Gerhard Hauck beschäftigt sich in der Einleitung zu seinem Buch „Die Gesellschaft und ihr Anderes“ mit der Problematik des Eurozentrismus in den Sozialwissenschaften. Er kritisiert die Vorgehensweisen und die eingeschränkten Perspektiven der heutigen westlichen Forschung vor allem in Bezug auf andere Kulturen. „Sie [die Forscher/ Sozialwissenschaftler] implantieren den Handlungen der Menschen, die sie untersuchen, ungeprüft und unhinterfragt den Sinn, den sie selbst entsprechend den Festlegungen ihrer eigenen Kultur in ihnen sehen[…]“ (Hauck, 2003 S. 12f) Das bedeutet, dass Wissenschaftler ihre Forschung unreflektiert und unkritisch in ihre Theorien umwandeln und diese dann auf die gesamte Welt übertragen.
Ob dieser von Hauck eingebrachte Vorwurf auch auf die Geschlechterforschung beziehungsweise auf Teile der Geschlechterforschung zu übertragen ist, damit wird sich diese Arbeit beschäftigen. Zuerst wird in der Arbeit das Konzept des Eurozentrismus vorgestellt, dabei wird auch auf den konzeptuellen Gegenpart, den Ethnozentrismus eingegangen. Anschließend soll die Forschungsfrage „Tritt in der modernen Geschlechterforschung Eurozentrismus ebenfalls auf?“ beantwortet werden.
Hierbei kann allerdings nur ein Teil der Geschlechterforschung untersucht werden, da es ansonsten den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Eine Untersuchung der gesamten Geschlechterforschung ist auch nicht nötig, da nur das Auftreten, nicht aber das Ausmaß des Eurozentrismus untersucht werden soll.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Eurozentrismus
Definition Eurozentrismus
Auftreten des Eurozentrismus in der Geschlechterforschung
Eurozentristische Geschlechterforschung
Postkoloniale Kritik an der Eurozentristischen Geschlechterforschung
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob der Vorwurf des Eurozentrismus, wie er in den allgemeinen Sozialwissenschaften formuliert wird, auch auf die moderne Geschlechterforschung zutrifft. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob in der Geschlechterforschung eurozentristische Perspektiven existieren, die westliche Normen als universell definieren und damit die Vielfalt anderer kultureller und geschlechtsspezifischer Lebenswelten marginalisieren.
- Grundlagen und Definition des Konzepts Eurozentrismus
- Abgrenzung zwischen Eurozentrismus und Ethnozentrismus
- Analyse eurozentristischer Tendenzen innerhalb der Geschlechterforschung
- Postkoloniale Kritik und Ansätze zur Dekonstruktion westlicher Forschungsansätze
- Diskurs um die "universelle" weibliche Erfahrung und deren Problematik
Auszug aus dem Buch
Definition Eurozentrismus
Bevor mit der Untersuchung des Eurozentrismus in der Geschlechterforschung begonnen werden kann, ist es sinnvoll den Begriff genauer zu definieren.
Im Buch „L’eurocentrism: Critique d’une ideologie“ von Samir Amin heißt es hierzu: Eurozentrismus in ein kulturelles Phänomen in dem Sinne, dass er die Existenz von individuellen kulturellen Invarianten, die die historischen Pfade verschiedener Völker oder Kulturen ausmachen, annimmt. Eurozentrismus ist deshalb anti-universell, weil er nicht versucht mögliche allgemeingültige Gesetze für die Entwicklung der Menschheit zu suchen. Allerdings präsentiert er sich als universell und setzt das Ziel voraus, dass alle Kulturen und Völker das “westliche Modell” adaptieren sollen, weil dies die einzige Lösung für die Herausforderungen unserer Zeit sei. (vgl. Amin, 1989 S. vii.)
