Bei der Betrachtung des Textes „Die Marquise von O…“ von Heinrich von Kleist kristallisiert sich ganz klar eine Linie von Tabubrüchen heraus. Hier findet sozusagen eine Anhäufung von moralischen Grenzgängen statt, die Kleist gekonnt in verschiedenster Art und Weise in Szene setzt.
Der Bruch mit den Erzählkonventionen des 19. Jahrhunderts kollidiert heftig mit den damaligen Reaktionen der RezipientInnen. Verbote, Sperren sowie starke Ablehnungen beim Publikum und in den Medien waren nur einige der Auswirkungen. Das alles konnte nur mit dem zeitlichen Voranschreiten der Toleranz oder auch der Modernisierung überbrückt werden. Diese Enttabuisierung, wie sie Kleist beabsichtigt hatte, um vielleicht das Volk zu schockieren, wach zu rütteln und ihnen das wahre erschreckende Gesicht der Gesellschaft als Spiegel vor zu halten, kann als Offenlegung von Scheinheiligkeit unter den Menschen ausgelegt werden.
In der folgenden Arbeit wird nach einer allgemeinen Begriffserläuterung von Tabu und Moral, ein Abriss der Darstellungen Kleists in zwei grundlegende Punkte unterteilt. Einerseits die angedeuteten Tabubrüche, die nicht ausgeschrieben im Text genannt werden, sondern bloß zwischen den Zeilen herausgelesen werden können. Daher implizit von der Leserschaft angenommen werden können, worunter die Vergewaltigung in der Ohnmacht, die uneheliche Schwangerschaft und die überaus erotische Szene zwischen Vater und Tochter fallen. Andererseits die expliziten Grenzüberschreitungen, die direkt und offensichtlich ausgeschrieben in der Erzählung genannt werden. Darunter zählen die Zeitungsannonce, die Flucht der Marquise vor ihren Eltern und die Vermählung der Geschändeten mit dem dafür verantwortlichen Verbrecher.
Mit den drei Diskursen auf religiöser, militärischer und sozialer Ebene bekommt die Sicht auf Tabuverletzungen themenspezifisch dann eine gewisse Unterteilung. Abschließend versucht die im Rahmen des Bachelorseminars verfasste wissenschaftliche Ausführung auch den Wandel der Zeit in den Ansichten der Leserschaft von der ersten Erscheinung des Werkes bis heute wiederzugeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff Tabu
3. Angedeutete Tabubrüche
3.1. Verschlafene Vergewaltigung
3.2. Uneheliche Schwangerschaft
3.3. Beginnende Inzest
4. Explizite Grenzüberschreitungen
4.1. Das öffentliche Eheversprechen
4.2. Verlassen des Elternhauses
4.3. Doppelte Hochzeit mit dem Verbrecher
5. Der Zwiespalt von gut und böse in drei Diskursen
5.1. Aus religiöser Sicht
5.2. Auf militärischer Basis
5.3. Auf sozialer Ebene
6. Im Wandel der Zeit
7. Exposé
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung und Bedeutung gesellschaftlicher Tabubrüche in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O..." und analysiert, wie diese Normverstöße vom 19. Jahrhundert bis heute in der Literatur und im gesellschaftlichen Diskurs wahrgenommen werden.
- Analyse von impliziten und expliziten Tabubrüchen (Vergewaltigung, Inzest, uneheliche Schwangerschaft).
- Untersuchung des Spannungsfeldes von "Gut" und "Böse" in religiösen, militärischen und sozialen Diskursen.
- Dekonstruktion moralischer Normen und Erzählkonventionen des 19. Jahrhunderts.
- Betrachtung der psychologischen Entwicklung und Rollenkonflikte der Hauptfiguren (Marquise und Graf).
- Reflektion über den Wandel der gesellschaftlichen Rezeption und Toleranz gegenüber dem Werk.
Auszug aus dem Buch
3.1. Verschlafene Vergewaltigung
Bereits die Titelüberschrift einer verschlafenen Vergewaltigung ist verstörend. Denn wie kann eine Vergewaltigung verschlafen werden? Ein Ding der Unmöglichkeit. Denkt man. Doch im Falle der Marquise ist es eher im Schockzustand der Ohnmacht passiert. „Was Heinrich von Kleist in der Erzählung Die Marquise von O… elliptisch erzählt, wird auch später innerhalb der Erzählung nie wörtlich ausgesprochen: Der Graf F. hat den Geschlechtsverkehr an einer ohnmächtigen Frau vollzogen.“ Während des Lesens kommt innerlich die Frage immer wieder auf, wo denn nun diese unwissende Schwängerung stattgefunden haben soll. Da die Stelle des Geschehens nicht sonderlich ausgezeichnet ist und nicht einmal die Betroffene weiß, wann und wo diese Tat passiert sein soll und überhaupt wer sie begangen haben soll. Dafür muss etwas genauer hingesehen werden:
„Hier- traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde; und kehre in den Kampf zurück.“
Diese Textstelle wird als der berühmteste Gedankenstrich überhaupt gesehen, wobei erst in der Nachrezeption sein vollkommener Sinn erschlossen werden kann. „Der Strich begleitet eine Darstellung, die ohne ihn auskäme, die durch die Markierung der Stelle aber nachträglich überflutet wird von Sinn, der im Fortgang der Erzählung sich aufdrängt.“ In diesem Fall kann von einer klassischen Überinterpretation gesprochen werden. Jedoch versucht jeder für sich das Geschehen, also den Zeitpunkt der Schwängerung, zu lokalisieren. Beim Lesen löst so ein Verdacht den nächsten ab. Kurzweilig kann die Vermutung sogar auf den Vater der Marquise fallen, der in einer die Grenzen überschreitenden Szene mit seiner schwangeren Tochter in Versöhnung liegt. Nichts desto trotz ist weder für den Leser noch für die Marquise von Anfang an ersichtlich, wie die Tatsache des ungeborenen Babys zustande gekommen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Tabuthematik in Kleists Werk ein und skizziert die moralischen Grenzüberschreitungen sowie die Zielsetzung der wissenschaftlichen Untersuchung.
2. Der Begriff Tabu: Dieses Kapitel definiert den Begriff "Tabu" theoretisch und unterscheidet zwischen gesetzlich verankerten und gesellschaftlich konstruierten Tabubrüchen.
3. Angedeutete Tabubrüche: Es werden die subtilen, "zwischen den Zeilen" präsenten Tabus wie Vergewaltigung, Inzest und uneheliche Schwangerschaft analysiert.
4. Explizite Grenzüberschreitungen: Der Abschnitt behandelt die offensichtlichen Tabubrüche wie die Zeitungsannonce der Marquise und die Konsequenzen für das familiäre Zusammenleben.
5. Der Zwiespalt von gut und böse in drei Diskursen: Diese Analyse unterteilt die moralische Ambivalenz der Figuren in religiöse, militärische und soziale Perspektiven.
6. Im Wandel der Zeit: Das Kapitel reflektiert die zeitgenössische Skandal-Rezeption im 19. Jahrhundert im Vergleich zur heutigen Wahrnehmung des Werkes.
7. Exposé: Den Abschluss bildet eine zusammenfassende Betrachtung der Normenzertrümmerung und der gescheiterten Versuche zur Wiederherstellung bürgerlicher Ordnungsstrukturen.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Die Marquise von O..., Tabubruch, Vergewaltigung, Inzest, uneheliche Schwangerschaft, Moral, Normen, Literaturwissenschaft, Gesellschaftskritik, 19. Jahrhundert, Geschlechterrollen, Schockwirkung, Skandal, Moralvorstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von gesellschaftlichen Tabubrüchen in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O..." und deren Bedeutung für das moralische Gefüge des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der Bruch mit moralischen Konventionen, die literarische Darstellung von Gewalt gegen Frauen, das Spannungsfeld zwischen familiärer Ehre und individueller Wahrheit sowie die Ambivalenz von Gut und Böse.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kleist durch die Thematisierung von Tabubrüchen die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts provozierte und welche Strategien die Protagonisten zur Bewältigung ihrer Situation entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung von Sekundärliteratur auf moralische, gesellschaftliche und psychologische Aspekte hin untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl angedeutete (implizite) als auch explizite Tabubrüche detailliert untersucht und in religiöse, militärische sowie soziale Diskurse eingeordnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Tabubruch, Vergewaltigung, Moral, Kleist, Marquise von O..., Geschlechterrollen und gesellschaftliche Normen.
Wie wird das Verhalten des Grafen F. in der Erzählung bewertet?
Der Graf wird als ambivalente Figur dargestellt, die zwischen der Rolle als Retter, Vergewaltiger und Ehemann oszilliert, wobei seine Taten als nicht eindeutig "gut" oder "böse" einzuordnen sind.
Warum ist die Szene zwischen Vater und Tochter so bedeutsam?
Die Szene wird als inzestuöser Tabubruch gewertet, der das konventionelle Familienbild der Zeit untergräbt und den Vater in ein Rollenkonflikt-Szenario zur Konkurrenz mit dem Grafen bringt.
Was bedeutet das "Happy End" der Erzählung laut der Autorin?
Das Happy End wird nicht als idyllisch betrachtet, sondern als gesellschaftlich problematischer Kompromiss, der den Verfall sittlicher Werte und die Zerrissenheit zwischen Norm und Realität symbolisiert.
- Arbeit zitieren
- Sophie Marie Scharner (Autor:in), 2013, Gesellschaftliche Tabubrüche und ihre Bedeutung vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353748