„Kinder stehen in Deutschland nicht im fröhlichen Mittelpunkt, sondern unter einem bedrohlichen Artenschutz.“
(Jeanne Rubner, Süddeutsche Zeitung, Nr. 106, 8. Mai 2004)
Betrachtet man die Fertilität in der Bundesrepublik, so liegt diese seit Mitte der siebziger Jahre ziemlich konstant bei 1,35 Kindern pro Frau. Eine Geburtenrate von 2,1 Kindern wäre jedoch notwendig, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Neben einem, ohne Zuwanderung zu erwartenden Rückgang der Bevölkerung, ist ein weiterer demographischer Trend zu beobachten: die Überalterung der Bevölkerung. Zum einen resultiert dies aus einer gesteigerten Lebenserwartung, zum anderen aber auch aus der anhaltend niedrigen Kinderzahl pro Familie. 1 Deutschland nimmt im weltweiten Vergleich der Geburtenzahlen einen der letzten Plätze ein. Dies wäre, wenn man sich denn ausschließlich auf die Betrachtung der Daten und Statistiken beschränken würde, weniger besorgniserregend. Bedenkt man jedoch die Folgen des Geburtenrückgangs, sind diese alarmierend. Durch die Umkehrung der Bevölkerungspyramide entstehen enorme finanzielle Kosten für die Sozialsysteme und es bleibt fraglich, ob diese in der Zukunft überhaupt noch funktionieren k önnen. Das Innovationskapital des Wirtschaftsstandorts Deutschland wird verringert. Ökonomische Krisen sind aufgrund der Mehrbelastung der sozialen Sicherungssysteme vorprogrammiert, um nur einige der Folgen zu nennen. Angesichts dieser Tatsachen ist es umso erstaunlicher, dass dieses Thema in der Politik über Jahrzehnte stiefmütterlich behandelt und verdrängt wurde. In der Soziologie lässt sich dieser Umgang mit der Thematik nicht feststellen, denn das Thema Geburtenrückgang streift zahlreiche Teilbereiche der soziologischen Forschung, sei es nun Familien- und Bevölkerungssoziologie, soziologische Theorie oder das interdisziplinäre Forschungsgebiet der Bevölkerungswissenschaft (Demographie). Die vorliegende Arbeit wird sich im Schwerpunkt mit dem Phänomen des Geburtenrückgangs in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigen. Die zentrale Frage, ist die nach den Ursachen dieser Entwicklung unter Berücksichtigung der
Familien- und Gesellschaftsstrukturen. Welche erfolgsversprechenden Lösungsansätze gibt es, ge rade hinsichtlich einer Umkehrung des Trends in Frankreich?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theorien des Geburtenrückgangs und des generativen Verhaltens
II.1 Die „wealth-flow-theory of fertility decline“ (J. C. Caldwell)
II.2 Die „Theorie der säkularen Nachwuchsbeschränkung“ (Hans Linde)
II.3 Zusammenfassung
III. Geburtenrückgang in Deutschland (West)
III.1 Historische Betrachtung des Geburtenrückgangs
III.2 Familien- und Gesellschaftsstrukturen im Wandel
III.3 Ursachen des Geburtenrückgangs ( in Deutschland)
III.4 Die Bevölkerungssituation in Deutschland und im westlichen Europa
IV. Familienpolitik und familienpolitische Lösungsansätze in der Bundesrepublik Deutschland ( - im Vergleich mit Frankreich)
IV.1 Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland
IV.2 Lösungsansätze
IV.3 Familienpolitik in Frankreich
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die soziologischen und demographischen Ursachen des Geburtenrückgangs in Deutschland sowie die Wirksamkeit familienpolitischer Maßnahmen im Vergleich mit dem französischen Modell, um Lösungsansätze für die demographische Krise aufzuzeigen.
- Theoretische Erklärungsmodelle des generativen Verhaltens
- Historische und strukturelle Entwicklung der Geburtenrate
- Einfluss sozio-ökonomischer Rahmenbedingungen auf die Familienplanung
- Vergleich der Familienpolitik in Deutschland und Frankreich
Auszug aus dem Buch
II.1 Die „wealth-flow-theory of fertility decline“ (J. C. Caldwell)
Der australische Sozialforscher J. C. Caldwell verknüpft in seiner Theoriebildung des langfristigen Geburtenrückgangs die Relation von Produktionsverhältnissen, Familienstrukturen und Geburtenrückgang. Ähnlich wie in haushalts- und mikroökonomischen Fertilitätstheorien geht Caldwell davon aus, dass, sobald von Seiten der Eltern keine langfristigen wirtschaftlichen Vorteile von Kindern mehr wahrgenommen werden, die Geburtenhäufigkeit abnimmt. Weiterhin stellt er familiale Produktionsverhältnisse denen von marktwirtschaftlich organisierten Produktionsverhältnissen entgegen und kommt zu dem Fazit, dass bei erstgenanntem eine hohe Kinderzahl und bei zweitgenanntem eine geringe Kinderzahl anzunehmen sei. Francois Höpflinger spricht somit von einer ökonomisch-deterministischen Theorie. Er schränkt diese Aussage jedoch sogleich wieder ein, da Caldwell ebenfalls die Existenz unterschiedlicher Familienstrukturen und -normen anerkennt. Die Einschränkung besteht darin, dass die ökonomische Rationalität eines hohen oder niedrigen Geburtenniveaus von familial-verwandschaftlichen Strukturen und intergenerationellen Beziehungen geprägt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in die demographische Problematik und Darstellung des Forschungsgegenstands.
