Individuelles Lernen in der Schule

Wie verändern sich die Anforderungen an die Lehrkraft und die Schülerinnen und Schüler?


Hausarbeit, 2014
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Individualisierung und Öffnung des Unterrichts
2.1. Einführung in die Thematik und Begriffsbestimmungen
2.2. Merkmale und Ziele des individualisierenden Unterrichts
2.3. Einüberblicküber die verschiedenen Lernformen individuellen Lernens

3. Die veränderte Rolle der Lehrkraft
3.1. Kurze Gegenüberstellung: lehrerzentrierter und schülerzentrierter Unterricht
3.2. Anforderungen an die Lehrkraft

4. Die veränderten Anforderungen an die Schüler und Schülerinnen
4.1. Eigene Lernwege der Schüler und Schülerinnen
4.2. Erwartungen an die Schülerinnen und Schüler

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Organisationsformen imüberblick

Abbildung 2: Individualisierender Unterricht

1. Einleitung

Betrachtet man einmal die Schulzeit aus den Augen der Kinder:

„In den Anfängen ihrer Schulzeit fühlen sie sich als Person angesprochen. […] Sie verfolgen den Unterricht gespannt und wollenüberall noch etwas beitragen. (…) Der Lehrer steht vor der Klasse und bemüht sich verzweifelt, jeden Schüler wenigstens einmal pro Lektion dranzunehmen. Doch mit diesem Problem braucht er sich nicht lange herumzuschlagen: Je höher der Stoffberg sich türmt, desto mehr verstummen die Schüler. Ihre persönlichen Beiträge, das merken sie bald, haben ohnehin keinen Einfluss auf den Gang der Dinge. (…) Ob ihm viel oder wenig Platz eingeräumt wird im Unterricht, ändert nichts daran, dass Schülerbeiträge in Wirklichkeit entbehrliches Beiwerk sind.“ (Peschel 2006a, S.167 zit. n. Gallin & Ruf 1990, S.25)

Hört man die aktuellen Diskussionen, so könnte man zu dem Schluss kommen, dass die im Beispiel angerissene Methode des lehrerzentrierten Unterrichts nicht mehr zeitgemäß wäre. Zunehmend rückt die Individualisierung im Unterricht als die beste Möglichkeit zur Förderung der Schüler[1] in den Vordergrund (vgl. Rathgeb- Schnierer & Feindt 2014, S.30). Im Gegensatz zur oben beschriebenen Situation, soll im „individualisierenden Unterricht“ den Lernenden Freiraum gegeben werden, in denen ihre Beiträge im Gespräch mit Mitschülern richtungsweisend sind und sie sich als selbstwirksam erleben können (vgl. Peschel 2006a, S.170f.).

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit den veränderten Anforderungen an die Lehrkräfte und die Schülerschaft im „individualisierenden Unterricht“ auseinandersetzen. Meine Schwerpunkte werde ich auf das Handeln und die Aufgaben der Lehrkräfte sowie auf die Erwartungshaltungen an die Schüler beim individuellen Lernen legen.

Dazu muss zunächst eine Abgrenzung der Begriffsbestimmungen vorgenommen werden, bevor ich dann auf die Merkmale und Ziele des „individualisierenden Unterrichts“ eingehen kann. Um den Einstieg in die Thematik abzurunden, werde ich kurz einige Lernformen der Unterrichtsmethode beschreiben. Anschließend möchte ich die veränderte Rolle der Lehrkraft mit einer Gegenüberstellung von lehrerzentriertem und schülerzentriertem Unterricht herausarbeiten, um dann im nächsten Schritt die Anforderungen an die Lehrkraft zu verdeutlichen. Es schließen sich die veränderten Anforderungen an die Schüler an. Zunächst werden die eigenen Lernwege der Schülerschaft beschrieben, um darauffolgend ebenfalls die Erwartungen an diese Gruppe aufzudecken. Abschließend möchte ich das Herausgearbeitete noch einmal kurz zusammenfassen und mit ein paar persönlichen Worten die Arbeit schließen.

2. Individualisierung und Öffnung des Unterrichts

Nachdem in den siebziger Jahren die Differenzierung der Schüler durch die Lehrkraft gefordert wurde, wird nun zunehmend der Unterricht so konzipiert, dass die heterogene Schülerschaft zum individuellen und selbstbestimmten Lernen befähigt wird (vgl. Peschel 2006a, S.69).

2.1. Einführung in die Thematik und Begriffsbestimmungen

Zunächst ist es notwendig auf die zentralen Begriffe „individuelles Lernen“ bzw. des „individualisierender Unterricht“ und „Öffnung des Unterrichts“ näher einzugehen.

Der Begriff der „Individualisierung“ findet seinen Ursprung in der Soziologie. Im Zuge der Industrialisierung stand dieser für die Entwicklung des Individuums auf dem Weg von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung- zu einem eigenverantwortlichen Leben (vgl. Grunefeld & Schmolke 2011, S.11). Aus konstruktivistischer Sicht resultiert Lernen aus „einem autonomen Prozess der aktiven Konstruktion von Wissen (…), der nur individuell gefördert und gesteuert werden kann“ (Verbundprojekt „Lernen für den GanzTag“ Berlin und Brandenburg 2008, S.7). Eine weitere meiner Meinung nach sehr umfassende Definition von Lernen liefert Groddeck (1998) und bezieht sich dabei auf Rogers (1974):

„Signifikantes Lernen zeichnet sich dadurch aus, daß es die ganze Person erfaßt, praktisch und erfahrungsbezogen ist, selbstinitiiert und freigewählt und Themen und Einsichten behandelt, die einen Einfluss auf die Entwicklung und Lebensgestaltung des Einzelnen … nimmt. Signifikantes Lernen ist begleitet von Emotionen und orientiert an einer existenziellen Suche nach ´Sinn‘. (…)“ (Groddeck 1998, S.92 mit Bezug auf Rogers 1974, S.11ff. zit. n. Peschel 2006a, S.7).

Dieser Auszug verdeutlicht noch einmal, dass „Lernen“ bei jedem Menschen ein individueller Prozess ist. Es kann so unterschiedlich, wie die Person selbst ist, ablaufen.

Im „individualisierenden Unterricht“ wird diese Definition berücksichtigt, indem stark differenziert wird. Die Schüler müssen nicht alle die gleichen Aufgaben bearbeiten, sondern können an ihre unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Vorlieben anknüpfen. Die Vermittlung des Inhalts wird ergänzt durch das selbstständige Erarbeiten von Sachgegenständen und das Eingehen auf die Individualität jeden Schülers (vgl. Bräu 2010, S.173).

Differenzierung kann sowohl im durch die Lehrkraft geplanten und gelenkten Unterricht als auch im Rahmen eines geöffneten Unterrichts stattfinden, indem den Schülern verschiedene Themen und Methoden zur Bearbeitung zur Verfügung stehen (vgl. Lohmann 1992, S.167). Die Frage nach einer einheitlichen Definition von „Öffnung des Unterrichts“ kann nicht beantwortet werden. Es herrschen sowohl unter verschiedenen Autoren als auch unter den praktizierenden Lehrkräften sehr unterschiedliche Vorstellungen des Begriffs. Um von einem „offenen Unterricht“ sprechen zu können, muss zunächst der Begriff des Unterrichts deutlich weiter gefasst werden. In den Köpfen der Menschen lässt sich der herkömmliche Unterricht mit dem ursprünglichen Bild, dass der Lehrer den Kindern die Sachverhalte vermittelt, nur schwer mit der Vorstellung des offenen oder geöffneten Unterrichts verbinden (vgl. Peschel 2006a, S.70). Trotz der vielen Ansichten, lassen sichübereinstimmende Ansätze für eine grobe Definition finden. Die Form des „offenen Unterrichts“ sollte „schülerzentriert“ sein (vgl. Jürgens 1994a, S.51 zit. n. Peschel 2006a S.71). In Ergänzung dazu sollte das selbstständige Erarbeiten von Lerninhalten im Mittelpunkt stehen und den Schülern die Auswahl und Entscheidungsmöglichkeit der zu bearbeitenden Inhalte und Methoden gegeben werden (vgl. Grunefeld & Schmolke 2011, S.11).

2.2. Merkmale und Ziele des individualisierenden Unterrichts

Aus den Erkenntnissen der konstruktivistischen Lerntheorien ergibt sich, dass die Interessen und das Vorwissen der Schülerschaft stärker im Unterricht berücksichtigt werden müssen. Ein Schüler soll in seiner Schullaufbahn folgende Kompetenzen weiter ausbauen: „Sachkompetenz“, „Methodenkompetenz“, „Selbstkompetenz“ und „Sozialkompetenz“ (Ferreray 2010, S.10). Die Individualisierung im Unterricht strebt den Ausbau dieser Kompetenzen an, indem einige Grundsätze beachtet werden. Die Vermittlung der Inhalte soll an den Lebenswelten und Interessen der Schüler anknüpfen. Die Klasse verfolgt zwar das gleicheübergeordnete Ziel, jedoch soll jeder Schüler individuell, ausgehend von seinem Ausgangswissen, lernen können. Schüler können auf einigen Gebieten zum Fachmann oder zur Fachfrau werden und auf anderen müssen sie speziell gefördert werden (vgl. ebd. S.10f.). Lohmann (1992) formuliert als erstes Ziel des geöffneten Unterrichts, dass die Schüler die Möglichkeit bekommen sollten, Selbsterfahrungen zu sammeln, sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst zu werden, um an diesen mit selbst gesteckten Zielen bewusst arbeiten zu können. Sie formuliert es prägnant und fordert, „daß schulisches Lernen die Ausbildung eigener Sinn- und Erkenntnisstrukturen ermöglicht und befördert“ (Lohmann 1992, S.170). Die offenen Aufgaben sollen darauf abzielen, dass so verschieden wie die Schüler sind, so unterschiedlich auch die Aufgaben gelöst werden können. Individualisierender Unterricht ist gekennzeichnet durch schüleraktivierende Materialien, welche durch Handeln Probleme lösen lassen und das Lernen mit vielen Sinnen fördern. Durch eine hohe Eigenverantwortung der Schüler sollen auch die sozialen Kompetenzen besonders gefördert werden (vgl. Ferrary 2010, S.10ff.). Dieses Ziel nimmt für Lohmann (1992) einen besonders großen Stellenwert ein. Zur Unterstützung des Individuums in seiner gesamten Entwicklung betont sie, neben der Erfahrung als einzelne Person, auch die Erfahrungen in einer Gruppe. Der wertschätzende und respektvolle Umgang mit Mitschülern und die Einhaltung von Regeln müssen geübt und gelernt werden (vgl. Lohmann 1992, S.170).

