Kreatives Schreiben im Deutschunterricht in der Sekundarstufe I

Theorie und Praxis


Hausarbeit, 2016

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Bedeutung der Thematik und Darstellung der Zielvorstellung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Definition Kreativität und Kreatives Schreiben
2.2 Der kreative Schreibprozess
2.3 Verortung im Kernlehrplan

3. Methoden des Kreativen Schreibens
3.1 Sechs Methodengruppen
3.1.1 Assoziative Verfahren
3.1.2 Sprachspiele
3.1.3 Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern
3.1.5 Schreiben zu Stimuli

4. Bewertung kreativer Schreibprodukte
4.1 Hürden bei der Bewertung kreativer Schreibleistungen
4.2 Das prozess- und entwicklungsorientierte Beurteilen
4.3 Portfolio zur Leistungserfassung

5. Diskussion

6. Beispiele (Dokumentation)
1. Assoziative Verfahren
2. Sprachspiele
3. Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern
4. Schreiben zu und nach (literarischen) Texten
5. Schreiben zu Stimuli

7. Literaturverzeichnis

1. Bedeutung der Thematik und Darstellung der Zielvorstellung

In einer Kleinstudie[1] wurde das freizeitliche Schreibverhalten von 650 Jugendlichen erfasst: 94% erklärten, dass sie ab und zu in der Freizeit schrieben. Als Schreibanlass gaben 60% der Mädchen das Bedürfnis nach Weitergabe von Erlebnissen und Problemen an, knapp 60% der Jungen den Wunsch, ihre Erinnerungen festzuhalten.[2]

Dem steht ein traditionelles Verständnis der schulischen Schreiberziehung gegenüber, das primär auf Normorientierung und Fehlervermeidung ausgerichtet ist und insbesondere Lern- und Übungszwecken dient.[3] Die Diskrepanz zwischen individuellem Ausdrucksbedürfnis der Jugendlichen und entfremdenden Schreiberwartungen der Institution Schule führt dazu, dass Schüler[4] das Schreiben als schwierige, wenig lustvolle und anstrengende Tätigkeit empfinden. Das Bedürfnis der Heranwachsenden, Erlebtes und Gedachtes mitzuteilen, Ideen zu entwickeln, sich selbst auszudrücken, mit Schrift spielerisch umzugehen, wird stark vernachlässigt. So stellt Brenner fest:

„Obwohl sie ihnen das Schreiben beibringt, ist die Schule […] an den persönlichen Schreibleistungen von Kindern und Jugendlichen fast nur desinteressiert. Was im Rahmen der Schule an Texten von Jugendlichen zählt, ist gemeinhin die intersubjektiv nachprüfbare Korrektheit ihres sachlichen Gehalts, aber es sind kaum die Persönlichkeitsanteile, die sich im Geschriebenen ausdrücken, die stilistischen Experimente, die Lust an eigenständigen sprachlichen Entwicklungsprojekten“.[5]

Wenn die Schreibmotivation sowie Sprach- und Ausdrucksfähigkeiten nachhaltig gefördert werden sollen, reicht die Vermittlung isolierter und entfremdender Aufsatzarten nicht, darauf macht auch Brenner aufmerksam.

Daraus erwächst die didaktische Herausforderung, einen methodisch vielfältigen Schreibunterricht zu gestalten, der etwaige Einseitigkeit der Praxis aufbricht und subjekt-, prozess- und entwicklungsorientierte Schreibdidaktiken anwenden lernt. Denn wenn es heute zuerst darauf ankommt, dass Schüler mit Interesse schreiben lernen und Lehrern das Unterrichten wieder Freude bereitet, dann liegt eine Möglichkeit der Verbesserung des Schreibunterrichts darin, das Methodenrepertoire des Schreiben Lehrens und Lernens zu erweitern.

Daraus leitet sich die Frage ab: Wie und welche Schreibarrangements sollten im Unterricht generiert werden, um die Schreibmotivation von Lernenden zu wecken und sie dauerhaft an das eigene Verfassen von Texten heranzuführen?

