Der Krieg um den Sueskanal. Die Sueskrise im Spiegel der bipolaren Weltordnung nach 1945


Seminararbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sueskrise im geopolitischen Kontext
2.1 Das Ende der Imperien
2.2 Der Aufstieg des arabischen Nationalismus und der Freiheitsbewegungen

3. Die US-Interessen im Nahen Osten und Sues
3.1 Die Begrenzung der traditionellen Mächte
3.2 Die Begrenzung der Sowjetischen Einflusssphäre
3.3 Die Begrenzung der Befreiungsbewegungen und der Sturz Nassers

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Verstaatlichung des Sueskanals im Juli 1956 durch den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, sowie die darauf folgende militärische Intervention Großbritanniens, Frankreichs und Israels zur Wahrung ihrer jeweiligen nationalen Interessen kann als durchaus symptomatisch für eine grundsätzlich neue Konstellation innerhalb des globalen Machtgefüges nach 1945 angesehen werden. Besondere Brisanz erhielt die Sueskrise die vom 29. Oktober bis zum 7. November andauerte durch die Konfrontation zwischen den USA und der UDSSR, deren rhetorischer Schlagabtausch im Verlauf der Auseinandersetzungen derartig an Schärfe gewann, wie es dergleichen vorher im Kalten Krieg nicht gegeben hat.[1]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sahen sich alle militärisch und/oder diplomatisch in Sues engagierten Akteure mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Außen- und Sicherheitspolitik an die veränderte geopolitische Realität anzupassen, wobei die geänderten regionalen und globalen Rahmenbedingungen im Wesentlichen durch drei Elemente determiniert waren: Erstens, das Ende der europäischen Kolonialreiche, im Besonderen des British Empire, das nach 1945 nicht mehr in der Lage war, seine machtpolitischen und kolonialen Interessen rund um den Globus zu verteidigen. Durch das so entstandene Machtvakuum konnte sich einerseits der arabische Nationalismus zur entscheidenden regionalen Kraft entwickeln, gleichzeitig geriet jedoch der ganze Nahe Osten in das Schwerefeld des sich ausprägenden Ost-West-Konflikts. Zweitens lässt sich ein immer selbstbewussteres Auftreten der USA beobachten, die sich ihrer Position als Erben des britischen Weltreiches zunehmend bewusst werden und ihre strategischen Ziele in der Region, vor allem mit Blick auf die umfangreichen Erdöllagerstätten vehement verfolgen. Drittens lässt sich konstatieren, dass mit der Suezkrise die arabische Welt endgültig zum Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen USA und Sowjetunion geworden ist und der Kalte Krieg dort spätestens seit 1956 auch in seiner heißen Form Einzug gehalten hat.

Vor diesem Hintergrund geht die vorliegende Arbeit von der These aus, dass das von führenden Regierungsmitgliedern der beiden Supermächte vielfach beschworene Gefahren- und Eskalationspotential der Sueskrise eine durchaus reale Dimension besessen hat und von den beiden Kontrahenten bewusst ins Kalkül gesetzt worden ist, um den eigenen Interessen entsprechenden Nachdruck zu verleihen. Um den engen Grenzen, die diesem Aufsatz gesetzt sind, gerecht zu werden, soll der Fokus auf die US-amerikanische Position während der Krise gelegt werden. Anhand einer umfangreichen Literaturrecherche sowie der Verwendung einzelner, exemplarischer Primärquellen aus US-Beständen soll vor dem Hintergrund der historischen und geopolitischen Überlegungen die Frage beantwortet werden, wie die Haltung der USA während der Sueskrise zu beurteilen ist, beziehungsweise welche leitenden Interessen und Motive für eben diese Handlungen identifiziert werden können.

2. Die Sueskrise im geopolitischen Kontext

Am 23. Juli 1952 kam es in Ägypten zu einer folgenschweren Revolution in deren Verlauf es einer von Oberst Gamal Abdel Nasser geführten Gruppe von „Freien Offizieren“ gelang, das monarchistische Regime zu stürzen. Da die neue Regierung bestrebt war, eine unabhängige auf nationaler Selbstständigkeit beruhende Politik zu verfolgen, verschlechterten sich die Beziehungen zu Großbritannien und Israel sowie zum Westen insgesamt dramatisch.[2] Bereits 1955 sollte sich die Lage abermals zuspitzen, da Ägypten die Einladung dem prowestlichen Bagdad-Pakt beizutreten ausschlug und Moskau im selben Jahr begonnen hatte, Ägypten im Geheimen über die Tschechoslowakei mit modernen Waffen zu beliefern.[3] Diese Annäherung zwischen Ägypten und der Sowjetunion veranlasste den amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower am 21. Juli 1956 schließlich zur Rücknahme der bereits zugesagten Finanzhilfen zur Errichtung des Assuan-Staudammes, woraufhin Nasser sich zu einem äußerst gewagten Schritt herausfordert sah: Am 26. Juli ging dieser auf offenen Konfrontationskurs gegenüber den Westmächten und verkündete auf einer großen Kundgebung in Alexandria die Nationalisierung des Sueskanals, um mit den so gewonnen Mitteln und sowjetischer Wirtschaftshilfe das Assuan-Projekt auch ohne Hilfe der USA zu realisieren.[4]

Es zeigt sich also, dass in der Sueskrise vom Herbst 1956 verschiedene Ereignisstränge zusammen laufen, weshalb dem Ereignis ein erhebliches Maß an Komplexität und Dynamik innewohnt.[5] Vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes ist daher unbedingt auf das gleichzeitige Stattfinden der Ungarnkrise hinzuweisen. Die Tatsache, dass am 4. November mindestens zehn sowjetische Divisionen zum zweiten Mal binnen weniger Tage in die Hauptstadt Budapest einmarschiert waren, um den Rückhalt der Bevölkerung für den Ministerpräsidenten Imre Nagy endgültig zu brechen,[6] fand auch Eingang in die strategischen Überlegungen, die in den USA und der UDSSR im Verlauf der Sueskrise getroffen wurden. A. Orlow weist ausdrücklich darauf hin, dass die Rolle, die er Sueskonflikt in der amerikanischen und sowjetischen Politik gespielt hat, noch wenig erforscht sei und betont deshalb die Möglichkeit zu entscheidendem Erkenntnisgewinn: Die Ereignisse in Ägypten und rund um den Sueskanal ermöglichen demnach nicht weniger, als die Logik der Führer der USA und der Sowjetunion in ihrem Ringen um den Aufstieg zur globalen Hegemonialmacht besser zu begreifen.[7]

2.1 Das Ende der Imperien

Die im Vorhergehenden in aller Kürze skizzierten Ereignisse, der Volksbefreiungskrieg in Algerien, die Unabhängigkeit Syriens und des Sudans, Tunesiens und Marokkos – all das zeugt vom unaufhaltsamen Zerfall des europäischen Kolonialsystems in Nahost.[8] Die zunehmend günstigen Voraussetzungen für eine Ausweitung der sowjetischen Einflusszone in der Region beunruhigten die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs sowie die NATO-Führung außerordentlich.[9] Dass die Erklärung Nassers über die Verstaatlichung des Sueskanals in London und Paris einen solchen Sturm der Empörung ausgelöst hat, liegt letztendlich in der kolonialen Mentalität, den machtpolitischen Interessen sowie dem daraus resultierenden Selbstverständnis beider Länder begründet.

Im 19. Jahrhundert war es einigen wenigen Staaten, die meist an den Nordatlantik grenzten, gelungen, die außereuropäische Welt zu erobern. Obwohl ihnen die organisatorischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme die unangefochtene Vormachtstellung über den Globus eingebracht hatten,[10] sollte diese koloniale Weltordnung nicht von Dauer sein. Nach den traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges waren die Kolonien für viele EuropäerInnen so etwas wie ihr nationales Erbe, die Erinnerung an den verblassten Glanz und die goldenen Zeiten längst vergangener Tage und zugleich eine Chance, ja ein Versprechen an die Zukunft. Es war also kein Wunder, dass die koloniale Tradition ihrer Heimatländer das Selbstverständnis vieler Menschen und Regierungen im Nachkriegseuropa entscheidend geprägt hat. So erinnert sich etwa der in London aufgewachsene Historiker Tony Judt daran, wie dieses Gefühl imperialer Größe den Alltag durchdrang: Schulatlanten zeigten weite Teile der Welt unter britischer Herrschaft und die britischen Eroberungen in Indien und Afrika nahmen breiten Raum im Schulunterricht ein. Wochenschauen und Radiosendungen, Zeitungen, Comichefte, Sportveranstaltungen und Konservenetiketten – all das kündete von der überragenden Bedeutung Englands als Herz eines Weltreiches von riesigen Ausmaßen.[11] Das Weltbild vieler westlicher PolitikerInnen war in den vierziger und fünfziger Jahren immer noch von diesen oder ähnlichen mentalen Dispositionen getragen. Das es gedauert hat, bis die Vorstellung von einer grundlegend neuen Architektur des globalen Machtgefüges in den Köpfen der Verantwortlichen angekommen war, geht aus einem Interview, das der von 1949 bis 1953 amtierende US-Außenminister Dean Acheson später gegeben hat, in aller Deutlichkeit hervor:

„Es war nicht wirklich bei uns angekommen, dass das Britische Empire verschwunden war, Frankreich als Großmacht verschwunden war, dass Europa aus vier oder fünf Ländern von 50 Millionen Menschen bestand. Ich schaute noch immer auf die Weltkarte und sah dieses viele Rot, und bei Gott, das war das Britische Empire, die französischen Senegalesen-Truppen in Ostafrika und in Deutschland – all das war zur Hölle gegangen. Diese Länder waren in der Welt kaum noch bedeutender als Brasilien. Ich denke, unser Urteilsvermögen war durch die Unfähigkeit beeinträchtigt, die Wirklichkeit zu verstehen.“[12]

