Gefahren und Hindernisse der Brautwerbung in der mittelhochdeutschen Literatur

Veranschaulicht an den Beispielen "König Rother", "Kudrun" und "Dukus Horant"


Bachelorarbeit, 2013
34 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fragestellung und Methodik

3 Forschungsstand

4 Arten der Brautwerbungsdichtung
4.1 Einfache Brautwerbung
4.2 Gefährliche Brautwerbung
4.2.1 Der Handlungsablauf
4.2.2 Die Handlungsträger

5 Gefährliche Brautwerbung & deren Hindernisse
5.1 König Rother
5.2 Kudrun
5.2.1 Hildeteil
5.2.2 Kudrunteil
5.3 Dukus Horant

6 Parallelen in den Beispieltexten

7 Exposé

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Hochzeit und Ehe waren schon immer gewichtige Themen in der Gesellschaft, welche sich zeitlos an jede Form des weltlichen Lebens anpassen können. Wobei damals offiziell Familiengründung, Existenz und Erbe an einer ehelichen Verbindung gehangen haben, ist es in den meisten Teilen der Erde heutzutage nicht mehr essentiell zu heiraten. Im 12. und 13. Jahrhundert jedoch, sieht die Sache anders aus. Speziell unter den Leuten mit Rang und Namen begründet eine Vermählung ihr Dasein. Denn im christlichen Raum kann ein männlicher Nachkomme ausschließlich in einer gesegneten Verbindung unter dem prüfenden Auge Gottes gezeugt werden, damit er als anerkannter Erbe die Hinterlassenschaft des Vaters antreten kann. Somit ist der Grundstein für die Brautwerbung gelegt. Traditionell begibt sich der Mann auf die Suche und versucht mit geeigneten Mitteln seine Auserwählte für sich zu gewinnen. Hier nimmt in der älteren deutschen Literatur unter anderem die Brautwerbungsdichtung ihren Platz ein und eröffnet interessante Betrachtungsweisen der damaligen Überlieferungen.

Im Rahmen des dazugehörigen Bachelorseminars ‚Brautwerbungsdichtung’ werden insbesondere die Spielmannsdichtungen König Rother und den in hebräischer Schrift überlieferten Dukus Horant sowie die Heldendichtung Kudrun genauer betrachtet. Bei allen drei Stücken handelt es sich um erzählende Texte aus der mittelhochdeutschen Literatur, deren Fokus auf die Brautwerbung gelegt ist. „Das Thema von Brautwerbung, -raub, -entführung ist in folkloristischen und literarischen Gattungen vieler Völker vertreten, wobei die jeweilige Ausprägung auf die alten Volkssitten (z.B. Raubehe) zurückgehen kann.“[1] So auch in der deutschsprachigen Kultur. Dass auf dem Weg von der Auswahl der Braut bis hin zur endgültigen Heirat nicht immer alles perfekt laufen kann, ist klar. Deshalb kommt es speziell in der Gattung der gefährlichen Brautwerbung immer wieder zu Barrieren, die es zu überwinden gilt. Allerdings nicht wie man zuallererst annimmt bloß für den Werber, obwohl dieser den Großteil an Herausforderungen meistern muss, sondern auch für die Braut oder den anderen platzeinnehmenden Charakteren. „Denn Hindernisse und Widerstände markieren nicht nur den besonderen Wert einer Braut, sondern ermöglichen dem Werber, sie zum Erweis seiner Tauglichkeit zu überwinden, sich darin als gleichrangig zu qualifizieren.“[2] Dabei ist nicht nur Stärke, sondern auch Klugheit gefragt. Oft ist auch eine gewisse List an den Tag zu legen, um das zu bekommen, was gerade angestrebt wird. Wie sich die Methoden und Taktiken in den verschiedenen Erzählungen unterscheiden oder in welchem Punkt sie einander ähneln, wird nach Klärung der exakten Fragestellung und der Vorgangsweise dieser Arbeit, nach der die Aufschlüsselung der hier behandelten Problematik ausgeführt wird, erörtert.

