Ironie in Bonaventuras "Nachtwachen"

Annäherungen durch das Ironieverständnis bei Sokrates, bei Friedrich Schlegel und Analysen von Claire Colebrook


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung und Begriffsbestimmung
1.1. Kennzeichen der antiken Ironie bei Sokrates
1.2. Kennzeichen der romantischen Ironie bei Schlegel

2. Untersuchung des Werkes „Nachtwachen“ auf Kennzeichen der Ironie
2.1. Nihilismus als Grundlage der ironischen Weltanschauung
2.1.1. Verneinung der Religion
2.1.2. Verneinung der Gesellschaft
2.1.3. Verneinung der Identität
2.2. Verbindung von Gegensätzen
2.2.1. Vergangenheit und Zukunft
2.2.2. Scherz und Ernst
2.2.3. Selbstschöpfung und Selbstvernichtung
2.3. Auftritt eines Hanswurstes oder eines Possenspieles
2.3.1. Hanswurst innerhalb des Stückes „Der Mensch“
2.3.2. Possenspiel im Marionettenmotiv
2.4. Bewusst fragmentarischer, widersprüchlicher und kritischer Textcharakter

3. Fazit: Verwendung von Ironie durch Bonaventura

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Begriffsbestimmung

Diese Hausarbeit befasst sich mit der Frage, ob Bonaventura in seinen „Nachtwachen“ Ironie verwendet und welche an welchen Kennzeichen dies auszumachen ist. Zunächst soll zu diesem Zweck der Begriff der Ironie untersucht werden. Hierbei stützt sich die Arbeit vor allem auf die antike Ironie bei Sokrates[1], auf die von Friedrich Schlegel überlieferten Fragmente zur Annäherung an die romantische Ironie[2] sowie auf deren Auslegung und weiterführende Gedanken zu beiden Epochen von Claire Colebrook[3]. Im Anschluss an die Herausarbeitung der vier wichtigsten Kennzeichen der Ironie soll dann das Werk „Nachtwachen“ von Bonaventura auf jene hin untersucht werden, um abschließend im Fazit feststellen zu können, ob darin Ironie im Sinne von Sokrates, Schlegel und Colebrook verwendet wird oder nicht. Die vorliegende Hausarbeit ist lediglich der Versuch, die Fragestellung mit Hilfe der sehr ausführlichen Sekundärliteratur[4] zu Bonaventuras „Nachtwachen“ zu beantworten und erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

1.1. Kennzeichen der antiken Ironie bei Sokrates

Das aus dem Griechischen stammende Wort eirōneía bedeutet in seinem wörtlichen Sinn „geheuchelte Unwissenheit“ oder „Verstellung“. Ein Meister dieses Faches war Sokrates, der selbst keinerlei Texte verfasst sondern stattdessen durch seine im Dialog gestellten Fragen Philosophie betrieb, die uns durch die Überlieferungen seines Schülers Platon bekannt sind. Die geheuchelte Unwissenheit, mit der er seinen Gesprächspartner nach der für ihn gültigen Erklärung eines Wortes oder Konzepts fragte, gilt als Grundstein der Ironie.

Sokrates‘ Dialogpartner behaupteten in der Regel, das Wissen darüber zu besitzen, was ein Ausdruck bedeutet. Als Beispiel kann etwa „schlau“ oder englisch „clever“ dienen. Auf die Frage nach deren Bedeutung erwiderten sie diejenige Definition, die sie innerhalb ihres Wissens- und Wertesystems als wahr erachteten. Sokrates ging daraufhin auf keine Diskussion ein und konterte nicht mit Gegenargumenten, die ja ebenfalls innerhalb des bestehenden Systems verortet hätten sein müssen um eine weitere Kommunikation zu ermöglichen, sondern fragte lediglich nach immer mehr Details, bis sein Gegenüber sich in Widersprüche verstrickte und einsehen musste, dass es keinerlei Wissen über die Bedeutung des Wortes „schlau“ besaß. Dies gelang Sokrates also nicht, indem er eine Antwort lieferte, sondern durch seine ironischen Fragen. „They place the reader or interlocutor in a position of not knowing, of having to decide just what value to place on words like ’clever’”[5].