Wenn Keith Kyle mit dem britischen Engagement in Suez also das endgültige Aus für die imperialen Ambitionen des Empire im Nahen Osten gekommen sieht, so scheint diese Analyse den Kern der Sache zu treffen.[13] Bedenkt man die katastrophalen Konsequenzen die Großbritannien aus der Militärintervention am Sueskanal erwuchsen, wird deutlich welch hohen Stellenwert man der Kontrolle über den Kanal noch in der Mitte der 1950er Jahre beigemessen hatte. Bereits über zwei Jahrzehnte zuvor hatte der für Sues verantwortliche britische Premierminister Anthony Eden, damals Abgeordneter des Unterhauses, auf die immense Bedeutung des Sueskanals für das britische Weltreich aufmerksam gemacht:

„If the Suez Canal is the back door to the East, it is the front door to Europe of Australia, New Zealand and India. If you like to mix your metaphors it is, in fact, the swing-door of the British Empire, which has got to keep continually revolving if our communications are to be what they should.”[14]

Da das kriegerische Engagement weder zur Erreichung militärischer noch politischer Zielsetzungen beigetragen hat, bedeutete das Abenteuer von Sues für Großbritannien letztendlich einen äußerst unvorteilhaften Engpass an Rohöl und zog außerdem den Sturz der Regierung, sowie den beinahe völligen Zusammenbruch des Bankensektors nach sich.[15] Kurzum: Mit der Niederlage von Sues lag die einstige imperiale Größe des Empire Ende 1956 endgültig in Trümmern.

[...]


[1] Dülffer, Jost (1995): Die Suez- und Ungarn-Krise, in: Salewski, Michael (Hrsg.), Das Zeitalter der Bombe. Die Geschichte der atomaren Bedrohung von Hiroshima bis heute, Augsburg, S.95.

[2] Orlow, A. (1999): Die Suezkrise, in: Heinemann, Winfried/Wiggershaus, Norbert (Hrsg.), Das internationale Krisenjahr 1956, München, S. 219.

[3] Orlow, A. (1999): Die Suezkrise, in: Heinemann, Winfried/Wiggershaus, Norbert (Hrsg.), Das internationale Krisenjahr 1956, München, S.220.

[4] Ebd.

[5] Dülffer, Jost (1995): Die Suez- und Ungarn-Krise, in: Salewski, Michael (Hrsg.), Das Zeitalter der Bombe. Die Geschichte der atomaren Bedrohung von Hiroshima bis heute, Augsburg, S.96.

[6] Dülffer, Jost (1995): Die Suez- und Ungarn-Krise, in: Salewski, Michael (Hrsg.), Das Zeitalter der Bombe. Die Geschichte der atomaren Bedrohung von Hiroshima bis heute, Augsburg, S.95.

[7] Orlow, A. (1999): Die Suezkrise, in: Heinemann, Winfried/Wiggershaus, Norbert (Hrsg.), Das internationale Krisenjahr 1956, München, S. 219.

[8] Orlow, A. (1999): Die Suezkrise, in: Heinemann, Winfried/Wiggershaus, Norbert (Hrsg.), Das internationale Krisenjahr 1956, München, S. 220.

[9] Ebd.

[10] Hobsbawm, Eric (2003): Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München, S. 253.

[11] Judt, Tony (2005): Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München/Wien, S. 313.

[12] Acheson, Dean, zitiert nach: Frey, Marc (2006): Die Vereinigten Staaten und die Dritte Welt im Kalten Krieg, in: Greiner, Bernd/Müller, Christian/Walter, Dierk (Hrsg.), Heiße Kriege im Kalten Krieg. Studien zum Kalten Krieg, Bd.I, Hamburg.

[13] Kyle, Keith (2011): Suez. Britain´s End of Empire in the Middle East, London/New York.

[14] Eden, Anthony zitiert nach: Kyle, Keith (2011): Suez. Britain´s End of Empire in the Middle East, London/New York, S. 7.

[15] McDermott, Rose (1998): Risk-Taking in International Politics. Prospect Theory in American Foreign Policy, The University of Michigan Press, S. 136.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Krieg um den Sueskanal. Die Sueskrise im Spiegel der bipolaren Weltordnung nach 1945
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz  (Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V352694
ISBN (eBook)
9783668389168
ISBN (Buch)
9783668389175
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anmerkung des Betreuers in Auszügen: "Interessante Argumentation" "Der rote Faden zieht sich durch die Arbeit und Sie haben der Versuchung (?) widerstanden, lediglich den Konflikt nachzuzeichnen" "Saubere Arbeit"
Schlagworte
Suez, Sues, Bipolare Weltordnung, Postkolionalismus, Geschichte des Staates Israel, Kalter Krieg
Arbeit zitieren
Christoph Helberger (Autor), 2016, Der Krieg um den Sueskanal. Die Sueskrise im Spiegel der bipolaren Weltordnung nach 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352694

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