Diese Arbeit befasst sich mit dem Dilemma der Unvereinbarkeit zwischen Mensch und Masse in Alfred Döblins Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz". In Döblins Roman wird die Großstadt in einer Anwandlung ungewöhnlicher Erzähltechniken selbst zu einem personifizierten Individuum, das zur sprachlichen Kommunikation fähig ist. Das Besondere an Döblins Roman ist dabei die Eigentümlichkeit einer ästhetisch entfesselten Realität einer Großstadt, die vor Vielfältigkeit zu sprudeln und zu explodieren scheint und die im Kontrast zu einem gefesselten Menschenbild steht, das durch den Protagonisten Franz Biberkopf dargestellt wird.
Dieser Protagonist erweist sich schnell als der Antiheld und Gegenspieler der Großstadt Berlin. Er ist derjenige, der mitten in das städtische, chaotische Leben hineingeworfen wird und orientierungslos in der unbändigen Großstadt herumirrt, betäubt durch die Vielschichtigkeit der städtischen Möglichkeiten.
Die großstädtische Erfahrungswirklichkeit bewirkt, dass Zusammenhänge auseinander treiben, sich voneinander lösen und sich gegen eine rationale Vermittlung der Umwelt stellen, welche schließlich die Auflösung der Subjektivität zur Folge hat. Die Vereinbarung von Individuum und Masse scheint damit in ein Dilemma zu verfallen, welche in Döblins Werk eine zentrale Rolle einnimmt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Dilemma zwischen Mensch und Masse
2.1 Franz Biberkopf als Antiheld
2.2 Die Bedeutung der Großstadt
2.2.1 Die Montagetechnik
2.3 Der Kampf zwischen Individuum und Stadt
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das zentrale Dilemma der Unvereinbarkeit zwischen dem Individuum und der anonymen Masse im Roman "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin. Dabei wird analysiert, inwieweit die Großstadt als handelnder Akteur die Identität der Hauptfigur Franz Biberkopf durch Reizüberflutung und Entfremdung auflöst, und welche Rolle erzähltechnische Mittel in diesem Prozess einnehmen.
- Die Darstellung von Franz Biberkopf als Antiheld und Marionette der Großstadt.
- Die Funktion der Montagetechnik zur Abbildung einer chaotischen städtischen Wirklichkeit.
- Die Analyse der Entfremdungsprozesse und der Verlust von Bodenhaftung des Individuums.
- Die Interpretation der Schuldfrage vor dem Hintergrund der sozialen Dynamik der Metropole.
Auszug aus dem Buch
2.1 Franz Biberkopf als Antiheld
Zunächst einmal bedarf es einer Klärung der ausgesetzten Zentralfigur in Döblins Großstadtroman. Biberkopf ist, wie bereits erwähnt, der Antiheld. Er wird dargestellt als eine Person, die von nirgendwo herkommt und nicht weiß, wohin sie gehen soll und deswegen dem Komplex des städtischen Lebens überlassen wird. Den Roman mit der Aussetzung des „Helden“ in einer ihm noch unbekannten Welt zu beginnen, ist jedoch kein Novum in der Literatur. Der Unterschied liegt hierbei jedoch darin, dass es nicht Biberkopf ist, der für den Anfang seiner Geschichte verantwortlich ist, sondern die Justizbehörden. Der Grund für sein Auftauchen im Geschehen ist derjenige, dass er an diesem Tag sein Strafmaß abgesessen hat und das Gefängnis in Tegel zu verlassen hat.
