Herrschaft und Weiblichkeit in Schillers Drama "Maria Stuart"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund
2.1. Definition und Etymologie: ÄHerrschaft“
2.2. Definition und Etymologie: ÄWeiblichkeit“
2.3. Das bürgerliche Frauenbild im 18. Jahrhundert

3. Maria Stuart und die Männer: Herrschaftsverlust durch Weiblichkeit
3.1. Die Ehe mit Darnley
3.2. Die Ehe mit Bothwell
3.3. Maria als Gefangene

4. Elisabeth Tudor: Herrschaftserhalt durch Ablehnung der Weiblichkeit
4.1. Elisabeths Methoden
4.2. Konsequenzen
4.2.1. Innerer Konflikt: Die Frau hinter der Regentin
4.2.2. Weibliche Rivalität mit Maria Stuart

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Maria Stuart gehört zu Friedrich Schillers Dramen der Weimarer Klassik. Es handelt sich dabei um ein Trauerspiel in fünf Akten, welches am 14. Juni 1800 uraufgeführt wurde. Recherchiert und geschrieben wurde Maria Stuart demnach im 18. Jahrhundert, einer Zeit, in der die patriarchalische Gesellschaft ein Frauenbild vertrat, welches Frauen verschärft auf ihre Rolle als Hausfrau, Ehefrau und Mutter reduzierte. Frauen galten hierbei nicht als eigenständige Wesen, sondern idealerweise als zarte Schönheiten, die ihrem Mann zu seinem Glück verhalfen. Schiller war einer der konventionellsten Vertreter dieser Ansicht.

Umso interessanter ist es, dass Schiller im Jahre 1800 ein Theaterstück aufführen ließ, dessen Protagonisten weiblichen Geschlechts sind und aktiv das Handlungsgeschehen bestimmen. Eine dieser Protagonistinnen gibt dem Drama seinen Namen: Es handelt sich um die historische Maria Stuart, die 1542 geboren wurde und bis 1567 Königin von Schottland war, bevor sie als Konsequenz der Ermordung ihres zweiten Ehemannes und ihrer Hochzeit mit dem mutmaßlichen Mörder nach England floh. Dort regierte Marias Cousine Elisabeth Tudor, die Maria aus Angst um ihren Thron gefangen nehmen und schließlich im Jahre 1587 hinrichten ließ. Das Trauerspiel setzt an dem Punkt der Geschichte ein, an dem Maria bereits eine Gefangene der englischen Königin ist.

In der folgenden Diskussion des Dramas soll der Fokus allein auf den Figuren liegen, die Schiller erschaffen hat - die historischen Umstände und Fakten, die teilweise nicht mit dem Drama übereinstimmen, werden hierbei außen vor gelassen. Wie schon erwähnt, muss das Trauerspiel vor dem Hintergrund des Patriarchats gelesen werden, welches Frauen wie Maria und Elisabeth, die zur Ausführung politischer Ämter bestimmt wurden, als unnatürlich angesehen haben muss. Anhand einer eingehenden Analyse der weiblichen Protagonistinnen soll festgestellt werden, inwiefern die Handlung einen Konflikt zwischen der Herrschaftsposition der Königinnen und ihrem weiblichen Geschlecht aufzeigt. Hierzu werden zunächst die Begriffe ÄHerrschaft“ und ÄWeiblichkeit“ untersucht, worauf eine kurze Zusammenfassung des vorherrschenden Frauenbilds im 18. Jahrhunderts folgt. Im Anschluss wird die Figur der Maria Stuart anhand der These untersucht, sie habe ihr Amt als schottische Königin unter anderem durch ihre ausgeprägte Weiblichkeit verloren. Dabei wird vor allem auch erarbeitet, welche Männer eine Rolle in Marias Leben spielen und wie sie und die Beziehung, in der sie zu Maria stehen, deren Werdegang beeinflussen. Im Gegensatz dazu wird die Figur der Elisabeth Tudor mit der Annahme diskutiert, sie könne ihre Herrschaftsposition vornehmlich dadurch erhalten, indem sie ihr weibliches Geschlecht hinter einer männlichen bzw. geschlechtslosen Fassade verberge. Dieses Verhalten wird unter dem Unterkapitel ÄElisabeths Methoden“ genauer beleuchtet. In einem weiteren Unterkapitel werden dann die negativen Konsequenzen dargestellt, die Elisabeths Lebenskonzept neben der positiven Konsequenz des Herrschaftserhalts hervorruft. Im Fazit soll der dramatisierte Rollenkonflikt schließlich resümiert und beide Protagonistinnen einander gegenübergestellt werden.

