Professionalisierung auf der Dispositionsebene? Vergleich der SPD-Wahlkampforganisation von 1998 bis 2005


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

43 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

1 Forschungsstand, Fragestellung und Aufbau der Arbeit

2 Professionalisierte Wahlkampfführung

3 Die Dispositionsebene der Kampa ´98

4 Die komparative Analyse der Dispositionsebenen von 1998 bis 2005

5 Schlussfolgerungen

6 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die Wahlkampforganisation 2002 – Kampa ´02 „Sicherheit im Wandel“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Die Wahlkampforganisation 2005 – Kampa ´05 „Vertrauen in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Abteilungsgliederung der Kampa ´

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Kamps 2007: 229

Abbildung 2: Die Abteilungsgliederung der Kampa ´

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Alemann 2003: 52

Abbildung 3: Die Abteilungsgliederung der Kampa ´

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Steinkamp et al. 2006: 15

Abbildung 4: Die Abteilungsgliederung der SPD-Wahlkämpfe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung

Vorwort

Kommunalwahlen, Landtagswahlen, Bundestagswahlen und auch die Wahlen zum Europäischen Parlament vereint ein politisches Moment:

der Kampf um Stimmen, Repräsentation und Legitimation – der Wahlkampf.

Als ein Analysegegenstand der politischen Kommunikation korrelieren in Wahlkämpfen politische, mediale und gesellschaftliche Akteure mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Die Parteien wollen „Zustimmung zu Programm und Person“[1], nutzen dafür die Medien als Verbindungsplattform, die durch unabhängige Berichterstattung (free media) und zielorientierte Nutzung medialer Instrumente (paid media) die Öffentlichkeit bei ihrem Meinungsbildungsprozess bis zum Wahltag informiert sowie Komplexität reduziert bzw. Unterschiede akzentuiert.[2] Nicht nur der Kampf um Stimmen, Repräsentation und Legitimation eint alle Wahlkämpfe, auch ihre Periodizität. Aus diesem wiederkehrenden für die Demokratie essentiellen Moment ergibt sich die Relevanz des Sujets.

Daran anknüpfend vollziehen Parteien Anpassungsprozesse, die auf dem Bewusstsein um die neuen Bedingungen des gesellschaftlichen und medial-technischen Wandels ruhen.[3] Oftmals wurde aus diesen Prozessen eine Amerikanisierung der Wahlkämpfe abgeleitet, die die Adaption US-typischer Wahlkampfinstrumente und -verfahren auf europäische Wahlkämpfe meint.[4] Hat Peter Radunski 1996 noch vehement darauf bestanden, dass „man Wahlkämpfe weder verstehen noch konzipieren kann, wenn man nicht bewußt [sic!] die Amerikanisierung der politischen Kommunikation bejaht“, wird sich heute einheitlich von diesem dynamischen Interpretationsspielraum abgewendet.[5] Beispielhaft sei auf Christina Holtz-Bacha verwiesen, die davon ausgeht, dass es sich hierbei um „einen Kaugummi-Begriff“ handelt, dessen ungenügende Definition der Wahlkampfforschung nicht gerecht werden kann, da sowohl der analytische Zugang als auch die Operationalisierung unzureichend sind.[6] Darüber hinaus konnte sich die Modernisierungsthese durchsetzen, die sich über neue Kommunikationsinstrumente und ein verändertes Dialogverhalten zwischen Parteien und Elektorat konstituiert.[7]

Sie erfasst nach Winfried Schulz die Möglichkeit der Parteien „die Kommunikationsmittel zu diversifizieren und unterschiedliche Wählersegmente gezielt anzusprechen.“[8]

Zusammenfassend ergibt sich daraus, dass diese Herausforderungen im Rahmen eines professionalisierten Kommunikationsmanagements der Parteien beherrscht werden können. Die Professionalisierungsthese gilt als Voraussetzung für einen modernen Wahlkampf und soll in der folgenden Arbeit anhand der SPD-Wahlkämpfe von 1998 bis 2005 analysiert werden.