Dieser Austritt aus den gewohnten Wissenskonzepten, die Darbietung nicht-systemimmanenter Aspekte in Form von Unwissenheit ist bei Sokrates der ironische Schritt, den er durch seine Person verkörpert. “The Socratic mode of irony does not simply negate a concept, it must bring out both how the concept is misused or corrupted and what the concept seems required to mean”[6]. Er behauptet weder, dass die Meinung des Gegenübers wahr ist, noch dass sie falsch ist, noch bietet er Alternativen an. Er lässt ihn stattdessen vollkommen allein im leeren Raum des Nicht-Wissens. Die Ironie zielt nicht auf „etwas“ ab, sondern auf „nichts“. Ein erstes Kriterium für Ironie ist daher der der Nihilismus als Grundlage, also die Abwesenheit jedes festen, objektiven Rahmens oder Systems der Wirklichkeit, auf das der Mensch sich in seiner Weltanschauung verlassen kann.

1.2. Kennzeichen der romantischen Ironie bei Schlegel

Diesen Nihilismus greifen die Gebrüder Schlegel mit weiteren Philosophen des Jenaer Kreises auf und wollen den Begriff der Ironie, der in der Zwischenzeit mehr für ein Stilmittel mit der Bedeutung „etwas anderes sagen als man meint“ verwendet wurde, wieder zurückführen auf seine alles hinterfragende Bedeutung bei Sokrates. “German Romantic irony explored a potential in Socratic irony that had, by and large, been neglected: irony as a style of existence rather than a rhetorical figure”[7]. Sie interpretieren die Ironie nicht nur als rhetorischen Kniff, sondern gehen den Schritt weiter, sie als Lebenseinstellung zu empfinden – und auch als die einzig wahre Einstellung[8] angesichts der haltlosen Welt, in der es den Menschen nicht möglich ist, einen Sinn oder ein System zu erkennen, das nicht von vornherein subjektiv und menschengemacht ist. Sogar der Mensch an sich kann in dieser Welt nicht als Fixpunkt dienen. „Irony transforms subjectivism: the subject is no longer a ground that precedes and underlies judgements. The subject ‘is’ nothing other than an ongoing process of creation“[9].

Der Begriff „creation“, auf Deutsch „Bildung“ oder „Schöpfung“, besteht neben seinen erschaffenden Eigenschaften immer auch aus seinen Gegensätzen Dekonstruktion und Zerstörung, um den Prozess ewig, also „ongoing“, weiterführen zu können und niemals an ein endgültiges, objektives Ziel zu gelangen. Diesen Ansatz als „steter Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung“[10] meint Schlegel nur durch Ironie darstellen zu können. Keiner der beiden Pole kann als wahr empfunden werden, da jeder Gegensatz auch die Wahrscheinlichkeit der Existenz seines Gegenteils in Erwägung zieht (Gedanke Colebrook, siehe Punkt 2.2). Das in Verbindung bringen von Gegensätzen gilt also als weiteres Kennzeichen romantischer Ironie und soll im Lauf der Hausarbeit anhand dreier Beispiele erläutert werden.

Claire Colebrook findet weitere Merkmale. “German Romantic irony was defined through a constellation of concepts, including, in addition to buffoonery, humour, wit and satire”[11]. „Buffoonery“, zu Deutsch etwa Buffonerie[12], Posse oder Spiel des Hanswurstes[13], sowie eine humoristische Darstellung können also äußerliche Hinweise auf ironische Inhalte sein. Auf den Humor geht Colebrook noch einmal gesondert ein. „Humour often relies on a feeling of superiority or elevation above life’s misfortunes”[14]. Das nächste Kennzeichen, das festgehalten werden kann, um eine Verwendung von Ironie zu erkennen, ist daher das Auftreten eines Hanswurst-Charakters, der sich über das Schicksal des Lebens überlegen fühlt.