II. Theorien des Geburtenrückgangs und des generativen Verhaltens: Vorstellung wissenschaftlicher Modelle zur Erklärung des Rückgangs der Geburtenraten.
II.1 Die „wealth-flow-theory of fertility decline“ (J. C. Caldwell): Analyse der ökonomisch determinierten Theorie, die den Wandel von Produktionsverhältnissen als Ursache benennt.
II.2 Die „Theorie der säkularen Nachwuchsbeschränkung“ (Hans Linde): Erläuterung der schichtspezifischen Veränderungen des Kinderwerts im Zuge der Industrialisierung.
II.3 Zusammenfassung: Synthese der vorgestellten Theorien und deren Eignung zur Untersuchung der demographischen Situation.
III. Geburtenrückgang in Deutschland (West): Historischer Abriss und Analyse der aktuellen Bevölkerungsentwicklung in Deutschland.
III.1 Historische Betrachtung des Geburtenrückgangs: Rückblick auf die demographische Entwicklung seit dem späten 19. Jahrhundert.
III.2 Familien- und Gesellschaftsstrukturen im Wandel: Untersuchung der soziologischen Faktoren wie Werte, Erziehungsstile und Bildungsgrad.
III.3 Ursachen des Geburtenrückgangs ( in Deutschland): Analyse ökonomischer und sozialer Faktoren wie Rentensystem und Kinderbetreuung.
III.4 Die Bevölkerungssituation in Deutschland und im westlichen Europa: Einordnung der deutschen Zahlen in den europäischen Kontext.
IV. Familienpolitik und familienpolitische Lösungsansätze in der Bundesrepublik Deutschland ( - im Vergleich mit Frankreich): Darstellung der politischen Rahmenbedingungen und Vergleichsbetrachtung.
IV.1 Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland: Kritische Bestandsaufnahme der deutschen Familienförderung.
IV.2 Lösungsansätze: Diskussion aktiver und passiver Maßnahmen zur Beeinflussung der Geburtenrate.
IV.3 Familienpolitik in Frankreich: Analyse des erfolgreichen französischen Modells und dessen Übertragbarkeit.
V. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ursachen und der notwendigen familienpolitischen Neuausrichtung.
Schlüsselwörter
Geburtenrückgang, Demographie, Fertilität, Familienpolitik, Generationenvertrag, Rentenversicherung, Sozialsysteme, Individualisierung, Kinderbetreuung, Familienstrukturen, Deutschland, Frankreich, Wohlstandstheorie, Generationengerechtigkeit, Bevölkerungssoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Gründen für den anhaltend niedrigen Geburtenstand in Deutschland und diskutiert, warum politische Maßnahmen bisher kaum zu einer Trendumkehr führen konnten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind soziologische Theorien zum generativen Verhalten, die historische und aktuelle demographische Lage, ökonomische Auswirkungen auf Sozialsysteme sowie der Vergleich der Familienpolitik zwischen Deutschland und Frankreich.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Erforschung der Ursachen für den Geburtenrückgang und die kritische Analyse, warum Deutschland im europäischen Vergleich beim Thema Familienförderung unterdurchschnittlich abschneidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse soziologischer und demographischer Fachliteratur, ergänzt durch politikwissenschaftliche Daten und statistische Vergleiche zur Unterstützung der Argumentation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Erklärungsmodelle, eine detaillierte Analyse der deutschen Situation unter Berücksichtigung des sozialen Wandels sowie eine vergleichende Darstellung der Familienpolitik in Deutschland und Frankreich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie Fertilität, Generationenvertrag, demographischer Wandel, Familienpolitik und soziale Ungleichheit stehen im Zentrum der Untersuchung.
Warum ist das französische Familienmodell für die Untersuchung relevant?
Frankreich dient als positives Vergleichsbeispiel, da das Land durch eine familienfreundlichere Steuerpolitik und eine bessere Infrastruktur in der Kinderbetreuung höhere Geburtenraten aufweist.
Welchen Einfluss hat das deutsche Rentensystem auf den Geburtenrückgang?
Die Arbeit argumentiert, dass das Rentensystem die Entscheidung gegen Kinder finanziell belohnt, da Kinderlose die gleichen Anwartschaften erwerben wie Eltern, ohne die Kosten der Kindererziehung tragen zu müssen.
- Quote paper
- Till Martin Hogl (Author), 2004, Geburtenrückgang in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35415