1 Forschungsstand, Fragestellung und Aufbau der Arbeit

Seit den 1990er Jahren ist ein verstärktes interdisziplinäres Interesse an der Erforschung von Wahlkämpfen zu verzeichnen.[9] Analysetechniken, Modelle und theoretische Zugänge sind in der Wahl- und Parteienforschung weit verbreitet, um Struktur, Ablauf und Wirkung von Wahlkämpfen zu verstehen.[10] Beispielhaft sei hier auf die Partei-Umwelt-Analyse, das Michigan-Modell oder eben die Professionalisierungsthese, die auf dem politiktheoretischen Zugang der politischen Kommunikation ruht, verwiesen.[11] Komparative Analysen, die den Professionalisierungsgrad von Wahlkampfkommunikation erfassen sollen, nehmen dabei eine randständige Position ein. Die Autoren Rachel, Jucknat und Römmele erklären das mit dem Fehlen eines universellen Indikatorensets und plädieren für die Entwicklung eines solchen, um „das Konzept der Kampagnenprofessionalisierung in einem breiteren, generischen Sinn [zu] erfassen.“[12] In ihrer Untersuchung machen sie beobachtbare „Parteiaktivitäten“ aus, die, nach Meinung der Autoren, mit der Professionalisierung von Wahlkämpfen direkt korrelieren.[13] Gegensätzlich zu diesem Versuch, Professionalisierung allgemein fassen zu wollen, stehen Forschungen, die ein bestimmtes Element moderner Wahlkämpfe fokussieren: z.B. die Online-Kommunikation, bzw. der Online-Wahlkampf.[14]

Ulrich Sarcinelli konstatiert, dass sowohl in der Wissenschaft als auch in der Publizistik eine Fokusverschiebung weg von Untersuchungen bezüglich „inner- und zwischenparteilichen Debatten um politisch-inhaltliche Alternativen“ hin zu „mediengerechte[r] Politikherstellung“ zu verzeichnen sind.[15]

Gründe für die gesteigerte Aufmerksamkeit der Wissenschaftler beziehen sich auf Veränderungen, denen Parteien unterlegen sind. Gemeint ist damit zum einen ein gesellschaftlicher und medial-technischer Wandel (Kapitel 2). Unter diesen Voraussetzungen müssen Parteien ihr gesamtes Kommunikationsmanagement umstrukturieren, denn dieser Wandel wirkt auch auf Wählerprofile, die mit einer abnehmenden Parteiidentifikation konform gehen.[16] Und zum anderen kann Professionalisierung des Kampagnenmanagements aus einem „exogene[n] Ereignis“, z.B. einer fulminanten Wahlniederlage, resultieren, dass die Beteiligten gewissermaßen ‚aufrüttelt‘ und zu einem Umdenken hinführt.[17]

Allerdings hat sich herausgestellt, dass Versuche den Professionalisierungsgrad von Wahlkämpfen zu generalisieren in der wissenschaftlichen Diskussion viel Kritik hervorgebracht hat. Christina Holtz-Bacha erfasst die Kontroverse in zwei Punkten: einem grundsätzlichen Operationalisierungsproblem und darüber hinaus gravierende Vergleichsschwierigkeiten von Wahlkämpfen.[18] Operationalisiert werden können vorrangig Eigenschaften von Wahlkampf-Beteiligten. Da der Professionalisierungsbegriff wiederholt mit dem Einsatz von externen Beratern gleichgesetzt wurde, schien es besonders sinnstiftend Kriterienkataloge über Berufseigenschaften der „Consultants“ zu erstellen, um den Professionalisierungsgrad von Kampagnen zu erfahren.[19] Untersuchungen dieser Art erreichten aber nicht das gewünschte Ziel, da, so Holtz-Bacha, die Professionalisierungsthese zu kurz gegriffen und die dynamischen Eigenschaften von Wahlkämpfen generell nicht erfasst wurden.[20] Der zweite Kritikpunkt bezieht sich nicht nur auf Länderspezifika wie das Parteien- und/ oder Wahlsystem, sondern auf die Diskontinuität des Aufkommens und der Verwendung wahlkampfspezifischer Kommunikationsinstrumente, die einen Vergleich abwegig erscheinen lassen.[21] Holtz-Bacha stellt heraus, dass die logische Konsequenz eines Zeitvergleichs, der sich entweder auf Eigenschaftskataloge externer Berater beruft oder auf der medial-technischen Komponente aufbaut, nicht das reale Verhältnis der Vergleichsobjekte widerspiegeln kann.[22]

Dass ein Vergleich von Wahlkämpfen ausbleiben muss, da weder eine Operationalisierung der Akteursebene, noch eine auf den Instrumenten beschränkte Analyse ausreichend sind, um das tatsächliche Verhältnis abzubilden, kann allerdings auch keine hinreichende Lösung darstellen. Schließlich kann ein Vergleich hilfreich sein, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Vergleichsobjekten zu kontrastieren bzw., so Jens Tenscher, kann „[d]ie komparative Analyse […] Aussagen über die Art und Weise der modernisierungsbedingten Anpassungsleistungen“ von Parteien ermöglichen.[23] Der Wissenschaftler macht darüber hinaus deutlich, dass „der longitudinale Vergleich“ geeignet ist, um „Aussagen über Veränderungen der Professionalität des Kampagnenmanagements, sprich Aussagen über den Prozess der Professionalisierung “, zu machen.[24]

In dieser Arbeit soll mit Hilfe der komparativen Methode der Versuch unternommen werden, einen spezifischen Gegenstand der Professionalisierungsthese auf ihre Generalisierbarkeit hin zu überprüfen. Aufbauend auf die Kritik von Holtz-Bacha wird sich hier auf den kontinuierlichen Aspekt von Wahlkämpfen beschränkt: die Dispositionsebene.

Daraus ergibt sich folgende forschungsleitende Frage:

Kann man anhand eines Vergleichs der Wahlkämpfe von 1998 bis 2005 erkennen, ob die SPD-Wahlkampforganisatoren aus dem 1998er Wahlkampf ‚Standards‘ für ihre Wahlkampfführung auf der Dispositionsebene generiert haben?

Wie der Begriff der Dispositionsebene qualifiziert wird, soll im folgenden Kapitel über Definition, Komprimierung und Konklusion erarbeitet werden. Hergeleitet wird die Professionalisierungsthese zunächst aus der Einteilung in vormoderne, moderne und professionalisierte Wahlkämpfe. Die in der Literatur geführte Diskussion über Umfang, Inhalt und Abgrenzung des Professionalisierungsbegriffs stellt die Anknüpfung für eine Ableitung eines am Ende des Kapitels 2 stehenden Indikatorenkatalogs der Dispositionsebene dar. Über diese komprimierte Liste wird zum einen die Planungsebene von Wahlkämpfen erfasst und stellt zum anderen parallel dazu die Differenzierung zur Kommunikationsebene dar.

In Hinblick auf die im vorherigen Kapitel hergeleiteten Indikatoren wird in Kapitel 3 ausführlich die Wahlkampforganisation der Kampa ´98 vorgestellt.

Für diese Arbeit wird eine umfangreiche Literaturanalyse vollzogen, wobei sich bei der Deskription des ‚Paradebeispiels‘ und der weiteren SPD-Wahlkämpfe ausschließlich auf die Organisation konzentriert wird – Kommunikations-, Themen- und Personen-Strategien bleiben außen vor. Aus Platzgründen wird darauf verzichtet die Planungsebenen der nachstehenden Wahlkämpfe zu deskripieren. Anstelle einer ausführlichen Beschreibung sind im Tabellen- und Abbildungsverzeichnis Darstellungen der Wahlkämpfe im Allgemeinen und der Dispositionsebene im Speziellen zusammengetragen worden. Im vierten Abschnitt wird der Vergleich zwischen den SPD-Wahlkämpfen vollzogen, um darauf die oben herausgestellte Forschungsfrage sowie die Frage nach der Generalisierbarkeit der Professionalisierungsthese auf der Dispositionsebene zu beantworten.

2 Professionalisierte Wahlkampfführung

Die Entwicklung hin zu einer professionalisierten Wahlkampfführung kann mit Hilfe einer temporalen Kategorisierung veranschaulicht werden.[25] Demnach werden Wahlkämpfe vor dem Zweiten Weltkrieg als „vormoderne Wahlkämpfe“ zusammengefasst, wobei die zentrale Strategie über die „Parteiorganisation“ bestimmt, der inner- und außerparteiische Meinungsaustausch vorrangig über „ face-to-face- Kommunikation“ geführt, primär Printmedien eingesetzt und das Ziel der Stimmenmaximierung mit einer Umgestaltung von „Weltanschaungsparteien“ hin zu „Allerweltsparteien“ vollzogen wurden.[26] Nach 1945 greift die zweite Kategorie, der „moderne Wahlkampf“, dessen zentrales Kennzeichen das Nutzen der Errungenschaften aus dem medial-technischen Bereich ist: 1952 wurde das Fernsehen im amerikanischen Wahlkampf von Dwight D. Eisenhower erstmalig eingesetzt, womit die Fokussierung auf den Spitzenkandidaten mit und durch die Medien ihren Lauf nahm.[27]

Die Phase „professionalisierter Wahlkämpfe“ setzt zum Ende des 20. Jahrhunderts an und steht im Zeichen der „Modernisierung“.[28] Sie „betrachtet die Entwicklung [von Wahlkämpfen] im Kontext des allgemeinen sozialen und politischen Wandels“, der mit einer grundsätzlichen Komplexitätszunahme einher geht.[29] Sowohl eine Ausdifferenzierung in „hoch spezialisierte Teilöffentlichkeiten“ als auch die Autonomie des Mediensystems sind Folgen dieses Wandels.[30] Konsequenterweise müssen in Wahlkampfzeiten die „politischen Akteure den Einsatz aller strategische[n] und technologische[n] Instrumente“[31] verfolgen, um die fragmentierte Öffentlichkeit mit Hilfe der „Medienlogik“ aufzufangen.[32] Andrea Römmele stellt weiter heraus, dass neben der intensiven Umsetzung einer Personalisierungsstrategie auch „die Ausrichtung der Wahlkampfinhalte an Marketingvorgaben“ und ein zielbewusstes „Themenmanagement“ charakteristisch für die Modernisierung sind.[33]

In der Literatur werden Begriffe wie postmoderner bzw. moderner[34] Wahlkampf genutzt, die hier im Sinne von Römmele synonym zu professionalisierten Wahlkämpfen verwendet werden.[35] Schließlich ist man sich einig darüber, was das primäre Charakteristikum professionalisierter/ postmoderner/ moderner Wahlkämpfe ist, nämlich der Einsatz von „Techniken und Strategien, die Parteien und Kandidaten anwenden, um bei den Wählern Anklang zu finden“, so die Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin.[36]

Aus diesem zunächst allgemein gehaltenen Ansatz formiert sich die Professionalisierungsthese. Auf Basis der bisherigen Professionalisierungsforschung setzt eine Diskussion um das Begriffsverständnis der selbigen an. Christina Holtz-Bacha spricht sich für einen Terminus aus, der generell den prozessualen Charakter von Professionalisierung auffängt.[37] Sie konkretisiert erstens, dass der „Einsatz einer Vielzahl von Kampagneninstrumenten“ einbezogen werden muss.[38] Zweitens, dass eine alle, nicht nur die beratenden sondern auch die politischen Akteure inklusive dem Bewusstsein für „Personenzentrierte Kampagnenführung“, einbindende Herangehensweise vorgenommen werden sollte. Und der dritte Aspekt ist, dass eine die humanitären, zeitlichen und finanziellen Ressourcen berücksichtigende Untersuchung Erfolg haben kann.[39] Klaus Kamps vertieft diesen Ansatz um zwei weitere Punkte: die „Organisationsstrukturen“, also „organisatorische(n) Bedingungen, unter denen bestimmte Aussagen entstehen“.[40] Und, dass auch das „Arsenal an Werbe- und Marketingmethoden“, also „das Hinzuziehen von Spezialisten der Sozialtechnik ‚Verkaufen‘“, sowie die Demoskopie konstitutiv für professionell geführtes Kommunikationsmanagement sind.[41]

In Anlehnung an Jens Tenscher ist Professionalisierung ferner als Prozess zu verstehen, denn „Parteien müssen diese Wahlkämpfe aktiv planen und implementieren“, so Römmele.[42] Ein solcher Planungsaufwand, so die Politikwissenschaftlerin weiter, ist vor allem bei Volksparteien zu erwarten, da ihr primäres Ziel die „Stimmenmaximierung“ ist, sie auf ein nicht geringes Maß an humanitären und finanziellen Ressourcen zurück greifen können, „über zentralisierte interne Parteistrukturen verfügen“ und ein „exogenes Ereignis“ hinter ihnen liegt.[43]

Klaus Kamps vereint diese Anmerkungen und generiert aus der Modernisierungsthese eine Definition professionalisierter Wahlkämpfe bzw. der Professionalisierungsthese:

„Heute versteht die Politik- und Kommunikationswissenschaft moderne Wahlkämpfe dann meist als von Parteien personell wie programmatisch, strategisch und auf ein Datum organisierte, auf Stimmenmaximierung angelegte, werbende und medial geprägte Kommunikationsvorgänge, die durchaus zur Rationalität des politischen Meinungsbildungsprozess beitragen […] Sie unterscheiden sich dabei in zeitlicher, räumlicher, inhaltlicher und formaler Hinsicht, und ihr Profil, ihre operative Gestaltung hängt von gesellschaftlichen, politischen und medialen, institutionellen und situativen Faktoren ab.“[44]

An dieser Stelle sei noch auf die Kritik von Tenscher verwiesen: Als ungenügend und simpel beschreibt er die temporale Dreiteilung, da sie die „länder-, parteien- und wahlebenspezifischen Charakteristika“ im außerordentlichen Maß außen vor lässt.[45] Anschließend an diese Kritik wird im Folgenden auch die Amerikanisierungsthese zur Erklärung und Analyse professionalisierter Wahlkämpfe abgelehnt. Gestützt wird sich hier ebenfalls auf Tenscher, der festhält, dass die „strukturellen und strategischen Veränderungen auf Seiten der Parteien […] deutlich über die Übernahme von in den USA erprobten Wahlkampftechniken und Darstellungsformen hinausgeht.“[46] Holtz-Bacha schließt sich an und verweist auf die potenzielle Simplifizierung von Wahlkampfmethoden, -kommunikation und –struktur, da weder Begriffsbestimmung noch Instrumente zur umfassenden Messung von Amerikanisierung vorliegen.[47] Letztlich betont der kritische Chor, dass die komfortabel erscheinende Übernahme des Terminus negiert werden muss, da die Divergenzen zwischen parlamentarischen und präsidentiellen Systemen nicht ignoriert werden dürfen.[48]

Peter Radunski unterscheidet zwei Momente von Wahlkämpfen: „die geplante politische Präsentation der Politiker und Themen und die nicht geplante Reaktion auf neue, eintretende politische Ereignisse“, die in der Öffentlichkeit und den Medien relevant werden.[49] Jens Tenscher sublimiert die Aussage Radunskis: „Professionalität politischer Kommunikation (und nicht nur der Kampagnenkommunikation) [unterscheidet sich] sowohl in struktureller, organisatorischer Hinsicht, d.h. in Bezug auf die Ressourcen und Kampagnen voraussetzungen, als auch in strategischer Hinsicht, d.h. in Bezug auf die Kampagnen ausführung“.[50]

Damit verweisen beide auf eine mögliche Unterscheidung des Wahlkampfmanagements, die darüber hinaus mit den oben rezitierten Ansätzen verbunden werden kann: eine Unterscheidung in Dispositions- und Kommunikationsebene.

Dementsprechend kennzeichnet die Dispositionsebene eine vorab konzipierbare Wahlkampforganisation. Hier bezieht sich der Organisationsbegriff auf strukturelle Prozesse (das Organisieren) und nicht auf einen institutionellen Ansatz (die Organisation). Karl Weick führt dazu aus: „Organisieren heißt, fortlaufende unabhängige Handlungen zu vernünftigen Folgen zusammenzufügen, so daß [sic!] vernünftige Ergebnisse erzielt werden.“[51]

Vor diesem Hintergrund werden die Elemente der Dispositionsebene vorgestellt, die bei der Organisation eines Wahlkampfs relevant werden können.[52]

(1) Wahlkampfphasen sind einzelne Prozessabschnitte, die Matthias Machnig auch mit dem Begriff „Stationen“ umschreibt.[53] Für den Kampagnenverlauf wird überblicksartig ein Grundgerüst zusammengestellt.[54] Der Bundeswahlleiter führt dazu wie folgt aus: „Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Vorbereitungsphase, Vorwahlkampfzeit und ‚heißer‘ Wahlkampfphase (Schlussphase).“[55] Wann die Vorbereitungen anfangen bzw. enden ist nicht gesetzlich geregelt.[56] Als ein ‚Starttermin‘ der ersten Phase kann die „Festlegung des Wahltermins durch den Bundespräsidenten“ sein, was ca. ein Jahr vor der Bundestagswahl geschieht.[57]

[...]


[1] Radunski 1980: 11

[2] vgl. Korte 2010/ Kamps 2007: 190

[3] vgl. Unger 2012

[4] vgl. Schulz 2011

[5] Radunski 1996: 33

[6] Holtz-Bacha 2010: 9

[7] Römmele 2002a: 100

[8] Schulz 2011: 235

[9] vgl. Römmele 2002a/ vgl. Tenscher 2011

[10] Hierzu: Farrel, David M./ Schmitt-Beck, Rüdiger (Hrsg.) 2002. Do Political Campaigns Matter? Campaign effects in elections and referendums. London: Routledge

[11] vgl. Niedermeyer 2013/ Campbell 1960/ Holtz-Bacha 2010

[12] Rachel et al. 2009: 459 ff.

[13] Gemeint sind damit z.B. online-basierte Kommunikationsinstrumente sowie der Einsatz von externen Beratern. vgl. Rachel et al. 2009: 459

[14] Hierzu: Schweitzer, Eva Johanna/ Albrecht, Steffen (Hrsg.) 2011: Das Internet im Wahlkampf. Analysen zur Bundestagswahl 2009. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1. Auflage

[15] Sarcinelli 2009: 760

[16] Römmele 2002a: 100

[17] Römmele 2002a: 102

[18] Holtz-Bacha 2010: 11 ff.

[19] Holtz-Bacha 2010: 11

Hierzu: Rachel et al. 2009

[20] Holtz-Bacha 2010: 12

[21] Holtz-Bacha 2010: 13 f.

[22] ebd.

[23] Tenscher 2011: 69

[24] Tenscher 2011: 69 f.

[25] Römmele 2002a: 98

[26] ebd.

[27] Römmele 2002a: 99 f.

[28] Schulz 2011: 233

[29] Schulz 2011: S. 232

[30] Schulz 2011: S. 234

[31] Holtz-Bacha 2010: S. 15

[32] ebd.

[33] Römmele 2002a: 100

[34] Zum Beispiel bezieht sich Klaus Kamps auf die temporale Dreiteilung spricht aber in seinen Ausführungen von „modernen Wahlkämpfen“, meint aber professionalisierte bzw. postmoderne Wahlkämpfe.

Kamps 2007: 159 ff.

[35] vgl. Rachel et al. 2009

[36] ebd.

[37] Holtz-Bacha 2010: S. 13 ff.

[38] ebd.

[39] ebd.

[40] Kamps 2010: S. 191 f.

[41] ebd.

[42] Römmele 2002a: 100

[43] Römmele 2002a: 103 f.

[44] Kamps 2007: 161 f.

[45] Tenscher 2011: 69

[46] Tenscher 2011: 68

[47] vgl. Holtz-Bacha 2010

[48] vgl. Korte, Fröhlich 2004

[49] Radunski 1966: 44

[50] Tenscher 2011: 71

[51] Weick 1995: 11

[52] vgl. Tenscher 2011

[53] Machnig 1999: 20

[54] vgl. Korte 2010

[55] Bundeswahlleiter 2014: Wahlkampfphase

[56] ebd.

[57] ebd.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Professionalisierung auf der Dispositionsebene? Vergleich der SPD-Wahlkampforganisation von 1998 bis 2005
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
43
Katalognummer
V353552
ISBN (eBook)
9783668396333
ISBN (Buch)
9783668396340
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlkampf, SPD, Kampa, Professionalisierung, Amerikanisierung, Modernisierung
Arbeit zitieren
Friederike Stange (Autor), 2014, Professionalisierung auf der Dispositionsebene? Vergleich der SPD-Wahlkampforganisation von 1998 bis 2005, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353552

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