Ovids "Pygmalion", dessen Geschichte in seinen Metamorphosen beschrieben wird, kann als Urquelle des Pygmalionstoffes angesehen werden. Der Bildhauer Pygmalion erschafft eine perfekte Statue, die er mit Hilfe der Göttin Venus zum Leben erweckt. Er gestaltet diese als Idealbild einer Frau, nachdem er im wahren Leben nach Enttäuschungen dem weiblichen Geschlecht abgeschworen hat. Dieser Stoff wird in unzähligen Variationen immer wieder neu in der Literatur bearbeitet und verarbeitet.
Nach dem Ende der Kunstperiode durch die Kritik Heines und Büchners ausgelöst, kommt es zur entscheidenden Akzentverschiebung. Jetzt rückt die Statue in den Mittelpunkt und löst den geniehaften schaffenden Künstler ab. Somit kommt es im Realismus zu einer neuen literarturgeschichtlichen Beleuchtung des Pygmalionstoffes. An dieser neuen Debatte beteiligen sich Immermann, Ebner-Eschenbach und Fontane. Eine besondere Beachtung soll in dieser Arbeit Kellers Novelle "Regine" genießen. An ihr soll „pygmalionische Pädagogik“ deutlich gemacht werden. Weiser spricht in diesem Zusammenhang von einem „[…] pädagogisch ambitioniertem Pygmalion […]“ (Weiser 1998, 131). Um die Verschiebung des Pygmalionstoffes aufzeigen zu können, wird Kellers Regine im Folgenden mit dem Ovid‘schen Ursprungstext verglichen.
Zu Beginn dieser Arbeit wird die Epoche des Realismus vorgestellt und die Bedeutung der Novelle als herausragende Gattung im Realismus beschrieben. Im Anschluss soll der reale Bezug zu der Figur „Regine“ erklärt werden. In einem anschließenden Exkurs werden etymologische Erklärungen zu „Bilden und Erziehen“ aufgezeigt. In konkreter Textarbeit anhand der Novelle Regine sollen sowohl die Anbahnung der Katastrophe, die Auflösung des Pygmalionmotives, sowie die Bedeutung der gescheiterten Kommunikation zwischen Regine und Erwin analysiert werden. Der Schlussteil dieser Arbeit bietet sowohl eine Zusammenfassung der erzielten Ergebnisse, als auch einen Ausblick, inwieweit sich der Pygmalionstoff bei Shaw weiterentwickelt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Novelle als typische Gattung im Realismus
3. Hintergrundinformationen zu Kellers Regine
3.1 Entstehungsgeschichte
3.2 Inhaltsangabe von Regine
4. Etymologische Überlegung zu Bilden und Erziehen
5. “Pygmalionische Erziehung“ in Kellers Regine
5.1 Anbahnung der Katastrophe
5.2 Auflösung des Pygmalionmythos
5.3 Gescheiterte Kommunikation
6. Zusammenfassung und Ausblick
7. Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Transformation des klassischen Pygmalion-Mythos in Gottfried Kellers Novelle "Regine" unter Berücksichtigung des literarischen Realismus. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Keller durch die Umdeutung des Stoffes von einem künstlerischen Schöpfungsakt hin zu einem scheiternden pädagogischen Bildungsexperiment eine gesellschaftliche Kritik formuliert, die in der Katastrophe der Protagonistin endet.
- Die Gattung der Novelle im Realismus
- Die Entstehungsgeschichte und der reale Hintergrund von "Regine"
- Etymologische Betrachtung der Begriffe "Bilden" und "Erziehen"
- Analyse der "pygmalionischen Erziehung" und ihrer Folgen
- Das Scheitern von Kommunikation und Identität im Bildungsprozess
Auszug aus dem Buch
5.1 Anbahnung der Katastrophe
Bereits bei Erwins Heiratsantrag wirft Regines Verhalten einen unheilvollen Schatten voraus. „Sie zuckte zusammen, erbleichte und starrte ihn an wie eine Tote.“ (KELLER 1974, 66). Sie zweifelt, ob der Antrag überhaupt ernst gemeint sei, sieht sich als Gattin ihm nicht ebenbürtig und ängstigt sich, weil sie ihm die wahren Familienverhältnisse bis jetzt verschwiegen hat (vgl. KELLER 1974, 66). Ihre Zweifel sind durchaus berechtigt, denn sowohl die Schwester eines Mörders zu sein, als auch das zu große Ungleichgewicht der nicht standesgemäßen Heirat führen schließlich in die Katastrophe. Regine sieht die einzige Lösung deshalb im Selbstmord.
Erwins Perfektionismus, Regine bestmöglich zu bilden, scheint doppelt motiviert. Zum einen will er mit seinem Erziehungswerk glänzen, zum anderen steht dahinter seine Angst, seine Familie könnte Regine als seine auserwählte Ehefrau nicht akzeptieren. Immer wieder wird deutlich, dass seine in Amerika lebende Familie Druck auf Erwin ausübt. Die Verwandten Erwins fordern von ihm scherzhaft, „[…] eine recht sinnige und mustergültige deutsche Frau über den Ozean zu bringen.“ (KELLER 1974, 51). Seine Gedanken drehen sich nur um die bevorstehende Heimkehr mit seiner neuen Frau (vgl. KELLER 1974, 72).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Pygmalion-Stoff und Vorstellung der Zielsetzung, Kellers Novelle im Kontext der literarischen Umdeutung zu analysieren.
2. Novelle als typische Gattung im Realismus: Darlegung der Merkmale des Bürgerlichen Realismus und der zentralen Bedeutung der Novelle für die epochenspezifische Schicksalsdarstellung.
3. Hintergrundinformationen zu Kellers Regine: Erläuterung der Entstehungsbedingungen des Novellenzyklus "Das Sinngedicht" sowie des realen biografischen Hintergrunds der Elise Egloff.
4. Etymologische Überlegung zu Bilden und Erziehen: Analyse des Bedeutungswandels der Begriffe "bilden" von der Kunst hin zur Pädagogik im 19. Jahrhundert.
5. “Pygmalionische Erziehung“ in Kellers Regine: Untersuchung des Erziehungsexperiments, der Zerstörung des Individuums durch Idealisierung und der Symbolik der "Venus von Milo" sowie des Scheiterns zwischenmenschlicher Kommunikation.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Resümee über die Verwandlung Regines zur Statue und kurzer Ausblick auf die Weiterentwicklung des Stoffes bei George Bernard Shaw.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Regine, Pygmalion, Realismus, Novelle, Bildungsexperiment, Erziehung, Identität, Venus von Milo, Kommunikation, Scheitern, Literaturwissenschaft, Ovid, Katastrophe, Sozialkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Kellers Novelle "Regine" als eine literarische Auseinandersetzung mit dem antiken Pygmalion-Stoff im Rahmen der Epoche des Realismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kritik am pädagogischen Perfektionismus, der Wandel von Literaturauffassungen im 19. Jahrhundert sowie die Problematik standesübergreifender Identitätsbildung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie sich die "pygmalionische Pädagogik" in der Novelle manifestiert und warum das Bildungsexperiment des Protagonisten Erwin in einer Katastrophe endet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit stoffgeschichtlichen, etymologischen und intertextuellen Bezügen vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Entstehungsgeschichte, eine Etymologie der Begriffe Bilden/Erziehen sowie eine detaillierte Untersuchung des Erziehungsprozesses und der Kommunikation zwischen den Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Pygmalion-Mythos, Bürgerlicher Realismus, Bildungsexperiment, Selbstmord und Entfremdung charakterisiert.
Warum spielt die Venus von Milo eine so zentrale Rolle in der Novelle?
Die Venus von Milo fungiert als Symbol für die Erstarrung Regines zu einem bloßen Kunstobjekt und verdeutlicht die Kritik des Autors an einer verfehlten bürgerlichen Bildungsideologie.
Inwieweit unterscheidet sich Kellers "Regine" von der Vorlage bei Ovid?
Während bei Ovid die Statue durch göttliches Eingreifen zum Leben erweckt wird, führt die "Belebung" durch Erwins Bildung bei Keller in die soziale und psychologische Erstarrung sowie letztlich in den Tod.
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- Anonym (Autor), 2013, Pygmalionische Pädagogik. Eine Analyse von Gottfried Kellers Novelle "Regine", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353542