So wird Biberkopf in die Freiheit entlassen, doch nur wenige Zeilen später noch auf der ersten Seite, erwähnt die narrative Instanz: „Die Strafe beginnt.“ Hier ahnt der Leser bereits, dass die Refunktionalisierung Biberkopfs in die Gesellschaft, die nach dem Absitzen seiner Haft zu erwarten wäre, zu scheitern droht. Ferner wird er von der narrativen Instanz lediglich mit einigen wenigen Eigenschaften ausgestattet und daraufhin dem Kraftfeld der Stadt und den großstädtischen Tempo ausgesetzt. Nichtsahnend erhält Biberkopf Einzug in die Stadt. „[...] Berlin [aber] zertrümmert seine Identität [...], projiziert sie unzählige Male auf andere Figuren, solange bis sie transparent wird.“ So wird die Scheidung von Individuum zur Welt fließend und nahezu vollständig aufgehoben, da Döblin die Trennschärfe zwischen dem Innenleben Biberkopfs und dem Außenleben der Stadt ignoriert und so das städtische Chaos in das Bewusstsein Biberkopf umlegt, sodass die Welt des Nebeneinander zu seiner äußeren und inneren Realität wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das zentrale Thema der städtischen Realität bei Döblin ein und stellt das Dilemma der Unvereinbarkeit von Mensch und Masse heraus.
2. Das Dilemma zwischen Mensch und Masse: Dieses Hauptkapitel analysiert das Spannungsfeld zwischen der Großstadt und dem Individuum.
2.1 Franz Biberkopf als Antiheld: Untersucht die Figur Biberkopf als vom Schicksal bestimmte Marionette, der es an autonomem Handlungsvermögen mangelt.
2.2 Die Bedeutung der Großstadt: Beleuchtet die Stadt Berlin als den eigentlich handelnden Protagonisten, der das Schicksal des Protagonisten bestimmt.
2.2.1 Die Montagetechnik: Erläutert, wie Döblins erzählerische Montagetechnik die Zersplitterung der Wahrnehmung und die polyphone Struktur der Großstadt widerspiegelt.
2.3 Der Kampf zwischen Individuum und Stadt: Beschreibt die existenzielle Bedrohung des Individuums durch die Entfremdung und den Verlust von Halt im städtischen Raum.
3. Fazit: Fasst zusammen, dass Biberkopfs Geschichte als Parabel für die soziale Verantwortung des Einzelnen in einer komplexen Gesellschaft zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Berlin Alexanderplatz, Alfred Döblin, Großstadtroman, Franz Biberkopf, Antiheld, Montagetechnik, Individuum, Masse, Entfremdung, Identitätsverlust, Moderne, soziale Verantwortung, Literatur, Subjektivität, städtische Realität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert das zentrale Dilemma der Unvereinbarkeit von Individuum und Masse am Beispiel von Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Zentrale Schwerpunkte sind die Rolle von Franz Biberkopf als Antiheld, die zerstörerische Wirkung der Großstadt auf das Subjekt sowie die ästhetischen Mittel des Romans.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, wie Döblin die Auflösung der Subjektivität durch die städtische Dynamik darstellt und ob das Individuum in dieser Umgebung überhaupt verantwortungsvoll handeln kann.
Welche methodischen Ansätze werden verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Romans unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zu den Themen Verstädterung, Kontingenz und Montage.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung der Hauptfigur, die Analyse der Stadt als Akteur sowie die Untersuchung der erzähltechnischen Montagetechnik als Mittel der Identitätsauflösung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Montagetechnik, Entfremdung, Antiheld und das Spannungsfeld zwischen Mensch und Masse definieren.
Welche Rolle spielt die Montagetechnik für das Verständnis der Identität im Roman?
Die Montagetechnik fungiert als erzählerisches Mittel, um die Zersplitterung der Identität und die Überflutung des Subjekts durch die Eindrücke der Großstadt abzubilden.
Inwiefern kann man bei Franz Biberkopf von einer selbstverantwortlichen Schuld sprechen?
Die Arbeit stellt in Frage, ob Biberkopf überhaupt Schuld tragen kann, da er als "Menschenmontage" agiert, der die Fähigkeit zur freien, rationalen Entscheidung durch die Stadt entzogen wurde.
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- Barbara Lampert (Author), 2012, Die Antinomie zwischen Individuum und Masse in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354152