So sind wir. Sind wir so? Erkenntnistheoretische Überlegungen zum Abbild der Welt und der Wahrheit


Essay, 2014

6 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

So sind wir. Sind wir so?

Der Kabarettist Bruno Jonas steht mit dem Programm "So samma mia" auf seiner Bühne und hält ein längliches, gläsernes Gefäß mit von weißem Schaum bedeckter gelb-trüber Flüssigkeit in Händen. "Ja, wos is jetz des?", fragt er sich und sein Publikum. "Des is a Weißbier!", antwortet er sogleich. Und woher er wisse, dass dies ein Weißbier sei? "Weils ma jemand gsagt hat!", lautet die Antwort. Doch derjenige - sein Vater - der dem kleinen Saufratzen Bruno damals gesagt hat, dass es sich um Weißbier handelt, muss diese Information ja ebenfalls von jemandem vor ihm erhalten haben. Und so spinnt Bruno Jonas den Faden weiter und weiter, zurück zum allerersten Weißbier, das vor dem Menschen stand, der gefragt wurde, was das ist. Nach kurzem Überlegen hätte wohl auch dieser Mensch geantwortet, "Des is a Weißbier". Aber woher weiß er das? "Des hob i ma DENKT".

Er hat es sich gedacht. Das Abbild der Welt, so wie wir sie kennen, ist demnach ein durch unser menschliches Denken entstandenes Bild. Ob dieses Bild jedoch der WAHRHEIT entsprechen kann, ob die Welt wirklich so ist, wird in der Philosophie untersucht.

Doch was ist Philosophie eigentlich? „Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“ behauptet Wittgenstein in „Philosophische Untersuchungen“. Dieses Zitat wird nicht nur auf den Folien der Vorlesung präsentiert, auch Stephen Law, Autor des Bandes „Philosophie“ der Reihe „Kompakt & Visuell“, hebt es in seinem Kapitel über die Einführung in die Philosophie groß hervor. Ist die Sprache das Instrument des Kampfes oder das der Verhexung? Kämpfen Philosophen mittels der Sprache gegen die Verhexung des Verstandes, indem sie die Sprache ausdifferenzieren, nach immer neuen Begriffen und Definitionen suchen? Oder tragen wir einen Kampf aus gegen die Sprache, die unseren Verstand tagein tagaus zu verhexen sucht, indem sie uns vorspielt, es gäbe Kategorien und einheitliche Benennungen. So dass etwa bei jedem von uns bei dem Wort „Baum“ vermutlich eine große Pflanze mit braunem Stamm und grünen Blättern oder Nadeln im inneren Auge entsteht, aber niemand wird je den exakt gleichen Baum wie sein Nachbar im Kopf haben wenn von ihm die Rede ist. Ist unser Wort „Baum“ dann nicht eine unzureichende Bezeichnung? Können Wörter die Welt überhaupt abbilden? So sind wir – dies ist ein Baum. Sind wir so – ist es denn wirklich ein Baum, oder eventuell doch etwas anderes, das zufällig einem Baum ähnelt? Ist die Frage „Was ist ein Baum?“ tatsächlich leichter zu beantworten als die Frage „Was ist Länge?“, nur weil wir auf eine Pflanze deuten können und jeder Fragesteller danach ein pauschales Bild des Begriffes hat?

Ich denke nicht. Wenn ein Alien auf die Erde käme und fragt, was ein Baum ist, und jemand deutet als Antwort auf eine Tanne, so wird das arme Alien den Ahorn, den es ein paar Meter weiter findet, nicht automatisch ebenfalls als Baum erkennen, da es erst eine Weile brauchen wird, um das Schema zu erkennen, das alle Bäume gleichermaßen innehaben. „Baum“ bezeichnet also keinen wahren Gegenstand, sondern ein Schema. Und was bringt uns diese Erkenntnis? Wittgensteins geistiger Krampf wird dadurch jedenfalls nicht wirklich vereinfacht (Blaues Buch, 15).

Ein wahrer Gegenstand, steht da nun. Was ist eigentlich „wahr“? Die Bezeichnung der drei Gebrauchsweisen dieses kleinen Wortes – Wahrheit von Sätzen und Urteilen, Wahrheit eines Systems von Sätzen und Urteilen, und schließlich „???“ bei dem Satz „Gott ist die Wahrheit“ – erscheinen durch das Fehlen eines dritten Begriffes unbefriedigend. In der Mathematik würde man den ersten Satz „Es ist wahr, dass die Schule brennt“ vielleicht als Funktion des Wortes „wahr“ sehen, den zweiten Satz „Die Relativitätstheorie ist wahr“ als deren erste Ableitung, doch die zweite Ableitung der Funktion des Wortes „wahr“ wird nicht benannt. „Wahrheit eines Systems von Systemen aus Sätzen und Urteilen“ wäre ein Vorschlag, doch der menschliche Geist ist kaum in der Lage, ein System hinter einem System zu erkennen anstatt es einfach fälschlicherweise nur für ein neues System auf der ersten Ebene zu halten.

Die Geschichte „Flächenland“ von Edwin A. Abbott kommt mir hier – neben dem Ableitung-Vergleich – ebenfalls in den Sinn. Wenn das Wort „wahr“ in dem ersten der drei Beispielsätze auf der ersten Dimension liegt, und es im zweiten Satz auf der zweiten Dimension, so läge es im dritten Satz auf der dritten Dimension, doch wir Menschen sind wie die Dreiecke in der Erzählung: die Existenz von Kugeln können wir uns einfach nicht vorstellen. So sind wir – zweidimensional. Sind wir so?

