Malthus und sein Einfluss bis in die heutige Zeit


Seminararbeit, 2004
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Malthus und seine Zeit

2. Malthus` Bevölkerungstheorie als antirevolutionärer Entwurf

3. Malthus` „Bevölkerungsgesetz“
3.1 Nahrung, Fortpflanzung und Wachstum
3.2 Hemmnisse des Wachstums

4. Malthus als Ökonom Gottes
4.1 Gewählte Armut und Furcht als Motor der Zivilisation
4.2 Doch ein Optimist?

5. Malthusianismus – Die Anfänge
5.1 Neomalthusianismus
5.1.2 Neomalthusianismus und Rassenhygiene
5.2 (Neo-)Malthusianismus – Entwicklung bis heute

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung – Malthus und seine Zeit

Im Jahr 1798 veröffentlichte der Theologe Thomas Robert Malthus in London zunächst anonym das “Essay on the Principle of Population as it Affects the Future Improvement of Society, with Remarks on the Speculations of Mr. Godwin, M. Condorcet, and Other Writers“. Es war eine viel beachtete Veröffentlichung des Bevölkerungswachstums und erlebte innerhalb kurzer Zeit sechs Neuauflagen. Zahlreiche Gegenschriften regten die „Malthus-Debatte“ weiter an, die noch heute in „Malthusianismus“, „Antimalthusianismus“ und „Neomalthusianismus“ fortlebt.[1]

Im Zentrum von Malthus` Essay steht das „Bevölkerungsgesetz“, worauf ich in Punkt drei eingehe. Malthus war aber weder Sozial- noch Wirtschaftswissenschaftler, sondern in erster Linie anglikanischer Geistlicher. Ich stelle in Punkt vier kurz dar, wie er versucht seine Theorie mit Gott in Einklang zu bringen und wie man daraus schlussfolgern kann, dass es nicht reicht, ihn als „Zeugen für das Übel des Bevölkerungswachstums in Anspruch [zu nehmen]“ (STEINMANN 1989, S. 163).Als letztes (Punkt fünf) gehe ich auf den Einfluss seiner Theorie in den folgenden Jahrzehnten bis zum jetzigen Zeitpunkt ein.

Bevor ich anfange, muss ich erwähnen, dass das „Essay“ nicht die Bedingungen einer wissenschaftlichen Arbeit erfüllt: „Das `Bevölkerungsgesetz´ enthält weder eine klare, nichttriviale Hypothese, noch wird gezeigt, unter welchen Bedingungen die behaupteten Thesen an Hand von Daten überprüft [...] werden können [...]“ (BIRG 1996, S.30), „Malthus beabsichtigte auch weniger eine originäre und systematische Bevölkerungstheorie vorzulegen [...]“ (STIEFERLE 1990: S.81) und „die Kluft zwischen den beiden Größen [Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelproduktion (d. Verf.) ] [...] war nicht mehr als eine bloße Spekulation und weder theoretisch, noch empirisch ausreichend begründet“ (STEINMANN 1989, S.160). Auch waren die Argumente im wesentlichen bekannt. Es war mehr die griffige und einfach nachvollziehbare Darstellung der vermeintlichen Bevölkerungsentwicklung, was weniger zu wissenschaftlichen, sondern vielmehr zu politisch-sozialen Kontroversen führte und führt. Das war aber durchaus im Sinn von Malthus, denn den Hintergrund seiner Arbeit bildet die Absicht eine (antireformerische) Streitschrift zu verfassen, was im folgenden erläutert wird.

2. Malthus` Bevölkerungstheorie als antirevolutionärer Entwurf

Das Essay von 1798 kann als direkte Entgegnung zu den von der Französischen Revolution angeregten Reformbewegungen gesehen werden.[2] Insbesondere die utopischen Zukunftsentwürfe und der Vernunftglaube von William Godwin (1756-1836) und die propagierten Ideale der Freiheit und Gleichheit aller Menschen von Marquis de Condorcet (1743-1794) galt es für Malthus zu entkräften.

