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Anwerbepraxis der Staatssicherheit in der DDR. Paternalismus, Geborgenheit und Anerkennung

Der Führungsoffizier als Vaterfigur am literarischen Beispiel von Sascha Andersons Autobiographie

Titre: Anwerbepraxis der Staatssicherheit in der DDR. Paternalismus, Geborgenheit und Anerkennung

Dossier / Travail de Séminaire , 2015 , 17 Pages , Note: 1,0

Autor:in: Markus Müller (Auteur), Indre Kiudelyte (Auteur)

Histoire de l'Allemagne - Après-guerre, La Guerre froide
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Résumé Extrait Résumé des informations

In den 80er-Jahren galt Sascha Anderson als eine der Dichterikonen des Prenzlauer Bergs und wichtigster Organisator der dortigen Literaturszene. Ungeahnt von der subversiven Avantgarde des Szeneviertels, schrieb er aber nicht nur für DDR-Samizdat. Auch die Staatssicherheit war einer seiner Adressaten – über 20 Jahre hinweg erstellte er für seine Führungsoffiziere Berichte über das eigene Umfeld, verriet Freunde und Kollegen. Der nach der Wende von Wolf Biermann, Jürgen Fuchs und Holger Kulick entlarvte Schriftsteller findet selbst nur wenig erklärende Worte für sein durchaus überlegtes Handeln.

In seiner Autobiographie Sascha Anderson sind es vage Begriffe wie Geborgenheit, Angst vor der Zukunft und Vergangenheit sowie Sicherheit, die auftauchen. Anstatt der Sicherung materieller Vorteile, scheint Sascha Anderson in dem kryptischen Text von 2002 eher eines getrieben zu haben: Die Suche nach dem Vater, den er laut eigener Aussage in der emotionalen Bindung zu seinen Führungsoffizieren gefunden zu haben scheint. Die Idee des Väterlichen im Konspirativen – der familiären Bindung in einem geheimen Bund, der von einer lobenden wie strafenden Instanz geführt wird, spielte für die Staatssicherheit stets eine Rolle. So Druck auf die Spitzel nicht wirkte, wurde auf andere Mittel zurückgegriffen.

Die Offiziere bewiesen große Anpassungsfähigkeit und nutzten je nach Charakter des Gegenübers andere Strategien, Sprechweisen und anderes Auftreten. Freundschaftlichkeit und Freiräume für den geführten IM waren in vielen Fällen von enormer Wichtigkeit, so auch das väterlich-patriarchische Element, das zuvörderst bei weiblichen Kandidaten zum Einsatz kam, wie Belinda Coopers Studie "Patriarchy Within a Patriarchy" ersichtlich wird.

In der vorliegenden Arbeit wird von der Rolle des Vater-Kind-Verhältnisses bei Anwerbung und Führung der IMs berichtet. Wie wurde das Verlangen einzelner Charaktere nach einer elterlichen Figur, die lobt, führt, straft, fördert und sich freundschaftlich unterhält, dazu eingesetzt, um Mitarbeiter an sich zu binden und wie spiegelt sich dies in der Autobiographie Sascha Andersons wider?

Extrait


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Führungsoffizier und IM

2.1 Gewinnungsmotive: Gründe für die Mitarbeit und gezielte Anwerbung

2.2 Geborgenheit, Führung, elterliches Lob und materielle Vorteile

3 Sascha Anderson erzählt über sein Leben

3.1 Die Autobiographie im Kontext zusammengefasst

3.2 Die Rolle des verlorenen Vaters in Andersons Beziehung zum MfS

4 Schlussbemerkung

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht, wie das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) psychologische Bedürfnisse nach Geborgenheit, Anerkennung und väterlicher Führung als Anwerbungs- und Bindungsstrategie gegenüber inoffiziellen Mitarbeitern (IM) einsetzte. Am Beispiel der Autobiographie von Sascha Anderson wird analysiert, inwieweit die Inszenierung des Führungsoffiziers als Vaterfigur zur langfristigen Bindung und psychologischen Identifikation des Agenten mit der Institution beitrug.

  • Anwerbungsmethoden und Gewinnungsmotive des MfS
  • Psychologische Dynamiken in der Täter-IM-Beziehung
  • Die Funktion väterlich-patriarchaler Strukturen in Geheimdienstkontakten
  • Literarische Selbstreflexion und Schizophrenie als Stilmittel bei Sascha Anderson

Auszug aus dem Buch

3.2 Die Rolle des verlorenen Vaters in Andersons Beziehung zum MfS

Glaubt man dem, was Anderson, in seiner Autobiografie vermitteln will, war das Fehlen eines in seiner Kindheit stets anwesenden Vaters ausschlaggebend für seine Anwerbeanfälligkeit. „Ich war ein Herdentier“, schreibt er z. B., „mit Angst vor Einsamkeit und Angst vor Berührung.“ Als solches schien er die Zuwendung seitens der Staatssicherheit geradezu gebraucht zu haben und konnte all seinen Glauben und sein Sicherheitsverlangen in die Hände seiner Führungsoffiziere legen. Interessant letzten Endes die Aussage, dass er demjenigen vertraute, der auch ihm vertraute und das Faust, sein Führungsoffizier kein Mensch war, „der mir die Vorstellung vermittelte, mein von der Außenwelt sich unterscheidendes, praktisches Ich sei ein hoffnungsloser Fall“ Die IM-führenden Offiziere agieren in seiner Beschreibung daher regelrecht als Sozialarbeiter, die das Selbstbewusstsein ihres Schützlings stärken.

