Die Seminararbeit befasst sich mit den Chancen und Risiken kindlicher Mehrsprachigkeit. In einem Einführungskapitel werden die verschiedenen Formen kindlicher Mehrsprachigkeit in Bezug auf die zum Tragen kommenden spezifischen Erwerbsprozesse vorgestellt. Hierbei wird auch ein Einblick in den Stand der Forschung beziehungsweise die aktuelle Diskussion bezüglich der Mechanismen des kindlichen Spracherwerbs sowohl bei ein- als auch bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern gewährt. Der zweite Teil der Arbeit setzt sich in zwei Kapiteln mit der Diskussion auseinander, ob und inwiefern sich Mehrsprachigkeit positiv beziehungsweise negativ auf die sprachliche und allgemein-kognitive Entwicklung eines Kindes auswirkt.
Mehrsprachigkeit, also der Umstand für die alltägliche Kommunikation ohne Einschränkungen auf mehr als eine Sprache zurückgreifen zu können, ist in Deutschland zwar deutlich seltener anzutreffen als in traditionell mehrsprachigen Ländern wie der Schweiz und Indien oder klassischen Einwanderungsstaaten wie den USA, aber sie ist auch keineswegs das exotische Ausnahmephänomen mehr, das sie vor wenigen Jahrzehnten noch war. Das Statistische Bundesamt führt 19,5% der Bevölkerung Deutschlands als "Menschen mit Migrationshintergrund". Zwei Drittel davon sind im Laufe der letzten 50 Jahre zugewandert, das verbleibende Drittel umfasst die in Deutschland geborenen Kinder dieser Zugewanderten. Diese Zahlen machen deutlich, dass Mehrsprachigkeit in Deutschland für sprach- und bildungspolitische Betrachtungen und Entscheidungen ein wichtiger Faktor geworden ist, der sich vor allem in der Schulpolitik der letzten Jahrzehnte in hohem Maße bemerkbar macht. Staatliche Einrichtungen wie zweisprachige Kindergärten, bilinguale Schulen oder Züge an sprachlich orientierten Bildungseinrichtungen, aber auch private Initiativen wie die Anstellung von ausländischen Au Pairs oder fremdsprachigen Tagesmüttern zur Erziehung von Kindern lassen erkennen, wie wichtig eine gezielte Förderung mehrsprachiger Kinder mittlerweile geworden ist. Dabei hält sich bei aller Häufigkeit und Präsenz kindlicher Mehrsprachigkeit im Bewusstsein vieler Menschen nach wie vor eine Reihe von Vorurteilen und überholten „wissenschaftlichen Erkenntnissen“, die die grundsätzlich positiven Auswirkungen des Erwerbs zweier Sprachen auf die Entwicklung eines Kindes in Frage stellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Unterschiedliche Formen von Mehrsprachigkeit
2.1 Die Auswirkungen neuronaler Reifungsprozesse auf den Erwerb einer zweiten Sprache
2.2 Der simultane Erwerb zweier Sprachen
2.3 Der sukzessive Erwerb zweier Sprachen
2.4 Der Zweitspracherwerb bei Kindern und Erwachsenen
3. Defizite, Risiken und Chancen in der sprachlichen Entwicklung mehrsprachiger Kinder
4. Defizite, Risiken und Chancen in der kognitiven Entwicklung mehrsprachiger Kinder
5. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung und Themenbereiche
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob kindliche Mehrsprachigkeit eher als eine Quelle für Defizite oder als eine Bereicherung mit signifikanten Chancen zu bewerten ist, wobei die linguistische Forschungslage sowie kognitive Entwicklungsprozesse kritisch analysiert werden.