Demnach ergab sich Malthus` Analyse der Populationsdynamik aus der Verurteilung der Idealvorstellungen der Französischen Revolution. Auch aus diesem Grund ist seine Theorie im wissenschaftlichem Sinne mit Skepsis zu betrachten.

Malthus setzte sich ausführlich mit Godwins Sozialutopie auseinander, nach der es eine naturgesetzliche Garantie gegen Überbevölkerung gibt: Im Prozess der zunehmenden Kultivierung und Vergeistigung des Menschen wird sich dessen Sexualtrieb zügeln.

Diese Argumentation ist eine Schlussfolgerung der damals vorherrschenden Säftelehre, wonach es eine umgekehrte Proportionalität von sexueller und geistiger Betätigung gibt. Und da die Welt noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als ein Ort des ständigen Ausgleichs gesehen wurde[3], schien diese These durchaus schlüssig. Aber nicht nur wir heute, die von der Möglichkeit des ständigen Aufschwungs[4] überzeugt sind, wissen um die Unhaltbarkeit dieser These, sondern auch Malthus nannte sie einen „Traum, ein schönes Trugbild der Phantasie“ (MALTHUS 1977, S. 84), dass zunehmender Fortschritt und soziale Verbesserungen eine verringerte Fortpflanzungskraft des Menschen zur Folge hat. Und auch Condorcet schien nicht überzeugt von Godwins These gewesen zu sein, denn er schlug Präventivverkehr als Mittel gegen Überbevölkerung vor.

Adam Smith (1723-1790), der in seiner Wirtschaftstheorie die Harmonisierung individueller und staatlicher Bedürfnisse prophezeite und behauptete, dass die Milderung der Lage der Armen bei gleichzeitiger Erhöhung des gesellschaftlichen Vermögens möglich ist, wurde von Malthus abgelehnt. Malthus war eher von David Humes und Thomas Hobbes` pessimistischen Einstellung: „Kampf aller gegen alle“ geprägt. Bestätigt fühlte sich Malthus durch das Beispiel der englischen Wirtschaft. Er war überzeugt von einem ausgeprägten individuellen und kollektiven Egoismus (vgl. AHRENS 1987, S. 26 f).

Demnach würde sich die Theorie des Pessimisten Malthus, des Anhängers der „düsteren Wissenschaft“ bestätigen. Aber sah er die Erde wirklich als einen Ort des Leidens und des „Lasters“, in dem eine Verbesserung der Lage der Menschheit (insbesondere der Arbeiterklasse) unmöglich ist? Oder fand auch er einen Lösungsweg? Zunächst aber erläutere ich den Kern des Essays, nämlich das „Bevölkerungsgesetz“.

3. Malthus` „Bevölkerungsgesetz“

Als Begründung gegen reformerische Bemühungen entwarf Malthus das „Bevölkerungsgesetz“, wonach eine Verbesserung der Situation der „lower classes“ schon aus „naturgesetzlichen“ Gründen nicht funktionieren kann.

3.1 Nahrung, Fortpflanzung und Wachstum

Die Grundlage von Malthus` „Gesetz“ bilden zwei Postulate, die in ihrer Aussage verblüffend einfach sind:

„Erstens: Die Nahrung ist für die Existenz des Menschen notwendig.“

„Zweitens: Die Leidenschaft zwischen den Geschlechtern ist notwendig und wird in ihrem gegenwärtigen Zustand bleiben.“ (MALTHUS 1977, S.17)

Das heißt also, dass der Mensch eine Mindestmenge an Nahrung braucht, um überleben zu können und dass zum Menschen der Sexualtrieb gehört, der sich in Zukunft nicht verringern wird.

Die eigentliche These des Bevölkerungsgesetzes ist aber die Annahme, dass „die Vermehrungskraft der Bevölkerung unbegrenzt größer ist als die Kraft der Erde, Unterhaltsmittel für den Menschen hervorzubringen“ (ebd., S.18).