2 Fragestellung und Methodik

Als Teilthema der Brautwerbungsdichtung wird nun die gefährliche Brautwerbung abgesondert und noch einmal auf einen Teilbereich reduziert. Es geht um die Hindernisse, die den Figuren in den erzählenden Texten König Rother, Kudrun und Dukus Horant begegnen und wie diese bewältigt werden können. Also konkret welche Umwege gegangen werden müssen, um das angestrebte Ziel zu erreichen, welche Möglichkeiten es gibt Hürden zu bezwingen, wie Hilfe von Dritten oder anderen Parteien dabei unterstützend sein kann und auch welche Opfer gebracht werden müssen, um die letztendlich angestrebte Ehe zu vollziehen. Somit dreht sich alles um die Fragen: Welchen Hindernissen müssen in der gefährlichen Brautwerbung bezwungen werden? Welche Optionen stehen den Handelnden des König Rother, der Kudrun und des Dukus Horant frei, um diese Hindernisse zu bewältigen? Kann aus der Erkenntnis der zwei vorangegangenen Fragestellungen eine Linie von Gemeinsamkeiten in den drei Texten gezogen werden?

Unter der Betrachtung der ausgewählten Dichtungen, die repräsentativ für die gefährliche Brautwerbung stehen, soll so die Erschwernis einer Vermählung im 12. und 13. Jahrhundert gezeigt werden, wie sie in der mittelhochdeutschen Literatur transportiert wurde. Mit Hilfe einer Literaturstudie wird versucht wissenschaftlich vorzugehen, Material zu sichten und selektiv relevante Informationen zusammen zu tragen. Denn „die Qualität der Literaturbasis und damit der Literaturrecherche zeichnet sich durch die Relevanz und Aktualität der Texte aus.“[3] Somit wird vorhandenes Wissen auf die hier gesuchte Thematik eingeschränkt sowie passende Quellen herausgefiltert. Sonst verliert man sich in der Unübersichtlichkeit. Ausgewählte Fachliteratur wird kritisch reflektiert, damit diese Arbeit ihren Zweck als aufschlussreiche Ausarbeitung eines Aspekts der gefährlichen Brautwerbung erfüllen kann.

Doch bevor es an die Beantwortung der Hauptfragestellungen gehen kann, muss zuerst das Vorwissen, welches für eine solche wissenschaftliche Untersuchung benötigt wird, geklärt sein. Durch Lexika, wie das Verfasserlexikon, das Lexikon des Mittelalters, das Killy Literatur Lexikon und Literaturgeschichten ist der Forschungsstand gesichert, der als erstes noch kurz zum besseren Verständnis angerissen wird. Forschungsliteratur, wie Zeitschriften oder Aufsätze, garantiert dazu die Aktualität und unterstützt die direkte Arbeit an den Originaltexten der mittelhochdeutschen Werke. Anschließend folgt eine genaue Aufschlüsselung was eigentlich der Unterschied zwischen einfacher und gefährlicher Brautwerbung, die beide unter die Gattung der Brautwerbungsdichtung fallen, ist. Erst danach beginnt die Aufstellung der drei Einzelwerke, wobei jeder Text für sich alleine analysiert wird, ohne Bezug zu den anderen zwei zu nehmen. Im nächsten Kapitel wird dann der Vergleich untereinander gezogen und der Versuch Parallelen, Gegensätze oder Abweichungen in den vorkommenden Geschehen zu finden, unternommen. Abrundend lässt sich das Ganze mit einem Fazit sowie Ausblick zu weiteren alternativen Forschungsrichtungen, da man hier im Rahmen eines Bachelorseminars doch, was den Umfang betrifft, etwas eingeschränkt ist.

