was die italienische Kultur ausmacht: das Wesen, die Art und die Natur der italienischen Bevölkerung sowie deren Lebens- und Verhaltensweisen.6 Dementsprechend umfasst die italianitá die Dimension der kulturellen Identität, was sich in den Sozialwissenschaften als „das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einem bestimmten kulturellen Kollektivs“ definieren lässt.7 Gemeinsamkeiten wie Klima und Geographie, Sprache oder Religion sind fester Bestandteil der kulturellen Identität.8 Ein weiterer Aspekt der italianitá in der italienischen Kultur ist die regionale Identität, welche nach Aschenauer (2000) als „eine aus der Identifikation mit dem Charakter der Region erwachsende Übereinstimmung des Wesens der Menschen mit dem der Region“9 definiert wird. Infolgedessen ist von regionaler Identität dann zu sprechen, wenn sich einzelne Individuen regionale Kulturmuster zu eigen machen und sich mit diesen identifizieren können bzw. ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln.10 Malpezzi & Clemens (1992), Autoren der italo-amerikanischen Volkskunde, sprechen in diesem Zusammenhang auch von campanilismo.11

In Bezug auf die Migration italienischer Einwanderer in die USA konstituierte die italianitá die mitgebrachte Kultur aus der Heimat, den Zusammenhalt unter den Landsleuten, die starke Familienbindung, den handwerklichen Beruf, die Religion, Sitten und Bräuche sowie traditionelle Erziehungsstile - Werte, die in Kontrast zur amerikanischen Kultur standen.

2.1 Sta terra nun fa pi mia - Arbeits- und Lebensverhältnisse

Die contadini, welche im Jahre 1920 und 1930 nach US-Amerika auswanderten, verließen zum Zeitpunkt der Migration ihre Heimat Italien als armes, agrarisches Land, dominiert vor allem im Süden von einer repressiven Politik gegenüber Landarbeitern durch eine Führungsklasse, welche sowohl im Süden als auch im Norden keine Möglichkeiten auf finanzielle Verbesserungen im Arbeits- und im Lebenssektor bot. Amerikanische Fabriken warben in Italien für ihre freistehenden Arbeitsplätze und das Versprechen auf Reichtum.12 Doch wie aus einigen Migrantenliedern sichtbar ist, waren die Erwartungen und die soziale Realität in der neuen Welt ganz andere. Die Möglichkeit nach Reichtum verwirklichte sich nicht für alle Migranten und das Amerikabild nahm plötzlich einen ganz anderen Blickwinkel ein:

Cu dici ca l’America é terra di ricchizza nun sannu ca si trova anchi la dibulizza. […]

L’America é di chiddi […]

c’hannu dinari assai. E na pirsuna onesta ca voli travagghiari la vita si l‘addanna e soddi un n’avi mai13

Diese Strophen stammen aus dem Lied „sta terra nun fa pi mia“, geschrieben von der Autorin Rosina Gioisa Trubia im Jahre 1928 in New York.14 Über das Leben der Autorin ist nichts bekannt, doch weisen die Textstrophen darauf hin, dass sie sowie der größte Teil der Migranten in den USA weder auf Wohlstand trafen noch ein Zugehörigkeitsgefühl zum Aufnahmeland entwickelten.

Die Autorin stellt im Lied ein negatives Amerikabild dar. In der ersten Strophe gibt sie zu bedenken, dass vielen nicht bewusst ist, dass Amerika nicht nur das Land des Reichtums ist, sondern auch die Armut in der neuen Welt anzutreffen ist. Demzufolge erläutert sie in der zweiten Strophe, „L’America é pi li ricchi“, dass Amerika nur bestimmten Gesellschaftsgruppen wie Wohlhabenden zugutekommt; dagegen hat ein ehrlicher, arbeitswilliger Mensch „na pirsuna onesta che voli travagghiari“ trotz seiner harten Arbeit schlechte finanzielle Aussichten und kommt mit seinem Verdienst nicht über die Runden „la vita si l‘ addanna e soddi un n’avi mai“.

