Die notwendige Wahrheitswertfähigkeit moralischer Tatsachen. Kritik an John Leslie Mackies moralischem Antirealismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
18 Seiten, Note: 1,3
Barbara Lampert (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mackies moralischer Antirealismus

3. Schabers moralischer Realismus
3.1 Kritik am Argument der Absonderlichkeit: Metaphysischer Argumentationsstrang
3.1.1 Die präskriptive und motivierende Kraft moralischer Tatsachen
3.2 Kritik am Argument der Absonderlichkeit: Erkenntnistheoretischer Argumentationsstrang

4. Konsequenzen der Bestreitung moralischer Tatsachen
4.1 Die Autorität des Moralischen
4.2 Das Problem der richtigen Antwort

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In alltäglichen Gesprächen werden häufig Diskussionen geführt, welche die Moral betreffen. A ist der Meinung, Tierfleischverzehr wäre etwas moralisch verwerfliches, während B der Überzeugung ist, dass es sich dabei nicht um etwas handelt, das gegen die Moral verstößt. Doch wer hat nun Recht? Wenn etwas über die Moral betreffendes gesagt werde, so wird in aller Regel davon ausgegangen, dass es sich dabei nicht um eine Beurteilung einer verwerflichen oder einer edlen Handlung handle, für die sich eine Person entschieden habe und die ihr Urteil ohne weiteres ändern könne. Es handle sich vielmehr um eine Überzeugung, dass die Dinge tatsächlich so sein, wie sie von Person A oder B angenommen werden.1 Wenn A meint, der Verzehr von Tierfleisch wäre moralisch unzulässig, dann ist A der Überzeugung, das es eben so ist. Dass B eine andere Meinung vertritt, ändert nichts daran, dass A dies immer noch für etwas Schlechtes hält und somit von seiner Auffassung der Moral überzeugt ist. Was also moralisch gesehen getan werden sollte oder nicht, hängt nicht von den eigenen Wünschen und Einstellungen ab. Etwas moralisch verwerfliches sollte nicht getan werden, eben darum, weil es moralisch verwerflich ist und nicht, weil es ohnehin wider der eigenen persönlichen Einstellung spricht.2 Wie genau verhält es sich also nun mit moralischen Aussagen? Können sie eindeutig als 'wahr' oder 'falsch' klassifiziert werden, sodass zum Beispiel A eine richtige Antwort auf die moralische Frage liefert? Und beziehen sich moralische Aussagen somit auf etwas in der Welt, woran man ihre Richtigkeit oder Falschheit festmachen kann? Oder sind moralische Aussagen viel eher von den Menschen konstituiert, sodass sie nicht unabhängig von den Wünschen der Menschen bestehen können, sich somit auf nichts außerhalb beziehen und keine Wahrheitswertfähigkeit besitzen?

