Die Antinomie zwischen Individuum und Masse in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz"


Hausarbeit, 2012

11 Seiten, Note: 1,7

Barbara Lampert (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Dilemma zwischen Mensch und Masse
2.1 Franz Biberkopf als Antiheld
2.2 Die Bedeutung der Großstadt
2.2.1 Die Montagetechnik
2.3 Der Kampf zwischen Individuum und Stadt

3. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In Alfred Döblins Großstadtroman Berlin Alexanderplatz gelingt es zum ersten Mal innerhalb der deutschen Literatur die städtische Realität in ein Kunstwerk einzufassen.1 So wird eine Großstadt in einer Anwandlung ungewöhnlicher städtischer Erzähltechniken, wie zum Beispiel der Montagetechnik auf welche im Folgenden eingegangen wird, soweit in die Spitze geführt, dass die Stadt selbst als eine personifiziertes Individuum dargestellt wird, welches selbst zur sprachlichen Kommunikation fähig ist. „Der Rosenthaler Platz unterhält sich“2, heißt es an einer Stelle. Das besondere an Döblins Roman ist jedoch die Eigentümlichkeit einer ästhetisch entfesselten Realität einer Großstadt, die vor unzähliger Vielfältigkeit zu sprudeln und zu explodieren scheint und die im Kontrast zu einem gefesselten Menschenbild steht,3 dem des Franz Biberkopfs. Dieser, vorerst als Protagonist betrachtet, erweist sich schnell als der Antiheld und Gegenspieler der Großstadt Berlins. Er ist derjenige, der mitten in das städtische, chaotische Leben hineingeworfen wird und orientierungslos in der unbändigen Großstadt herumirrt, betäubt durch die Vielschichtigkeit der städtischen Möglichkeiten, die sich in der Montagetechnik eröffnen. So gelingt es Döblin, dem Subjekt die Realität der Stadt als ein ´Nebeneinander´ anzuzeigen, welches parallel jedoch durch die Reizüberflutung der städtischen Öffentlichkeit von der Subjekt-Realität entfremdet wird.4 Die großstädtische Erfahrungswirklichkeit bewirkt, dass Zusammenhänge auseinandertreiben, sich voneinander lösen und sich gegen eine rationale Vermittlung der Umwelt stellen,5 welche schließlich die Auflösung der Subjektivität zur Folge hat. Die Vereinbarung von Individuum und Masse scheint damit in ein Dilemma zu verfallen, welche in Döblins Werk die zentrale Rolle einnimmt. Im Folgenden möchte ich mich mit dem Dilemma der Unvereinbarkeit zwischen Mensch und Masse in Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz intensiver befassen.

2. Das Dilemma zwischen Mensch und Masse

2.1 Franz Biberkopf als Antiheld

Zunächst einmal bedarf es einer Klärung der ausgesetzten Zentralfigur in Döblins Großstadtroman. Biberkopf ist, wie bereits erwähnt, der Antiheld. Er wird dargestellt als eine Person, die von nirgendwo herkommt und nicht weiß, wohin sie gehen soll und deswegen dem Komplex des städtischen Lebens überlassen wird.6 Den Roman mit der Aussetzung des „Helden“ in einer ihm noch unbekannten Welt zu beginnen, ist jedoch kein Novum in der Literatur.7 Der Unterschied liegt hierbei jedoch darin, dass es nicht Biberkopf ist, der für den Anfang seiner Geschichte verantwortlich ist, sondern die Justizbehörden.8 Der Grund für sein Auftauchen im Geschehen ist derjenige, dass er an diesem Tag sein Strafmaß abgesessen hat und das Gefängnis in Tegel zu verlassen hat. So wird Biberkopf in die Freiheit entlassen, doch nur wenige Zeilen später noch auf der ersten Seite, erwähnt die narrative Instanz: „ Die Strafe beginnt. “ 9 Hier ahnt der Leser bereits, dass die Refunktionalisierung Biberkopfs in die Gesellschaft, die nach dem Absitzen seiner Haft zu erwarten wäre, zu scheitern droht. Ferner wird er von der narrativen Instanz lediglich mit einigen wenigen Eigenschaften ausgestattet und daraufhin dem Kraftfeld der Stadt und den großstädtischen Tempo ausgesetzt. Nichtsahnend erhält Biberkopf Einzug in die Stadt. „ [...] Berlin [aber] zertr ü mmert seine Identit ä t [...], projiziert sie unz ä hlige Male auf andere Figuren, solange bis sie transparent wird. “ 10 So wird die Scheidung von Individuum zur Welt fließend und nahezu vollständig aufgehoben, da Döblin die Trennschärfe zwischen dem Innenleben Biberkopfs und dem Außenleben der Stadt ignoriert und so das städtische Chaos in das Bewusstsein Biberkopf umlegt,11 sodass die Welt des Nebeneinander zu seiner äußeren und inneren Realität wird. Folglich erscheint Biberkopf identisch mit den Eigenschaften und Merkmalen der Stadt, sodass er der Großstadt nicht mit eigenem Bewusstsein begegnen kann, da ihm ein Innenleben zum ordnen der Außenwelt verwehrt bleibt und daher nicht auf diese eigenständig reagieren kann. Diese Fähigkeit des Ordnens der Außenwelt wurde im also radikal genommen und durch ein reduziertes Vermögen zum rein assoziativ- verknüpfendem Denken ersetzt.12 Die ursprünglich der Stadt zugehörigen Ereignisse des Nebeneinander werden in die montierte Psyche der Hauptfigur verlagert, die zwar zum Schichten, Häufen und Schieben mächtig ist, der aber die strukturelle Gliederungen von Eindrücken in den eigenen Erkenntnisraum verweigert wird.13 „ Alles bleibt an ihm haften oder geht durch ihn hindurch. “ 14 Die kognitive und emotionale Überbelastung des Subjekts, führt letztlich zur Selbstentfremdung, da die Person durch jeden neuen Reiz dezentriert wird und eine untergeordnete Rolle gegenüber des Auslösers, nämlich der Stadt, einnimmt.15 So wird im Verlauf des Romans schnell ersichtlich, dass Biberkopf kaum individuelle Subjektivität zugesprochen werden kann. Viel eher wird er gelenkt wie eine Marionette, welche aus individuellen Motiven heraus zum Handeln nicht fähig ist.16 Es wirkt, als wäre die Stadt der Apparat, der die Handlungsmotivation Biberkopfs steuert und zum Leitfaden seiner Bewegungen wird. Die einzige Entgegnung, die Biberkopf auf die Reizüberflutung der städtischen Eindrücke formulieren kann, ist „ [...]was geht mich das an und geht mich das an, und die Politik geht mir nichts an und wenn die Menschen so d ä mlich sind sich ausbeuten zu lassen, kann ick nichts f ü r.17, sodass sich hierbei erneut ein Unvermögen zur sinnvollen Gliederung der Welt eröffnet und ein narzisstischer Charakterzug Biberkopfs hervortritt. Biberkopf, der sich zwar alle Erlebnisse in sich aufnimmt, kann diese nicht in eine Erfahrung überführen und verbleibt so in einer Bewusstlosigkeit der Dinge.18 Kaum einmal reagiert Biberkopf angemessen auf seine Umgebung. Er antwortet mit Gewalt, Schweigen oder Isolation. Dies verdeutlicht die elementare Asymmetrie zwischen dem Innenleben eines Subjekt und der Dynamik der Außenwelt.19 Somit ist Biberkopf keine übliche literarische Figur, sondern ein Organ des künstlerischen Vorhabens, eine Menschenmontage, um die Großstadtwelt zu bewältigen. Durch die Abschaffung des individuellen Ichs schafft Döblin einen Bruch mit der deutschen Romantradition, indem der physische Körper eines Subjekts zwar bestehen bleibt, dieses aber an eine berauschende Außenwelt angelagert wird und somit zu einem Ich als Weltaußenraum dargestellt wird.20 Es ist also nicht speziell die Figur des Biberkopfs, die entscheidend für den Romanverlauf ist. „ [...] wir k ö nnten Schritt um Schritt dasselbe getan haben wie er und dasselbe erlebt haben wie er. “ 21 Man könnte Biberkopf durch jede andere zufällige Person ersetzten, denn Döblin zielt nicht auf die Darstellung eines besonders heraustragenden Subjekts als Helden hinaus, sondern verfolgt eine andere Absicht.

