Anselmus' Entwicklung in E.T.A. Hoffmanns "Der goldene Topf"

Ein Weg von Dresden nach Atlantis


Hausarbeit, 2014
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anselmus zwischen zwei Welten
2.1. Anselmus - Ein gewöhnlicher Student?
2.2. Bürgerliches Unverständnis

3. Anselmus zwischen zwei Frauen
3.1. Serpentina
3.2. Veronika Paulmann
3.3. Die Figuren im Hintergrund: Archivarius Lindhorst und Frau Rauerin

4. Auf Umwegen zum wahren Künstler
4.1. Anselmus auf bürgerlichen Abwegen
4.2. Der Fall: Anselmus als Philister
4.3. Der Eintritt nach Atlantis

5. Anselmus und der Erzähler - ein Kontrast

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

ÄAm Himmelsfahrtstage Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in Dresden durchs schwarze Tor […]“1 - so beginnt E.T.A. Hoffmanns romantisches Kunstmärchen Der goldene Topf, das 1814 veröffentlich wurde.

Diese Einleitung lässt das Märchen in der alltäglichen, bürgerlichen Welt beginnen. Im Laufe der Handlung wird der Leser jedoch auch in eine Welt geführt, in der sich hinter einem Mann die Gestalt eines Salamanders und hinter einer goldgrünen Schlange ein Mädchen verbergen kann. Genauso wie der Leser findet sich auch der oben erwähnte Äjunge[…] Mensch in Dresden“2, der Protagonist Anselmus, mit diesen beiden Welten konfrontiert. Anselmus wird durch das Wechselspiel von fantastischen Einwirkungen und bürgerlichen Gegenpolen beeinflusst und durch den Konflikt, der durch die Unvereinbarkeit dieser Welten entsteht, massiv in seiner Entwicklung geprägt. Ä[D]as Verhältnis von ,bürgerlicher' und ,wunderbarer' Welt [wird] in Form einer Liebesgeschichte erzählt“3. Der Protagonist fühlt sich nicht nur zwischen zwei Lebensweisen hin- und hergerissen, sondern auch zwischen zwei weiblichen Figuren, die die Personifikationen der jeweiligen Welten darstellen - Äder bürgerlichen Veronika und der wunderbaren Serpentina“4.

Im Folgenden soll untersucht werden, inwiefern und durch welche Mittel bzw. Repräsentanten die bürgerliche und die fantastische Welt Anselmus‘ Entwicklung zu beeinflussen versuchen, inwieweit sie erfolgreich sind und wodurch Anselmus letztendlich zu einem wahren Künstler wird.

2. Anselmus zwischen zwei Welten

2.1. Anselmus - Ein gewöhnlicher Student?

Zu Beginn der Handlung wird Anselmus als ein Student mit Äwohlgebildete[m] Gesicht […] [und von] kräftige[m] Wuchse“5 vorgestellt, welcher einen Äaus dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug“6 besitzt und mit einem alten Apfelweib zusammenstößt. Dies ist ein für ihn typisches Missgeschick, wie man in einem späteren Monolog von Anselmus erfährt, in dem er sein Dasein als Pechvogel und Tollpatsch bedauert.7 Der Student zeigt unter anderem durch seinen Wunsch nach Bier und der Gesellschaft von Mädchen Ädurchaus philiströse Neigungen“8. Aber was durch die Beschreibung von Anselmus‘ Bekleidung schon angedeutet ist, wird hier durch die Darstellung seiner vielen unwillentlichen Fehltritte noch verdeutlicht: Anselmus mag zwar Student und sogar Freund des Konrektor Paulmanns sein, aber der bürgerliche Alltag ist eine Welt, in die er nicht richtig hineinpasst.