Hier setzt das Konzept des Kreativen Schreibens an, das zu einer bedeutenden Richtung der Schreibdidaktik geworden und auf das skizzierte Ziel gerichtet ist. Ursprünglich kommt das Kreative Schreiben aus dem anglo-amerikanischen Raum (creative writing). Seit den 1970er Jahren hat es Einzug in den Deutschunterricht erhalten. Es akzentuiert die Selbsterfahrung und lädt durch vielfältige Formen zum Schreiben ein.

Zentral ist die Frage, wie die Schreibfähigkeit durch Kreatives Schreiben im Deutschunterricht gefördert werden kann. So ist es das Ziel der vorliegenden Arbeit, auf theoretischer und praktischer Ebene das Kreative Schreiben als ein „innovatives“ Schreibkonzept zu untersuchen. Dazu werden im folgenden Kapitel zunächst die theoretischen Grundlagen erarbeitet. Es folgen eine Darstellung von Methoden (Kapitel 3) und eine Erörterung der Benotungsproblematik (Kapitel 4). Die Arbeit schließt mit einer Diskussion der Chancen und Grenzen des Kreativen Schreibens.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Definition Kreativität und Kreatives Schreiben

Um die konzeptuelle Grundidee des Kreativen Schreibens verstehen zu können, erscheint es sinnvoll, zunächst eine Definition des allgemeinen Kreativitätsbegriffs voranzustellen, da er zum einen das Verständnis des Kreativen Schreibens prägt und zum anderen die Aktivierung von Kreativität das Hauptziel dieses Schreibkonzepts ist.

Der Begriff der Kreativität geht auf das lateinische Verb creare zurück und bedeutet erschaffen, hervorbringen, ins Leben rufen.[6] Böttcher gibt einen komprimierten Überblick zum Kreativitätsbegriff, bei dem verwandte Begriffe um den Kreativitätsbegriff angeordnet sind (sog. Begriffsfamilie). Kreativität wird hier durch die Substantive Originalität, Innovativität, Generativität, Produktivität, Genialität, Fantasie, Inspiration, Intuition, Sensibilität und Spontaneität umschrieben.[7] Nach Böttcher dienen diese ganz oder teilweise jeder Definition von Kreativität.

Kreativität wird als die Fähigkeit menschlichen Denkens, Empfindens oder Handelns verstanden, Neues zu entwickeln bzw. hervorzubringen.[8] Eine Handlung oder ein Produkt wird als kreativ bezeichnet, wenn es „neuartig und wertvoll“ oder der Produktionsweg neuartig ist oder etwas Gegebenes neuartige Wahrnehmungen hervorruft.[9]

Schließlich führt Böttcher an: „Kreativität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, für das bei allen Menschen die Disposition vorliegt und das folglich bei jedem Menschen gefördert werden kann.“[10] Dies ist ein wichtiges Postulat: Kreativität, wenn auch sicherlich in unterschiedlicher Beschaffenheit und Ausrichtung, ist bei allen Menschen vorhanden und ihr Potenzial kann geweckt/aktiviert werden. Darin findet sich nicht zuletzt die Berechtigung von kreativen Schreibmethoden.

Eine klar umrissene Definition des Kreativen Schreibens ist hingegen ein schwieriges Unterfangen, bedingt durch den historischen Wandel dieser Schreibbewegung. So „definiert [es] sich unter den je unterschiedlichen Ansätzen mit jeweils anderen Argumentationsstrukturen.“[11] Jedoch lässt sich die Vielzahl der Definitionsversuche systematisieren.[12] Das Nachfolgende bezieht sich v.a. auf Kaspar Spinner, auf den auch viele andere Autoren rekurrieren.[13]

Die Hauptannahme aller kreativen Schreibkonzepte ist, dass der Mensch nicht nur ein kreatives Wesen ist, sondern auch über ein kreativ-sprachliches Potenzial verfügt.[14] So wird unter dem Kreativen Schreiben eine Form des Schreibens verstanden, die durch die Verwendung von bestimmten Schreibtechniken neue Ausdrucksmöglichkeiten und Wege zur Selbsterkenntnis bahnt.[15]

