„Des Meeres und der Liebe Wellen“ von Franz Grillparzer. Die Widersprüchlichkeit des Tempelbezirks zur realen Wirklichkeit


Hausarbeit, 2012

11 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Staatlicher Götterkult
2.1. Tempel
2.2. Göttliche Vertreter

3. Disharmonie
3.1. Spannungen im Tempelbereich
3.2. Innere Zerrissenheit der Figuren

4. Exposé

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Internetquellen

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Welt inner- und außerhalb eines Tempelbezirks weist große Diskrepanzen auf. Oft lässt sich das wahre alltägliche Leben nicht mit dem Dasein in den scheinbar zeitlosen Bauwerken vergleichen. Damals im Jahre 1831 als das Werk Des Meeres und der Liebe Wellen von Franz Grillparzer erstmals veröffentlicht wurde, kam eine ganz besondere Ansichtsweise zur antiken Tempelordnung unter die Menschen. Diese beschrieb der Autor speziell anhand der Lebensgeschichte seiner Protagonistin Hero, die sich als angehende Priesterin in den Schutz der Göttin[1] Aphrodite flüchtet.

Eine genauere Erläuterung dieses Themas wird in der Arbeit folgen. Was einen Tempelbezirk ausmacht, nach welchen Regeln er funktioniert, wie die Bevölkerung mit ihm umgeht, ob die praktizierte Tempelordnung mit der Realität vereinbar ist, welche Probleme sich im Konflikt mit menschlichen Bedürfnissen ergeben, wie die Figuren in Grillparzers Drama mit gestellten Bedingungen umgehen und vieles mehr, werden die Hauptfragestellungen sein, die umgehend beantwortet werden.

2. Staatlicher Götterkult

2.1. Tempel

„Dem Tempelbau gingen in frühester Zeit Kultstätten an als numinos erlebten natürlichen Plätzen wie Hainen, Höhlen oder Berggipfeln.“[2] An diesen Orten erhofften sich die Leute Gehör für ihr Leiden sowie ihre Bitten zu finden, sie suchten Trost und Verständnis.

Auch der spätere Tempel versprach Hilfe und Zuflucht. „Die Heiligtümer waren zunächst Inseln der göttlichen Ordnung“[3] und dienten bei Bedarf zugleich als „politische, wirtschaftliche und zum Teil auch administrative Zentren.“[4] Doch der Tempel als Kultbau war immer der geweihte Wohnsitz einer bestimmen Gottheit. So besaß jede Göttin und jeder Gott der Antike einen eigenen Sitz, der durch ein aufgestelltes Kultbild oder einem sonstigen Idol gekennzeichnet war.[5]

Der einzelne „Tempel steht immer in einem heiligen Bezirk (griechisch Temenos), in dem auch weitere Tempel, Altäre und Bauten für kultische und andere Zwecke (Versammlungshallen, Schatzhäuser u.a.) angeordnet sein können.“[6] Das heißt, dass sich eine Ansammlung von öffentlichen Bauwerken bildete, was einen sehr praktischen Charakter aufwies. Einerseits waren in politischer Hinsicht die wichtigsten Vertreter der Gesellschaft schnell beieinander versammelt, andererseits hatten es Ansuchende nicht weit, wenn sie in persönlicher Intention mehr als nur einen religiösen Rat brauchten.

2.2. Göttliche Vertreter

Um mit Göttern nun in Kontakt treten zu können, mussten rituelle Richtlinien befolgt werden. Prozessionen, Tänze, Opfer und Geschenke[7], die in Tempeln dargebracht beziehungsweise durchgeführt werden konnten, ermöglichten ein milde stimmen der Gottheiten. Denn sie waren „Teil einer idealen Gesellschaft, die durch Geschenke zusammen gehalten“[8] wurde. Eben diese wurden vor allem bei gemeinschaftlichen Festen, aber auch bei individuellen Anliegen vorausgesetzt.