Die Gesetzmäßigkeit des Bevölkerungswachstums und der Nahrungsmittelzunahme begründet Malthus mit der folgenden Annahme: „Die Bevölkerung wächst, wenn keine Hemmnisse auftreten in geometrischer Reihe an. Die Unterhaltsmittel nehmen nur in arithmetischer Reihe zu“ (ebd., S.18).

Wenn also, wie in Abbildung 1 zu sehen ist, das Abb.1: Lineares und exponentielles Wachstum mittelangebot ursprünglich bei zehn Einheiten

liegt, so nimmt dieses um drei pro Zeiteinheit zu, während sich die Bevölkerungszahl, die ursprünglich bei 0,1 liegt, pro Zeiteinheit verdoppelt. Egal welche Zahlen man einsetzt, auf lange Sicht wird die geometrische Reihe die arithmetische schneiden.

Allerdings fehlte Malthus jeder Beweis für diese These.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Haggett 2004, S. 189

Auch dass die Nahrungsmittelmenge nur linear wächst erwies sich in den meisten Ländern und im Weltmaßstab als falsch. Durch verbesserte Anbaumethoden, erfolgreiche Pflanzen- und Tierzüchtungen sowie die Entdeckung des Mineraldüngers[6], wuchsen die Erträge nicht linear, sondern geometrisch. Lediglich in einigen Entwicklungsländern, spricht man von einer malthusianischen Entwicklung, die aber in ihrer Komplexität nicht auf eine Nahrungsmittelknappheit zurückzuführen ist (vgl. BIRG 1996, S. 32 f).

Malthus nahm also fälschlicherweise an, dass dem Vermehrungspotential des Menschen einem viel geringeren Vermehrungsspielraum der Nahrung gegenüber steht und zog daraus die entsprechenden theoretischen Konsequenzen.

3.2 Hemmnisse des Wachstums

Malthus zufolge muss die Bevölkerungsgröße also der verfügbaren Nahrungsmenge angepasst werden, denn „in keinem Staat, den wir kennen, [hat] die Bevölkerung die Möglichkeit gehabt, ihre Vermehrungskraft in völliger Freiheit zu entfalten“ (MALTHUS 1977, S.20). Diese Anpassung erfolgt durch unterschiedliche Hemmnisse („Checks“). Malthus klassifiziert diese Hemmnisse in vorbeugende („Preventive Checks“) und nachwirkende Hemmnisse („Positive Checks“).Nur durch diese Hemmnisse kann die Diskrepanz zwischen der Vermehrungskraft der Bevölkerung und der geringen Produktionssteigerung aufgehoben werden, die sonst eine Bevölkerungsfalle darstellen würde. Die „Preventive Checks“ sind Maßnahmen, die zur Verringerung der Geburtenrate führen, also sexuelle Enthaltsamkeit (für Malthus ist das die Enthaltsamkeit von der Ehe), Empfängnisverhütung und Abtreibung.

„Positive Checks“ sind alle Faktoren, die zum Anstieg der Sterberate besonders in den unteren sozialen Schichten führen, also Krankheit, Hunger und Krieg.

[...]


[1] Innerhalb der ersten fünf Jahre nach seinem Erscheinen provozierte es mehr als zwanzig Gegenschriften (MALTHUS 1977: Nachwort von Barth, S. 173)

[2] „Gattung der gegenrevolutionären Pamphletistik“ (STIEFERLE 1990, S. 100)

[3] Stieferle bezeichnet es als „Nullsummenprinzip“; eine andere Bezeichnung ist das Waagschalenprinzip

[4] Stieferle: „Maximierungsprinzip“

[5] Malthus` Hinweiß auf das Bevölkerungswachstum in Nordamerika, wo sich die Bevölkerung innerhalb von 25 Jahren verdoppelt hat, kann kaum als ausreichender Beleg gelten.

[6] 1840 von Justus von Liebig entdeckt

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Malthus und sein Einfluss bis in die heutige Zeit
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V35324
ISBN (eBook)
9783638352789
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Malthus, Einfluss, Zeit, Seminar
Arbeit zitieren
Henning Zühlke (Autor), 2004, Malthus und sein Einfluss bis in die heutige Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35324

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