Otto IV. und Innozenz III. Beurteilung der päpstlich-welfischen Allianz


Bachelorarbeit, 2016

48 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Königtum und Papsttum im Mittelalter

II. Otto IV. und Innozenz III
1. Heinrichs Tod
2. Die Kandidaten der doppelten Königswahl
2.1. Philipp von Schwaben
2.2. Otto von Braunschweig
3. Das Thronstreitregister
3.1. Sinn und Zweck
3.2. Aufbau
4. Innozenz III
4.1. Päpstliche Autorität
4.2. Innozenz als Vermittler zwischen den Weltmächten
5. Der Vertrag zwischen Otto IV. und Innozenz III
5.1. Inhalte des Vertragsangebotes
5.2. Entscheidung der Kurie zugunsten Ottos IV
5.3. Die Neußer Erklärung
5.4. Die Erfüllung des Vertrages durch den Papst
5.4.1. Die Anerkennung Ottos IV. und die Dekretale Venerabilem
5.4.2. Päpstliches Agieren in der Fürstenproblematik
6. Die Wende in der päpstlich-welfischen Allianz
6.1. Innozenz‘ kurzzeitiger Umschwung
6.2. Ursachen der endgültigen Entzweiung
6.3. Die öffentliche Exkommunikation Ottos IV
6.3.1. Begründung der Exkommunikation
6.3.1.1. Vertragsbruch
6.3.1.2. Vertrauensbruch
6.3.2. Das Ende des Welfen

III. Die Beurteilung der päpstlich-welfischen Allianz aus heutiger Sicht

IV. Quellen - und Literaturverzeichnis

I. Königtum und Papsttum im Mittelalter

Im Jahre 951 fällte Otto der Große die Entscheidung, in die Verhältnisse Italiens einzugreifen und die Herrschaft im regnum zu übernehmen. Dies war ein großer Schritt, Äin dessen Konsequenz die Kaiserkrönung des Jahres 962 lag [und] die deutsche Geschichte für Jahrhunderte maßgeblich bestimmt [hat].“1Einige Jahrzehnte später unter Konrad II. - wurde schließlich das Königreich Burgund mit den beiden Herrschaftsbereichen Deutschland und Italien in einer Personalunion verbunden und diese sogenannte Trias machte jenes Gefüge aus, für das sich schließlich in der mittelalterlichen Zeit die Bezeichnung Imperium Romanum durchgesetzt hat. In der staufischen Epoche wurde diese Bezeichnung schließlich - in Erinnerung an die römisch-antike Staatstradition - um die Kennzeichnung „heilig“ erweitert und so entstand der Ausdruck Sacrum Imperium Romanum (Heiliges Römisches Reich). Mit dem Griff Ottos des Großen nach der Kaiserkrone entstand zugleich eine bedeutende Nähe des deutschen Königtums zum Papsttum, denn seit Mitte des neunten Jahrhunderts besaß der Papst, als Oberhaupt der Kirche, das Recht, die Kaiserkrönung in Rom durchzuführen. Dies bedeutet, dass der Papst dem Kandidaten - seit 962 also dem deutschen König - die Kaiserweihe spenden durfte. Zunächst war dies kein Problem, da die führende Stellung des deutschen Königs in der christlich-westlichen Welt nicht angezweifelt wurde und die Kaiserkrönung gewissermaßen eine reine Zeremonie war. Nachdem sich aber das Reformpapsttum seit Mitte des 11. Jahrhunderts stärker emanzipiert hatte und schließlich beanspruchte, bei der kaiserlichen Krönung mehr zu repräsentieren als ein rein zeremonielles Beiwerk, wurde diese Konstellation allmählich brüchig. Die Entwicklung, dass der Papst für sich selbst eine ausschlaggebende Rolle bei der Vergabe der Kaiserkrone einforderte, ist wohl seit Lothar von Süpplingenburg, der ab 1133 römisch-deutscher Kaiser war, feststellbar.