Spinner formuliert drei Leitprinzipien für das Kreative Schreiben, die Irritation, Expression, Imagination.[16]

i. Wenn Schreibende in ihren üblichen Denkvorstellungen irritiert werden, provoziert dies eine divergente Denkhaltung. Mithilfe des Prinzips der Irritation sollen Schreibende aus vorgegebenen Sprachnormen ausbrechen, Normsysteme überwinden, neue Ideen entfalten und so die eigene Ausdrucks- und Gestaltungskraft zum Ausdruck bringen.[17]
ii. Unter Rückgriff auf eigene Erfahrungen, Vorstellungen, Emotionen soll das subjektive Ausdrucksbedürfnis der Schreibenden gestützt werden. Das Prinzip der Expression schafft also Raum für personale Bezüge, womit die Aktivierung der individuellen inneren Welt intendiert wird.[18]
iii. Bei dem Prinzip der Imagination geht es um „die Ausgestaltung von Fantasien und ein Sich-Hineindenken in andere Welten und menschliche Erfahrungsweisen.“[19] Hier sollen Vorstellungen aktiviert, das Unbewusste versprachlicht werden. Durch die Tätigkeit des Schreibens entwickelt sich das eigene Wissen.[20] „Das Prinzip der Imagination verbindet und überhöht gleichzeitig die beiden Prinzipien der Irritation und Expression.“[21] Es gilt, dass „durch die Aktivierung der Imaginationskraft etwas Neues entsteht, zumindest eine neue Sicht auf Bekanntes realisiert werden kann“.[22]

Nicht bei jedem kreativen Schreibimpuls sind diese drei Prinzipien gleichermaßen relevant. Spinner betont aber die Wichtigkeit, Irritation, Expression und Imagination miteinander in Verbindung zu bringen.[23]

2.2 Der kreative Schreibprozess

„Schreiben ist nicht nur ein Problemlöseprozess, sondern auch ein kreativer Prozess.“[24] Wie jede Schreibtätigkeit, entwickelt sich ein kreatives Schreibprodukt in einem komplexen Prozess. Eigen ist der kreativen Schreibdidaktik, dass das Endprodukt selbst von sekundärer Bedeutung ist. Primär steht der Entstehungsprozess des Schreibens mit seinen Teilhandlungen im Fokus.

1. Am Anfang einer kreativen Schreibaufgabe benötigt der Schreiber einen offenen Schreibimpuls. Von Werder nennt diesen ersten Schritt Inspirationsphase.[25] Er sollte so gestaltet sein, dass der Schreiber über assoziative Brücken in einen Ideenfluss kommt.[26] Subjektivität und Authentizität sind zentral. Da eine völlige Offenheit der Aufgabe leicht zu Schreibblockaden führen kann, werden gezielte Impulse oder Strukturen, z. B. ein Bildimpuls oder inhaltliche Vorgaben in Form von Satzanfängen u.Ä. vorgegeben, die den assoziativen Denkprozess unterstützen sollen. Beispiele hierfür geben Kapitel 3 und 6.
2. Sodann erfolgt die flexible Strukturierung der gewonnenen Ideen, aus der ein erster Textentwurf entwickelt wird. Der Schreiber arbeitet also an seinen Ideen weiter, verknüpft Assoziationen und baut diese aus. Hier findet die Erprobung des Lösungsweges statt. Der Schreiber gestaltet seinen kreativen Prozess. Nach von Werder ist das die sogenannte Inkubationsphase.[27]
3. Die sogenannte Illuminationsphase ist das Weiterarbeiten im Sinne eines kreativen Überarbeitens. Das erste Ausarbeiten der Gedanken und Emotionen beginnt also in dieser Phase. Einzelne Gedanke werden zusammengeführt. Ungeordnete Elemente werden zu einem zusammenhängen Ganzen überführt. Diese Textproduktionsphase ist selbstgesteuert und ohne normative Eingriffe, Schreibziel und Schreibmodus legt der Schreiber selbst fest. Durch das Schreiben