Die literarische Darstellung deckt sich mit einigen Erkenntnissen, die Müller-Engbergs aus den Akten herausgefiltert hat. So stand in den offiziellen Leitlinien des MfS für die Führungsoffiziere, dass Sie in der Erziehung des Angeworbenen als vorbildlich, charakterstark und Lob und Kritik gut abstimmend agieren zu haben. Alison Lewis liest sogar noch mehr aus Andersons Text und den MfS-Protokollen heraus. Neben Sascha Andersons persönlicher und sozialer Lage hält sie das „fürsorgliche, fast paternalistische Image, das die Stasi unter ihren Informantenlehrlingen zu verbreiten bemüht war“, als den entscheidenden Faktor dafür, sich nach mehr als fünf Jahren der Nicht-Kooperation wieder an seine Führungsoffiziere zu binden.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Leben und Wirken von Sascha Anderson ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Rolle des Vater-Kind-Verhältnisses bei der Anwerbung und Bindung von IMs.

2 Führungsoffizier und IM: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen Motive zur Mitarbeit beim MfS und beschreibt, wie die Behörde durch geschickte psychologische Strategien, wie das Vermitteln von Geborgenheit und Anerkennung, eine Bindung zu den Inoffiziellen Mitarbeitern aufbaute.

3 Sascha Anderson erzählt über sein Leben: In diesem Hauptteil wird Andersons Autobiographie analysiert, wobei besonders die Diskrepanz zwischen Selbstinszenierung und Aktenlage sowie die Bedeutung des Vaterverlustes für seine IM-Tätigkeit beleuchtet werden.

4 Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass Anderson durch das „paternalistische“ Angebot des MfS seine tiefsitzenden Bedürfnisse nach Sicherheit und Zugehörigkeit befriedigt sah, wobei das MfS geschickt als Ersatzvaterfigur agierte.

Schlüsselwörter

Staatssicherheit, MfS, Sascha Anderson, Inoffizieller Mitarbeiter, Anwerbungsstrategie, Vaterfigur, Paternalismus, Prenzlauer Berg, DDR-Literatur, Identitätsstiftung, psychologische Bindung, Geheimdienst, IM-Tätigkeit, Autobiographie, Machtverhältnis

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit?

Die Arbeit analysiert die Anwerbungs- und Bindungsstrategien der Staatssicherheit anhand der Autobiographie von Sascha Anderson, wobei ein besonderer Fokus auf psychologischen Aspekten wie der Suche nach einer Vaterfigur liegt.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Zentrale Themen sind die Anwerbungsmethoden des MfS, die Rolle von Gefühlen wie Geborgenheit und Anerkennung in der IM-Beziehung sowie die literarische Selbstinszenierung eines ehemaligen Informanten.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass das MfS gezielt väterlich-patriarchale Rollenmuster einsetzte, um Informanten emotional an sich zu binden und deren Handeln zu legitimieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literatur- und aktenanalytische Untersuchung, die den autobiographischen Text von Sascha Anderson mit historischen Erkenntnissen und MfS-Akten konfrontiert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil werden zunächst die allgemeinen Gewinnungsmotive für IMs dargelegt, gefolgt von einer tiefgehenden Analyse der Darstellung Andersons und der Rolle der Führungsoffiziere als „Sozialarbeiter“ oder Vaterfiguren.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen gehören Paternalismus, Anwerbungsstrategie, IM-Tätigkeit, Vaterverlust, Identität und die „sanfte Art“ der Führung.

Inwiefern lügt Anderson in seiner Autobiographie laut der Autorin?

Die Autorin weist darauf hin, dass Anderson bewusst biografische Daten verschleiert und „Mythen“ über sein Leben erschafft, um seine Rolle als einflussreiche Figur zu überhöhen und seine Identität als Kunstwerk zu stilisieren.

Was war laut der Untersuchung für Anderson die „Anwerbeanfälligkeit“?

Laut der Arbeit war es vor allem der Wunsch nach Geborgenheit und Sicherheit, kombiniert mit der narzisstischen Aufwertung durch die „väterliche“ Anerkennung der Führungsoffiziere, die ihn für die Stasi-Tätigkeit empfänglich machte.

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Résumé des informations

Titre
Anwerbepraxis der Staatssicherheit in der DDR. Paternalismus, Geborgenheit und Anerkennung
Sous-titre
Der Führungsoffizier als Vaterfigur am literarischen Beispiel von Sascha Andersons Autobiographie
Université
Humboldt-University of Berlin  (Kulturwissenschaft)
Note
1,0
Auteurs
Markus Müller (Auteur), Indre Kiudelyte (Auteur)
Année de publication
2015
Pages
17
N° de catalogue
V352897
ISBN (ebook)
9783668394759
ISBN (Livre)
9783668394766
Langue
allemand
mots-clé
DDR Stasi Staatssicherheit Sascha Anderson Punk Prenzlauer Berg IM Verrat Vater Innoffizieller Mitarbeiter
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Markus Müller (Auteur), Indre Kiudelyte (Auteur), 2015, Anwerbepraxis der Staatssicherheit in der DDR. Paternalismus, Geborgenheit und Anerkennung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/352897
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Extrait de  17  pages
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