ÄDas läuft auf einen Approbationsanspruch hinaus, d.h. auf den Anspruch, den aus der deutschen Königswahl hervorgegangenen Herrscher auf seine Eignung für die Kaiserwürde hin zu überprüfen und anzuerkennen oder zu verwerfen.“2Dieser Anspruch wurde von staufischer Seite nicht akzeptiert. Die Staufer waren der Auffassung, dass die Kaiserwürde zugleich Ausdruck der Stellung des deutschen Königs im Abendland sei und, Ädaß die Herrschaft über Rom, das bedeutete das Kaisertum ja auch, den Deutschen kraft Eroberungsrecht zustehe.“3Der aus dem staufischen Geschlecht stammende Friedrich I. - Friedrich Barbarossa - behütete Ende des 12. Jahrhunderts sein Kaisertum erfolgreich vor dem Versuch Papst Hadrians IV., das Kaisertum als päpstliches Lehen zu verstehen. Hierbei erhielt der Kaiser die Unterstützung der deutschen Fürsten, die den Approbationsanspruch ebenfalls nicht akzeptieren wollten. Barbarossas Sohn und Nachfolger Heinrich VI., vertrat dieselbe Politik wie sein Vater vor ihm und wollte die päpstliche Lehensoberhoheit demnach ebenso verhindern. Unter Heinrich VI. wurde Sizilien, durch seine Ehe mit Konstanze von Sizilien, staufisches Erbreich und so wollte er die entstandene Personalunion von Imperium Romanum und regnum Siciliae unauflösbar vereinigen. Wenn nun die von den Staufern getragene Herrscherwürde im Reich erblich wurde, Ädann waren beide politischen Gebilde zur Einheit verschmolzen, dann war jene politische Konstellation erreicht, die unio regni ad imperium, die das Papsttum wie keine andere fürchtete und die es um jeden Preis verhindern mußte, […].“4Als nun im Jahre 1198, nachdem Kaiser Heinrich VI. verstarb, der sogenannte deutsche Thronstreit zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen Otto von Braunschweig ausbrach, wurde die staufische Herrschaft sogleich in Frage gestellt. Gleichzeitig bestieg mit Lothar von Segni, genannt Innozenz III., Äeine der herrschergewaltigsten Persönlichkeiten der mittelalterlichen Papstgeschichte die cathedra Petri“5.6

Diese Arbeit berichtet gewissermaßen über den langjährigen deutschen Thronstreit, fokussiert sich hierbei jedoch auf den welfischen Kandidaten Otto von Braunschweig und auf Papst Innozenz III., für welchen die Auseinandersetzungen zum zentralen Thema wurden und der sein päpstliches Recht, sich für einen der beiden Kandidaten zu entscheiden, einforderte. Zu Beginn wird in Kürze auf das Ende Kaiser Heinrichs VI. das zugleich der Ausgangspunkt des Thronstreits war - eingegangen, um schließlich mit einer knappen Vorstellung der beiden Kandidaten fortzufahren. Anschließend folgt eine Untersuchung des sogenannten Thronstreitregisters Papst Innozenz‘ III. Was bezweckt das Thronstreitregister und wie ist es aufgebaut? Gibt es eine Chronologie? Hierbei stütze ich mich vor allem auf die Ausführungen von Laufs, der sich intensiv mit diesem Sonderregister beschäftigte. Das RNI ist für die gesamte Arbeit die wohl wichtigste