3 Forschungsstand

Um die in dieser Arbeit angestrebte Problematik behandeln zu können, wird ein Einblick in die bisherigen Forschungen dieses Thema betreffend gegeben. Die hier herangezogenen drei Werke König Rother, Kudrun und Dukus Horant richten sich alle nach dem gleichen Erzählschema, haben jedoch keinen angegebenen Autor. Denn „bis zum Beginn der höfischen Zeit war die volkssprachige Dichtung im wesentlichen anonym.“[4] Was auch daran liegen kann, dass unter anderem die Heldenepen aus dem Stoffbereich der germanisch-deutschen Heldensagen stammen, die bekanntlich jahrhundertelang mündlich tradiert worden sind.[5] Wie es auch im Verfasserlexikon steht: „Die Gestaltung eines traditionellen Themas (Brautwerbung) mit Hilfe eines vorgeprägten Handlungsschemas unter Verwendung von bekannten Motiven und sprachlichen Formeln läßt auf ursprünglich mündliche Komposition durch einen Volkssänger schließen.“[6] Ebenso erfasst das Lexikon des Mittelalters diesen Umstand: „Das Brautwerbungsthema kommt in zahlreichen Epen, Romanen und Erzählungen vor; die Forschung hat sich auf die Erzählschemata in den sogenannten ‚Spielmannsepen’ und in der Heldenepik konzentriert, da die beobachtete Schematik als Verweis auf mündliche Tradition, Altertümlichkeit und eine bestimmte literaturproduzierende Schicht (‚Spielmann’) angesehen wurde.“[7] Allgemein kann also festgestellt werden, dass die Brautwerbungsdichtungen nach einem ganz bestimmten Prinzip aufgebaut sind, welches im folgenden Kapitel dann exakt angeführt ist. Da an diesem Punkt nicht auf jeden Verweis der Fachlexika zur Brautwerbung eingegangen werden kann, ist es notwendig sich nun speziell auf die einzelnen Werke zu spezialisieren. Für Interessierte dienen die Fußnoten oder das Literaturverzeichnis am Ende der Arbeit für weitere Nachforschungen.

Beginnend mit dem Spielmannsepos König Rother, welches ungefähr um 1160 entstanden ist, ist ein besonders gutes Paradebeispiel für den Anfang dieser Arbeit gelegt. Denn „das am stärksten nach dem Brautwerbungsschema strukturierte Werk ist der ‚König Rother’ (Werbung- Brautgewinnung; Verlust- Wiedergewinnung), jedoch ist auch hier umstritten, ob das Schema einen historischen Kern (Authari- Sage) erzählerisch gestaltet oder eine Brautwerbungsfabel durch undeutliche historische Anspielungen aktualisiert wird.“[8] Ob nun Fiktion oder Wahrheit hinter dem dichterischen Geflecht steck, ist für diese Untersuchung nicht relevant. Wichtig ist nur, dass die Überlieferung von damals bis heute die Menschen begeistert haben muss, sonst wäre der Text nicht mehr existent. Nach Linien und Regeln der Brautwerbung aufgefächert, kann der König Rother so Aufklärung über den handelsüblichen Gebrauch von Stilmitteln sowie den Einsatz von erzählerischen Elementen innerhalb des Werkes Aufschluss geben. Nur „der Ursprung der Erzählung ist nicht geklärt. Ihr Rückgrat bildet das ‚Brautwerbungsschema’, das mit seinen vorgeprägten Rollen, Motiven und Handlungsabläufen die Möglichkeit jeweils zeitgenössischer Adaption gewährte und in der deutschen Literatur namentlich im 12. Jahrhundert beliebt war.“[9] Es läuft also immer wieder alles auf das Brautwerbungsschema hinaus, welches offensichtlich die Rahmenbedingungen für den gesamten Inhalt bis zu einem gewissen Grat vorgibt. Dennoch gibt es genug Spielraum, um zum Beispiel auch politischen Themen einen Platz zu geben. So wird in Rother und seinen Vasallen das idealisierte Modell eines von Treue, Kooperativität und Interessensausgleich getragenen feudalen Personenverbandes präsentiert, wobei die tyrannische Herrschaft Konstantins als unterlegenes Gegenmodell dient.[10]

An zweiter Stelle wird die Kudrun positioniert, die sich mit ihren 1705 Strophen im 13. Jahrhundert ansiedelt. Es ist eines der umfassenderen Werke, da sich der Inhalt nicht nur auf eine Hauptgeschichte reduzieren lässt, sondern sich über mehrere Ebenen auf die Fortführung einer ganzen Familie konzentriert. „Charakteristisch ist die Zusammenfügung bekannter Erzählelemente, die zu einer mehrteiligen Geschichte ausgebaut sind; sie reicht über fünf Generationen, umfasst vier Brautwerbungen sowie drei Entführungs- und Rückentführungshandlungen mit den dominierenden Gestalten: Hagen, Hilde, Kudrun.“[11] Auffallend ist gerade hier, dass in der letzten und vierten Brautwerbung Kudrun ihre Treuepflicht in über 13 Jahren Gefangenschaft nicht aufgibt, obwohl sie nur ein schriftlich festgehaltenes, aber kein gesegnetes eheliches Versprechen, gegeben hat. Das stellt eine Besonderheit im Text dar, die es weiter zu betrachten gilt.