2.3. Einüberblicküber die verschiedenen Lernformen individuellen Lernens

Es stellt sich die Frage, wie die Ansprüche an und die Ziele im individualisierenden Unterricht methodisch und didaktisch gelingend umgesetzt werden können. In diesem Kapitel möchte ich einige Lernformen des individuellen Lernens vorstellen, um einen ersten Eindruck der veränderten Schüler- und Lehrerrolle zu geben.

Hochgreve gibt eine guteübersichtüber die gängigsten Organisationsformen für die Förderung individueller Lernwege bei der Schülerschaft. Diese werde ich im Folgenden darstellen und ausgehend davon einzelne Methoden näher erläutern.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Organisationsformen imüberblick (zit. n. Hochgreve, S.2)

Das Verwenden von Arbeitsplänen im Unterricht kann in Form von Tages- oder Wochenplänen erfolgen.übergeordnet muss ein Jahresplan vorliegen. In der Literatur ist der Wochenplan als häufig eingesetzte Methode beschrieben. Er beinhaltet unterschiedliche Aufgaben, meist fächerübergreifend und formuliert eindeutig, welche Materialien jeweils benötigt werden. Häufig enthält der Wochenplan auch Klassendienste und außerschulische Termine. Es werden wiederkehrend Unterrichtsphasen geplant, in denen die Schüler ihre Aufgaben frei wählen und zeitlich selbstbestimmt an dem Plan arbeiten können (vgl. Hochgreve S.2; Peschel 2006a, S.38).

Bei der Initiierung eines Projektunterrichts wird eine an der Lebenswelt der Schüler orientierte individuelle Lernerfahrung der Klasse angestrebt. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf „kooperativem, demokratischen Erfahrungslernen“ (Hochgreve S.3). Die Durchführung eines Projekts reicht von der Problemdarstellung, der Ideenfindung und der Projektskizzeüber die Planung, Durchführung und den Abschluss mit der Präsentation der Ergebnisse. Diese Form des Lernens wird als sehr arbeitsintensiv, aber auch als sehr motivierend beschrieben.

Die außerschulische Arbeit durch Praktika, Hausarbeiten, andere Lernorten und Exkursionen darf bei der Beschreibung individueller Lernformen von Schülern nicht fehlen, soll an dieser Stelle allerdings nur erwähnt bleiben (vgl. ebd., S.3f.).

Der Werkstattunterricht ist ein von der Lehrkraft vorbereiteter Unterricht, indem alle Materialien für die Klasse frei zugänglich sind und die Schüler Aufgaben, Interessengebiet, Arbeitsweise und Arbeitstempo selbst bestimmen können. Es wird sowohl in Einzelarbeit, mit einem Partner oder in Gruppen gearbeitet. Weitere wichtige Kompetenzen sollen mit dem „Chef-System“ gefördert werden. Jeweils ein Schüler ist für einen speziellen Bereich der „Chef“ und beantwortet alle Fragen rund um sein „Fachgebiet“ (vgl. ebd., S.3).

[...]


[1] Aus Gründen der Vereinfachungen sind bei den genannten Personen- und Berufsbezeichnungen gleichwertig beide Geschlechter gemeint, auch wenn sie in der männlichen Form auftreten.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Individuelles Lernen in der Schule
Untertitel
Wie verändern sich die Anforderungen an die Lehrkraft und die Schülerinnen und Schüler?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Theorien und Modelle pädagogischen Handelns: pädagogische Professionalität im institutionellen Kontext der Schule.
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V352768
ISBN (eBook)
9783668394711
ISBN (Buch)
9783668394728
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterricht, Lernen, Individuelles Lernen, Schule, Primarstufe, Schulpädagogik, Grundschule
Arbeit zitieren
Lea Land (Autor), 2014, Individuelles Lernen in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352768

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