Sirenen in der Literatur der Antike und des Mittelalters


Hausarbeit, 2016

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sirenen in der griechischen Mythologie
2.1 Begriff und Sage
2.2 Darstellung

3 Sirenen in der Literatur der Antike
3.1 Sirenen in Homers Odyssee
3.2 Sirenen in Ovids Ars amatoria und Metamorphosen

4 Sirenen im Mittelalter
4.1 Sirenen in der allegorischen Deutung des Christentums
4.2 Sirenen als naturwunder in Konrad von Megenbergs Buch der Natur
4.3 Sirenen in Gottfried von Straßburgs Tristan

5 Schluss

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1 Einleitung

Denkt man an die Sirenen, so assoziiert man das Bild wunderschöner Frauen, deren Unterleib in einen langen Fischschwanz übergeht und die, auf einem aus dem Meer aufragenden Felsen sitzend, die verführerischsten Gesänge anstimmen. Ein romantisches Bild, doch deckt sich diese moderne Auffassung nur wenig mit dem, was die alten Griechen vor Augen hatten, wenn sie mit dem Mythos dieser Mischwesen konfrontiert wurden.

Der Grund für diese Differenz ist je ner, dass der Sirenenmythos seit seiner ersten schriftlichen Festlegung immer wieder neu erzählt worden ist, wobei zahlreiche Details, je nach Absicht des Autors, hinzugekommen sind, oder weggelassen wurden. Dieser Umstand führte unweigerlich zu der Konsequenz, dass sich sowohl die bildliche Darstellung als auch die Konnotation dieser Mischwesen im Laufe der Jahrtausende immer wieder veränderte.

Jene Veränderungen sind es, welche ich im Rahmen dieser Hausarbeit einer eingehenden Betrachtung unterziehen werde. Hierfür soll zu Beginn ein kurzer Einblick in den Sirenenmy- thos der griechischen Antike gegeben werden, um anschließend auf diesen aufzubauen und zu untersuchen, wie die Sirenen in der Literatur des antiken Griechenlands sowie des Mittelalters dargestellt wurden.

Bei dem Textkorpus, welcher für diese Untersuchung verwendet werden wird, handelt es sich um Homers Odyssee sowie um Ovids Ars Amatoria und Metamorphosen, welche die Darstellung der Sirenen für die Antike repräsentieren. Nachdem ein kurzer Exkurs über den kirchlichen Einfluss auf den Sirenenmythos erfolgt ist, sollen für das Mittelalter Gottfried von Straßburgs Tristan sowie Konrad von Megenbergs Buch der Natur herangezogen werden, wobei ich für Letzteres auch immer wieder eine Verbindung zu den anderen Naturbüchern herstellen werde. Unterstützend zu dieser Untersuchung greife ich zudem auf unterschiedliche Sekundärliteratur zurück, von welcher besonders die Werke von Werner Wunderlich zu erwähnen sind, der in seinem Mythos Sirenen nicht nur einen Großteil der für die Fragestellung relevanten Quellen zusammenfasste, sondern auch einen detaillierten Einblick in den antiken Sirenenmythos lieferte, auf welchen ich nun im Folgenden eingehen werde.

2 Sirenen in der griechischen Mythologie

Zu Beginn der Arbeit soll eine knappe Einführung in die Thematik des antiken Sirenenmythos erfolgen. Dies erscheint insofern als sinnvoll, da dieses Hintergrundwissen für die Beantwortung von Fragen herangezogen werden kann, welche von den unterschiedlichen Beispieltexten in einigen Fällen aufgeworfen werden.