Außerhalb des Bezirkes werden Götter in jeder nur erdenklichen Situation angerufen. „Allen Göttern Dank“[9], „ Nun Götter waltet“[10], „O mitleidvolle Götter“[11], „gerechte Götter“[12], „Trefft, Götter selbst das Opfer“[13] und so weiter, was das Phänomen bestätigt, dass die Menschen so gut wie bei jeder brenzligen Situation jegliche Verantwortung von sich wenden und ihr sowie anderer Schicksal in die Hände der Unsterblichen legen. Das bestärkt das Bild der göttlichen Stütze, also, dass ein Mensch niemals alleine auf sich selbst gestellt ist und in jeder Lebenslage eine unsichtbare helfende Hand zur Seite hat.

Mit dem Tag von der Priesterinnenweihe Heros beginnt ein beachtlicher Teil der Handlung, wobei sich das meiste beim Tempel der Aphrodite abspielt. Sie ist die „griechische Göttin der Liebe, Schönheit und Verführung, des anmutigen Reizes, allgemein des blühenden Lebens im vegetativen und animalischen Bereich.“[14] Ihr zur Seite stehen ihre beiden Söhne Amor, der römische Gott (griechisch Eros) der Liebe sowie des Sichverliebens[15] und Hymenäus, der Gott der Hochzeit[16]. Auch sie stehen in Form von Büsten, Statuen und Bildern präsent veranschaulicht im abgegrenzten Bereich des Tempelhofs.

Durch den Ausspruch „In Apollens Tempel- die heilen Kranke“[17] wird deutlich, dass das Tempelpersonal auch wirklich nur die Bedürftigen aufnimmt, die sozusagen in ihren Zuständigkeitsbereich fallen. Obwohl im religiösen Sinn Nächstenliebe, Gerechtigkeit und uneingeschränkte Hilfe gepredigt wird, herrscht hier ausschließlich Resignation. Es wird eine ambivalente Haltung eingenommen, solange sie sich mit zurecht gelegten Entschuldigungen im gewissen Maße vertreten lässt. Denn Apollo ist unter anderem der „jugendliche Gott des Lichtes und des Todes“[18], also wird er als Grund des Nicht- Helfens vorgeschoben.

Ein geläufiges Stilmittel, welches Grillparzer im Werk gerne verwendet, ist die Bittrede der Verzweifelten an die Götter selbst. Die in einem Absatz vorkommenden Anrufungen: „Beim Sonnengott“[19], „Poseidon, mächt´ger Gott! Der du Wasser legtest an die Zügel“[20], „Zeus, mächtig über allen“[21], „Und Liebesgöttin“[22] sowie „Amor und Hymen, ziehet ihr voran“[23] zeigen wiederum, dass die Menschen in die Gewalt der göttlichen Fähigkeiten großes Vertrauen stecken. An diesem Beispiel hier werden möglichst viele repräsentative Götter genannt, damit ein glücklicher Ausgang von Leander Meerüberquerung garantiert ist. Da es schließlich mit seinem Tod endet, wird dennoch auf den Willen der Götter appelliert. „Die Götter wollens nicht, da rächen sies“[24] ist dann einfach die Erklärung. Egal, wie eine an den Göttern herangetragene Sache ausgeht, es wird immer eine Entschuldigung oder ein Grund für das Scheitern gefunden und der Fehler bei der Menschheit gesucht.

Somit ist der obergeordnete Wille der Gottheiten manches Mal unergründlich.

3. Disharmonie

3.1. Spannungen im Tempelbereich

In der Tempelanlage der Aphrodite herrschen gewisse Reibungen. Obwohl hier ein Ort der Liebe suggeriert wird, ist der Schutz in Herzensangelegenheiten nicht gegeben. Denn sogar der Priester selbst, der in der hierarchischen Tempelordnung an der Spitze steht, gibt den Auftrag: „Kein Vogel baut beim Tempel hier sein Nest, nicht girren ungestraft im Hain die Tauben, […] all, was sich paar, bleibt ferne diesem Hause, und jene dort fügt heut sich gleichem Los.“[25] Allein dieser Befehl jegliche Geschöpfe, die einander in gewisser Art und Weise lieben, zu beseitigen ist eine „absurde Anwendung der Zölibatsregel auf Tiere und Pflanzen.“[26] Eigentlich würde man gerade an diesem heiligen Ort meinen, dass die Liebe, Fortpflanzung und Leidenschaft gefördert werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Diese „männliche Vergewaltigung der Natur“[27] und deren Triebe beruhen auf einer falschen Annahme des Priesters. Er sieht den Geist und Körper als getrennt an und beurteilt die zwei nach verschiedenen Faktoren. Demnach scheltet er auch seine Nichte Hero, die versucht das Nest der Tauben zu bewahren.