Quelle, da durch sie ein nahezu lückenloses Bild über die kaiserlich-päpstlichen Verhandlungen - ab Beginn der Doppelwahl bis hin zur Kaiserkrönung Ottos IV. durch den Papst - entsteht. Glücklicherweise gibt es eine deutsche Übersetzung von Georgine Tangl - eine österreichische Historikerin und Mitarbeiterin der Monumenta Germaniae Historica (MGH) - die in den folgenden Ausführungen herangezogen wird. Zwar fehlen in ihrer Übersetzung einige Schreiben, aber dennoch ist es ausreichend, um damit arbeiten zu können. Hierbei werden die lateinischen Originalschreiben, die von Holtzmann in einem Teildruck zusammengefasst und 1947 in zwei Teilen herausgegeben wurden, mit angeführt. Anschließend wird tiefer in die Materie eingedrungen und sich zunächst mit einer der beiden Hauptfiguren beschäftigt nämlich mit Innozenz III. Er galt als meisterhafter Politiker und seine päpstliche Autorität war keineswegs zu unterschätzen. So wurde er schließlich auch als Vermittler zwischen den beiden Weltmächten England und Frankreich tätig. Durch die Verwandtschaft zwischen Otto IV. und Richard Löwenherz von England entstand nämlich eine englisch-welfische Verbindung, in welcher der französische König Philipp II. August wiederum eine ernsthafte Bedrohung sah. Ab 1199 wurde die päpstlichwelfische Allianz schließlich ins Rollen gebracht und der „Vertrag“ bzw. die Übereinkunft zwischen Otto IV. und Innozenz III. entstand. Hierbei sollte man sich folgende Fragen stellen: Was waren die Inhalte dieses Vertragsangebotes? Was forderte der Papst als Gegenleistung dafür, wenn er Otto IV. anerkennen würde? Natürlich war diese päpstlich-welfische Übereinkunft nicht ganz unproblematisch, da Philipp von Schwaben die Mehrheit der Fürsten auf seiner Seite hatte, doch Innozenz III., der durch eine Anerkennung des Staufers eine Umklammerung Roms fürchtete, entschied sich für den Welfen. Auf die Entscheidung des Papstes folgte der Neußer Eid durch den Welfen. Diesen Eid, auf welchen nachfolgend näher eingegangen wird, findet man auch im Thronstreitregister vor. Der Papst erfüllte seinen Teil der Abmachung, indem er Otto IV. nun auch öffentlich anerkannte und schließlich auch - was das Fürstenproblem angeht - tätig wurde. Doch das kaiserlich-päpstliche Bündnis bestand aus Höhen und Tiefen und so kam es schließlich zu einer Wende. Innozenz III. wechselte zunächst kurzzeitig die Fronten. Mit welchen Argumenten ist Innozenz‘ Umschwung nun zu begründen? Schließlich befand er sich im Bündnis mit dem Welfen. Als Philipp von Schwaben plötzlich verstarb, musste Innozenz III. abermals die Fronten wechseln und schließlich folgte die Kaiserkrönung Ottos IV. im Jahre 1209. Die Kaiserkrönung war zugleich der Höhepunkt des Auseinanderbrechens der päpstlich-welfischen Politik. Otto IV. brach seinen Eid mit den Zugeständnissen gegenüber der Kurie und wandte sich somit gegen den Papst. Daraufhin folgte die Exkommunikation des Kaisers. An dieser Stelle ist wichtig zu klären, womit der Papst seine Entscheidung, Otto IV. zu exkommunizieren, begründete. Was kann dem Welfen konkret vorgeworfen werden? Anschließend soll dargestellt werden, wie die päpstlich-welfische Auseinandersetzung endete. Schließen wird meine Arbeit damit, wie nun die Allianz zwischen Otto IV. und Innozenz III. aus heutiger Sicht bewertet bzw. beurteilt werden kann. Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen Papst und König innerhalb des langjährigen Thronstreits? Was waren wohl die Beweggründe, weshalb sich Otto IV. plötzlich gegen Innozenz III. wandte? Neben dem RNI, der Hauptquelle, werden in den folgenden Ausführungen noch einige andere Quellen angeschnitten. Die Historia abbatis Lubicensis - so wird die Chronik Arnolds von Lübeck in den ältesten Handschriften bezeichnet - ist wohl eine der wichtigsten Quellen für die Reichsgeschichte des Hochmittelalters.7Der am Welfenhof aufgewachsene Chronist, der 1211/1212 verstarb, entnahm seine Informationen, was den deutschen Thronstreit zwischen Philipp von Schwaben und Otto IV. anbelangt, vor allem aus mündlichen Mitteilungen. Seine äußerst prowelfische Chronik gilt zwar als zuverlässig, dennoch muss man sie kritisch beäugen, da sie bei räumlichen sowie zeitlich entfernteren Geschehnissen etwas ungenau wird.8Propst Burchard von Ursberg, ebenso ein mittelalterlicher Chronist, ist im Gegensatz zu Arnold von Lübeck, staufisch orientiert und teilweise papstkritisch. Weder die eine, noch die andere Seite favorisierend, berichtet hingegen Otto von St. Blasien von den Geschehnissen. Was die Sekundärliteratur betrifft, so wird einleitend ausschließlich auf die wichtigste Literatur eingegangen, da es aufgrund der Fülle des Materials zu umfangreich wäre, jedes einzelne Werk vorzustellen. So sind die Ausführungen des deutschen Historikers Eduard Winkelmann, dessen Hauptgebiet die späten Staufer waren, von Bedeutung. Zwar sind dessen Werke über Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig etwas älter - sie stammen nämlich aus dem 19. Jahrhundert - aber dennoch sind sie für die deutsche Mittelalterforschung unentbehrlich. Dass sich die Literaten - bis auf einzelne Ausnahmen - vor allem auf Papst Innozenz III. stützen, ist auffällig aber dennoch nicht ungewöhnlich, da dieser innerhalb der langjährigen päpstlich-welfischen Allianz zweifellos im Vordergrund stand. So untersuchen Laufs und Krieb einerseits Politik und Recht und andererseits die Konfliktregelung Innozenz‘ III. innerhalb des deutschen Thronstreits. Boshof bezieht sich mit seinem noch recht aktuellen Aufsatz „Innozenz III. und der deutsche Thronstreit“ ebenfalls primär auf den Papst, während sich Holzapfel überwiegend mit der englisch-welfischen Verbindung und deren Auswirkungen für Otto IV. beschäftigt. Außerdem wird Kempf herangezogen, der sich vor allem auf die Thronstreitpolitik des Papstes fokussiert, aber die Stellung des Kaisers in seinen Schilderungen keineswegs außer Acht lässt. Schimmelpfennig hingegen gibt einen allgemeinen Überblick über die Geschichte des Papsttums, während sich Schneidmüller konkret mit der Geschichte der Welfen beschäftigt. Bei der Vorstellung der Literatur darf Hucker nicht vergessen werden. Zum einen wird auf dessen Werk ÄOtto IV. Der wiederentdeckte Kaiser“ Bezug genommen und zum anderen auf den Katalog ÄOtto IV. Traum vom welfischen Kaisertum“. Dieser Katalog zur Landesausstellung Ottos von Braunschweig im Jahre 2009 - anlässlich des 800. Jahrestags seiner Kaiserkrönung - besteht aus verschiedenen Aufsätzen und wurde unter anderem von Hucker mitkreiert und herausgegeben. Otto IV. wurde in der Forschung möglicherweise zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und dies sollte mit den zuletzt genannten Werken geändert werden. Schließlich war er in der Geschichte der einzige Welfe auf dem Kaiserthron.