„können sich vorher desperate Gedanken plötzlich verbinden und schließlich in einem verdichteten Ganzen vorhanden sein, das alle später wiederum zu entfaltenden Teile in sich enthält. Der Schreibende weiß dann plötzlich, welches Ziel er anstrebt, überschaut die vielen Einzelgedanken, die er entfalten muß“.[28]

Hayes und Flower definieren jeden Schreibvorgang als eine Art Problemlösen (ill-defined und well-defined problem).[29] Dies charakterisiert den kreativen Schreibprozess treffend, denn „[d]ie besondere Anforderung [...] des kreativen Schreibens liegt darin, dass der Schreibende die Fragestellung während des Schreibens zunehmen in ein ‚gut definiertes‘ Problem überführen muss“.[30]

[...]


[1] Die Studie wurde 2000 von Fix durchgeführt und ist in Fix, Martin (2000): Textrevision in der Schule. Prozessorientierte Schreibdidaktik zwischen Instruktionen und Selbststeuerung – empirische Untersuchung in den achten Klassen. Baltmannsweiler: Schneider, zu finden.

[2] Vgl. Fix, Martin 2008: Texte schreiben - Schreibprozess im Deutschunterricht. 2. Auflage. Paderborn: Ferdinand Schöningh: 87 f.

[3] Vgl. Reuschling, Gisela 2006: Erzähltest schreiben. In: Merkelbach, Valentin (Hrsg.): Kreatives Schreiben. Braunschweig: Westermann Schulbuchverlag: 44.

[4] Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen, wird hier und im folgenden Text zwar nur die männliche Form (Schüler, Lehrer, Schreiber) genannt, stets aber die weibliche Form gleichermaßen mitgemeint.

[5] Brenner, Gerd 1994: Kreatives Schreiben - Ein Leitfaden für die Praxis. Berlin: Cornelsen Verlag Scriptor: 7 f. [Veränderung durch Verfasserin].

[6] Vgl. Brenner 1990: 15.

[7] Vgl. Böttcher 1999: 10.

[8] Vgl. Brenner 1990: 15, Böttcher 1999: 10.

[9] Brodbeck 1995, zitiert nach Böttcher 1999: 11.

[10] Pommerin 1996, zitiert nach Böttcher 1999: 11.

[11] Böttcher 1999: 9 [Veränderung durch Verfasserin].

[12] Vgl. ebd.

[13] Dies ist eine pragmatische Setzung, da Spinner maßgeblich an der Entwicklung des Kreativen Schreibens beteiligt war.

[14] Vgl. Böttcher 1999: 11.

[15] Vgl. von Werder, Lutz (2007): Lehrbuch des Kreativen Schreibens. Wiesbaden: Marix Verlag: 17 f.

[16] Spinner 1993: 108.

[17] Vgl. ebd.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Böttcher 1999: 12.

[21] Spinner 1993, zitiert nach Böttcher 1999: 13.

[22] Spinner 1993: 21.

[23] Vgl. Spinner 1993: 108.

[24] Böttcher 1999: 17.

[25] Vgl. von Werder 2007: 24.

[26] Vgl. Fix 2008: 116.

[27] Vgl. ebd.

[28] Müller-Braunschweig 1984, zitiert nach von Werder 2007: 25.

[29] Vgl. Fix 2008: 36.

[30] Ebd. [Veränderung durch Verfasserin].

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kreatives Schreiben im Deutschunterricht in der Sekundarstufe I
Untertitel
Theorie und Praxis
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V353533
ISBN (eBook)
9783668397927
ISBN (Buch)
9783668397934
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreatives Schreiben, Deutschunterricht, Praxis, Methodengruppen, Sekundarstufe I, Bewertung, Grenzen
Arbeit zitieren
Sevim Toker (Autor), 2016, Kreatives Schreiben im Deutschunterricht in der Sekundarstufe I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353533

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