2.2 Die Bedeutung der Großstadt

Da nun herausgestellt wurde, dass es nicht das Subjekt ist, dass die entscheidende Rolle in Döblins Roman darstellt, wird im Folgenden auf die Bedeutung der Stadt eingegangen. Die Stadt Berlin stellt sich nämlich hingegen als der tatsächliche Protagonist gegenüber Biberkopf heraus. Sie ist es, die aus eigener Kraft lebt und die zudem das Auftreten aller Dinge erlaubt und ihnen den Status als etwas reales in ihr verleiht. So lebt Berlin in all seinen Erscheinungsformen und das noch bevor Biberkopf sie in sich aufnehmen kann.22 Zunächst glaubt Biberkopf zwar, er könnte die Stadt, die Menschen und die Dinge nach seinem Willen formen, doch die Stadt widersetzt sich seinem Vorhaben und lässt ihn drei Schicksalsschläge erleiden, um auf sich aufmerksam zu machen.23 Besonders deutlich wird die Ausdrucksform der Stadt im Form der Montagetechnik zum Vorschein gebracht. Hierauf wird anschließend eingegangen.

2.2.1 Die Montagetechnik

Die Montagetechnik, die Döblins Werk in vielfältiger Weise kennzeichnet, erscheint zunächst wie ein großes zusammengewürfeltes Konstrukt aus einzelnen privaten Geschichten, Zeitungsberichten, Bibelzitaten usw., denen primär aufgrund ihrer Willkürlichkeit und Zusammenhanglosigkeit keinerlei große Bedeutung zu zukommen scheint.

[...]


1 Freisfeld, Andreas: Das Leiden an der Stadt: Spuren der Verstädterung in dt. Romanen des 20. Jahrhunderts. Köln, 1982. S.134.

2 Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Frankfurt am Main, 2008. S. 51.

3 Vgl. Freisfeld S. 133.

4 Vgl. Ebd. S. 165.

5 Vgl. Ebd. S. 162.

6 Klein, Otto: Das Thema Gewalt im Werk Alfred Döblins. Ästhetische, ethische und religiöse Sichtweise. Hamburg, 1995. S. 197.

7 Vgl. Jähner, Harald: The City as Megaphone in Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. In: Berlin. Culture and Metropolis. Haxthausen, Charles W./ Suhr, Heidrun (Hrsg.)S. 144.

8 Vgl. Baum, Michael: Kontingenz und Gewalt. Semiotische Strukturen und erzählte Welt in Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz. Würzburg, 2003. S.38.

9 Döblin S.15.

10 Sanna, Simonetta: Die Quadratur des Kreises. Stadt und Wahnsinn in Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin. Frankfurt a. M., 2000. S.38.

11 Vgl. Freisfeld S. 161.

12 Vgl. Ebd. S. 163f.

13 Vgl. Ebd. S.164.

14 Baum S. 210.

15 Vgl. Baum S. 40.

16 Vgl. Baum S. 209.

17 Döblin S. 287.

18 Vgl. Freisfeld S. 163.

19 Vgl. Baum S. 214.

20 Vgl. Freisfeld S. 159f.

21 Döblin S.217.

22 Vgl. Sanna S.37.

23 Vgl. Sanna S. 37.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Antinomie zwischen Individuum und Masse in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V354152
ISBN (eBook)
9783668407589
ISBN (Buch)
9783668407596
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
antinomie, individuum, masse, alfred, döblins, berlin, alexanderplatz
Arbeit zitieren
Barbara Lampert (Autor), 2012, Die Antinomie zwischen Individuum und Masse in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354152

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