Die Kriegsernährungswirtschaft im Ersten Weltkrieg und ihre Probleme

Erkenntnisse über eine verfehlte Autarkiepolitik im Kriegsfall


Essay, 2017
45 Seiten

Leseprobe

INHALT

Einleitung und Forschungsstand

I. Definition und Theorie der Begriffe Marktwirtschaft, Gemeinwirtschaft und Dirigismus
1. Die wirtschaftspolitische Systemformulierung als Rahmenbedingung für die Wirtschaftsordnung
2. Definition der Marktwirtschaft
3. Definition des Begriffs der Gemeinwirtschaft
4. Definition des Begriffs Dirigismus

II. Exkurs: Der Versuch des Aufbaus einer autarkischen Ernährungswirtschaft
1. Die Importabhängigkeit Deutschlands vor 1914 von Nahrungsmitteln
2. Die fehlerhaften statistischen Erhebungen zur Ernährungssicherheit vor dem Krieg

III. Die administrative Organisation der Ernährungswirtschaft
1. Das partikularistische System der Kriegsernährungswirtschaft, als Teil der Beibehaltung der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung
2. Das KEA als dirigistisches Verwaltungsorgan zur Behebung der Distributionsprobleme

IV. Höchstpreispolitik und Bewirtschaftung als dirigistischer Versuch, die Ernährungssicherung zu gewährleisten
1. Die Höchstpreispolitik und ihr Scheitern
2. Höchstpreispolitik und dirigistische Bewirtschaftung gehören zusammen

V. Das dirigistische Rationierungssystem als Mittel zur Ernährungssicherung
1. Die Vorratsstreckung
2. Das Problem der Ersatznahrungsmittel
3. Das gemeinwirtschaftliche Instrument der Massenspeisung

VI. Dirigistische Aushandelswirtschaft zur Stützung der Ernährungssicherung in Form der ZEG

Zusammenfassende Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis:

Meinem Bruder Ugur Tolonay Caglar der mir das Wichtigste ist

Auch gewidmet: General Millotat, General Lather, General Rohrschneider, General Laubenthal und General Weigt. Sowie meinem Professor Michael Erbe. Mein besonderer Dank gilt Herrn Wolf Melzer.

Einleitung und Forschungsstand

„Der Hunger gehörte zu den wirksamsten Waffen, die während des Ersten Weltkrieges eingesetzt wurden.“[1] So der 2014 verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler.

Der aus seiner, in diesem einen Satz formulierten Erkenntnis zu ziehenden Schlussfolgerung, dass im Ersten Weltkrieg bei der Frage der Ernährungssicherung Verteilungs- und- Distributionsprobleme eine besonders gewichtige Rolle spielten, soll in diesem Essay nachgegangen werden.[2]

Im Auge zu behalten ist dabei der Begriff der Rationalität, denn nur unter Beachtung dieses Begriffs lässt sich das staatliche Handeln im Bereich der Ernährungssicherung zu jener Zeit annähernd klar analysieren.[3] Bedeutsam ist dies auch für die Klärung der Frage, inwieweit Deutschland ernährungstechnisch auf den kriegerischen Ernstfall vorbereitet war und in wieweit Entscheidungen im Bereich der Ernährungssicherung einem Rationalitätskonzept folgten. Die Frage, wie die Ernährungssicherung in Deutschland organisiert war, ob marktwirtschaftlich, gemeinwirtschaftlich oder dirigistisch, ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse.

Der bisherige wissenschaftliche Forschungsstand zu diesem Thema ist eher bescheiden. Der Erste, der sich mit diesem Thema explizit auseinandergesetzt hat, war der 1914 geborene und 2003 verstorbene Historiker Stephan Skalweit, der 1927 zu dieser Frage ein umfangreiches Kompendium unter dem Titel: „Die Deutsche Kriegsernährungswirtschaft“ veröffentlicht hatte. Diese Quelle ist auch deshalb so bedeutsam, weil sie besonders nah an den Kriegsgeschehnissen und der damit einhergehenden Ernährungsfrage ist.

Ein weiteres wesentliches Buch stammt von Anne Roerkohl, die unter dem Titel „Hungerblockade und Heimatfront“ ihr Augenmerk vor allem der Kriegsernährung in Westfalen widmet, gleichzeitig aber vom Allgemeinen aufs Spezifische kommt. Die vielen von ihr eingebrachten statistischen Erhebungen bieten einen guten Einblick in das Gesamtthema.