Als dritter Bezug wird der Dukus Horant aus dem späten 13. Jahrhundert herangezogen, der sich mit der Überlieferung der Kudrun weitläufig deckt. Dennoch ist die Beziehung zwischen den beiden Texten ebenfalls ungeklärt.[12] Der in hebräischer Schrift überlieferte Dukus Horant ist auch der einzige in dieser Runde, der nur fragmentarisch erhalten ist. „Stilistisch steht der Dukus Horant der sogenannten Spielmanns- wie der Heldenepik nahe. Zahlreiche Motive und das Handlungsschema ebenso wie viele sprachliche Formeln sind durchaus traditionell.“[13] „Das Kurzepos erzählt von der Werbungsfahrt des Dänenherzogs Horant, die dieser im Auftrag des Königs Etene von Deutschland unternimmt.“[14] Handlungstechnisch überschneidet sich daher der Inhalt, der sich deshalb wiederum gut zur Gegenüberstellung der beiden Dichtungen eignet. Das Gerüst der Brautwerbungsdichtung sieht dann wie folgt aus: „Dem Dukus Horant liegt ein sechsteiliges Handlungsschema zugrunde, das für die Komposition von Brautwerbungshandlungen typisch ist und auch den Hildeteil der Kudrun prägt: Vorbereitung: Beratung zur Benennung einer standesgemäßen Gemahlin (Gefährliche Werbung)- Botenfahrt- Gesandtschaft am Ziel der Reise: Auftritt am Königshof- Gewinn der Erwählten durch List- Entführung mit Einverständnis der Entführten- Verfolgung durch den geprellten Vater. Auch die meisten Gestalten gehören dem Hilde- Kudrun- Sagenkreis an.“[15] Die Brautwerbungsdichtung und deren Hindernisse können somit durch Stützung des hier gelegten Fundaments erschlossen werden.

4 Arten der Brautwerbungsdichtung

Die Brautwerbungsdichtung umfasst zwei Arten von Brautwerbung, die sich nach unterschiedlichen Vorgaben richten. Das sind die einfache Brautwerbung sowie die gefährliche Brautwerbung. Was das nun konkret bedeuten soll und was den Text eben im Detail anders macht, wird anschließend mit besonderem Augenmerk auf die gefährliche Brautwerbung, da diese im Falle der Arbeit relevant ist, erörtert.

4.1 Einfache Brautwerbung

Die einfache Brautwerbung oder auch ungefährliche Brautwerbung genannt, ist eine der simpelsten Vorgangsweisen Mann und Frau im 12. beziehungsweise 13. Jahrhundert miteinander zu verbinden. „Im Schema der ungefährlichen Brautwerbung fehlt das Partnerkonsens- und Minnethema; es ist die kompromißloseste Darstellung der rein zweckgebundenen Muntehe. Meist wird eine Ehe von den Muntwarten, über die Köpfe von Braut und Bräutigam hinweg, beschlossen.“[16] Mitspracherecht wäre an dieser Stelle eher Komfort, was jedoch gang und gäbe war. Es konnte aber auch dazu kommen, dass der männliche Verehrer sich für seine Auserwählte einsetzt. In dieser Begebenheit bemüht sich der Bräutigam um seine Braut und bekommt sie letzten Endes zur Frau, „der Konflikt bleibt aus und damit erübrigt sich auch das Eingreifen eines Helfers.“[17] Also „richtet sich das Begehren des Werbers bei der ungefährlichen Brautwerbung auf die Braut, welche im Einflußbereich eines anderen, meist des Brautvaters, steht, aber dieser andere betrachtet dieses Begehren als legitim und empfindet es nicht als Bedrohung seiner Existenz.“[18] Dabei kann festgehalten werden, dass wo der Widerstand des Brautvaters entfällt, man von einer ‚einfachen Brautwerbung’ spricht.[19] „Anders als seine ‚gefährliche’ Variante kann dieses Schema allerdings nicht ganze Großerzählungen tragen.“[20] Es wäre stofflich nicht so ergiebig wie der Gegenspieler gefährliche Brautwerbung. „Als Versatzstück anderweitiger Handlung ist es jedoch ubiquitär, nahezu überall vorfindlich.“[21] Prägt also das Bild der mittelhochdeutschen Brautwerbungsdichtung nicht unerheblich und findet sich in den Überlieferungen immer wieder als Thema an. „Ihre literarische Darstellung ist ebenfalls schemagebunden mit Heerscherbeschreibung und Ratszene als schemainitiierende Elemente. Nur fehlt in der Ratszene der für die gefährliche Brautwerbung kennzeichnende Rat zur fernen, schwer erringbaren Königstochter.“[22] Mit dem Aufbau des Schemas, welches von Herrscherbeschreibung (Beschreibung des Werbers), Ratszene, Beschreibung der Braut, Werbung und Vermählung bis zur geschlossenen Ehe[23], hält sich die einfache Brautwerbung in den meisten Fällen ziemlich genau an das vorgegebene Raster. Überraschungen bleiben für die Leserschaft eher aus, denn ohne Konflikt, Widerstand oder Kontroversen wickelt sich die Handlung im Prinzip glatt ab. Anders bei der gefährlichen Variante.