2.1 Begriff und Sage

Das griechische Wort seirēnes (ΣειȡῆνεȢ) oder auch seirēn (Σειȡήν) ist mit „Die Fesselnden“, „Die Bestrickenden“1 oder auch „Die Würginnen“2 ins Deutsche zu übersetzen, während die Etymologie des Wortes bis heute nicht vollständig geklärt werden konnte.3 Ursprünglich wurden mit diesem Begriff vampirartige Totengeister bezeichnet, von welchen es der Sage nach hieß, dass sie das Blut der Leichen tranken.4 Aus diesem Grund sollen sie auch mit Todesdämonen wie den Erinyen, den Keren und den Harpyien wesensverwandt gewesen sein.5 Sepulkralmonumente ionischer, attischer hellenischer und römischer Herkunft stellten die Sirenen als Mischwesen, bestehend aus einem Menschenkopf und einem Vogelkörper dar, dessen Erscheinungsbild an das eines geflügelten Engels erinnert. Diese Sirenen - auch Grabsirenen genannt - schmückten die Gräber der Toten und traten in der Literatur als Boten auf, welche die Verstorbenen mit Musik und Gesang in das Jenseits überführten.6

Bezüglich der Abstammung der Sirenen herrschte Uneinigkeit zwischen den antiken Schriftstellern. Während die Dichter Sophokles (500 v. Chr.) und Plutarch (100 n. Chr.) den Meeresgott Phorkys als den Vater der Sirenen nannten, wird vielfach auch der Flussgott Acheloos als Vater der Sirenen angeführt, welcher die Sirenen mit einer Muse zeugte, was sich als Erklärung für ihre musikalische Kompetenz anführen ließe.7

Als Heimat der Sirenen nennt der griechische Mythos eine Insel, welche den Namen Aiaia oder auch Ogygia trägt, deren genaue Lage sich aber aufgrund widersprüchlicher Informationen nicht mit Sicherheit bestimmen lässt.8

2.2 Darstellung

Die ältesten bildlichen Darstellungen der Sirenen sind auf das zweite Jahrtausend vor Christus zu datieren und zeigen, passend zu der griechischen Sage, ein Mischwesen zusammengesetzt aus einem Vogelkörper und einem menschlichen Kopf.9 Zwar existieren auf antiken Vasen und Amphoren sowie auch in der mittelalterlichen Kirchenplastik Abbildungen von bärtigen Sire- nen, doch ist das Geschlecht der Sirenen, von diesen seltenen Abweichungen einmal abgesehen, durchgehend als weiblich zu betrachten.10 Diese feminine Darstellung wurde schließlich auch von der Literatur aufgegriffen. So beschreibt die Argonautika (1. Jh. n. Chr.) von Apollonios von Rhodos die Sirenen als erste literarische Quelle als einen Mensch-Vogel-Hybriden und im Hyginus (2. Jh. n. Chr.) heißt es:

Tum ad Sirenas, Melpomenes Musae Darauf kam er zu den Sirenen, den Töchtern der et Acheloi filias, venit, Muse Melpomene und Archeloos, welche den quae partem superiorem muliebrem habebant oberen Teil einer Frau, aber den Unterkörper von inferiorem autem gallinaceam.11 Hühnern hatten.

Seit dem 7. Jahrhundert vor Christus tauchten aber auch differenzierte Darstellungen von Sirenen auf, in welchen der Körper eines Vogels durch einen oder mehrere Fischschwänze ersetzt wurde. Als Gründe hierfür können sowohl die bereits erwähnte Verwandtschaft der Sirenen zu den Wassergöttern Acheloos und Phorkys angeführt werden, sowie die Tatsache, dass die Sirenen in der etruskischen Kunst einer Erotisierung unterzogen wurden und sich ihr Erscheinungsbild dementsprechend von einem Vogelwesen zu einem Fischwesen mit weiblichem Oberkörper und ausladenden Brüsten wandelte.12 Aber auch der Einfluss von Homers Odyssee, in welcher Odysseus und seine Gefährten von den Sirenen auf dem Meer bedroht werden, lässt sich als Erklärung für diese Form der Darstellung heranführen.13 Eine bildliche Beschreibung der Sirenen bleibt Homer in seinem Epos jedoch schuldig.