In der Tat gehörte die Mehrheit der italienischen Einwanderer sowohl zu den ärmsten mit einem Existenzminimum von weniger als 800 Dollar im Jahr15 und - folgt man Mangione und Morreale (1992) - zu den am niedrigsten verdienenden Beschäftigten nach der schwarzen Bevölkerung.16 Dies ist darauf zurückzuführen, dass die mitgebrachten Berufskenntnisse und der hohe Anteil an unqualifiziertem Personal (60%) keinen Berufseinstieg im industriellen Bereich erlaubten, stattdessen stellten Öffentlichkeits- bzw. Handwerksberufe die einzigen Zugangsmöglichkeiten dar. So waren, nach Angaben des New York’s Department of Public Work, 90% der Angestellten in der Öffentlichkeitsarbeit zu dieser Zeit italienischer Herkunft.17 Sie arbeiteten im Straßenbahnbau, in den Goldminen, in der Kanalverlegung, als Schuhputzer, Straßenhändler und Maurer. Oftmals wurden sie in Bereichen eingesetzt, in denen schwere, schmutzige und gesundheitsschädige Arbeit geleistet werden musste, mit überdurchschnittlich hohen Arbeitsstunden und einen geringen Lohn.18 Italienische Migranten akzeptierten die prekären Arbeitsbedingungen aufgrund ihrer miserablen Situation. Ebenfalls hatten die Arbeiter in unqualifizierten Haushalten, so Alba (1985), mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu rechnen, vor allem in den Wintermonaten. Da die meiste Öffentlichkeitsarbeit witterungsabhängig ausgeführt wurde, waren Arbeitsausfälle im Winter nicht unüblich.19 Die schlechten Arbeitsbedingungen hatten gravierende Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse. Es ergaben sich Schwierigkeiten, die Mietswohnungen zu bezahlen und Primärbedürfnisse wie Nahrung und Kleidung zu befriedigen. Arme Familien hielten somit Ausschau nach günstigen und bezahlbaren Wohnungen. In einigen New Yorker Vierteln wie der Bronx lebten die Italiener der ersten Generation in beengten Wohnverhältnissen. Eine fünfköpfige Familie lebte meistens in einer Zwei- oder gemeinsam mit einer weiteren Familie in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Fünf bis sechs Personen mussten sich oftmals zwei Betten teilen. Zudem verfügten einige Wohnungen nicht über Fenster und in den meisten waren keine Badewannen installiert.20

Iu lavoru sempri

iornu, matina e sira

In dieser Textstrophe spricht die Autorin von sich selbst. Da über das Leben der Autorin nichts bekannt ist, kann mit dem Text davon ausgegangen werden, dass sie berufstätig und den harten Arbeitsbedingungen ausgesetzt war.

Gleichzeitig kann damit ein Blick auf die Arbeitsverhältnisse italienischer Frauen während der 1920er Jahre geworfen werden. So hatte die prekäre finanzielle Lage zur Folge, dass Frauen erwerbstätig werden mussten, um die Existenz der Familie zu sichern. Hinsichtlich der ausgeübten Frauenberufe ist zwischen der Erwerbstätigkeit im Haus und außerhalb des Hauses zu unterscheiden. Verheirateten Frauen aus Süditalien, so Alba (1985), erlaubte die mitgebrachte Kultur aus dem Mezzogiorno keine berufliche Entwicklung, um die finanzielle Lage aufzubessern. Der Kontakt zwischen fremden Frauen und Männern war meistens untersagt,21 weshalb die Fabrikarbeit abgelehnt und daher die Heimarbeit in Anspruch genommen wurde, wie z.B. die Tätigkeit der Schneiderei, des Nussknackens und der Herstellung künstlicher Blumen.22 Im Rahmen dieser Tätigkeiten entwickelten sie gleichzeitig ein weiteres System, um die finanzielle Situation aufzubessern - und zwar mit der Einführung der boarding houses; eigene Wohnungen wurden zu Privatpensionen oder auch Gästehäusern. Für einen kleinen Betrag boten italienische Familien Gästen, meistens aus dem Freundes- und Familienkreis, welche nur vorübergehend in den USA blieben oder auf Wohnungssuche waren, im eigenen Haus Unterkunft und Verpflegung an.23 Doch auch das System der Pensionen bot keine Aussichten auf finanzielle Verbesserungen. Frauen verdienten mit dieser Tätigkeit nur ein Drittel dessen, was sie mit einer Berufstätigkeit außerhalb des Hauses hätten verdienen können.24

Die Erwerbstätigkeit außerhalb des Hauses betraf meistens die Arbeit in einer Fabrik. Ein Beispiel davon stellt die Schuhfabrik Endicott Johnson Corporation in New York dar. Im Jahre 1925 waren über 96 Prozent der Angestellten italienische Frauen und deren Töchter.25