4.2 Gefährliche Brautwerbung

Das Gegenstück zur einfachen Brautwerbung ist also die gefährliche Brautwerbung. Allgemein sind die beiden Arten in den Grundpfeilern gleich und funktionieren nach ähnlichen Regeln. Der Unterschied liegt nur beim Brautvater, der in der gefährlichen Brautwerbung Widerstand zum Werber aufbaut und von eben diesen überwunden werden muss. Es besteht also kein Konsens zwischen den Parteien, wie in der einfachen Form. Der Konflikt wird somit von vornherein mehr dramatisiert und hoch gespielt. Nach dem Prinzip der Fernminne basiert die ganze Mühe nur auf Hörensagen, also entscheidet der Ruf der Braut, ob ihre Schönheit es wert ist, um sich dafür einzusetzen oder gar zu kämpfen. Generell ist „das Sujet des Brautwerbungsschemas (…) von einer bipolaren Raumstruktur bestimmt: Auf der einen Seite gibt es den Bereich des Brautwerbers, auf der anderen den Bereich des Brautvaters.“[24] Dabei können die zwei Gebiete für sich als Handlungsschwerpunkte definiert werden und es lässt sich zwischen dem Diesseits des Werbers sowie dem Jenseits des Brautvaters unterscheiden. „Das ‚Diesseits’ ist der Bereich programmatischer Exogamie (der Heirat außerhalb der eigenen Familie), weil der Held hier und im näheren Umkreis keine Braut findet, die ihm ebenbürtig wäre, das ‚Jenseits’ ist dementsprechend der Bereich der Endopraxis (der sozialen Selbstbezüglichkeit), wenn nicht gar der Endogamie (der Heirat innerhalb der Familie) und des Inzests (der Blutschande).“[25] Das Meer zwischen den beiden Landteilen stellt dann nicht nur eine symbolische sondern auch physische Grenze dar. Der Brautvater wird hier gestoppt, besiegt oder getötet.

Der Brautvater an sich ist eine komplexere Figur in der Brautwerbungsdichtung auf die später noch einmal genauer eingegangen wird. „Er bedroht etwa jeden Bewerber mit dem Tod. In manchen Fällen (…) plant er gar, nach dem Ableben seiner Frau seine eigene Tochter zu heiraten, weil er in ihr das Abbild der Mutter wiedererkennen möchte.“[26] Vor Inzest wird aus dieser Perspektive keine Rücksicht genommen. „Nach den Kategorien der strukturalen Anthropologie, die die Voraussetzung für ‚Kultur’ im Frauentausch im Sinne der Exogamieregel sieht (Handel als Kommunikation), ist der Brautwerber also der Kultur-Mann per se, während der Brautvater als Verhinderer von Kultur erscheint.“[27] Dieser Umstand kann den Werber zum Retter und Helden der Auserwählten machen. Denn nachdem der gefährliche Brautvater überlistet ist, wird in den intimen Innenraum der Braut eingedrungen- in ihre Kemenate, dort wird die Werbung heimlich vorgetragen, dann wird sie mit List oder Gewalt, aber mit ihrem Einverständnis, verschifft. Der Ablauf einer gesamten Brautwerbungsdichtung ist aber noch viel komplexer. „Das Brautwerbungsschema legt die Grundelemente der Raumstruktur fest. Es gibt die wichtigsten Handlungsrollen vor und bestimmt den Handlungsverlauf insofern, als es Fixpunkte bereitstellt, welche von der Handlung durchlaufen werden müssen.“[28] Genau das sowie die handlungstragenden Figuren werden im folgenden Kapitel dargelegt.