Ein weiterer häufig beim Thema Eurozentrismus zitierter Autor ist James Morris Blaut, er beschreibt den Eurozentrismus als den Glauben, dass: Die europäische Zivilisation -“der Westen”- hat bestimmte einzigartige historische Vorteile, eine besondere Qualität der ‘Rasse’, der Kultur, der Umwelt, des Verstandes und des Geistes, welche dieser europäischen Gemeinschaft eine permanente Überlegenheit gegenüber allen anderen Gemeinschaften gibt, von der Vergangenheit bis zur heutigen Zeit. (vgl. Blaut, 1993 S. 1)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Eurozentrismus ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob dieses Phänomen auch die Geschlechterforschung durchzieht.
Eurozentrismus: Dieses Kapitel definiert den Eurozentrismus theoretisch und grenzt ihn vom verwandten, aber unterschiedlichen Konzept des Ethnozentrismus ab.
Auftreten des Eurozentrismus in der Geschlechterforschung: Dieser Abschnitt analysiert, wie eurozentristische Muster in der Geschlechterforschung wirksam werden und stellt die postkoloniale Kritik daran dar, insbesondere durch Denker wie Spivak und Mohanty.
Zusammenfassung: Das letzte Kapitel resümiert die Ergebnisse und stellt fest, dass in der Geschlechterforschung durchaus eurozentristische Tendenzen existieren, wenngleich ein wachsendes Bewusstsein für diese Problematik erkennbar ist.
Schlüsselwörter
Eurozentrismus, Geschlechterforschung, Postkolonialismus, Ethnozentrismus, westliches Modell, soziale Normen, Feminismus, Gayatri Chakravorty Spivak, Chandra Talpade Mohanty, universelle Erfahrung, Machtverhältnisse, Epistemologie, koloniale Kritik, Identität, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Auseinandersetzung des Eurozentrismus-Begriffs und dessen Anwendung sowie Relevanz innerhalb der Geschlechterforschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Definition des Eurozentrismus, die Unterscheidung zum Ethnozentrismus, die Kritik an der Universalisierung westlicher Frauenbilder sowie postkoloniale Theorien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Vorwurf zu prüfen, ob die Geschlechterforschung unreflektiert westliche Perspektiven und Normen als universell gültig auf andere Kulturen überträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die zentrale Werke und Konzepte postkolonialer Theoretiker heranzieht, um den Forschungsgegenstand zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition und Abgrenzung des Eurozentrismus sowie eine konkrete Anwendung dieser Erkenntnisse auf die Geschlechterforschung und deren postkoloniale Kritik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Eurozentrismus, Postkolonialismus, Feminismus, universelle Wahrheit und Machtstrukturen in der Wissenschaft charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Postkolonialismus in dieser Arbeit?
Der Postkolonialismus dient als methodisches Werkzeug, um eurozentristische Denkweisen in der Geschlechterforschung offenzulegen und kritisch zu hinterfragen.
Was versteht man unter dem in der Arbeit zitierten Bild der "Dritte-Welt-Frau"?
Dieses von Mohanty kritisierte Konstrukt dient in der westlichen Forschung oft als Gegenentwurf zur weißen, emanzipierten Frau, wobei die Dritte-Welt-Frau als "rückständig" oder "zu unterstützend" gerahmt wird.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich der Geschlechterforschung?
Der Autor schließt, dass eurozentristische Tendenzen existieren, lobt jedoch gleichzeitig, dass sich ein Bewusstsein für diese problematische Einseitigkeit in aktuellen Studien entwickelt hat.
Wie unterscheidet sich der Eurozentrismus vom "normalen" Ethnozentrismus?
Der Eurozentrismus zeichnet sich durch den Anspruch auf Universalität und die damit verbundene Macht aus, die eigene Lebensform inhaltlich als überlegen zu begründen und die Welt nach diesem Vorbild formen zu wollen.
- Citar trabajo
- Sarah Kutscher (Autor), 2014, Eurozentristische Geschlechterforschung und die Kritik des Postkolonialismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354046