Obwohl die Endicott Johnson Company als Schuhfabrik den höchsten Mindestlohn im Vergleich zu anderen Fabriken im Land zur Verfügung stellte, gehörten italienische Frauen aufgrund ihrer Anstellung in niedrigen Positionen zu den unterbezahltesten im Gegensatz zu ihren einheimischen Mitarbeiterinnen.26 Dieselbe Situation war auch in der chocolate dipping candy factory in Milwaukee, Winkinson, gegeben. Unter mangelnden Arbeitsbedingungen waren Mitarbeiterinnen vierzig bis sechzig Wochenarbeitsstunden zu einem geringen Gehalt beschäftigt.27

e po‘ suspiru e dicu sta terra nun fa pi mia Partiri vogliu subitu Macari s‘é muriri Moru cuntenta e dicu L’Italia mia e’ vidiri.

Seufzend sehnt sich die Autorin nach ihrer Heimat. Die harten Arbeitsbedingungen und die Unzufriedenheit beeinträchtigen ihr Zugehörigkeitsgefühl zum neuen Land. Stattdessen werden starke Rückwanderungsgedanken ausgelöst.

Im Hinblick darauf, so erläutern Wonisch und Tübel (2014), entwickelt der Migrant nur dann ein Zugehörigkeitsgefühl, „wenn die Mehrheitsgesellschaft die neue Realität anerkennt“28 - was im Falle der amerikanischen Gesellschaft hinsichtlich der Migranten und vor allem der italienischen Migranten nicht immer der Fall war. So äußerte sich ein amerikanischer Ladenbesitzer zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegenüber italienischen Einwanderern auf dem Arbeitsmarkt folgendermaßen:

„… these green horns… cannot speak English and they just come from the old country and I let them work hard, like the devil, for less wages.“29

Es ist genau auf der Grundlage dieser Erfahrungen, angesichts derer die italianitá in diesem Zusammenhang als das Zugehörigkeitsgefühl und der Zusammenhalt zu einer Gruppe in den Vordergrund rückte und für italienische Migranten ein identitätsstiftendes Merkmal kennzeichnete. Die Arbeiter waren sich ihrer harten Arbeit bewusst, verteidigten sich und setzten für sich bessere Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz, weniger Arbeitsstunden und einen höheren Lohn durch. Unter den Landsleuten selbst etablierten sich aus diesem Anlass Verbände (unione) mit dem Ziel, die Interessen der Arbeiter zu unterstützen. Bekannte Verbände wurden unter anderem die Textilverbände UTWA sowie die Bekleidungsverbände CWA und ACWA.30 Allein in New York waren über 100.000 Italiener, darunter Bauarbeiter, Teppichhändler, Dachdecker, Steinmetze, Maurer und Ausgräber, in Verbänden tätig.31 In East Harlem existierten bereits im Jahre 1935 circa 110 mutual benefits societies. Diese gemeinnützigen Vereine unterstützen Familien in Notfällen. Sie verliehen Kredite sowie Sterbegelder, versicherten die Arbeiter in Arbeitsunfällen und halfen auch bei der Arbeitssuche.32 Diese Art der italianitá als Stabilität und Zusammenhalt der Gruppe nahm unter den Einwanderern einen hohen Stellenwert ein. Italienische Arbeiter schafften es am Ende, sich trotz vieler Erniedrigungen etwas Anerkennung zu schaffen; sie galten nicht mehr als diejenigen, welche sich unterbezahlen ließen - von nun an waren sie Mitglieder der unione und kämpften um ihre Rechte.33