II. Otto IV. und Innozenz III.

1. Heinrichs Tod

Als sich im Jahre 1197 die Nachricht vom plötzlichen Tode des Kaisers verbreitete, veränderte sich die politische Lage im Reich mit einem Mal. Heinrichs ÄWerk war in jeder Hinsicht unvollendet; was er hinterließ, war in jedem Sinne Entwurf, Anlage. Seine Ziele waren zu erkennen; aber nur er selbst sah sie als ein Ganzes.“9Die staufisch-deutsche Herrschaft in Italien und Sizilien brach schließlich innerhalb kürzester Zeit zusammen und es herrschten chaotische Zustände, da die Regelung der Nachfolge des Kaisers große Probleme aufwarf. Heinrichs Sohn Friedrich II. besaß zwar als legitim geborener Königssohn und als Erbe des regnum Siciliae beste Nachfolgechancen, jedoch war er zu diesem Zeitpunkt noch ein Kleinkind und hielt sich 1197/1198 außerdem nicht in Deutschland auf.10Heinrichs jüngster Bruder Philipp begab sich infolgedessen auf den Weg nach Italien, um seinen jungen Neffen Friedrich - der bereits seit 1196 gewählter deutscher König war - zurück nach Deutschland zu bringen. Jedoch scheiterte dieses Vorhaben aufgrund italienischer Aufstände gegen deutsche Machthaber in Italien, so dass Philipp ohne den jungen König nach Deutschland zurückkehren musste.11Natürlich hat Heinrich VI. kurz vor seinem Tode erkannt, wie gefährdet das Erbe war, welches er seinem Sohn Friedrich hinterließ. Daher gab er in seinem Testament dem Reichstruchsessen Markward von Anweiler ein bedeutender Ministerial - die Anweisung, einen offenen Konflikt durch Zugeständnisse an die Kurie zu vermeiden. So sollte unter anderem die päpstliche Lehnsoberhoheit über das Königreich wieder anerkannt werden, indem die Kaiserinwitwe Konstanze und ihr Sohn Friedrich dem Papst für Sizilien huldigen. Heinrich selbst hatte die Lehnshuldigung - wie einleitend bereits geklärt - zuvor stets verweigert. Außerdem sollte Markward die besetzten Teile des Kirchenstaates herausgeben und unter anderem auch für die von ihm selbst verwalteten Gebiete der Romagna und der Mark Ancona dem Papst Huldigung leisten.12Konstanze steuerte demnach sofort einen antideutschen Kurs an und hatte das Ziel vor Augen, sich mit der Kurie zu verständigen. Am 17. Mai 1198 ließ sie ihren jungen Sohn in Palermo zum sizilianischen König krönen und forderte von den Deutschen, das Königreich schnellstmöglich zu verlassen. Im Gegenzug musste Friedrich auf sein deutsches Königtum verzichten. Kurze Zeit später, im November desselben Jahres, starb Konstanze jedoch überraschend und die Regentschaft, sowie die Vormundschaft für ihren Sohn, wurde auf Papst Innozenz III. - Nachfolger Coelestins III. - übertragen.13Die Thronfolge war nun aber noch nicht geregelt und der Zustand der Rechtslosigkeit sollte durch eine neue Königswahl beendet werden. Wie in den Jahrhunderten zuvor, wurden Könige stets durch eine Adelswahl bestimmt, doch 1198, nachdem Kaiser Heinrich VI. verstarb, fiel die Entscheidung plötzlich auf zwei Kandidaten - einen Staufer und einen Welfen. Die doppelte Königswahl ging damit als Epochenereignis in die deutsche Geschichte des Mittelalters ein.14