3 Sirenen in der Literatur der Antike

3.1 Sirenen in Homers Odyssee

Das Heldenepos ΟǻΥΣΣǼǿΑΣ (Odyssee) markiert das erste bekannte Werk, welches den Mythos der Sirenen schriftlich überlieferte.14 Es wurde im Jahr 800 v. Chr. von dem griechischen Dichter Homer geschrieben und ist die Fortsetzung des Epos ǿΛǿΑǻΟΣ (Ilias), in welchem der griechische König Odysseus als Teil einer großen Streitmacht in den trojanischen Krieg aufbrach und die Stadt Troja infolge einer zehnjährigen Belagerung mithilfe einer kriegsentscheidenden List eroberte.15 Die Fortsetzung dieser Geschichte schildert die Irrfahrt des Helden zurück in seine Heimat Ithaka und zu seiner Gattin Penelope.

Im Verlauf dieser Reise muss sich der Held den unterschiedlichsten Gefahren stellen. So trifft Odysseus unter anderem auf Kirke, die Tochter einer Okeanide16, welcher er für ein Jahr Gesellschaft leistet und deren Liebe er in dieser Zeit für sich gewinnt. Darauf begegnet er der Nymphe Kalypso, die seine Heimreise sogar für sieben Jahre hinauszögert. Zwischen diesen beiden Pausen begegnet der Held auch unterschiedlichen anderen Mythen, zu denen neben den Meeresungeheuern Charybdis und Skylla und den Nymphen Phaetusa und Lampetia auch die Sirenen zählen. Letzteres Zusammentreffen wird in dem Epos, welches insgesamt 24 Gesänge umfasst, lediglich an drei unterschiedlichen Stellen geschildert.

Bei der ersten Textstelle (12,36 - 54) handelt es sich um die Prophezeiung der zuvor erwähnten Göttin Kirke17, welche den Helden vor der Begegnung mit den Sirenen warnt, nachdem dieser nach seiner Fahrt in die Unterwelt zu Kirke zurückkehrt, um sich von ihr den Seeweg nach Ithaka erklären zu lassen. Von ihr erfährt er, dass er mit seinem Schiff an der Sireneninsel vor- beisegeln werde und dass jeder, der den wundervollen Gesang dieser Mischwesen vernimmt, nie wieder seine Heimat, noch seine Frau oder seine Kinder jemals wieder sehen werde.18

Da eine bildliche Beschreibung der Sirenen, wie zuvor erwähnt, entfällt und dem Leser le- diglich aufgrund der griechischen Sage bekannt sein könnte, dass es sich bei diesen Wesen um Mensch-Vogel-Hybriden handelt, lässt jene Passage zuerst den Anschein zu, dass es sich bei dem nicht-menschlichem Teil aufgrund des lieblichen Sirenengesangs um jenen eines harmlo- sen Singvogels handeln könnte. Doch verkommt dieses arglose Bild zur Unglaubwürdigkeit, sobald der Leser die darauf folgenden Zeilen rezipiert. Denn hier ist von aufgehäuften Gebei- nen, vermodernden Menschen und vertrockneten Häuten die Rede, welche auf der Sireneninsel verstreut umherliegen.19 Dadurch wandelt sich die Vorstellung vom Äußeren der Sirenen und an die Stelle des Singvogels tritt nun der Körper eines Raubvogels, dessen gefährliche Fänge die Leiber der Unglücklichen in Stücke reißen, welche ihrer Insel zu nahe gekommen sind,20 womit der Mythos der Todesdämoninnen in Homers Epos aufgegriffen wird.

Wie genau aber die Opfer der Sirenen ihr Ende finden, verrät die Odyssee nicht und dies ist auch in der modernen Forschung noch immer umstritten. Während die früheren Scholiasten lediglich der Ansicht waren, dass die Seemänner durch den Gesang der Sirenen zugrunde gin- gen oder schlichtweg verhungerten, wurde diese Auffassung von dem griechischen Dichter Ly- kophron ergänzt. Dieser vertrat die Meinung, dass die Männer nach ihrem Tod in noch rohem Zustand verspeist würden.21 Dies ist eine Vorstellung, durch welche das Bild eines Raubvogels noch weiter gefestigt werden würde.