2.2 „La mia cittá“ - Sehnsucht nach der Heimat

Die gravierenden Arbeits- und Lebensverhältnisse erklären nicht allein das Hindernis der Migranten, ein Zugehörigkeitsgefühl zum Aufnahmeland zu entwickeln. Weitere kritische Aspekte stellten die starke Identifizierung mit der Heimat und die daraus resultierende Sehnsucht dar, welche das Wohlbefinden der Einwanderer der ersten Generation in Amerika beeinträchtigten und ein weiteres identitätsstiftendes Merkmal darstellten. In diesem Fall kann der Begriff der italianitá mit dem Verständnis von Heimat übersetzt werden. Die Migrationsliteratur der ersten Generation behandelt oftmals das Thema der Heimat, verbunden mit der Nostalgie. Ruvai (2008) spricht darüber hinaus von einer „letteratura lacrimosa.“34 Ein Beispiel dafür stellt die Dichterin und Schneiderin Severina Magni dar, geboren in Lucca und nach dem ersten Weltkrieg in Detroit emigriert. Lucca gehörte, wie Ruvai (2007) darlegt, schon immer zu einem Auswanderungsgebiet und von 1880 bis 1930 zur vierten Provinz mit der höchsten Auswanderungsrate, nach Genova, Palermo und Cosenza.35 Severina schrieb im Jahre 1937 das Gedicht „la mia cittá“, welches ihre Nostalgie und Melancholie als Migrantin umfassend benennt:

“O medieval nido dei miei sogni

o turrita cittá dove son nata!

[…]

Tutta la tormentosa nostalgia

si assopirebbe al suon delle campane al rintocco dell’ ore, alla malia di memorie puerili, dolci e vane

[…]”36

Im Gedicht „la mia cittá“ gedenkt die Autorin nostalgisch ihrer Heimatstadt Lucca. In den beiden ersten Versen wird die starke Identifizierung mit dem Heimatort deutlich; die Autorin sieht in Lucca nicht nur ihren Traumort „medieval nido dei mei sogni“, aber auch die Angabe, dass sie in dieser Stadt geboren wurde („turrita citta dove son nata“) lässt ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat Italien und nicht zur Aufnahmekultur Amerika sichtbar werden. Erkennbar ist dies in der zweiten Strophe: „la tormentosa nostalgia“ - die Autorin als Migrantin ist getrieben von der quälenden Nostalgie nach der Heimat. Eine Nostalgie, welche sich nur mittels der Glockenschläge und der kindlichen, milden und leeren Erinnerungen des Geburtsortes mildern würde.

Das Wort nostalgia (aus griechisch nostos = Heimkehr und algos = Schmerz) wurde im Jahre 1688 vom Schweizer Arzt Johannes Hofer in seiner medizinischen Abhandlung „Dissertatio medica de nostalgia“ oder Himwehe eingeleitet.37 Demzufolge erfolgt die Nostalgie bei einem Umgebungswechsel und die darauf treffenden diversen Lebensgewohnheiten, diverse Luft sowie fremde Bräuche.38 Ebenfalls ist von Heimweh die Rede, wenn ein Sich- Einrichten in der neuen Umgebung nicht möglich ist.39 Infolgedessen kann die Sehnsucht nach der Heimat „in einem Rückzug in das ethnische Ghetto Ausdruck finden.“40 So geschah es auch in Amerika. Die Nostalgie, bedingt durch den Verlust der Heimat sowie auch die Xenophobie, auf welche die italienischen Einwanderer in der neuen Umgebung zutrafen, fand Ausdruck in einem Rückzug in das ethnische Ghetto bzw. in die sogenannten Little Italies.

2.2.1 Little Italies

In mehreren amerikanischen Städten wie New York, Chicago oder San Francisco etablierten sich zahlreiche italienische Viertel, welche unter den Namen Little Italy bekannt wurden.41 Charakteristisch für die Wohnstruktur der Enklaven war der campanilismo, der unter der italienischen Gemeinschaft herrschte. Da sich dessen Mitglieder nur mit der Herkunftsregion oder -provinz identifizierten, siedelten sie gemeinsam mit den paesani ihrer Region oder Provinz in denselben Wohnvierteln oder Städteblöcken.42 Ein Beispiel hierfür stellte das italienische Viertel in der Lexingtion Avenue, East Harlem, New York, dar. In den 1930er Jahren lebten 89.000 Italiener, Apullaner aus Bari, Sizilianer aus San Diago und Napoletaner aus Arno getrennt voneinander zwischen der 96. und der 125. Straße. 43 Die Enklaven nahmen im Leben der italienischen Gemeinde eine wichtige Position ein. Nach Alba (1985) dienten sie dem Zusammenhalt von Migranten in einem für sie fremden Land44, aber auch als Orientierungshilfen. Dabei spielte der Familien- und Freundeskreis eine fundamentale Rolle. Italiener konnten auf Kontakte mit bereits migrierten Familien oder Bekannten zurückgreifen, was vor allem für Saisonarbeiter nützlich war, die sich nur vorübergehend in den USA aufhielten.45 Des Weiteren unterstützten sich Verwandte und Freunde gegenseitig bei der Arbeitssuche, wie sie auch schwierige und schöne Momenten miteinander teilten.46 Dass es zu einer ethnischen Segregation unter der italienischen Gemeinschaft und somit zu einen Abkehr von der amerikanischen Aufnahmegesellschaft kam, kann mehrere Gründe haben. Esser erklärt: „Für einen Migranten kann es aus Gründen des persönlichen Gleichgewichts, der Diskriminierungsverarbeitung o.ä. möglicherweise sinnvoll sein, sich nur mit anderen Migranten oder mit Angehörigen der gleichen ethnischen Gruppe zu befreunden, in ein stark segregiertes Stadtviertel zu ziehen bzw. dort zu leben, ethnische Vereine zu besuchen etc.“47 Alba (1985) weist darauf hin, dass die Enklaven den Italienern halfen, sich auf der einen Seite von den Diskriminierungen zu schützen, welchen sie seitens