2. Historischer Hintergrund

2.1. Definition und Etymologie: „Herrschaft“

Laut dem Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm stammt der Begriff ÄHerrschaft“ vom althochdeutschen hêrskaf und hêrskaft ab, was im Mittelhochdeutschen zu hêrschaft wurde.1 Ursprünglich bildete sich das Wort aus dem Adjektiv hêr bzw. hehr2, was vor allem zum Ausdruck gesellschaftlichen Ansehens gebraucht wurde.3 Es erfolgte eine Äbegriffliche [A]nlehnung des [W]ortes an [H]err“,4 was sich ab dem 16. Jahrhundert in der veränderten und allgemein gültig gewordenen Schreibweise Äherrschaft“ äußerte.5 Diese veränderte Schreibweise verschob die Hauptbedeutung des Begriffs hin zur Bedeutung des Gebietens und weg von der Bedeutung eines vornehmen Ranges.6 Diese historische Entwicklung setzt die Begriffe ÄHerr“ und ÄHerrschaft“ miteinander in Verbindung. Passend dazu zählt das Deutsche Wörterbuch zum Terminus ÄHerr“ neben einigen anderen Bedeutungen auch Äden [B]efehlenden, [G]ewalt habenden“7 - also den Herrschenden - auf. Erst ab dem 16. Jahrhundert kann das weibliche Gegenstück ÄHerrin“ als Wort nachgewiesen werden und selbst dann bleibt der Begriff Äin eingeschränktem [G]ebrauche“.8

Demnach ist ÄHerrschaft“ etymologisch-historisch weitaus mehr mit Maskulinität als mit Weiblichkeit verknüpft.

Dies zeigt sich auch bei der Betrachtung der Worte ÄHerrscher“ und ÄHerrscherin“. Während der Begriff ÄHerrscher“ im Deutschen Wörterbuch immerhin einen Eintrag von etwas mehr als einer Seite zu verbuchen hat, ist der Ausdruck ÄHerrscherin“ mit nur elf Zeilen versehen. Erwähnenswert ist hierbei auch, dass vier dieser Zeilen aus einem Zitat von Schillers Maria Stuart stammen, in welchem Königin Elisabeth beklagt, sie sei aufgrund ihres weichen Herzens Äzur [H]errscherin doch nicht gemacht!“9 Das bedeutet, vier von elf Zeilen zum weiblichen Pendant des Herrschers bestehen aus einem literarischen Beitrag, in dem eine Frau aussagt, sie sei zum Herrschen nicht geeignet. Wie sich im folgenden Unterkapitel zum Frauenbild zeigen wird, war diese Meinung der Unvereinbarkeit von Weiblichkeit und Herrschaft im 18. Jahrhundert weit verbreitet.

2.2. Definition und Etymologie: „Weiblichkeit“

In Bezug auf die Etymologie findet sich im Deutschen Wörterbuch der Verweis auf wîplicheit aus dem Spätmittelhochdeutschen.10 Da es außerdem als Äspärlich neben [dem] älteren [W]eibheit“11 beschrieben wird, sei hier auf diesen Terminus hingewiesen, welcher sich aus dem althochdeutschen Äwîbheit“ und dem mittelhochdeutschen Äwîpheit“ entwickelte und dann Änachmals durch [W]eiblichkeit ersetzt“12 wurde. Dem Begriff der ÄWeiblichkeit“ ordnet das Deutsche Wörterbuch sechs Bedeutungen zu, zu denen die weiblichen Geschlechtsteile ebenso wie weibliche Schwäche und die kollektive Bedeutung der Frauenwelt gehören. Die älteste Bedeutung bezieht sich auf den Charakter als Frau. Sie ähnelt der laut Grimm zuletzt erreichten Bedeutung der weiblichen Persönlichkeit.13