Damit Odysseus jedoch von diesem (nur wenig erstrebenswerten) Schicksal verschont bleibt, rät Kirke ihrem Geliebten zu einem altbekannten Trick: Odysseus soll die Ohren seiner Männer mit geschmolzenem Bienenwachs verschließen und sich selbst an den Mast seines Schiffes binden lassen, sodass er als Einziger imstande sein wird, die wunderbaren Klänge der Sirenen zu hören, ohne sich selbst aber dabei in Gefahr zu bringen.22

Die zweite Textstelle (12,153 - 164), in welcher die Sirenen genannt werden, bringt nur wenige neue Erkenntnisse. Odysseus berichtet seinen Gefährten von der Prophezeiung Kirkes. Da auch hier keine nähere Erklärung oder gar Beschreibung der Sirenen erfolgt, wird spätestens an dieser Stelle deutlich, dass Homer den Mythos der Sirenen bereits bei seinen Lesern als bekannt voraussetzte.

Bei der letzten Stelle (12,165 - 200) handelt es sich um einen Rückblick, in welchem der griechische Held sein Erlebnis mit den Sirenen am Hofe der Phäaken rekapituliert. Als sich der König mit seinen Gefährten dem akustischen Gefahrenbereich der Sireneninsel nähert, verschwinden die günstigen Winde, welche von Kirke zu Unterstützung ausgesandt wurden und eine Flaute setzt ein, worauf sich die Wellen glätten.23

Diese macht deutlich, dass die magischen Fähigkeiten der Sirenen noch über ihren verführerischen Gesang hinausreichen. Sie sind in der Lage, das Wetter und somit das Meer und die Wellen so zu beeinflussen, dass es ihren Opfern erschwert wird, sich ihrem Einflussbereich zu entziehen. Dies ist eine Eigenschaft, durch welche sich die Verwandtschaft mit den Harpyien begründen lässt.24 Den Männern des Odysseus bleibt deshalb keine andere Wahl, als mithilfe der Ruder diesen Gefahrenbereich zu verlassen. Währenddessen ist der griechische König allerdings dem verführerischen Gesang der Sirenen ausgesetzt, welcher nach Homer als „hell“ (12,183), „süß“ (12,187) und „tönend“ (12,192) geschildert wird.

[...]


1 vgl. Simek 2015, S. 122.

2 vgl. Weicker 1915, S. 602.

3 vgl. Egeler 2010, S. 351.

4 vgl. Simek 2015, S. 122.

5 vgl. Weicker 1915, S. 602.

6 vgl. Wunderlich 2007, S. 177.

7 vgl. Wunderlich 2007, S. 179 - 180.

8 vgl. Kopf-Wendling 1988, S. 12.

9 vgl. Kopf-Wending 1988, S. 20 - 22.

10 vgl. Wunderlich 2007, S.179.

11 vgl. Fröhich, Künzel 2009, S. 38.

12 vgl. Wunderlich 2007, S. 193.

13 vgl. Simek 2015, S. 122.

14 vgl. Wunderlich 2013, S. 276.

15 vgl. Stefan 1997, S. 111.

16 Bei ihr handelt es sich, ähnlich den Nereiden und Nymphen, ebenfalls um ein Meerwesen.

17 In anderen Übersetzungen auch als Zauberin bezeichnet.

18 vgl. Wunderlich 2007, S. 15.

19 vgl. Wunderlich 2007, S. 15.

20 vgl. Kraß 2010, S. 49.

21 vgl. Egeler 2010, S. 366.

22 vgl. Wunderlich 2007, S. 15.

23 vgl. Wunderlich 2007, S. 16.

24 vgl. Kopf-Wendling 1988, S. 111.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Sirenen in der Literatur der Antike und des Mittelalters
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V352653
ISBN (eBook)
9783668387881
ISBN (Buch)
9783668387898
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sirenen, literatur, antike, mittelalters
Arbeit zitieren
Sebastian Brünnel (Autor), 2016, Sirenen in der Literatur der Antike und des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352653

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