Genau dieses Fehlen von Souveränität in der bürgerlichen Welt führt dazu, dass Anselmus sein Unglück unter einem Holunderbaum beklagt. Dies ist der Ort, an dem er das erste Mal bewusst mit der fantastischen Welt in Kontakt kommt. Der Einfluss des Wunderbaren äußert sich schon dadurch, dass Anselmus ein Selbstgespräch führt, denn eigentlich hat er eine Äinnerliche […] Abscheu gegen alle Selbstredner“9. Die Anwesenheit des Fantastischen wird deutlicher, als der Student in seinem Monolog durch das Hören ÄSinne-verwirrender Rede“10 unterbrochen wird. Zunächst schreibt er die gehörten Worte dem Wehen des Abendwindes zu und auch das Erkennen von Ädrei in grünem Gold erglänzende[n] Schlänglein“11 erklärt er sich mit dem Schein der Abendsonne. Doch sobald er in die Äherrliche[n] dunkelblaue[n] Augen“12 der Schlange blickt, die später Serpentina genannt wird, kann er das Geschehen nicht mehr rational erklären. Was hier mit Anselmus geschieht, ist ein Erwachen auf der Sinnes- und Verständnisebene. Seine Wahrnehmung der Natur verändert sich, sodass er plötzlich in der Lage ist, unter anderem die Worte des Holunderbaumes und des Abendwindes zu verstehen. Der Holunderbaum ist als ÄBaum der Erkenntnis zu deuten, der die Differenz zwischen der poetisch-paradiesischen und der profan-bürgerlichen Welt zu Bewusstsein bringt“13. Dies erweckt Äzwei widersprüchliche Gefühle, die höchste Seligkeit und den tiefsten Schmerz, die jeweils die bürgerliche und poetische Existenz vertreten.“14

An dieser Stelle spürt der Protagonist also zum ersten Mal deutlich den Unterschied zwischen Bürger− und Künstlerwelt und den damit verbundene Zwiespalt. Die neue Art von Naturverständnis und das Empfinden dieser tiefgründigen Gefühle sind das Resultat von Anselmus‘ grundsätzlicher Sensibilität in Bezug auf das Fantastische, welche den Grundstein für seine spätere Entwicklung zum Künstler bildet. Gerade seine Andersartigkeit, die zuvor beschrieben wurde, Ämacht ihn […] empfänglich für die Einwirkungen der ›anderen‹ Welt, wie diese umgekehrt ihn weiter der Bürgersphäre entfremdet.“15

2.2. Bürgerliches Unverständnis

ÄMit dem Einbruch des Wunderbaren gerät Anselmus [zunächst] in einen Schwebezustand, weil er weder im Alltäglichen noch im Wunderbaren seinen Standort findet.“16 Die fantastischen Elemente verflüchtigen sich wieder, doch Anselmus verbleibt noch in seinem Trance-artigen Zustand, bis ihn eine Bürgersfrau als Änicht recht bei Troste“17 bezeichnet und ÄAnselmus [dadurch] aus dem Wunderbaren wie aus einem Traum geweckt“18 wird. Während die Bürger Anselmus für betrunken erklären, ist dieser bestürzt, desorientiert und kann sich temporär nicht mehr an sein fantastisches Erlebnis erinnern. Auch seine empfundenen Gefühle sind wieder verschwunden. Da er Äselbst noch herkunftsmäßig den bürgerlichen Deutungen und Wertungen verpflichtet“19 ist, verspürt er zunehmende Verwirrtheit und Scham und so flüchtet bei der ersten Gelegenheit vor den Bürgern, denen er sein Verhalten genauso wenig erklären kann wie sich selbst.