- Formen und Bedingungen des kindlichen Spracherwerbs
- Neurologische Grundlagen und Auswirkungen der Mehrsprachigkeit
- Diskussion von Code-Switching und sprachlicher Flexibilität
- Analyse der kognitiven Auswirkungen auf die allgemeine Intelligenzentwicklung
- Widerlegung veralteter Thesen zur sprachlichen Überforderung
Auszug aus dem Buch
3. Defizite, Risiken und Chancen in der sprachlichen Entwicklung mehrsprachiger Kinder
Das folgende Kapitel möchte einen kleinen Einblick in die Eigenheiten des Sprachgebrauchs von Kindern liefern, die mehr als eine Sprache sprechen. Dabei soll das Hauptaugenmerk auf der Diskussion liegen, ob und inwiefern sich der Umstand der Zweisprachigkeit nachteilig auf die sprachliche Entwicklung eines Kindes auswirken kann bzw. Hierfür will dieses Kapitel einige Besonderheiten im Sprachgebrauch mehrsprachiger Kinder diskutieren, die sowohl in der Fachwelt als auch in der allgemeinen Diskussion vielfach sehr unterschiedlich bewertet werden. Gemeint sind die verschiedenen, oft als defizitär wahrgenommenen Formen von Sprachmischung, die bei vielen zwei- oder mehrsprachigen Kindern beobachtbar sind. (Vgl. Chilla et al. 2010: 7)
In einem Aufsatz über Code Switching im Spracherwerbsprozess zweisprachiger Kinder, also deren spontanen und temporären Wechsel zwischen der ersten und der zweiten Sprache, sprechen die Autorinnen Tracy und Maiwald-Gawlitzek von „Bilingual Bootstrapping.“ Die Autorinnen wählen den Begriff „Bootstrapping,“ der im linguistischen Kontext gewöhnlich für Spracherwerbsphänomene einsprachiger Kinder steht, genauer gesagt, für deren Erschließung unbekannter Inhalte das Heranziehen von Kontext- oder nonverbaler Information, ganz bewusst. So vermeiden sie die Verwendung vorgeblich defizitär anmutender Begrifflichkeiten wie „Interferenz“ oder „Transfer“. Sie kritisieren die weit verbreitete Ansicht, Code Switching bei Kindern sei ein Zeichen mangelnder Kontrolle über den Gebrauch der beiden zur Verfügung stehenden Sprachen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Bedeutung der Mehrsprachigkeit in der deutschen Gesellschaft und stellt die Zielsetzung der Arbeit sowie den Forschungsstand vor.
2. Unterschiedliche Formen von Mehrsprachigkeit: Dieses Kapitel differenziert zwischen simultanem und sukzessivem Spracherwerb und untersucht die neuronalen und biologischen Voraussetzungen für das Erlernen mehrerer Sprachen.
3. Defizite, Risiken und Chancen in der sprachlichen Entwicklung mehrsprachiger Kinder: Es wird die sprachliche Entwicklung analysiert und kritisch hinterfragt, ob Sprachmischung (Code Switching) ein Defizit darstellt oder eine flexible Strategie zur Sprachkompetenzsteigerung ist.
4. Defizite, Risiken und Chancen in der kognitiven Entwicklung mehrsprachiger Kinder: Dieses Kapitel setzt sich mit der kognitiven Entwicklung auseinander und widerlegt die Theorie, dass Mehrsprachigkeit zu einer geistigen Überforderung führen würde.
5. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und plädiert dafür, Mehrsprachigkeit als große Chance und wertvolles Gut für die individuelle Lebensgestaltung zu begreifen.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Kindlicher Spracherwerb, Zweitspracherwerb, Simultaner Spracherwerb, Sukzessiver Spracherwerb, Code Switching, Bilingual Bootstrapping, Kognitive Entwicklung, Sprachmischung, Linguistik, Neurologische Reifung, Sprachkompetenz, Interferenz, Transfer, Intelligenzentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Chancen und Risiken, die mit dem Aufwachsen von Kindern in einem mehrsprachigen Umfeld verbunden sind.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen die unterschiedlichen Erwerbsformen von Sprache, die neurologischen Grundlagen, die sprachliche Entwicklung (inklusive Code Switching) sowie die kognitiven Auswirkungen auf das Kind.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, auf wissenschaftlicher Basis zu klären, ob Mehrsprachigkeit bei Kindern negative Auswirkungen auf deren Entwicklung hat oder ob sie als eine bedeutende Kompetenzsteigerung angesehen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin stützt sich auf eine Literatur- und Diskursanalyse, wobei aktuelle linguistische Studien, insbesondere aus dem englischsprachigen Raum, sowie Fallbeispiele zur Auswertung herangezogen werden.
Was bildet den Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine linguistische Analyse der Sprachprozesse und eine psychologisch-kognitive Diskussion, in der gängige Vorurteile gegen Mehrsprachigkeit durch den Vergleich mit aktuellen Forschungsergebnissen entkräftet werden.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit am besten?
Mehrsprachigkeit, Kognitive Flexibilität, Sprachentwicklung, Code Switching, Erwerbsprozesse und Sprachkompetenz.
Welche Erkenntnisse liefert die Studie zu "Bilingual Bootstrapping"?
Der Begriff beschreibt, dass Kinder Sprachwechsel nicht aus einem Defizit heraus nutzen, sondern als bewusste und flexible Strategie einsetzen, um vorhandene Sprachkenntnisse effektiv zur Wissenserschließung zu kombinieren.
Wie bewertet die Arbeit den Einfluss von Mehrsprachigkeit auf die Intelligenz?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Mehrsprachigkeit keine kognitive Überforderung darstellt, sondern eher zu einer höheren Fokusfähigkeit und Flexibilität bei der Lösung von Problemen beitragen kann.
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- Benjamin Priebst (Author), 2013, Chancen und Risiken von kindlicher Mehrsprachigkeit. Auswirkungen auf die kognitive und sprachliche Entwicklung eines Kindes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353642