Ein weiteres, eher etwas vordergründiges Werk liefert uns Lothar Buchardt, in einer Reihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, unter dem Titel „Friedenswirtschaft und Kriegsvorsorge“. Hier beschreibt er insbesondere die unzureichende Lebensmittelvorsorge und statistische Fehlerhaftigkeit vor 1914. Hierdurch erhält man einen ersten Einblick in das Themenfeld.

Einen differenzierteren Einblick in das Thema bietet uns Peter Graf Kielmansegg, der sich auf nur wenigen Seiten mit der Ernährungswirtschaft in Deutschland im Ersten Weltkrieg beschäftigt. . Die Struktur der deutschen Kriegsernährungswirtschaft beschreibt er in seinem Buch: „Deutschland und der Erste Weltkrieg“ sehr kritisch.

H. – U. Wehler indes schaut in seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte eher auf die strukturellen Veränderungen und Bedingungen der deutschen Kriegsernährungssicherung, während F. –W. Henning das Problem in seinen diesbezüglichen Veröffentlichungen vor allem statistisch betrachtet und damit ein auf Empirie fußendes Bild abliefert.

Um nun die Frage nach der Ernährungspolitik am Beispiel der Distribution beantworten zu können, gehe ich wie folgt vor: Zunächst müssen wir uns mit den drei Begrifflichkeiten Marktwirtschaft, Gemeinwirtschaft und Dirigismus auseinandersetzen, um dann die Ernährungslage kurz vor dem Krieg in Deutschland zu betrachten. Sodann folgt die Betrachtung der einzelnen staatlichen Eingriffe und administrativen Strukturierungen für die Ernährungssicherung um schließlich zu einem Fazit zu kommen.

I. Definition und Theorie der Begriffe Marktwirtschaft, Gemeinwirtschaft und Dirigismus

1. Die wirtschaftspolitische Systemformulierung als Rahmenbedingung für die Wirtschaftsordnung

H. D. Jarass schreibt in einem wegweisenden Artikel zu der Frage von Wirtschaftsverfassungen als organisatorische Bausteine des Wirtschaftslebens in einem Staat, dass Wirtschaftssysteme als Vollzugsmechanismen immer rechtlicher Fundamente zur Zementierung des ökonomischen und wirtschaftspolitischen Handelns bedürfen.[4]

Abgeändertes Modell von Jarass, 1984; 31

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn wir uns folgendes theoretisches Modell anschauen, so sehen wir nicht nur, dass die wirtschaftliche Theorie in die Empirie des ökonomischen Handelns innerhalb der Verfasstheit der Wirtschaft eine wesentliche Rolle einnimmt, sondern dass es gerade die wirtschaftspolitische Systemformulierung ist, die darüber entscheidet, in welcher Form der Staat in das Wirtschaftsleben eingreifen darf und wieweit diese Eingriffe gehen sollen und dürfen. Genau dieser Umstand wird durch administrative und rechtliche Vorgaben umgrenzt, denn sie sind es, die die Wirtschaftsverfassung letztlich institutionalisieren und die ökonomischen Ergebnisse erst sichtbar machen. Der direktive Rahmen ist es , der dann , sichtbar macht, ob jene Regelungen für das Wirtschaftsleben erfolgreich oder weniger erfolgreich sind und ob damit auch die wirtschaftspolitische Konzeption, die einmal aufgestellt worden war, zu ihrem Ziel gefunden hat.

2. Definition der Marktwirtschaft

Dementsprechend müssen wir uns zunächst mit den Begriffen Marktwirtschaft, Gemeinwirtschaft und Dirigismus auseinandersetzen. Nach dem Brockhaus von 2001, ist der Begriff der Marktwirtschaft dadurch geprägt, dass er eine Wirtschaftsordnung darstellt, die ihr Fundament im Tauschhandel findet.[5] Damit stellt diese Form des Wirtschaftens, den völligen Gegensatz zur sogenannten Subsistenzwirtschaft dar.[6] Dieser tauschähnliche Handel setzt letztlich neben der Produktion von Gütern auch den Verteilungskreislauf, wie die Verteilung der Produkte fest. Der Terminus Marktwirtschaft, entstammt daher wie der Wortstamm schon deutlich macht, vom Begriff des Marktes ab.[7] Die Marktwirtschaft verbindet daher sämtliche Märkte, miteinander, wie bspw. den Güter- und Geldmarkt. Dies setzt letztlich voraus, dass es einen Vergleich des Handels mit den verschiedenen Gütern geben muss um zu erkennen, was die Preise für ein bestimmtes Produkt regelt.[8] Damit ist die wirtschaftliche Ordnung der Marktwirtschaft, die man empirisch zu sehen bekommt, immer auch ein Verhältnis zwischen der Ware und dem Geld, denn dieses Geflecht ist es, das die sozioökonomischen Handlungsparameter umfasst und damit auch die ökonomischen Entscheidungen zu systematisieren hilft.[9]