Die drei Gebrauchsweisen des Wortes „wahr“ und die drei Ebenen des Umgangs mit Behauptungssätzen kommen mir miteinander verwandt vor. Mir ist der logische Aufbau der Vorlesung klar, und dass diese beiden Reihungen grundsätzlich nicht miteinander in Verbindung stehen, aber die Parallelen sind mir gleich ins Auge gefallen. Bei dem Satz „Die Schule brennt“ entsteht im Kopf des Hörers eine eindimensionale Assoziation, eine private Vorstellung, entweder er freut sich oder er freut sich nicht darüber. Der Satz „Die Relativitätstheorie ist wahr“ dagegen ruft keine Assoziation sondern einen Sinn, ein zweidimensionales Verständnis hervor – entweder der Hörer versteht den Satz (weil er das System der Sätze der Relativitätstheorie versteht) oder nicht, und darüber kann er sich wiederum freuen oder nicht. Der dritte Satz schließlich, „Gott ist die Wahrheit“, setzt drei Dimensionen des Denkens voraus. Einerseits kann er positive und negative Assoziationen auslösen, er kann verstanden werden oder auch nicht, und er hat eine Bedeutung, er kann wahr sein oder auch nicht, so wie alle Aussage- oder Behauptungssätze.

Doch zurück in die Pflanzenwelt. Der Satz „Hier steht ein Baum“ ist ein Aussagesatz. Er kann also wahr sein – Hier, dort wohin der Sprecher deutet, steht tatsächlich ein Baum, so wie man sich im allgemeinen Sprachgebrauch einen Baum vorstellt – oder nicht – dort ist kein Baum zu finden. Der Satz kann aber auch auf der Metaebene wahr oder nicht wahr sein. Entweder er ist wahr – ein realer Baum steht dort, wo der Sprecher behauptet – oder er ist nicht wahr – an der Stelle, auf die der Sprecher zeigt, steht etwas, das zwar alle Menschen durch ihr klischeehaftes Verständnis der Welt für einen Baum halten, in Wahrheit ist es jedoch etwas ganz anderes. Der Satz bildet dann den Sachverhalt nicht adäquat ab, und das, was wirklich in der Welt vor sich geht, wird durch die Sprache als etwas anderes in unserem Geiste dargestellt. Die Sprache verhext die Wahrheit.

Auf der Ebene des Satzes meint „ X ist/tut P“ hier „Ein Baum steht dort“. Auf der Ebene der Welt steht das X für einen wahren Baum und P für den wahren Ort. Wenn wir Glück haben, sieht die Abbildung wie folgt aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Doch wenn wir Pech haben, und viele Philosophen sind da leider pessimistisch, dann trifft folgende Darstellung eher zu:

Und was Y und Q sein soll, bleibt uns verschlossen. Es ist durch das Abbildungsmodell schlichtweg nicht möglich, die Welt so zu erkennen, wie sie in Wahrheit ist. So sind wir – wir wissen, dass wir nichts wissen können. Sind wir so? Nicht alle von uns, leider.

Es gibt zwei Arten von Menschen. Der eine kennt die Wahrheit, der andere kennt sie nicht. Wer die Wahrheit kennt, kann sich frei dazu entscheiden, sie zu sagen, oder zu lügen. Er erkennt die Wahrheit in jedem Fall an. Wer die Wahrheit aber nicht kennt – laut Harry G. Frankfurt ein „Bullshitter“ – kann sie weder sagen noch lügen, er erkennt sie nicht an und ist damit gefährlicher als der Lügner.

Auch Bruno Jonas ist sich dieser Problematik bewusst. Es gibt viele Deppen auf der Welt, einige wissen nichts von ihrer Dummheit, aber einige wissen auch ganz genau, dass sie Deppen sind, aber versuchen, dies mit Intelligenz zu kaschieren. "Ein depperter Depp is einfach nur deppert. Der tut nix. Richtigen Schaden, den kann nur der intelligente Depp anrichten. Der, der von sich denkt, dass er gar ned deppert is".

Jeder Mensch kann die Wahrheit suchen und sich der Philosophie zuwenden, um sie dann entweder zu vertreten oder sich ihr bewusst widersetzen zu können, oder sich von der Philosophie abkehren und die Wahrheit weder suchen noch anerkennen und sein Leben als Bullshitter verbringen. Was ist Philosophie, wird gefragt? Die Antwort lautet: Philosophie ist der Weg aus dem Bullshit.

Quellen:

- Folien der Vorlesung „Wahrheit. Einführung in die Erkenntnistheorie“ vom 14.10.2014
- Law, Stephen. Philosophie. Kompakt & Visuell. Dorling Kindersley Verlag, London 2007.
- Frankfurt, Harry G. Bullshit. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
So sind wir. Sind wir so? Erkenntnistheoretische Überlegungen zum Abbild der Welt und der Wahrheit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
6
Katalognummer
V354400
ISBN (eBook)
9783668401839
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erkenntnistheorie, Philosophie, Bruno Jonas, Erkenntnis, Logik
Arbeit zitieren
Sandra Lill (Autor:in), 2014, So sind wir. Sind wir so? Erkenntnistheoretische Überlegungen zum Abbild der Welt und der Wahrheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354400

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