Die letzten drei Kriterien der Ironie fasst Colebrook zusammen. „In addition to being fragmentary and contradictory, ironic texts are critical[15]. Ein ironischer Text kann nicht in sich geschlossen, sondern muss fragmentarischer Art sein. Nur durch diese Darstellungsform wird jener oben angesprochene ewige Prozesscharakter deutlich, den das Leben und daher auch jeder die Ironie des Lebens wiederspiegeln wollende Text besitzt. „By not being complete they gestured to a process of creation”[16], so Colebrook. Weiterhin sind ironische Werke widersprüchlich und kritisch [17]. Wenn es kein objektives System der Wahrheit gibt, dann sind auch widersprüchliche Aussagen innerhalb ironischer Texte legitim (siehe oben, „Verbindung von Gegensätzen“). Sie hinterfragen die Welt sowie die Weltanschauung der Menschen, kritisieren damit auch den Menschen an sich in seiner Eigenschaft, an feste Systeme glauben und festhalten zu wollen. Ein ironisches Werk ist der Versuch eines niedergeschriebenen Pendants zu Sokrates, der die Ironie nicht schriftlich festgehalten, sondern verkörpert hat. Es ist sich dabei seiner eigenen Unvollständigkeit und Widersprüchlichkeit stets bewusst [18].

2. Untersuchung des Werkes „Nachtwachen“ auf Kennzeichen der Ironie

Nachdem nun vier große Kennzeichen der Ironie auf Grundlage von Sokrates und Schlegel sowie deren Interpretation durch Colebrook herausgearbeitet wurden, soll nun der Text von Bonaventura auf diese Kriterien hin untersucht werden. Sind sie in den „Nachtwachen“ erkennbar, lässt dies auf die Verwendung von Ironie durch Bonaventura schließen. Zusammengefasst lauten die Merkmale:

- der Nihilismus als Grundlage der ironischen Weltanschauung, also die Abwesenheit eines objektiven Systems,
- die Verknüpfung von selbstschöpferischen und selbstzerstörerischen Kontrasten innerhalb des Textes,
- das Auftreten eines Hanswurstes oder eines Possenspieles im Sinne der „buffoonery“,
- die Bewusstheit des Textes über seinen eigenen fragmentarischen, widersprüchlichen und kritischen Charakter.

2.1. Nihilismus als Grundlage der ironischen Weltanschauung

Das gesamte Werk Bonaventuras ist, wie sich nun zeigen wird, von Nihilismus durchzogen und gipfelt schließlich im dreimaligen Ausruf „Nichts!“[19]. Der Staub des Vaters der Hauptfigur und mit ihm „die Auferstehungs- und Himmelfahrtshoffnung“[20] zerfällt in 16. Nachtwache in der Luft, ein Geisterseher greift ins Leere beim Versuch einer Umarmung und auch das Echo – das ohnehin vom Teufel erschaffen[21], nicht handfest und „aus dem Raum der Worte nicht mehr in die fiktive Wirklichkeit zurückzufinden“[22] in der Lage ist – hallt nur „ Nichts! “. Doch auf diesen Höhepunkt verneinender Aussagen wird bereits im gesamten Textverlauf verwiesen, indem immer wieder einzelne menschengemachte Konzepte widerlegt werden. Die Dekonstruktion der drei Bereiche Religion, Gesellschaft und Identität[23] soll nun dargestellt werden.

2.1.1. Verneinung der Religion

Ein erstes festes Glaubenssystem, auf das sich die Menschen stützen, ist die Religion. Diese ist besonders relevant im Moment des Todes. Ein Bewohner der Stadt, durch die Kreuzgang patrouilliert, liegt in der 1. Nachtwache im Sterben. Der Nachtwächter sieht ihn „blaß und ruhig in das leere Nichts, worin er nach einer Stunde einzugehen gedenkt“[24] blicken, und nicht etwa in das Angesicht einer göttlichen Instanz. Gott als Ausblick auf ein ewiges Leben und als Notwendigkeit zur Akzeptanz des Todes wird hier widerlegt. Vergebens versucht der anwesende Priester, den Mann in den letzten Minuten seines Lebens zu bekehren. Der „Kranke wies die höhere Hoffnung fest und entschieden zurück, und führte dadurch einen großen Moment herbei“[25], da daraufhin der Mann Gottes in der „Person des Teufels selbst“[26] zu sprechen beginnt und beim wütenden Verlassen des Wohnhauses sogar verwechselt und persönlich für diesen gehalten wird. In dem Moment, als das Konzept der Religion in Form des Würdenträgers das Zimmer verlässt, ändert sich die Atmosphäre: es „war die Szene lieblicher worden“[27]. Die Abwesenheit des Glaubens ist somit als positiv gewertet. Da Bonaventura auch keine Alternative zur Religion aufzeigt und er den Leser dadurch im Nichts zurücklässt, erfolgt hier die ironische Ablehnung des Konzepts der Religion. Es bleibt unklar, ob sie ernst oder spaßhaft zu verstehen ist.