Die Marktwirtschaft zeigt sich dabei als ein Konglomerat aus mehreren dezentralisierten Entscheidungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte, die sich vor allem in der freien Angebots- und Nachfrageorientierung in Form der Preisbildung widerspiegeln. Dadurch erst wird der sogenannte Leistungswettbewerb geschaffen, dessen äußerstes Ziel es ist, den Gewinn zu maximieren.[10] Leistung wird in der Marktwirtschaft immer auch am Erfolg der marktkonzentrierten Aktivitäten gemessen, wobei die unterschiedlichen Resultate dieser Aktivitäten die Leistungsmöglichkeiten der einzelnen marktorientierten Subjekte widerspiegeln.

Allerdings, und dies ist für eine marktwirtschaftliche Ordnung essentiell, ist ein derartiges System immer auch mit einem wirtschaftlichen Risiko verbunden.[11] Genau so entscheidend ist es fest zu halten, dass die marktwirtschaftliche Ordnung in ihrer Verfasstheit, auch immer arbeitsteilig durch die Wirtschaftssubjekte organisiert ist und damit die Märkte die Koordinationsinstrumente dieses arbeitsteiligen Wirtschaftens sind, wobei dies durch frei vereinbarte Vertragsabschlüsse der einzelnen Subjekte formalisiert wird. Damit, und dies ist ein Grundsatz der marktwirtschaftlichen Verfasstheit, sind sowohl das Rechtsstaatlichkeitsprinzip, wie auch das Prinzip der Vertragsfreiheit für dieses ökonomische Ordnungssystem unabdingbare Voraussetzungen, wobei die Vertragsfreiheit immer auch bestimmten Rahmenbedingungen folgen muss, damit diese nicht in die Monopolisierung der Märkte ausufert, wie bspw. Preiskartelle eine solche Marktmacht verdeutlichen können.[12] Nur durch die Einschränkung der Vertragsfreiheit in der marktwirtschaftlichen Ordnung kann ein uneingeschränkter Wettbewerb möglich sein, alles andere in Form einer Konzentration von Märkten würde die Konkurrenzwirtschaft zerstören. Grundsätzlich lässt sich daher festhalten, dass durch die Preisbildung an den Märkten immer auch deutlich wird, wie die Nachfragestruktur ausgelegt ist und dies vor allem bei einer knappen Angebotsumgebung, was letztlich auch dazu führt, dass es zu einer Selbstregulierung des ökonomischen Kreislaufes kommt.[13] Deshalb kommt es dann auch zumeist zur effizienten Anwendung und Verwendung der Ressourcen, was auch das Prinzipal der Wirtschaftlichkeit, und zwar der statistischen Wirtschaftlichkeit ausmacht. Am essentiellsten ist jedoch die dynamische Effizienz innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems, weil diese darauf konzentriert ist innovative Projekte zu institutionalisieren, wobei jener Unternehmer, der sich auf einen solchen Weg begibt, meist kurzfristig Monopolgewinne erzielen kann.[14]

3. Definition des Begriffs der Gemeinwirtschaft

Indes ist die Gemeinwirtschaft in ihrer Begrifflichkeit, so der Brockhaus, ein eher uneinheitlicher Begriff, welcher definitorisch im ökonomischen Sinne eine konzentrierte wirtschaftliche Zielvorgabe verfolgt.[15] Dies kann auch bedeuten, dass das wirtschaftliche Handeln durch eine außergewöhnliche, spezielle organisatorisch-juristische Struktur der wirtschaftlichen Aktivität getragen werden muss, z. B. in Form eines ökonomischen Trägers.[16] Beide Sichtweisen können sowohl für das Gesamtwirtschaftssystem als für einzelne Teile der Gesamtwirtschaft gelten. Die ältere Definitionsvariante des Begriffs Gemeinwirtschaft sieht in diesem Terminus eine Aneignung der Produktionsmittel durch den Staat und möglicherweise auch eine zentralisierte wirtschaftliche Ordnung.[17] Die Gemeinwirtschaftlichkeit an sich soll vor allem einem übergeordneten ökonomischen Ziel, zu Gute kommen, nämlich der Gesamtheit, also dem Gemeinwohl. Dies gelingt bspw. durch Festlegung niedriger Preise.[18] Different zur Marktwirtschaft, wo einzelne Wirtschaftssubjekte gewinnorientiert wirtschaften, nehmen in der Gemeinwirtschaft diese Aufgaben Gemeinschaften wahr, wie bspw. Verbände oder gar der Staat, wobei nicht das Gewinnmaximum im Vordergrund steht, sondern die Gemeinnützigkeit.[19]

4. Definition des Begriffs Dirigismus

Der Dirigismus hingegen, ist nach dem enzyklopädischen Lexikon des Meyer-Verlagshauses eine Wirtschaftsform, welche prozessual die Einmischung des Staates in den Wirtschaftskreislauf zulässt. Der Brockhaus präzisiert diese Ausführung noch etwas, indem er von gänzlicher Lenkung der gesamten Volkswirtschaft spricht und damit den Begriff des Dirigismus in seiner Wirtschaftsverfassung dem Terminus der Planwirtschaft annähert, oder besser gesagt, der Zentralwirtschaft.[20] Deshalb sprechen beide Lexika auch von marktinkonformen Systemen, die gänzlich der marktwirtschaftlichen Systematik widersprechen. Beispiele hierfür sind Preis-und Lohnstopps oder Selbstbeschränkungsvereinbarungen. Hierdurch wird das dezentrale System der wirtschaftlichen Entscheidungen der Angebots- und Nachfrageseite in Form des Wettbewerbs und dessen Selbstlenkung durch den Markt und der daraus resultierenden Preisbildung gänzlich ausgehöhlt und sogar durch die bürokratische Regulierung ersetzt.[21]

II. Exkurs: Der Versuch des Aufbaus einer autarkischen Ernährungswirtschaft

1. Die Importabhängigkeit Deutschlands vor 1914 von Nahrungsmitteln

„Die seit Bismarcks Tagen eingeschlagene Agrar- und Handelspolitik war bewußt darauf ausgerichtet, die Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Erzeugung auf der Höhe zu erhalten und zu steigern. Tatsächlich war durch diese Politik erreicht worden, daß Deutschland nach wie vor den größeren Teil seines ständig wachsenden Bedarfs an Nahrungsmitteln aus den eigenen Ernten zu befriedigen vermochte. Doch war die deutsche Volksernährung weit davon entfernt, vom Auslande unabhängig zu sein.“[22] Diese Aussage Skalweits aus dem Jahre 1927 ist deckungsgleich mit den Ausführungen Anne Roerkohls, die darauf verweist, dass in der Vorkriegszeit zwar die Produktion an landwirtschaftlichen Gütern gesteigert werden konnte und zwar aufgrund technologischer wie auch naturwissenschaftlicher Innovationen, man aber dennoch weit von einer nahrungsmäßigen Autarkie entfernt war.[23] Verstärkt wurde dieses Problem noch durch die demographische Entwicklung bei gleichzeitiger Zunahme der Verstädterung und Industrialisierung, was auch das Verhalten des Konsums grundsätzlich veränderte.[24] Dies beförderte letztlich die Importabhängigkeit von Nahrungsmitteln.

„Für die Sicherstellung der Versorgung und die Aufrechterhaltung des agrarischen Leistungsniveaus wurde es daher immer notwendiger, größere Mengen an Nahrungsmitteln, Kraftfutter- und Düngemitteln einzuführen.“[25] F.-W. Henning schreibt zu diesem Umstand, dass die deutsche Bevölkerung kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu 80-85% von der eigenen Nahrungsmittelproduktion lebte, allerdings zu 15-20% von Importen in diesem Wirtschaftszweig abhängig waren.[26] Dieses Phänomen der fehlenden Autarkie im Nahrungsmittelsektor wird am Beispiel der Nettoeinfuhren von Getreide und Mehl deutlich, wobei Deutschland in Europa an zweiter Stelle rangiert, was die Problematik noch eindeutiger erscheinen lässt.

Nettoimport an Getreide und Mehl der wichtigsten Einfuhrländer 1888 und 1907 (in Mill. Tonnen), nach F.-W. Henning; (5.Auflg. 1995)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anne Roerkohl wird in ihrer Betrachtung noch etwas präziser als Henning, wenn sie feststellt, dass sich in den Jahren 1912/13 die Einfuhren bei Futtergetreide auf etwa 4.183.000 t und bei Kraftfutter auf etwa 3.484.000 t. beliefen.[27] Die verstärkte Nutzung des Ackerlandes zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion wurde auch auf der Basis ausländischer Güter bestritten. Das Fundament hierfür bildeten Düngemineralien in Form von Stickstoffen, hier vor allem ist zu nennen der Chilesalpeter und die Rohphosphate.[28] Der Kunstdüngereinsatz hatte sich im Deutschen Reich zwischen 1890 und 1913 sogar vervierfacht. So ist auch zu erklären, warum die Erträge bei Roggen um 61%, bei Weizen um 56%, bei Gerste um 48%, bei Hafer um 55% und bei Kartoffeln um 56% stiegen.[29] Und dennoch: „Trotz dieser gewaltigen Intensivierung des Produktionsniveaus und enormen Wachstumsraten mußte das Deutsche Reich vor Kriegsbeginn etwa 20% seines gesamten Nahrungsmittelkonsums aus dem Ausland beziehen. Die Nahrungsmitteleinfuhr nahm rund 3,1 Mrd. Mark 27% des Wertes der gesamten Importe ein.“[30]

Hennig wird in seiner Betrachtungsweise sogar noch etwas spezifischer, wenn er für die letzten Vorkriegsjahre zu folgenden interessanten Ergebnissen kommt. Er stellt nicht nur fest, dass die Einfuhren für Nahrungsmittel knapp 27% des gesamten Imports ausmachten, sondern auch, dass der Verbrauch an Getreide aller Art in der Höhe 30 Mill. t aus 7 Mill. t Einfuhren bestand.[31] Etwa 1, 8 Mill. t an sogenannten Ölfrüchten wurden eingeführt und deckten damit 40% des deutschen Bedarfs an Fetten.

Was die Nahrungsversorgung der Tierhaltung anbelangte, so bedurfte es 15% an ausländischen Einfuhren.[32] Auch die Einfuhr an tierischen Nahrungsmittelgütern belief sich zwischen 15 und 20 Prozent. Der Kartoffelertrag, der wegen seines reichhaltigen Kaloriengehaltes essentiell war, musste ebenfalls bis zu 20% durch Importe kompensiert werden.[33] „Im Grundzug ergab sich aber für den Ersten Weltkrieg das Problem,

- daß mit der Verminderung der Nahrungsmitteleinfuhr eine Reduzierung der Versorgung der Bevölkerung eintreten mußte,
- die verstärkt wurde durch eine Verminderung der inländischen Produktion aufgrund vor allem der weniger zur Verfügung stehenden betriebsfremden Futter- und Düngemittel.“[34]

Damit kommt Hennig überzeugend zum Schluss, dass das Experiment der landwirtschaftlichen Autarkie gescheitert und dies der neuralgische Schwachpunkt der gesamten Kriegswirtschaft war.[35]

[...]


[1] Roerkohl (1991), S. 15.

[2] Wehler (2003); Lizenzausg. (2010), S. 47.

[3] Lau (1975), S. 11.

[4] Jarass (1984), S. 30.

[5] Brockhaus Bd. 14 (2001), S. 242-244.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Brockhaus Bd. 8 (2001), S. 296.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Brockhaus Bd. 5 (2001), 547.

[21] Ebd.

[22] Skalweit (1927), S.4.

[23] Roerkohl (1991), S. 17.

[24] Ebd.

[25] Ebd., S. 18.

[26] Henning Bd. 2 (1978), S. 174.

[27] Roerkohl (1991), S. 18.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Ebd.

[31] Henning Bd. 2 (1978), S. 176.

[32] Ebd.

[33] Ebd., S. 176/177.

[34] Ebd., S. 175.

[35] Ebd., S. 177.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Die Kriegsernährungswirtschaft im Ersten Weltkrieg und ihre Probleme
Untertitel
Erkenntnisse über eine verfehlte Autarkiepolitik im Kriegsfall
Hochschule
Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer (ehem. Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer)  (Bundesakademie für Wehrverwaltung und Wehrtechnik)
Autor
Jahr
2017
Seiten
45
Katalognummer
V353396
ISBN (eBook)
9783668400092
ISBN (Buch)
9783668400108
Dateigröße
697 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
1914-18, Kriegswirtschaft, Autarkiepolitik, Erster Weltkrieg
Arbeit zitieren
Ilya Zarrouk (Autor), 2017, Die Kriegsernährungswirtschaft im Ersten Weltkrieg und ihre Probleme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353396

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