Der Holocaust in Comic "Maus. Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

aInhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Holocaust – Darstellung des Undarstellbares

3 Comic
3.1 Zur Geschichte des Comic-Mediums
3.2 Struktur und Elemente des Comics
3.3 Geschichte im Comic

4 „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“
4.1 Werk und Autor
4.2 Die Tiermetapher
4.3 Narration in „Maus“

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Obwohl der Holocaust nicht mehr zu unserer Zeitgeschichte gehört, ist das Reden über die Vernichtung der europäischen Juden sowohl in der deutschen als auch in der europäischen Öffentlichkeit immer noch aktuell. Ununterbrochen ist die Diskussion über die Darstellungen des Holocaust, die heute in verschiedener künstlerischer oder medialer Form vorhanden sind. Die Veranschaulichung dieses historischen Ereignisses liegt in Form von Zeugnissen, Dokumenten, Filmen, Photografien, Theaterstücken, Romanen, Gedichten, Kunstwerken, Denkmälern sowie in Comics vor. Dazu gehört auch Art Spiegelman’s Comic „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“, dessen Erscheinung nicht nur für positive Bewertungen sondern auch für kritische Reaktionen sorgte. Der Comic war durchaus ein kommerzieller Erfolg in den USA und in Deutschland und gehört mittlerweile zum Kanon der Holocaust-Literatur.[1] Die Darstellung einer solch ernsthaften Thematik durch das Medium Comic, in der Juden als Mäuse, Nazis als Katzen usw. wiedergegeben werden, wurde von den Rezipienten als störend und unangemessen empfunden. Das Medium Comic galt bis in die 70er Jahre als Schundliteratur, das zur „Verdummung und zum Bildidiotismus“[2] beitrüge. Sogar heute noch wird Comic in Verbindung mit komischem Inhalt gebracht.

Die vorliegende Hausarbeit konzentriert sich auf die Untersuchung der Holocaustthematik in Art Spiegelman’s Comic „Maus. Geschichte eines Überlebenden“ und beschäftigt sich mit der Frage, ob ein Comic ein geeignetes Medium für die Darstellung des Holocaust ist und wie es Spiegelman auf diese Weise meistert, die Geschichte, die die deutsche Nation bis heute belastet, in ein Comic zu erfassen.

Bei der Beantwortung dieser Fragen werde ich in einem ersten Schritt das Problem der Darstellung des Holocaust in künstlerischer Hinsicht erläutern. In einem zweiten Schritt wird das Medium Comic definiert, die historische Entwicklung dessen erklärt, Elemente und Struktur dessen aufgezeigt und seine Erzähltechnik dargestellt. Außerdem wird das Subgenre Geschichtscomic definiert und seine Bedeutung für historische Sinnbildung erläutert. Im letzten Kapitel wird zum einen die Entstehung des Werkes „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ und die Intentionen des Autors thematisiert. Zum anderen werden inhaltliche und gestalterische Aspekte des Werkes untersucht. Am Schluss werde ich im Fazit die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammentragen.

2 Holocaust – Darstellung des Undarstellbaren

„Der Name Auschwitz[3] ist bis heute ein Synonym für das Nicht-Darstellbare, dem nur Leere oder Schweigen gerecht werden könne.“[4] Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seitdem der Holocaust begangen worden ist. Es wurde auch gezeigt, welche Gestalt- und Deutungswandlungen dieses Ereignis in der Erinnerungskultur durchlaufen hat. Im Hinblick auf die thematische Ausrichtung der Arbeit möchte ich die Erläuterung des Begriffs „Holocaust“ ausklammern und die Aufmerksamkeit auf seine künstlerisch-ästhetische Darstellung richten. Vor allem handelt es sich in diesem Kapitel um die Vermittlung des Holocaust aus zweiter Hand, aus der nach Holocaust aufgewachsenen Generation, die dieses Geschehnis nicht selbst erlebt hat.