In den metaethischen Diskussionen dominierte in den 30er Jahren zunehmend eine antirealistische Position.3 Der moralische Antirealist behauptet, moralische Aussagen hätten nichts mit dem gemeinsam, wie es sich in der Welt verhält, weil sie sich auf nichts in der Welt beziehen und somit weder 'wahr' noch 'falsch' sein können. Demnach würde jemand, der x für moralisch verwerflich hält, eine persönliche Einstellung ausdrücken, die er dieser Handlungsweise gegenüber habe.4 Einstellungen und Präferenzen sind jedoch im Unterschied zu Behauptungen nicht wahrheitswertfähig, da eine Person diese oder jene Einstellung hat oder eben nicht.5 Der britische Philosoph Alfred Jules Ayer schreibt hierzu: „Ich selbst bekenne mich […] zu der Ansicht, dass das, was man gemeinhin ethische Aussagen nennt, überhaupt keine echte Aussagen sind, die irgendetwas beschreiben, und dass sie deshalb weder wahr noch falsch sind.“6 Erst in dem 1970 erschienenen Essay „ The Sovereignity of Good “ von Iris Murdoch wurde eine erste Stimme gegen den Antirealismus erhoben, indem sie behauptet, moralische Werte seien 'Teile der Welt'7 und der Antirealismus reduziere moralische Probleme lediglich auf Fragen der subjektiven Wahl.8 Woraufhin weitere Philosophen wie John McDowell, Mark Platts und Sabina Lovibond die These Murdochs systematisch ausarbeiteten und in den späten 70ern und frühen 80ern damit eine große Debatte in der Metaethik auslösten.9 Die vorliegende Arbeit befasst sich mit John Leslie Mackies antirealistischer Position gegenüber moralischer Tatsachen und wird mit Argumenten des deutschen Philosophen Peter Schaber, welcher einen moralischen Realismus vertritt, kritisiert. Hierbei wird zunächst Mackies Position skizziert, um ein Verständnis der antirealistischen These zu vermitteln, worauf aufbauend die Kritik Schabers deutlich gemacht werden soll. Ziel der Arbeit ist nicht eine Argumentation für den Objektivismus, der häufig von moralischen Realisten vertreten wird, sondern viel eher die Schwierigkeiten des ethischen Skeptizismus zu verdeutlichen und Argumente für den moralischen Realismus einzuführen, die sich nicht mit den Argumenten Mackies widerlegen lässt. Es wird versucht, die Konsequenzen einer antirealistischen Moral zu verdeutlichen und die Idee moralischer Tatsachen als gegeben zu betrachten, da andererseits keine richtigen Antworten auf moralische Fragen geliefert werden können.

2. Mackies moralischer Antirealismus

„Es gibt keine objektiven Werte.“10 So jedenfalls die These des australischen Philosophen John Leslie Mackie. In seinem 1977 erschienenen Werk „ Ethics. Inventing Right and Wrong “, äußert Mackie seinen ethischen Skeptizismus und bestreitet die Objektivität von Werten11, woraus er resultierend ebenso die Existenz moralischer Tatsachen kritisiert, da es nichts gibt, worauf sich diese Tatsachen beziehen könnten und somit die Klassifizierung von Wertäußerungen in 'wahr' oder 'falsch' nicht stattfinden kann.12 Mackie meint, moralische Urteile können zwar einen Wahrheitswert haben, niemals aber den, 'wahr' zu sein. Für moralische Urteile gebe es demnach nur den Wahrheitswert 'falsch', da sie sich auf nichts in der Welt beziehen.13 Die Klassifizierung von Wertäußerungen in 'wahr' oder 'falsch' wäre nur möglich, sofern eine Objektivität von Werten angenommen werde. Die Annahme dessen bezeichnet er jedoch als 'Irrtumstheorie'14 und bekräftigt diese mit dem Argument der Relativität und dem Argument der Absonderlichkeit.15 Das Argument der Relativität schließt ein, dass verschiedene Moralsysteme innerhalb von Gesellschaften, als auch von Epoche zu Epoche existieren, sodass die Idee objektiver Werte dem nicht gerecht werde. Es seien einzig und allein die Umstände, die die Beurteilung von moralischen Handlungen regulieren. „[...] wenn die Umstände andere wären, würde auch anderes gelten.“16 Die Tatsache, dass die Menschen manches als moralisch richtig und anderes als falsch beurteilen, lässt sich viel mehr als ein 'moralisches Gefühl' bezeichnen, anstatt dieses als 'sittliche Vernunft' aufzufassen.17 Im Argument der Absonderlichkeit, das sich in zwei Argumentationsstränge, einem metaphysischen und einem erkenntnistheoretischen einteilt, äußert Mackie, es müsste sich bei objektiven Werten um etwas „von seltsamer Art handeln, die von allen anderen Dingen in der Welt verschieden wären.“18 Zudem kritisiert Mackie 'Platons Formen', die ein Paradigma objektiver Werte darstellen. Demnach können moralische Tatsachen nicht einfach nur 'wahr' oder 'falsch' sein, sondern zeigen dem Erkennenden zugleich eine Handlungsrichtung an und statten diesen gleichzeitig mit einer Handlungsmotivation aus.19 Es bestehe also eine unmittelbar intrinsische Verbindlichkeit, unabhängig der eigenen Bedürfnisse, Präferenzen und der bewussten Handlungskontrolle, in einer bestimmten Situation so und nicht anders handeln zu können.20 Woraufhin sich die Frage stellt, weshalb der Mensch offenbar nicht mit einem moralischen Erkenntnisvermögen ausgestattet sei,21 um die Moral damit überhaupt erst erkennen zu können. So folgt die Frage nach der Verbindung zwischen natürlichen, deskriptiven Eigenschaften wie 'x ist grausam' und der behaupteten objektiven moralischen Qualität 'du sollst x nicht tun, weil x falsch ist'.22 Mackie spricht hier von einer 'geheimnisvollen Verbindung', die sich aufheben lässt, indem ganz einfach die objektiven moralischen Qualitäten durch subjektive ersetzt werden, indem 'x grausam ist', weil diese Handlung innerhalb der Gesellschaft nicht akzeptiert wird und sich somit auf natürliche Eigenschaften und sittlicher Qualität stützt.23 Mackie sieht die Moral also in der Subjektivität verankert, die allein aufgrund individueller Wünsche und Neigungen besteht und deswegen handlungsanleitend ist. So hätte jemand nur dann einen Grund, eine Handlung auszuführen, wenn dies der Realisation seiner Wünsche förderlich ist.24 „Ich bestreite also die Existenz objektiver Werte in dem Sinn, daß sie unbedingt, d.h. unabhängig von den Wünschen und Neigungen des Handelnden, handlungsanleitend sein könnten.“25 Nach Mackie gibt es wunsch- und neigungsunabhängige Handlungsgründe nicht und dementsprechend müsste auch die Idee einer kategorischen26 Geltung von Forderungen abgeschafft werden.27