[...]


1 Gardaphé (1996) zitiert nach Forgione (2008).

2 Fugazzotto, G. (2010), S.11., Vgl. Malpezzi & Clements (1992), S.25.

3 Vgl. Fugazzotto, G. (2010), S. 11.

4 Vgl. Laurino, M. (2015), S.49.

5 Vgl. Laurino, M. (2015), S. 49, Marino, E. (2008).

6 Vgl. Malle,M. (2003), S.1.

7 Hammerer (2014), S.28.

8 Vgl. ebd. (2014), S.28f.

9 Aschauer („o.J.͞), S.56

10 Vgl. Ebd. (͞o.J.͟), S.56

11 Vgl. Malpezzi & Clemens (1992), S. 29.

12 Vgl. Laurino, M. (2015), S.23.

13 Fugazzotto (2010), S.97.

14 Vgl. ebd. (2010), S.95.

15 Vgl. Gabaccia (2000), S.102.

16 Vgl. Mangione & Morreale (1993), S.138.

17 Vgl. ebd. (1993), S.138.

18 Vgl. ebd. (1993), S.138.

19 Vgl. Alba (1985), S. 53.

20 Vgl. Mangione& Morreale (1993), S 143, Gabaccia (2000), S.99.

21 Vgl. Alba (1985), S.53.

22 Vgl. ebd. (1985), S. 53, vgl. Gabaccia (2000), S. 101.

23 Vgl. ebd. (1985), S. 53, vgl. ebd. (2000), S.101.

24 Vgl. ebd. (1985), S. 53.

25 Vgl. Vecchio (2006), S.32.

26 Vgl. ebd. (2006), S.33.

27 Vgl. ebd. (2006), S.60.

28 Wonisch& Tübel Museum und Migration (2012), S.44.

29 Mangione &Morreale (1993), S.133.

30 Vgl. Mangione & Morreale (1993), S.304ff.

31 Vgl. Ders (1993), S.306

32 Vgl. Meyer (o.J).

33 Vgl. Mangione & Morreale (1993), S. 158, Vgl. Vezzosi, S.208.

34 Rovai (2007).

35 Vgl. Rovai (2008), S.6.

36 Ders. (2008), S. 7.

37 Vgl. Leuschner (1991), S.10.

38 Vgl. ebd. (1991), S.10.

39 Vgl. Dietzel- Papakyriakou (2004), S.31.

40 Greverus (1972) zitiert nach Dietzel- Papakyriakou (2004), S.31. 10

41 Vgl. Marino (2008).

42 Vgl. Malpezzi & Clements (1992), S.30.

43 Vgl. Meyer (o.J).

44 Vgl. Alba (1985), S. 50.

45 Vgl. Malpezzi & Clements (1992), S.32.

46 Vgl. McLaughlin (1982), S.60.

47 Esser (1980), S.50.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Italiano o Americano? Aspekte der Identität in der italoamerikanischen Literatur
Untertitel
Die 1. und 2. Generation im Vergleich
Hochschule
Universität Trier
Note
1,8
Autor
Jahr
2016
Seiten
46
Katalognummer
V352204
ISBN (eBook)
9783668389434
ISBN (Buch)
9783668389441
Dateigröße
974 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italoamerikanische Literatur - John Fante - Migration - Identität - 2. Generation - Amerika
Arbeit zitieren
Jessica Sciascia (Autor), 2016, Italiano o Americano? Aspekte der Identität in der italoamerikanischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352204

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