4.2.1 Der Handlungsablauf

Die Abfolge der Elemente des Geschehens kann in drei große Handlungsblöcke eingeteilt werden. Das komplette Kapitel stützt sich dabei auf die wissenschaftlich festgehaltenen Überlegungen von Schmid- Cadalbert, da er in diesem Fall ein repräsentables Grundgerüst für die Brautwerbungsdichtung entworfen hat.

1. Auslösung und Vorbereitung der Werbung: Beginnend bei einer einführenden Heerscherbeschreibung leitet der Großteil der Texte, die sich zur ausgewählten Gattung zählen lassen, ein. „In der Herrscherbeschreibung wird der Brautwerber genannt, seine Eigenschaften werden beschrieben, sowie seine Residenz und sein Machtbereich erwähnt.“[29] Eine erste Orientierung wäre somit gegeben. Hiernach folgt eine Ratszene in der der Entschluss zur Brautwerbung von Eltern, Dienstleuten oder vom Werber selbst gefällt wird. Als Motivation beziehungsweise Ansporn wird oft der Wunsch nach einem Erben herangezogen. Denn Ländereien und Vermögen, also das Erbe muss weitergegeben werden. Sonst verfällt es, wird aufgeteilt und kann in falsche Hände gelangen. Auf jeden Fall wäre das Erbe nicht mehr innerhalb der Familie vertreten. So kommt es meistens nach dem Tod des Vaters zur Neuorientierung des Sohnes nach einer passenden Gemahlin. Ein Nenner tritt dann in Aktion, der dem Werber eine Braut nennt. Weiters lobt „ein Kundiger, der mit dem Nenner identisch sein kann, (…) die Schönheit der Königstochter, warnt aber des gefährlichen Brautvaters wegen vor dem Unternehmen oder rät davon ab. Der Werber besteht auf dem Vorschlag, oft durch die Beschreibung der Königstochter durch Fernminne ergriffen und/oder, weil er sich durch die Inzestabsicht des Brautvaters zum ‚Retter’ berufen fühlt.“[30] Für diese Unternehmung braucht der Werber selbstverständlich Hilfe und sichert sich deshalb die Unterstützung seiner Dienstleute, wobei jeglicher Widerstand von wem auch immer unterdrückt wird. Ist der Entschluss einmal getroffen, wird das Vorhaben vom Werber und seinen Verpflichteten durchgezogen.
2. Werbungsfahrt: Das Meer muss mit dem Schiff überquert werden, was nicht selten Wochen oder Monate in Anspruch nehmen kann. Es ist so, dass ein Bote dem Werber gewöhnlich vorausfährt, um die Braut und deren Vater über die Werbung in Kenntnis zu setzen, was im Falle der gefährlichen Brautwerbung Komplikationen bedingt. Die Botenfahrt kann in drei Szenarien enden. Erstens der Bote überlistet den Brautvater und entführt die Braut mit ihrer Zustimmung, zweitens der Bote wird gefangengenommen, von der Braut befreit und mit einer Zustimmung auf die Werbung entlassen und drittens der Bote wird gefangengenommen. Anschließend folgt die Fahrt des Brautwerbers, bei der es wiederum drei Varianten gibt. Entweder der Brautwerber gewinnt die Braut durch das Lösen von Aufgaben, der Brautwerber überlistet den Brautvater und flieht mit dem Einverständnis der Braut oder der Brautwerber versöhnt sich mit dem Brautvater und führt die Braut mit ihrer Zustimmung zu sich nach Hause.[31]
3. Heimführung der Braut mit anschließender Hochzeit: Am Schluss mündet ein positiver Ausgang der Werbung entweder in einem einfachen oder doppelten Schema, die sich kurz zusammenfassen lassen. „Im einfachen Schema nimmt der Brautvater mit Heeresmacht die Verfolgung der Entführer oder Flüchtigen auf, welche sich zum Verfolgungskampf stellen müssen, der mit der Versöhnung oder Tötung des Brautvaters endet.“[32] „Im doppelten Schema wird die Braut vom Brautwerber heimgeführt und vor oder nach der Hochzeit vom Brautvater oder dessen Vertretern rückentführt. Der Werber gewinnt die Braut auf einer zweiten Fahrt, die stets Heerfahrt mit Ankunft am geheimen Ort im Land der Braut ist, endgültig, indem er den Konflikt im öffentlichen Bereich durch Versöhnung oder Tötung des Brautvaters in einem Entscheidungskampf endgültig beilegt.“[33] Eine Hochzeit rundet das ganze ab in beiden Begebenheiten ab. Zusätzlich kann eine Vor- und/ oder Nachgeschichte angefügt sein.