Weshalb sind jedoch für das Alltagsbewusstsein moralische Gründe objektive Gründe, denen eine universale Geltung zuzukommen scheint, d.h. dass eine bestimmte moralische Norm für alle Handelnden in allen Situationen verbindlich sei?28 Mackie erklärt dies mithilfe der 'sekundären Qualitäten'.29 Sekundäre Qualitäten sind jene, die nicht beobachterunabhängig bestehen, z.B. Farben sehen oder der sinnliche Geschmack. Diese sind von einem Wesen abhängig, das z.B. in der Lage ist, eine Farbwahrnehmung hervorzubringen. Andererseits würden Farben nicht existieren. Sekundäre Qualitäten besitzen jedoch eine Tendenz als objektiv wahrgenommen zu werden. Der naive Beobachter verfalle sogleich in einen Irrtum, sekundäre Qualitäten als reale Eigenschaften von Dingen zu verstehen. So glaube er zum Beispiel, ein Gegenstand sei tatsächlich rot. Damit begehe er jedoch einen Fehler, indem er die Welt, wie sie ihm erscheint, mit der Welt, wie sie ist, gleichsetzt.30 Ebenso verhält es sich mit den Werten, die eine sekundäre Qualität nach Ansichten Mackies darstellen. Ihnen kommt also irrtümlicherweise die Eigenschaft einer Objektivität zu.31

3. Schabers moralischer Realismus

Es wurden nun Gründe aufgeführt, die entgegen der Annahme stehen, es gäbe so etwas wie objektive Werte und die augenscheinlich vorerst gegen einen moralischen Realismus sprechen. Es sei jedoch auch durchaus möglich, einen moralischen Realismus zu vertreten, der nicht an einer Theorie objektiver Werte gebunden ist.32 Ein bedeutsamer Vertreter dieser Form des moralischen Realismus ist der deutsche Philosoph Peter Schaber. Der Unterschied zwischen einem moralischen Realisten und einem moralischen Antirealisten liege nun darin, dass der moralische Realist behauptet, moralische Urteile seien 'wahr' oder 'falsch', weil sie sich auf etwas beziehen, was der Fall oder nicht der Fall ist.33

[...]


1 Vgl. Schaber: http://www.ethik.uzh.ch/afe/publikationen/Schaber-Metaethik.pdf, S.2.

2 Vgl. ebd., S.2f.

3 Vgl. Schaber (1997), S.14f.

4 Vgl. Ayer (1936), S.102ff.; Stevenson (1937). Aus: Schaber:http://www.ethik.uzh.ch/afe/publikationen/Schaber-Metaethik.pdf, S.4.

5 Vgl. Schaber: http://www.ethik.uzh.ch/afe/publikationen/Schaber-Metaethik.pdf, S.4.

6 Ayer (1976), S.55. Aus: Schaber: http://www.ethik.uzh.ch/afe/publikationen/Schaber-Metaethik.pdf, S.4.

7 Schaber: http://www.ethik.uzh.ch/afe/publikationen/Schaber-Metaethik.pdf, S.9.

8 Vgl. Schaber (1997), S.14.

9 Vgl. ebd. S.14f.

10 Mackie(1983), S.11.

11 Was Mackie unter Objektivität versteht und kritisiert, lässt sich am besten an Max Schelers Verständnis eines moralischen Realismus veranschaulichen. Dieser behauptet, moralische Werte seien vorgegeben; unabhängig von realen Qualitäten; nicht an ein Streben der Menschen gebunden; es handle sich um keine Zweckethik; sowie, dass die Werterkenntnis auf ein spezifisches Wahrnehmungsvermögen angewiesen sei. Vgl. Schaber (1997), S. 25ff.

12 Das einzige Kriterium, nach dem Wertäußerungen als 'wahr' oder 'falsch' bezeichnet werden können, sei die Einführung von Maßstäben, nach denen geurteilt werde. Zum Beispiel Qualitätsoder Leistungsmaßstäbe bei Examsarbeiten, Sportprüfungen etc. Allerdings verschiebe sich damit die Frage nach der Objektivität von Werten nur auf die Frage nach der Objektivität der Maßstäbe selbst. Vgl. Mackie (1983) S. 26f.

13 Vgl. Schaber (1997), S.33.

14 Vgl. Mackie (1983), S.39f.

15 Vgl. ebd., S. 40-49.

16 Ebd., S.43.

17 Vgl. ebd., S.43.

18 Ebd., S.43.

19 Vgl. ebd., S.46.

20 Vgl. Schäfer: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/ojs/index.php/logoi/article/view/9119/2969, S.12.

21 Vgl. Mackie (1983), S.44.

22 Vgl. ebd., S. 47f.

23 Vgl. ebd., S. 48.

24 Vgl. Schaber (2003), S.13.

25 Mackie (1983), S. 31.

26 „Bei dem Satz >Du sollst y tun< handelt es sich um einen kategorischen Imperativ, wenn man Y tun sollte ohne Rücksicht auf irgendeinen Wunsch, zu dessen Befriedigung Y beitragen würde, d.h. wenn der Sollenscharakter durch keinen irgendwie gearteten Wunsch bedingt ist.“ Ebd., S.28f.

27 Vgl. Schaber (2003), S.12.

28 Vgl. Schaber: http://www.ethik.uzh.ch/afe/publikationen/Schaber-Metaethik.pdf, S.7f.

29 Der Begriff der sekundären Qualitäten wurde von J.Locke eingeführt und unter anderem auf Farben übertragen. Vgl. Mackie (1983), S.17.

30 Vgl. Schaber (1997), S.146.

31 Vgl. Mackie (1983), S. 17f.

32 Vgl. Schaber (1997), S.23.

33 Vgl. Schaber (1997), S.15.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die notwendige Wahrheitswertfähigkeit moralischer Tatsachen. Kritik an John Leslie Mackies moralischem Antirealismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Philosophisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V354261
ISBN (eBook)
9783668403680
ISBN (Buch)
9783668403697
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mackie, Schaber, Moralischer Realismus, Moralischer Antirealismus
Arbeit zitieren
Barbara Lampert (Autor), 2013, Die notwendige Wahrheitswertfähigkeit moralischer Tatsachen. Kritik an John Leslie Mackies moralischem Antirealismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354261

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