2.1.2. Verneinung der Gesellschaft

Ein weiteres Konzept der Menschen ist die bestehende gesellschaftliche Hierarchie. Dieses verneint Bonaventura in der 6. Nachtwache, in welcher der Nachtwächter den Jüngsten Tag ausruft. Gott hat, so Kreuzgangs Diagnose, den Fehler gemacht, „die transzendente, göttliche Autorschaft aus der Hand gegeben und sie einem kollektiv menschlicher, sentimental-romanhungriger, egoistischer Autoren“[28] anvertraut zu haben. Es kommt der Hauptfigur aufgrund dessen so vor, „als ob das Menschengeschlecht das Chaos selbst verpfuscht hat habe, und mit dem Ordnen zu voreilig gewesen sei“[29].

[...]


[1] Um den Rahmen der Hausarbeit nicht zu sprengen wird hierfür die von Colebrook angestellte Zusammenfassung der antiken Ironie verwendet statt der Originalschriften, vgl. Colebrook, Kapitel 2.

[2] Für die Grundlagen Friedrich Schlegels werden die Fragmente des Lyceum und des Athenäum herangezogen, vgl. Schlegel.

[3] Claire Colebrook verfasste in „Irony” eine Zusammenfassung der antiken und romantischen Ironie, die als Grundlage dient. Die englische Originalsprache wird in der Hausarbeit bei direkten Zitaten übernommen.

[4] Als Sekundärliteratur wird unter anderem T. Böning, I. Breuer-Ewers und N. Kaminski herangezogen. Die daraus übernommenen Gedanken sind im Text durch Fußnoten markiert.

[5] Colebrook S. 25

[6] Colebrook, S. 29

[7] Colebrook, S. 52

[8] Vgl. Colebrook, S. 52

[9] Colebrook, S. 52

[10] Schlegel, Athenäum Fragment 51

[11] Colebrook, S. 50

[12] Braeuer-Ewers, S. 84

[13] http://www.dict.cc/englisch-deutsch/buffoonery.html, aufgerufen am 28.2.2015 um 16:35 Uhr

[14] Colebrook, S. 50

[15] Colebrook, S. 67

[16] Colebrook, S. 66

[17] Vgl. Colebrook, S. 67

[18] Vgl. Colebrook, S. 68

[19] Bonaventura, S. 143

[20] Kaminski, S. 105

[21] Vgl. Bonaventura, S. 134

[22] Kaminski, S. 105

[23] Auswahl dieser drei Bereiche angelehnt an Jurca, S. 5f.

[24] Bonaventura, S. 6

[25] Bonaventura, S. 8

[26] Bonaventura, S. 8

[27] Bonaventura, S. 9

[28] Kaminski, S. 89

[29] Bonaventura, S. 48

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ironie in Bonaventuras "Nachtwachen"
Untertitel
Annäherungen durch das Ironieverständnis bei Sokrates, bei Friedrich Schlegel und Analysen von Claire Colebrook
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Melancholie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V353954
ISBN (eBook)
9783668408968
ISBN (Buch)
9783668408975
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bonaventura, Ironie, Nachtwachen, Märchen, Romantik
Arbeit zitieren
Sandra Lill (Autor), 2015, Ironie in Bonaventuras "Nachtwachen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/353954

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ironie in Bonaventuras "Nachtwachen"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden