Was reizt uns an einer Gemeinschaft mit Fremden? Faszination Public Viewing


Hausarbeit, 2014

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Gemeinschaft und Gesellschaft
1.1. Gemeinschaft
1.2. Gesellschaft

2. Was bringt den Menschen Gemeinschaft?
2.1. Was kann sie?
2.2. Was kann sie nicht?

3. Posttraditionale Gemeinschaften (nach Hitzler et al.)
3.1. Besonderheiten „neuer“ Vergemeinschaftungen
3.2. Sonderform „Situative Event-Vergemeinschaftung“ (Gebhardt)

4. Public Viewing
4.1. Definition
4.2. Einordnung in die Theorie: Public Viewing als Beispiel posttraditionaler Vergemeinschaftung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Fragestellung

Seit Stunden stehen sie hier; dicht aneinander gedrängt, in der prallen Sonne. Tausende verschwitzte Menschen in Fußballtrikots, mit Fahnen in den Händen und Schminke im Gesicht. Einige von ihnen sind für diesen Tag von weit her angereist, andere harren schon seit dem frühen Morgen aus, um sich die besten Plätze zu sichern. Gut gelaunt strömen immer mehr ihresgleichen auf das eingezäunte Gelände. Es ist mittlerweile so voll, dass auch das letzte Individuum in der weiß-schwarz-rot-goldenen Masse nicht mehr auszumachen ist. Erst dann wird der Platz geschlossen. Wer jetzt noch kommt, muss sich im fast ebenso großen Gedränge außerhalb des Zaunes einen guten Blick auf einen der Bildschirme erkämpfen. Männer und Frauen verschiedenen Alters haben sich hier versammelt; einige sogar mit Kindern. Kaum einer hat genug Platz, um sich zur Erholung auch nur einen kurzen Moment auf den Boden zu setzen. Viele der Menschen singen, grölen oder wiederholen in Sprechgesängen immer wieder die gleichen, einstudierten Zeilen. Auf dem ganzen Gelände herrscht eine unheimliche Lautstärke.

Wenn man Szenen wie diese von der „Fan-Meile“ in Berlin am Brandenburger Tor in den Medien sieht, drängt sich so manchem Beobachter eine Frage auf: Warum tun sich diese Menschen das an? Viele von ihnen sind eingepfercht, wie Tiere; haben oft weder Schatten, noch durften sie etwas zu trinken mit auf das Gelände nehmen. Teilweise bezahlen sie sogar dafür, eingelassen zu werden. Dennoch versammeln sie sich an diesem Ort, um etwas zu sehen, das sie zu Hause mit Sicherheit viel genauer verfolgen könnten: ein Fußballspiel!

Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wiederholt sich dieses Phänomen hierzulande nun alle zwei Jahre; zu jeder Fußball-Welt- und Europameisterschaft. In vielen Städten herrscht dann Ausnahmezustand und mit jedem Mal wächst die Menge an begeisterten Anhängern, die sich zum gemeinsamen Fußballschauen hinreißen lassen um „(...) vier Wochen Fußball, Fußball, Fußball.“ (H. Köhler, WM-Eröffnungsrede 2006) auf diese Weise miteinander feiern zu können.

Jedoch handelt es sich bei diesen Menschen zum größten Teil nicht um allgemeine Fußballfanatiker oder Sportbegeisterte. Ebenso wenige von ihnen planen außerhalb dieser seltenen Ereignisse gemeinsame Unternehmungen, geschweige denn kennen sie sich persönlich. Was es ist, das diese Menschen veranlasst sich zu versammeln und gemeinsam ein Spiel an zu sehen, zusammen zu jubeln, zu feiern oder zu weinen und danach (meist) wieder als Fremde auseinanderzugehen, ob es sich dabei um eine Art von Gesellschaft oder Gemeinschaft handelt oder es vielleicht noch etwas dazwischen gibt, soll nun Gegenstand der nachfolgenden Ausführungen sein.

1. Gemeinschaft und Gesellschaft

Die beiden Worte Gemeinschaft und Gesellschaft sind im alltäglichen Sprachgebrauch oft und gerne verwendete Begriffe. Hier liest man etwas von Gemeinschaftsgefühl; dort spielt man Gesellschaftsspiele. Doch gerade bei solchen häufig gehörten und gesagten Begriffen hat selten jeder die gleiche Definition davon, was das Wort bedeutet. Um jedoch ein Phänomen wie das oben beschriebene Public Viewing einer Gesellungsform zuordnen zu können, bedarf es erst einmal einer klaren Differenzierung der beiden Begriffe.

1.1. Gemeinschaft

Um eine Vergemeinschaftung nach Max Weber handelt es sich wenn eine soziale Beziehung vorliegt, deren „Einstellung des sozialen Handelns (…) auf subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht.“ (Weber 1984, S.69).

Etwas differenzierter veranschaulicht ist die Gemeinschaft, wie sie Ferdinand Tönnies 1978 in seinem Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft“ beschreibt. Sie tritt in drei verschiedenen Formen auf. Zuerst einmal gibt es Gemeinschaften, die aus biologischer Verwandtschaft hervorgehen können; Tönnies bezeichnet diese als „Gemeinschaft des Blutes“. Die „Gemeinschaft des Ortes“ hingegen beschreibt den möglichen Zusammenhalt zwischen Nachbarn oder in kleinen Dorf- oder Kirchengemeinden und die „Gemeinschaft des Geistes“ jegliche

Formen einer freundschaftlichen Verbundenheit. Vom Ursprung her zwar äußerst verschieden gibt es doch einige Merkmale, die allen dreien gemeinsam sind. So wird ein Einzelner in jeder Gemeinschaftsart als ganze Person integriert und nicht nur ein Teilaspekt von ihm, wie beispielsweise eine bestimmte Fähigkeit. Ebenso verfolgen sie alle ein kollektives und kein individuelles Ziel. Tönnies bezeichnet die Bejahung dieses gemeinschaftlichen Ziels durch jeden Einzelnen als „Wesenwille“, da sie alle w esentlich miteinander verbunden sind. In der Familie entspricht diesem unter anderem die Sozialisation der Kinder und ein harmonisches Zusammenleben. Ein weiteres Merkmal ist ein emotional verankertes „Wir-Gefühl“; verbunden mit einer gewissen Loyalität der Gemeinschaft und ihrer einzelnen Mitglieder gegenüber. Zu diesem „Wir“ gibt es auch immer eine klare Definition davon, wer innerhalb dieses Kollektivs ist und wer nicht. Häufig ist die Gemeinschaft auch nach außen hin deutlich sichtbar abgegrenzt. Das beste Beispiel hierfür ist wohl wieder die Familie, bei der für alle Nichtmitglieder selbstverständlich ist, dass sie nicht dazu gehören. Wird jemand in eine bestehende Gemeinschaft aufgenommen, so ist dies nicht selten mit einem Ritual (wie beispielsweise einer Hochzeit bei der Familie, oder einem Richtfest bei kleineren Dorfgemeinschaften) verbunden. Letzteres ist bei Freundschaften allerdings nicht sonderlich ausgeprägt.

In Gemeinschaften herrschendes Recht bezieht sich selten auf vertragsähnliche Strukturen, sondern findet seinen Ursprung vielmehr in den Gewohnheiten der Einzelnen oder der jeweiligen Gemeinschaftsstruktur (Beispiel Familie: Eltern geben vor, was Recht ist und was nicht).

1.2. Gesellschaft

Im Gegensatz zur Gemeinschaft wohnt den Mitgliedern einer Gesellschaft ein „Kürwille“ inne. Dieser bejaht zwar die Gesellschaft als solche, verbindet damit aber kein gemeinsames, sondern ein - für jedes Mitglied - individuelles, eigennütziges Ziel. Max Weber (1984) bezeichnet in seiner Definition der Vergesellschaftung die Motive aller sozialen Handlungen als entweder wert- oder zweckrational. So handelt es sich bei einer Gesellschaft auch weniger um ein Miteinander, als um ein Füreinander. Jede Leistung, die ein Mitglied für ein anderes oder für die Gesellschaft als Ganzes erbringt, verlangt nach einer (gleich- oder höherwertigen) Gegenleistung. Die Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft werden häufig vertraglich festgelegt und sind von wenig emotionaler Natur. Ein Beispiel für eine Gesellschaft wie sie Tönnies beschreibt ist der Markt. Verkäufer und Konsument haben eine formale Beziehung und jeder ist nur auf seinen eigenen Nutzen aus. Eine solche Gesellschaft kann nur funktionieren wenn ein Unterschied darin besteht, was für den Einzelnen einen vergleichsweise höheren oder niedrigeren Wert besitzt (Beispiel Markt: für den Verkäufer ist die verlangte Summe an Geld mehr wert als die Ware, die er dafür herausgibt). Das Ziel einer Gesellschaft ist für gewöhnlich der größtmögliche Interessenausgleich. Ein „Wir-Gefühl“ oder ein Bewusstsein dafür, wer Teil der Gesellschaft ist und wer nicht, ist nicht vorhanden.

Der Nutzen, den eine Gesellschaft mit sich bringt ist vor allem ein hohes Maß an Individualität und Funktionalität. Jeder hat die Möglichkeit nach eigenen Interessen zu handeln und seine persönliche Ziele und Werte zu verfolgen. Meist trägt er damit auch automatisch zur Aufrechterhaltung des Systems bei, kann sich ihm aber auch verweigern oder entziehen wenn er es nicht (mehr) benötigt. Der Einsatz eigener Mittel und Fähigkeiten beruht in der Gesellschaft also auf Freiwilligkeit.

Die gewinnbringenden Eigenschaften der Gemeinschaft hingegen sind - wenn man einmal von der primären Sozialisationsfunktion der Familie absieht - nicht so einfach auszumachen und es stellt sich die Frage:

2. Was bringt den Menschen Gemeinschaft?

2.1. Was kann sie?

„Einer für alle, alle für einen“, beschreibt nicht nur die Gemeinschaft der drei Musketiere von Alexandre Dumas (1845) besonders treffend, sondern könnte durchaus der Leitspruch für jede Gemeinschaft sein. Eine Gemeinschaft bietet durch genau diese Loyalität einen geschützten Rahmen durch und für ihre Mitglieder. Sie versichern sich gegenseitigen Zusammenhalt und Unterstützung bei jeglichen Problemen. Die Fähigkeiten der Einzelnen werden zum Wohle aller eingesetzt und dies für gewöhnlich ohne dass nach einem Ausgleich des Geleisteten verlangt wird. Durch die Integration der gesamten Person (inklusive ihrer Probleme und Schwächen) in die Gemeinschaft fühlen sich ihr die Mitglieder eng verbunden und sie gibt ihnen ein Gefühl von Geborgenheit.

2.2. Was kann sie nicht?

Die Grenzen der Gemeinschaft nach Helmuth Plessner (2001) bestehen vor allem in ihrer Beschränkung der Entfaltung des Einzelnen. Bezieht man das Sprichwort „Eine Kette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied“ auf den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, so lässt sich erahnen was diese mit den Fähigkeiten einer einzelnen Person macht. Für das Wohl und die Ziele der Gemeinschaft eingesetzt, ist es kaum möglich das ganze Potential einer besonderen Veranlagung zu entfalten. Die Verweigerung egoistischen Denkens, so wie die Verantwortung für andere blockiert Konkurrenz und bedingt damit auch eine gewisse Risikobereitschaft. Das Ideal der Gemeinschaft beschreibt Plessner als eines, das nur von materiell oder intellektuell benachteiligten Menschen angestrebt werden kann. Außerdem wird es laut Plessner nie dazu kommen, dass die Gemeinschaft ihrer Theorie vollkommen gerecht werden kann, nach der die ihr zugehörigen Menschen uneigennützig, ausschließlich zum Wohle der Gemeinschaft handeln und sich vor den anderen Mitgliedern mit allen Facetten ihrer Persönlichkeit entblößen.

Betrachtet man die beiden Formen menschlichen Zusammenschlusses unter einem emotionalen Aspekt, so entsteht der Eindruck, Gemeinschaft sei etwas Behütendes, Herzliches und Einladendes; während die Gesellschaft eine eher kalte soziale Atmosphäre vermittelt; oder anders formuliert: während die einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft wirklich und in ihrer Gesamtheit miteinander verbunden sind, sind sie es in Gesellschaften nur scheinbar (vgl. W. Gebhardt in Hitzler et al. 2008). In dieses schwarz-weiße Schema lassen sich jedoch längst nicht alle Gesellungsarten einordnen, mit denen wir es in der heutigen Zeit zu tun haben. Gerade am Beispiel des Public Viewing lässt sich erkennen, dass nicht vollständig mit einem dieser Termini beschrieben werden kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Was reizt uns an einer Gemeinschaft mit Fremden? Faszination Public Viewing
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Soziologie)
Veranstaltung
Posttraditionale Vergemeinschaftung
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V354043
ISBN (eBook)
9783668402409
ISBN (Buch)
9783668402416
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball, Public Viewing, Gemeinschaft, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Yvonne Moch (Autor), 2014, Was reizt uns an einer Gemeinschaft mit Fremden? Faszination Public Viewing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354043

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