„Nicht ehrt man hier die ird´sche Aphrodite, die Mensch an Mensch knüpft wie Tier an Tier, die Himmlische, dem Meeresschaum entstiegen, einend den Sinn, allein die Sinne nicht, der Eintracht alles Wesens hohe Mutter, geschlechtlos, weil sie selber das Geschlecht, und himmlisch, weil sie stammt vom Himmel oben.“[28]

[...]


[1] Vgl. Grillparzer, Franz: Des Meeres und der Liebe Wellen. In: Grillparzers Werke in drei Bänden. Band 3. Berlin & Weimar: Aufbau-Verlag. 1967. S. 14.

[2] Brockhaus Lexikonredaktion (Hg.): Der Brockhaus Mythologie. Die Welt der Götter, Helden und Mythen. München/ Gütersloh: FAB. 2010. S. 567.

[3] Hölscher, Tonio: Die griechische Kunst. München: Beck. 2007. S. 27.

[4] Brockhaus: Der Brockhaus Mythologie. S. 567.

[5] Vgl. Ebd. S. 567.

[6] Ebd. S. 567.

[7] Hölscher, Tonio: Die griechische Kunst. S. 23.

[8] Ebd. S. 23.

[9] Grillparzer, Franz: Des Meeres und der Liebe Wellen. S. 54.

[10] Ebd. S. 77.

[11] Ebd. S. 81.

[12] Ebd. S. 81.

[13] Ebd. S. 78.

[14] Brockhaus: Der Brockhaus Mythologie. S. 53.

[15] http://www.planet-wissen.de/kultur_medien/liebe/liebeszeichen/portraet_amor.jsp (20.01.2012)

[16] http://www.theoi.com/Ouranios/ErosHymenaios.html (20.01.2012)

[17] Grillparzer, Franz: Des Meeres und der Liebe Wellen. S. 34.

[18] Bellinger, Gerhard (Hg.): Knaurs Lexikon der Mythologie. München: Droemer Knaur Verlag. 2002. S. 41.

[19] Grillparzer, Franz: Des Meeres und der Liebe Wellen. S. 65.

[20] Ebd. S. 70.

[21] Ebd. S. 70.

[22] Ebd. S. 70.

[23] Grillparzer, Franz: Des Meeres und der Liebe Wellen. S. 70.

[24] Ebd. S. 87.

[25] Grillparzer, Franz: Des Meeres und der Liebe Wellen. S. 20.

[26] Schaum, Konrad: Die Polarität von Seele und Geist in Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen. In: Strelka, Thomas (Hg.): Für all, was Menschen je erfahren, ein Bild, ein Wort und auch das Ziel. Beiträge zu Grillparzers Werk. Band 2. Bern: Peter Lang Verlag. 1995. S. 191.

[27] Ebd. S. 191.

[28] Grillparzer, Franz: Des Meeres und der Liebe Wellen. S. 20.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
„Des Meeres und der Liebe Wellen“ von Franz Grillparzer. Die Widersprüchlichkeit des Tempelbezirks zur realen Wirklichkeit
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
PS Grillparzers Dramen
Note
2,00
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V353779
ISBN (eBook)
9783668407763
ISBN (Buch)
9783668407770
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grillparzer, Des Meeres und der Liebe Wellen, Tempel, Tempelbezirk, göttlich, Götter, Disharmonie, Gott, Franz Grillparzer
Arbeit zitieren
Sophie Marie Scharner (Autor), 2012, „Des Meeres und der Liebe Wellen“ von Franz Grillparzer. Die Widersprüchlichkeit des Tempelbezirks zur realen Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353779

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