Die Erinnerung an traumatische Ereignisse und ihre Darstellung in Kunst und Literatur scheint problematisch zu sein. In der Auseinandersetzung über die Thematisierung des Holocaust bei der neuen Künstlergeneration stellt sich manchmal die Frage, ob es sich nicht um eine Reflexion, sondern um eine Fortsetzung des Faschismus handelt. Gerade die Erinnerung an Massenmorde hat immer mit dem Dilemma zu kämpfen, in dem jede Darstellung des Holocaust zu einer Versöhnung mit der Vergangenheit beiträgt. Umso wichtiger ist es demnach, sich in der Produktion kultureller Werke der Erinnerungsarbeit bewusst zu sein.[5] Im Hinblick auf die Kunst nach und zu Auschwitz formuliert Young drei Prämissen: Sie müsse erstens antierlöserisch sein. Das bedeutet, dass sie nicht auf Versöhnung ausgerichtet sein darf. Zweitens entstehe für die nach Auschwitz geborenen Künstler die ethischen und historischen Verpflichtungen, den Erinnerungsprozess selbst zum Thema zu machen. Und drittens verlange die Leerstelle, die durch die Vernichtung der europäischen Juden entstanden sind, eine Reflexion der genauen Umstände der Vernichtung. Erfülle sie diese drei Kriterien, könne die Kunst dazu beitragen, die Geschichtsschreibung zur komplexeren Vergangenheitsnarration zu inspirieren.[6]

Außerdem spielt für die Darstellung des Holocaust in der zeitgenössischen Kunst Authentizität eine zentrale Rolle. ‚Authentisch‘ kann auch als Synonym zu ‚wirklich‘, ‚wahr‘, ‚wahrhaftig‘, ‚echt‘ oder ‚unmittelbar’ und als Antonym zu ‚erfunden‘, ‚manipuliert‘, ‚simuliert‘ oder ‚künstlich‘ verstanden werden. In Bezug auf Holocaust-Kunst unterscheidet Martinez vier verschiedene Bedeutungsaspekte ästhetischer Authentizität. Sie sind voneinander unabhängig und beziehen sich in erster Linie auf die Autorschaft, also auf die Produktion eines Kunstwerkes. Das Schreiben über die Ermordung der europäischen Juden wäre demnach den Augenzeugen oder auch den indirekt Betroffenen erlaubt, weil sie ihr Werk durch einen persönlichen Bezug autorisieren können. Nur die Imagination über den Holocaust, sei es der historischen Wahrheit entsprechen, nimmt dem Werk seine Authentizität weg und macht es zur literarischen Holocaust-Fälschung. Die ästhetische Authentizität beinhaltet auch die Referenz eines Kunstwerkes. In diesem Zusammenhang sind authentisch die Werke, in denen konkrete historische und nicht erfundene oder fiktive Personen oder Ereignisse dargestellt werden. In diesem Sinne weist Spielbergs Spielfilm „Schindler’s List“ eine authentische Referenz, weil er eine historisch verbürgte Geschichte repräsentiert. Die Authentizität bezieht sich auch auf die interne Gestaltung des Werkes. Es handelt sich hier nicht um ein konkretes historisches Ereignis, sondern um das Erzeugen eines Wirklichkeitseffektes. So werden oft in der Photografie oder in den Filmen Schwarzweißbilder eingesetzt, um einen authentischen Eindruck zu erwecken. Den letzten Aspekt der ästhetischen Authentizität nennt Martinez die Funktion eines Kunstwerkes. Sie betrifft einen besonderen Umgang mit Kunstwerken, der eine religiöse oder religionsähnliche Funktion besitzen.[7]

Diese vier Bedeutungsaspekte von ‚authentisch’ meint nicht nur eine bloße Beschreibung von Kunst über den Holocaust sondern auch ein moralisches Urteil. Diesbezüglich machen verschiedene Medien den Holocaust zum Thema, die sich auf der Ebene der Authentizität behaupten können. Dazu gehört auch das Medium Comic, in dem die Darstellung des Auschwitz als ein Widerspruch verstanden wird. Art Spiegelman hat aber mit seinem Comic „Maus“ genau das Gegenteil bewiesen. In seinem Werk hat er geschafft, alle die oben genannten Aspekte der Authentisierung zu erfüllen. In diesem Sinne stellt sich heraus, dass Comic ein ernstzunehmendes Medium ist, das auch Zeitgeschichte thematisieren kann.

Um die Vorurteile gegenüber Comics aufzuräumen, muss aber ein Blick auf das Medium geworfen und seine modernen Ausdrucksformen im Hinblick der Geschichtsdarstellung untersucht werden.

3 Comic

3.1 Zur Geschichte des Comic-Mediums

Einst als „Schund“ verpönte Comicliteratur findet heute als Medium der Unterhaltungsliteratur für Kinder und Erwachsene weltweit große Beachtung. Durch ihre beeindruckende Themenvielfalt wird inzwischen in Bezug auf Autorencomic von einer „neunten Kunst“ gesprochen.[8]

Als Entstehungszeitpunkt des modernen Comics wird etwa das Jahr 1895 bzw. 1896 in Amerika gesehen . Dabei stößt man auf das Problem der einheitlichen Definition des Comic-Mediums. Einerseits sind es die Sprechblasen, die den Comic bedingt, anderseits können Comics auch ohne Sprechblasen auskommen, wie das z.B. in Prinz Eisernherz der Fall ist. Es ist jedoch umstritten, wann das Medium genau seinen Ursprung nahm. Der Wunsch, sich durch grafische Darstellung mitzuteilen, existiert seit Tausenden von Jahren. Für einige Autoren sind es ägyptische Hieroglyphen, die eine Vorform der visuellen Narration darstellen.[9] Einige sehen früheste Vorläufer des Comics in griechischen Vasenbildern aus der Antike. Auf dem berühmten Wandteppich von Bayeux, der aus dem 11. Jahrhundert stammt, findet sich die Kombination von Bilderfolgen und Textzeichen. Bei der Geburtsstunde des Comics denkt man aber an das 1865 erschienene „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch, dessen Bildergeschichte Stoff für viele Plagiate war.

Als erster moderner Comic gilt allgemein „The Yellow Kid“ von Richard Felton Outcault. Im Konkurrenzkampf amerikanischer Tageszeitungen, der zwischen den New Yorker Zeitungsverlegern Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst herrschte, entstanden humoristische Figuren wie das Straßenkind Yellow Kid. Outcault, der für Pulitzer arbeitete, veröffentlichte 1895 eine spaßige Karikatur mit einem glatzköpfigen, mongolisch aussehenden Jungen, der aus einem armen Stadtviertel von New York kam und sich durch das Leben schlagen musste. Da viele Unprivilegierte der amerikanischen Gesellschaft sich mit dem Jungen identifizieren konnte, wurde „The Yellow Kid“ ein großer Erfolg. Nach dem Einsetzen des Farbdrucks und vor allem eines knallgelben Nachthemdes wurden die Karikaturen noch erfolgreicher. Um die Gunst der Leser weiter zu erhalten, brachte Outcault im Oktober 1896 Dialoge in Sprechblasen unter. Damit wurde der nächste Schritt zum heutigen Comic gemacht.[10] Durch die Verschmelzung von Bild und Text erreichte Outcault in der multinationalen Stadt New York, wo damals rund siebzig Sprachen gesprochen wurden, eine allgemeine Anerkennung.[11]

[...]


[1] Vgl. Ole Frahm: Genealogie des Holocaust. Art Spiegelmans MAUS – A Survivor’s Tale. München, 2006. S. 9

[2] Christin-Denise Heisters: Holocaust im Comic? In: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/4192.

[3] Im Holocaust-Diskurs wird der Name Auschwitz, wie das Wort Holocaust als Metapher oder Symbol für den Völkermord an den Juden verwendet. Vgl. Frahm, S.7

[4] Frahm, S.7

[5] Vgl. James E. Young: Nach-Bilder des Holocaust in zeitgenössischer Kunst und Architektur, S.12

[6] Vgl. Ebd. S. 17

[7] Vgl. Matias Martinez: Zur Einführung: Authentizität und Medialität in künstlerischen Darstellungen des Holocaust. In Matias Martinez (Hg.): Der Holocaust und die Künste. Bielefeld 2004. S.7-23

[8] Beim Begriff „ neunte Kunst“ bezieht sich Munier auf das von Claude Beylie kreierte Schlagwort, wonach Autorencomics nach Architektur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Dichtkunst und Tanz den neunten Platz einnimmt. Vgl. Gerald Munier: Geschichte im Comic, Aufklärung durch Fiktion? Über Möglichkeiten und Grenzen des historisierenden Autorencomic der Gegenwart. Hannover, 2001, S.7

[9] Vgl. Oliver Näpel: Auschwitz im Comic – Die Abbildung unvorstellbarer Zeitgeschichte. Münster, 1998, S. 15

[10] Vgl. Munier, S. 21-22

[11] Vgl. Andreas C. Knigge: 50 Klassiker COMICS. Von Lyonel Feininger bis Art Spiegelman. Hildesheim 2004. S.19

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Holocaust in Comic "Maus. Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V353387
ISBN (eBook)
9783668395152
ISBN (Buch)
9783668395169
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
holocaust, comic, maus, geschichte, überlebenden, spiegelman
Arbeit zitieren
Tamara Sikharulidze (Autor), 2014, Der Holocaust in Comic "Maus. Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353387

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