2. Die Kandidaten der doppelten Königswahl

2.1. Philipp von Schwaben

Philipp, der fünfte Sohn Kaiser Friedrichs I. sollte anfangs eigentlich die geistliche Laufbahn einschlagen, wurde jedoch im Jahre 1192 auf Wunsch seines älteren Bruders Heinrichs VI. zum Herzog von Tuszien und vier Jahre später zum Herzog von Schwaben erhoben.15Herzog Philipp wurde durch den Tod Heinrichs VI. zwangsläufig zum Oberhaupt der Staufer und war somit gewissermaßen für die Wiederherstellung der Ordnung verantwortlich. Auf seinen Bruder Otto - Pfalzgraf von Burgund - konnte er in dieser schwierigen Situation nicht hoffen, da dieser in einem heftigen Konflikt mit Bischof Konrad von Straßburg verwickelt war. Auslöser hierfür war der Mord des Staufers an dem Grafen Ulrich von Pfirt.16Jedenfalls wurde noch im Dezember 1197 eine Versammlung einberufen, an der die schwäbischen Adeligen und die führenden Ministerialen teilnehmen sollten, um sich über das weitere Vorgehen - was die Königswahl betraf -, auszutauschen. Philipp wäre sogar bereit gewesen, eine sogenannte Vormundschaftsregierung auf sich zu nehmen, um seinen jungen Neffen Friedrich die Krone zu sichern. Doch gab es an dieser Stelle bereits Gegenstimmen, der im Reich verbliebenen Fürsten - unter ihnen Erzbischof Adolf von Köln -, die behaupteten, sie fühlten sich an den Eid auf Friedrich nicht mehr gebunden. Außerdem sei Friedrich zur Zeit der Wahl noch nicht einmal getauft gewesen und somit könnte man dies als ungültige Wahl betrachten. Wie bereits vorherig geschildert, hat sich Philipps Schwägerin Konstanze kurze Zeit später sowieso gegen das deutsche Königtum entschieden und ließ ihren Sohn in Sizilien krönen. Natürlich lag es im Interesse Philipps, die Königswürde der staufischen Dynastie zu sichern und so war er mehr oder weniger gezwungen die Krone selbst anzustreben.17Nach Burchard von Ursberg hielt dies auch der staufische Anhang für richtig und sinnvoll, da sich die Reichsinsignien - Krone und Kreuz - ohnehin schon in der Hand des Herzogs befanden.18Dennoch muss man hinzufügen, dass Philipps Entscheidung, sich selbst wählen zu lassen, nicht bedenkenlos gefallen war.

[Doch] da ahnete ihm, wenn er sich entzöge, dürfte das Kaiserthum einem solchen anfallen, dessen Haus von Alters her gegen das seinige Haß getragen. Darum ließ er sich zuletzt bewegen, die Krone anzunehmen; nicht aus Ehrfurcht, nicht aus eitlem Streben nach Glanz und Macht, nicht aus Gier irgend eines Dinges; sondern mit dem Vorsatz, das Christenthum zu fördern, den Unterdrückten Recht zu verschaffen und Frevler zu bestrafen. Es war Freytags den sechsten März, des Jahres elfhundert achtundnenzig.19

Csendes schreibt hingegen in seinen Ausführungen, dass Philipp schließlich gerade durch die Ressourcen bestärkt wurde, die ihm als König zur Verfügung stehen würden:

ÄReiche Besitzungen, zahllose feste Burgen, eine große Dienstmannschaft, die jederzeit aufgeboten werden konnte, Städte, […] nicht zuletzt der normannische Königsschatz, den Heinrich VI. nach Deutschland hatte schaffen lassen.“20Dass sich die Throninsignien in seinem Besitz befanden, war für Philipp von Schwaben ein klarer Vorteil und ein ideell hoher Wert, was eigentlich gerade von Papst Innozenz III. hätte respektiert werden müssen.21

2.2. Otto von Braunschweig

Der zweite Kandidat, Otto von Braunschweig, wurde von den Zeitgenossen - im Gegensatz zu dem Schwaben Philipp - oft als Äder Sachse“22bezeichnet. An dieser Stelle könnte man jedoch sofort einhaken, denn er war nichts weniger als das. Otto wurde als Sohn Herzog Heinrichs des Löwen und Mathilde von England um 1175/76 in Braunschweig23geboren. Schon im Kindesalter musste er seine Heimat verlassen und ging mit seiner Familie ins englische Exil, wo er ritterlich ausgebildet wurde und vor allem durch seinen Onkel und späteren König Richard Löwenherz gefördert wurde.24Hierzu Winkelmann:

Der Oheim, ohne eigene Söhne, mit seinem Bruder meist entzweit, wandte alle verwandtschaftliche Zärtlichkeit, deren er fähig war, den Kinder seiner Schwester zu und er bemühte sich ganz besonders seinem dritten Neffen, eben unserem Otto, den er seit 1190 mit Ausnahme jener wenigen Monate ganz bei sich behielt, eine glänzendere Zukunft zu bereiten […]. Er ernannte ihn schon 1190 zum Grafen von York und zum Grafen von der Marche.25

Wie man erkennen kann, fand Richard Löwenherz sehr viel Gefallen an dem noch jungen Otto und für das Herrschaftssicherungssystem der Plantagenet war es üblich, Söhne und allgemein Verwandte an den verschiedensten Stellen ihres ausgedehnten Reiches mit Herrschaftsrechten auszustatten. Im August 1190 brach Richard schließlich zum dritten Kreuzzug auf und kehrte erst vier Jahre später - nachdem er sich in deutscher Kriegsgefangenschaft befand - zurück. Otto verbrachte die Zeit, in der sein Onkel abwesend war, wohl bei seiner Großmutter Eleonore von Aquitanien. Spätestens ab diesem Zeitpunkt - als der kinderlose Richard wieder zurückkehrte - hat er wohl überlegt, seinen Neffen Otto zum Erben einzusetzen. Otto wurde anscheinend auch das Recht verliehen, das englische Königswappen zu tragen.26Er schien seinem Onkel sehr ähnlich zu sein, doch nach Winkelmann, der wohl eher antiwelfisch eingestellt war, glich er seinem Onkel auch in dessen weniger guten Eigenschaften:

[…] er konnte nicht leicht an sich halten, war unvorsichtig in seinen Worten und unzuverlässig, gelegentlich wohl freigiebig, doch meist karg, hartköpfig und in seinen Ansprüchen über alle Maßen hochfahrend, kurz in Gutem und Schlechtem ein französisch-normännischer Ritter vom Schlage des Königs Richard. Ihm genügte es nicht, Graf von Poitou zu heißen, sondern er schickte in seinen Urkunden diesem Titel den eines Herzogs von Aquitanien voran, und er wird sicherlich nicht gemeint haben, damit schon seinen Gipfel erreicht zu haben.27

Was die Königswahl von 1198 betrifft, handelten als erstes die staufischen Anhänger unter Führung der Erzbischöfe von Magdeburg und Salzburg, sowie der Herzöge von Sachsen und Bayern. Bereits am 8. März 1198 wurde Philipp in Mühlhausen zum König gewählt - hierbei sollte wohl ein Stellvertreterkönigtum stilisiert werden, um das dynastische Prinzip zu bewahren. Jedoch war Friedrich II. die nächsten zehn Jahre vergessen, denn man bemühte sich nicht, ihn aus Sizilien herbeizuholen. Nun gibt es aber noch ein „Gegenlager“ unter Führung des Kölner Erzbischofs Adolf von Köln, der sich mit seiner Partei den Bestrebungen Philipps entgegensetzte. Diese Partei suchte nun quasi nach einem geeigneten Gegenkandidaten. Man versuchte mit Berthold V. von Zähringen zu verhandeln, jedoch scheiterte dieses Vorhaben und nun schien nur noch Otto, der ebenfalls aus dem Kreis einer großen Familie des Reiches stammte - als königsfähig. Otto musste schließlich erst aus dem anglonormannischen Reich herbeigeholt werden und wurde schließlich am 9. Juni 1198 - also drei Monate nach seinem Rivalen - in Köln zum König gewählt.28Der Konflikt, der hier seinen Ursprung hat, wurde von Anfang an internationalisiert. Otto von St. Blasien, berichtet Folgendes:

Da also beide Könige jeder für seine Oberherrschaft sich mühten, führten sie diesen Bürgerkrieg fast 12 Jahre lang hartnäckig fort. Denn Philipp, […] brachte […] die Otto anhangenden Fürsten, einige durch Drohungen, einige durch Versprechungen und Geschenke auf seine Seite, und führte unzählige Feldzüge gegen Otto, eroberte Städte und Burgen […] und zwang überall die Empörer zur Ergebung. Otto aber hielt, im Vertrauen auf die Hilfe des Pfalzgrafen Heinrich, seines Bruders, und der Kölner, die Angriffe Philipps standhaft aus […] und rühmte sich, daß er, wenn auch nicht königlichen Rechte, doch die königlichen Orte in Besitz hatte.29

Dass die zeitgenössischen Chronisten den Schaden, der durch die doppelte Königswahl entstand, sofort erkannten, bleibt uns nicht verborgen. Arnold von Lübeck berichtet ebenfalls über die doppelte Königswahl und die damit verbundenen Komplikationen:

Denn da der ruhmgekrönte Kaiser Heinrich, durch welchen Gott, wie gesagt, die Gränzen des Reiches gar sehr erweitert hatte, gestorben war, so gingen, weil man die Treue und die Wahl, in welcher man sich schon auf seinen Sohn vereinigt hatte, hintansetzte, zwei Sonnen auf, d.h. zwei Könige wurden erhoben. Diese beiden Sonnen aber setzten, da ihre Strahlen einander entgegen liefen, das römische Reich in nicht geringe Verwirrung.30

3. Das Thronstreitregister

3.1. Sinn und Zweck

Bevor sich nun intensiver mit Otto IV. und Innozenz III. beschäftigt wird, sollten vorab einige Informationen zum Thronstreitregister folgen. Für die Geschichte des deutschen Thronstreits ist dieses Register - kurz RNI (ÄRegestum super negotio imperii“) genannt - nämlich ausschlaggebend und eine Quelle von unschätzbarem Wert, welche uns über die kaiserlich-päpstlichen Beziehungen und über die eindrucksvolle Politik Innozenz III. zwischen 1198 und 1209 berichtet. Wichtig ist außerdem zu wissen, dass das RNI eine Neuerung, was die päpstliche Registerführung angeht, war. Der Versuch, eine ganze Reihe von Pontifikatsjahren in einem Sonderregister auszuschneiden, wurde kein zweites Mal wiederholt.

[...]


1Boshof, Egon: Innozenz III. und der deutsche Thronstreit, S. 51-69. In: Frenz, Thomas (Hrsg.): Papst Innozenz III. Weichensteller der Geschichte Europas. Stuttgart 2000, hier: S. 51.

2 Ebd.

3Boshof, S. 52.

4Ebd.

5Ebd.

6 Ebd., S. 51f.

7Vgl. Auge, Oliver/Lübke, Christian u.W.: Übersetzung der Chronika Slavorum des Arnold von Lübeck. Leipzig 2014. URL: https://www.histsem.uni- kiel.de/de/abteilungen/regionalgeschichte/projekte/Chronica-Slavorum (Datum des Zugriffs: 1.03.2016).

8 Freytag, Hans-Joachim: Arnold von Lübeck. In: Neue Deutsche Biographie 1. 1953, S. 381. (Onlinefassung). URL: http://www.deutsche-biographie.de/sfz1306.html (Datum des Zugriffs: 1.03.2016).

9Rassow, Peter: Das Zeitalter der Staufer (1125 - 1257), S. 169 - 210. In: Schieffer, Theodor (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Überblick. Ein Handbuch. Stuttgart ³1973, S. 201.

10Vgl. Schneidmüller, Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819 - 1252). Stuttgart 2000, S. 242.

11Vgl. Rassow, S. 202.

12 Vgl. Boshof, S. 52f.

13Vgl. Boshof, S. 53.

14Vgl. Schneidmüller, S. 242.

15Vgl. Hucker, Bernd Ulrich: Otto IV. Der wiederentdeckte Kaiser. Leipzig 2003, S. 51.

16Vgl. Csendes, Peter: Philipp von Schwaben. Ein Staufer im Kampf um die Macht. Darmstadt 2003, S. 62.

17Vgl. Csendes, S. 65f.

18Vgl. Burchard von Ursberg, Chronik, ed. Oswald Holder-Egger und Bernhard von Simson, MGH SS rer. Germ 16. Hannover/Leipzig ²1916, S. 76.

19Hurter, Friedrich: Geschichte Papst Innocenz des Dritten und seiner Zeitgenossen. Band 1. Hamburg 1936, S. 155.

20Csendes, S. 69.

21 Vgl. ebd.

22 Winkelmann, Eduard: Philipp von Schwaben und Otto IV. von Braunschweig. König Philipp von Schwaben 1197 - 1208. Band 1. Leipzig 1873, S. 74f.

23Vgl. Hucker, Bernd Ulrich: Otto IV. - Ein Leben zwischen dem englischen Königshof und der Braunschweiger Pfalz (1175/76 - 1218), S. 15-28. In: Hucker, Bernd Ulrich/Hahn, Stefanie/ Derda, HansJürgen (Hrsg.): Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum. Passau 2009, hier S. 15.

„[...] sein genaues Geburtsdatum und sein Geburtsort [sind΁ ungewiss. Damit unterscheidet er sich nicht von den meisten anderen Menschen des Mittelalters. Die beiden möglichen Jahre, in die seine Geburt fällt, sind von der Forschung erschlossen.“

24Vgl. Mamsch, Stefanie: Der deutsche Thronstreit (1198 - 1208). Konkurrenz - Konflikt Lösungsversuche, S. 49 - 56. In: Hucker, Bernd Ulrich/Hahn, Stefanie/ Derda, Hans-Jürgen (Hrsg.): Otto IV. Traum vom welfischen Kaisertum. Passau 2009, hier S. 50.

25Winkelmann: König Philipp, S. 74f.

26 Vgl. Hucker: Kaiser, S. 31.

27Winkelmann: König Philipp, S. 76f.

28 Vgl. Schneidmüller, S. 243.

29Itaque uterque regum pro principatu suo satis agens bellum hoc civile pene per XII annos pertinaciter protelarunt. Nam Philippus [͙΁ solus optinens principes Ottoni faventes, quosdam minis, quosdam promissis et donis in sui partem transduxit et innumeras expediciones sepissime contra Ottonem promovit, civitates castellaque per diversa loca expugnans, rebelllantes undique ad dedicionem coegit. Otto vero auxilio fretus Heinrici palanti fratris sui et Coloniensium impetus Phyilippi constanter sustinuit, [͙΁ gloriabatur se, etsi non regalia, iura tamen et loca regalia retinere, in: Otto von St. Blasien, Chronica (Kapitel 46), ed. Adolf Hofmeister, MGH SS rer. Germ. 47. Hannover 1912, S. 74; oben zitiert nach: Die Chronik Ottos von St. Blasiens, in: Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Bd. 8b, übersetzt von Horst Kohl. Leipzig 1881, S. 77f.

30 Deficiente sane glorioso imperatore Heinrico, per quem Deus terminos imperii, ut dictum est, multum dilataverat, neglecta fide sive electione in filium ipsius facta, duo soles, id est reges, exorti sunt, qui radiis invicem discordantibus Romani imperii fines non modice perturbabant, in: Arnold von Lübeck, Chronica Slavorum (liber sextus), ed. Johann Martin Lappenberg, MGH SS rer. Germ. 14. Hannover 1868. S. 213; oben zitiert nach: Die Chronik Arnolds von Lübeck, in: die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Bd. 71. Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae, übersetzt von Johann C. M. Laurent, neu bearbeitet von W. Wattenbach. Leipzig ³1940, S. 259.

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Details

Titel
Otto IV. und Innozenz III. Beurteilung der päpstlich-welfischen Allianz
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Geschichte)
Note
2,1
Autor
Jahr
2016
Seiten
48
Katalognummer
V353461
ISBN (eBook)
9783668395138
ISBN (Buch)
9783668395145
Dateigröße
1231 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Otto IV., Innozenz III., Königtum und Papsttum im Mittelalter, Thronstreitregister, Die Welfen, Die Staufer, Mittelalter
Arbeit zitieren
Christina Geiger (Autor), 2016, Otto IV. und Innozenz III. Beurteilung der päpstlich-welfischen Allianz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353461

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