Bei einer späteren Fahrt über die Elbe mit dem Konrektor Paul, dessen beiden Töchtern und dem Registrator Heerbrand erinnert sich der Student durch das Spiegelbild eines Feuerwerks im Wasser an sein fantastisches Erlebnis und wird erneut von den zuvor entdeckten Gefühlen ergriffen. Seine Reaktion, die unter anderem eine Bewegung beinhaltet, als wolle er sich gleich in die Fluten der Elbe stürzen, erschrecken seine Mitfahrer und veranlassen den Registrator Heerbrand seinen Zustand als Anfall zu bezeichnen.20 Gegenüber dem Konrektor versucht der Student seinen Zustand zu entschuldigen, indem er das unter dem Holunderbaum Erlebte erwähnt, doch der Konrektor verurteilt sein Verhalten als das eines ÄWahnwitzige[n] oder Narren“21. Hier zeigt sich erneut das Unverständnis der Bürger gegenüber Verhaltensweisen, die nicht der bürgerlichen Etikette entsprechen; nur die älteste Tochter des Konrektors namens Veronika verteidigt Anselmus ein Stück weit. Trotz der negativen Reaktionen der Bürger auf Anselmus‘ Verhalten stoßen sie ihn jedoch nicht aus, sondern versuchen ihn teilweise mit guten Absichten auf den bürgerlichen Weg zurückzuholen22, der Ävom Streben nach materieller Sicherheit, nach normalem, nicht aus dem Rahmen des Üblichen fallendem Betragen sowie nach Anerkennung durch die Umwelt“23 geprägt ist.

[...]


1 E.T.A. Hoffmann, "Der goldene Topf," Fantasiestücke in Callot's Manier, ed. Hartmut Steinecke (Frankfurt am Main: 2006). S. 229 - 321. Hier: S. 229

2 Ebd., S. 229

3 Uwe Wirth, "Der goldene Topf," E.T.A. Hoffmann: Leben - Werk - Wirkung, ed. Detlef Kremer (Berlin: 2009). S. 114 - 130. Hier: S. 114

4 Ebd., S. 114

5 Hoffmann, Der goldene Topf, a.a.O., S. 230

6 Ebd., S. 230

7 Vgl. Ebd., S. 231 - 233

8 Hartmut Steinecke, "Fantasiestümargin-top:.3pt;margin-right:0cm;margin-bottom:0cm;margin-left:1.0pt;margin-bottom:.0001pt;line-height:13.8pt;text-autospace:none;">

9 Hoffmann, Der goldene Topf, a.a.O., S. 237

10 Ebd., S. 234

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Wirth, Der goldene Topf, a.a.O., S. 117

14 Jeong-Taeg Lim, "Don Sylvio und Anselmus: Untersuchung zur Gestaltung des Wunderbaren bei C.M. Wieland und E.T.A. Hoffmann," Dissertation, Universität Konstanz, 1988. S. 115

15 Heinz Puknus, "Dualismus und versuchte Versöhnung. Hoffmanns zwei Welten vom ››Goldnen Topf‹‹ bis ››Meister Floh‹‹," E.T.A. Hoffmann, ed. Heinz Ludwig Arnold (München: 1992). S. 53 - 62. Hier: S. 54

16 Lim, Don Sylvio und Anselmus, a.a.O., S.115

17 Hoffmann, Der goldene Topf, a.a.O., S.236

18 Lim, Don Sylvio und Anselmus, a.a.O., S.116

19 Puknus, Dualismus und versuchte Versöhnung, a.a.O., S.54

20 Vgl. Hoffmann, Der goldene Topf, a.a.O., S. 238

21 Ebd., S. 239

22 Steinecke, Fantasiestü>

23 Ebd., S. 765

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Anselmus' Entwicklung in E.T.A. Hoffmanns "Der goldene Topf"
Untertitel
Ein Weg von Dresden nach Atlantis
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Proseminar: E.T.A. Hoffmanns "Fantasiestücke in Callot's Manier"
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V353114
ISBN (eBook)
9783668392106
ISBN (Buch)
9783668392113
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Der goldene Topf, Der goldne Topf, Entwicklung, Anselmus, Fantasiestücke, Callots Manier, Callot's Manier
Arbeit zitieren
Silvia Schilling (Autor), 2014, Anselmus' Entwicklung in E.T.A. Hoffmanns "Der goldene Topf", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353114

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