Die beiden genannten Bedeutungen sind mit der Hauptbedeutung, welche als Ä[W]esensart der [F]rau“14 bezeichnet wird, verknüpft. Gängige Attribute, die mit ÄWeiblichkeit“ einhergehen, sind: edel, schön, sanft, zart, echt, rein.15 ÄWeiblichkeit“ wird zudem gegensätzlich zur Männlichkeit beschrieben. Sollte die Frau Mann sein wollen und so ihre Weiblichkeit verleugnen bzw. verlieren, so verschwänden in der Konsequenz ihre Ämächtigsten [R]eize“.16 Andererseits wird ÄWeiblichkeit“ auch als Grenze des weiblichen Geschlechts bezeichnet und in einem literarischen Beispiel von Immermann mit den Attributen schwach und hilflos versehen.17

Auch ein Blick in den Eintrag Äweiblich“ im Deutschen Wörterbuch zeigt, dass dieser weitere, die Frau beschreibende, Begriff ebenso widersprüchlich konnotiert ist, wie der oben genannte. Als Grundbedeutung wird das recht neutrale Äder [F]rau gemä[ß]“18 aufgeführt. Diese Bedeutung unterläuft einerseits eine positive Verschiebung in Richtung Äder [F]rau geziemend“19 und fungiert als Lob, wird aber andererseits auch als Äschlechter [F]rauenart entsprechend“20 negativ besetzt und als Tadel eingesetzt.

2.3. Das bürgerliche Frauenbild im 18. Jahrhundert

Schillers Drama Maria Stuart wurde im Jahre 1800 uraufgeführt, was bedeutet, dass das Stück Ende des 18. Jahrhunderts entstand. Zu dieser Zeit erschienen viele Texte, die versuchten, Ädie ‚Natur‘ der Frau auf ihre ‚Bestimmung‘ zur Mutter, Haus- und Ehefrau festzulegen“.21 Während die Frühaufklärung noch die Ägelehrte Frau“ idealisierte, so fand nun eine Wendung zum Typus der empfindsamen Frau statt.22 Diesem neuen Typus wurden Eigenschaften, die man bis dato nur im seltenen Fall der rundum perfekten Frau anzutreffen hoffte, als Äangeborener ‚Geschlechtscharakter‘ “23 zugeschrieben. Der Weiblichkeitsbegriff änderte sich also insofern, dass Ä‚[w]eibliche‘ Eigenschaften wie z.B. Schönheit, Passivität, Entsagungsfähigkeit und Opferwille“24 nun als unveränderlich und angeboren betrachtet wurden. Kord und Stephan verstehen diesen Diskurs über das Wesen der Frau als Konsequenz der Umbrüche und Strukturwandel, die im 18. Jahrhundert stattfanden. Hierbei sei vor allem die Äbürgerliche Emanzipationsentwicklung und insbesondere […] die Französische Revolution“25 genannt, welche auch Rufe nach weiblicher Emanzipation laut werden ließen. Die Vormachtstellung des Mannes war demnach in Gefahr und wurde im Zuge der philosophischen Diskussion zur Weiblichkeit neu legitimiert.26 Friedrich Schiller selbst nahm aktiv am entstehenden Diskurs teil und wurde dabei von seinen Zeitgenossen als Äeine[r] der restriktivsten Denker zum Thema“27 eingestuft.

Auch Wilhelm von Humboldt evozierte 1795 Äein Weiblichkeitsbild, aus dem Aktivität, Kraft, Stärke und Selbstständigkeit idealtypisch getilgt sind."28 Humboldts Beitrag zur Diskussion um das bürgerliche Frauenbild ist außerdem interessant, weil er nicht von bürgerlichem, sondern von adeligem Stand war - und er war nicht der einzige Adelige, der das neue Frauenbild mitgestaltete.29 Bis zu einem gewissen Grad wurde das bürgerliche Ideal auch Äals Erziehungskonzept für adelige Töchter formuliert.“30 Aus diesem Grund und auch deshalb, weil Schiller während der Entstehung von Maria Stuart das bürgerliche Frauenbild mitformulierte, soll dieses Frauenbild hier als historisch-theoretischer Hintergrund für die Analyse der adeligen Figuren Maria Stuart und Elisabeth Tudor dienen. Für den zu untersuchenden Aspekt ist hierbei auch Hegel interessant, der bei Stephan wie folgt zitiert wird: ÄStehen Frauen an der Spitze der Regierung, so ist der Staat in Gefahr, denn sie handeln nicht nach den Anforderungen der Allgemeinheit, sondern nach zufälliger Neigung und Meinung.“31 Diese Ansicht stimmt mit den damals vorherrschenden patriarchalischen Normen überein, in denen sich die Rollen der Frau und der Regentin widersprechen.32

Inwieweit Schiller die vorherrschenden Meinungen des 18. Jahrhunderts in den historischen Kontext des 16. Jahrhunderts eingebaut hat, wird im Folgenden ersichtlich werden, wenn anhand der Figuren Maria und Elisabeth der in Maria Stuart dargestellte Konflikt von Herrschaft und Weiblichkeit diskutiert wird.

[...]


1 Vgl. Grimm, Jacob u.a. (Hrsg.): Art. herrschaft. In: Deutsches Wörterbuch. Hrsg. von Jacob und Wilhelm Grimm. Online-Version der Aufl. Leipzig: S. Hirzel 1854-1961. http://woerterbuchnetz.de/DWB/ (Abruf: 05.10.2016).

2 Vgl. Ebd.

3 Vgl. Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. hehr. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

4 Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. herrschaft. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Ebd.

7 Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. herr. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

8 Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. herrin. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

9 Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. herrscherin. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

10 Vgl. Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. weiblichkeit. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

11 Ebd.

12 Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. weibheit. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

13 Vgl. Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. weiblichkeit. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

14 Ebd.

15 Vgl. Ebd.

16 Ebd.

17 Vgl. Ebd.

18 Grimm, J. u.a. (Hrsg.): Art. weiblich. In: Deutsches Wörterbuch. Online-Version. (Abruf: 5.10.2016).

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Kord, Susanne: Weibermacht und Geschlechtslosigkeit. Dramenköniginnen bei Schiller und seinen ‘Epigoninnen’͘ In: Revista de Filología Alemana 19. (2011). S. 116.

22 Vgl. Stephan, Inge: Inszenierte Weiblichkeit. Codierung der Geschlechter in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Köln: Böhlau 2004. S. 116.

23 Kord, S.: Weibermacht und Geschlechtslosigkeit. S. 116.

24 Ebd.

25 Stephan, I.: Inszenierte Weiblichkeit. S. 119.

26 Vgl. Kord, S.: Weibermacht und Geschlechtslosigkeit. S. 116.

27 Ebd. S. 117.

28 Stephan, I.: Inszenierte Weiblichkeit. S. 121.

29 Vgl. Paletschek, Sylvia: Adelige und bürgerliche Frauen (1770-1870). In: Adel und Bürgertum in Deutschland 1770 - 1848. Hrsg. von Elisabeth Fehrenbach. München: Oldenbourg 1994. S. 163.

30 Ebd.

31 Hegel, Georg W. F.: Werke. Band 7. Frankfurt am Main: 1970. S. 319f. zit. nach Stephan, I.: Inszenierte Weiblichkeit. S. 122.

32 Vgl. Kord, S.: Weibermacht und Geschlechtslosigkeit. S. 118.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Herrschaft und Weiblichkeit in Schillers Drama "Maria Stuart"
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Hauptseminar: Schillers Dramen
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V353115
ISBN (eBook)
9783668392069
ISBN (Buch)
9783668392076
Dateigröße
1082 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maria Stuart, Schiller, Friedrich Schiller, Herrschaft, Weiblichkeit, Feminismus, Elisabeth Tudor
Arbeit zitieren
Silvia Schilling (Autor), 2016, Herrschaft und Weiblichkeit in Schillers Drama "Maria Stuart", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353115

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