[...]


[1] LexMa- Lexikon des Mittelalters. Hg. v. Bautier, Robert- Henri/ Auty, Robert u. a. Band 2. München/ Zürich: Artemis Verlag. 1983. V. Mertens. S. 591.

[2] Dörrich, Corinna: Die Schönste dem Nachbarn. Die Verabschiedung des Brautwerbungsschemas in der ‚Kudrun’. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Band 133. 2011. S. 47.

[3] Dahinden, Urs/ Sturzenegger, Sabina/ Neuroni, Alessia: Wissenschaftliches Arbeiten in der Kommunikationswissenschaft. Bern/ Stuttgart/ Wien: Haupt Verlag. 1. Aufl. 2006. S. 76.

[4] Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. 4., aktualisierte Aufl. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. 2000. S. 44.

[5] Vgl.: Ebd. S. 260.

[6] VL- Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Hg. v. RUH, Kurt. Begründet von W. Stammler, fortgeführt von K. Langosch. 2., aktualisierte Aufl. Band 2. Berlin/ New York: Walter de Gruyter. 1985. S. 242.

[7] LexMa- Lexikon des Mittelalters. Band 2. V. Mertens. S. 591.

[8] Ebd. S. 591.

[9] VL- Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 5. S. 86.

[10] Vgl.: LexMa- Lexikon des Mittelalters. Band 5. A. Otterbein. S. 1323.

[11] Ebd. U. Schulze. S. 1559.

[12] Vgl.: Ebd. S. 1559.

[13] Ebd. Band 3. M. Caliebe. S. 1446.

[14] Ebd. S. 1446.

[15] LexMa- Lexikon des Mittelalters. Band 3. M. Caliebe. S. 1446.

[16] Schmid-Cadalbert, Christian: Der Ornit AW als Brautwerbungsdichtung. Ein Beitrag zum Verständnis mittelhochdeutscher Schemaliteratur. Bern: Francke Verlag (Bibliotheka Germanica 28), 1985. S. 70.

[17] Ebd. S. 69.

[18] Ebd. S. 69.

[19] Vgl.: Schulz, Armin: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. Hg. von Manuel Braun, Alexandra Dunkel, Jan-Dirk Müller. Berlin/ Boston. 2012. S. 195.

[20] Ebd. S. 195.

[21] Ebd. S. 195.

[22] Schmid-Cadalbert, Christian: Der Ornit AW als Brautwerbungsdichtung. S. 69.

[23] Vgl.: Ebd. S. 70.

[24] Schulz, Armin: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. S. 193.

[25] Schulz, Armin: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. S. 193.

[26] Ebd. S. 193.

[27] Ebd. S. 193.

[28] Schmid- Cadalbert, Christian: Der Ornit AW als Brautwerbungsdichtung. S. 98.

[29] Schmid-Cadalbert, Christian: Der Ornit AW als Brautwerbungsdichtung. S. 88.

[30] Ebd. S. 89f.

[31] Vgl.: Schmid-Cadalbert, Christian: Der Ornit AW als Brautwerbungsdichtung . 91f.

[32] Ebd. S. 92f.

[33] Ebd. S. 93.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Gefahren und Hindernisse der Brautwerbung in der mittelhochdeutschen Literatur
Untertitel
Veranschaulicht an den Beispielen "König Rother", "Kudrun" und "Dukus Horant"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
SE-B Ältere deutsche Literatur: Brautwerbungsdichtung
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
34
Katalognummer
V353742
ISBN (eBook)
9783668399143
ISBN (Buch)
9783668399150
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kudrun, König Rother, Dukus Horant, Brautwerbung, gefährliche Brautwerbung, Brautwerbungsdichtung, Horant, Spielmannsdichtung, Heldendichtung, Rother, einfache Brautwerbung, Mittelhochdeutsche Literatur
Arbeit zitieren
Sophie Marie Scharner (Autor), 2013, Gefahren und Hindernisse der Brautwerbung in der mittelhochdeutschen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353742

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gefahren und Hindernisse der Brautwerbung in der mittelhochdeutschen Literatur


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden