Kann das historische Phänomen Armut überhaupt beendet werden? In diesem Essay möchte der Autor diese Frage kritisch diskutieren. Dabei setzt er sich mit verschiedenen Armutsdefinitionen und -konzepten auseinander und beleuchtet diese auf ein mögliches Ende der Armut hin. Ausgangspunkte bilden dabei die englischen Armengesetze von 1597, die als erste institutionalisierte staatliche Reaktion auf Armut gelten.
Des Weiteren werden Ansätze, die sich ab dem neunzehnten Jahrhundert wissenschaftlich mit der Erfassung und Erforschung des sozialen Phänomens beschäftigen, herangezogen. Wie herausgearbeitet werden soll, spielen diese in der öffentlichen Debatte um Armut und ihr mögliches Ende eine wichtige Rolle.
Nach seiner Analyse wird der Autor zu dem Schluss kommen, dass die These vom machbaren Ende der Armut nicht nur aufgrund ihres unterkomplexen Armutsverständnisses verworfen werden muss, sondern auch unter politischen und machtkritischen Gesichtspunkten bedenklich ist.
„Ein Ende der Armut ist machbar!“ Diese These vertritt der amerikanische Starökonom Jeffrey D. Sachs in seinem 2005 erschienen Buch mit dem passenden Titel „The End of Poverty“. Unsere Generation, ist Sachs überzeugt, sei in der Lage, die extreme Armut bis zum Jahr 2025 ein für alle Mal zu beenden. Die Idee vom Ende der Armut ist heute mehr als eine Vision einzelner. Seit der Verabschiedung der Milleniumsziele im Jahr 2000 ist es erklärtes Ziel der internationalen Gemeinschaft. In den 2015 beschlossenen Zielen für nachhaltige Entwicklung wird gar proklamiert, man wolle ein „end of poverty in all ist forms everywhere“ erreichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Armutskonzepte
2.1 Armutsbekämpfung in England und ihre Kritiker
2.2 Anfänge der empirischen Armutsforschung
2.3 Ende und Wiederentdeckung der Armut
2.4 Multidimensionale Armut
3. Diskussion der These
3.1 Sinnhaftigkeit eines absoluten Armutsbegriffs
3.2 Armut als soziologisches Phänomen
3.3 Armut und Macht
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der These des Ökonomen Jeffrey D. Sachs auseinander, dass ein Ende der extremen Armut bis zum Jahr 2025 machbar sei. Ziel der Untersuchung ist es, die historische Genese sowie die methodische Fundierung verschiedener Armutskonzepte zu beleuchten und deren politische Implikationen sowie machtkritische Aspekte aufzudecken, um die Tragfähigkeit der These zu prüfen.
- Historische Entwicklung der Armutsdefinitionen (von den englischen Armengesetzen bis zur Gegenwart)
- Kritische Analyse von Armutsmessung und quantitativen Indikatoren wie der Armutslinie
- Soziologische Betrachtung von Armut als soziales Konstrukt
- Verknüpfung von Armutsdiskursen mit Machtstrukturen und postkolonialer Entwicklungskritik
- Erläuterung des Capability-Approach nach Amartya Sen als Gegenentwurf zur eindimensionalen Armutsmessung
Auszug aus dem Buch
2.2 Anfänge der empirischen Armutsforschung
Wie Karl Polanyi analysierte, spielten die Liberalisierungen durch die New Poor Laws im Jahr 1834 eine zentrale Rolle bei der Entstehung eines Arbeitsmarktes und für die an Fahrt aufnehmende industrielle Revolution in England. Durch die Aufhebung des Act of Settlement von 1662 konnten Arbeitskräfte vom Land in die wachsenden industriellen Zentren angezogen werden (Polanyi 1944: 82).
Die Umstände, unter denen die arbeitende Bevölkerung in den Fabrikstädten wie Manchester oder Liverpool lebte, waren jedoch erbärmlich. Friedrich Engels beschrieb diese in seinem Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ detailreich (Engels 1845). Seine ethnographisch anmutende Arbeit enthielt bereits die Kerngedanken des Kommunistischen Manifests, das er wenige Jahre später zusammen mit Karl Marx verfasste. Im marxistischen Verständnis entsteht die Armut der arbeitenden Klasse zwangsläufig aus der Akkumulation von Kapital und der damit einhergehenden Ausbeutung durch die Kapitalisten (Verelendungstheorie). Genau dieses Elend bildet für Engels und Marx jedoch den Ausgangspunkt einer Dynamik, die zur Revolution und einem Systemwechsel führt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Armutsbekämpfung und kritische Hinterfragung der These eines machbaren Endes der Armut.
2. Armutskonzepte: Historischer Überblick über die Entwicklung von Armutsverständnissen, von den englischen Armengesetzen bis zu modernen multidimensionalen Ansätzen.
3. Diskussion der These: Auseinandersetzung mit der Sinnhaftigkeit absoluter Armutsbegriffe und Untersuchung von Armut als soziologisches Phänomen und Machtinstrument.
4. Fazit: Zusammenfassende Ablehnung der Ausgangsthese aufgrund ihres unterkomplexen Armutsverständnisses und der politischen Bedenklichkeit der Slogan-basierten Armutspolitik.
Schlüsselwörter
Armut, Jeffrey D. Sachs, Armutsforschung, Old Poor Laws, Entwicklungspolitik, absolute Armut, relative Armut, Capability-Approach, Amartya Sen, soziologisches Konstrukt, Machtkritik, Postkolonialismus, Armutslinie, soziale Ungleichheit, Milleniumsziele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die These, dass extreme Armut durch gezielte politische Maßnahmen und ökonomische Strategien bis 2025 beendet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung umfasst die historische Genese der Armenfürsorge, die Entwicklung empirischer Armutsmessung, soziologische Konzepte von Armut sowie die machtkritische Perspektive auf globale Armutsdiskurse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel besteht darin, die These vom machbaren Ende der Armut zu dekonstruieren und aufzuzeigen, dass sie auf einem unterkomplexen Verständnis von Armut beruht und politische Machtinteressen verschleiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische und ideengeschichtliche Untersuchung, die auf der kritischen Auseinandersetzung mit historischer Fachliteratur und theoretischen Konzepten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Wurzeln der Armutsdefinitionen, vergleicht absolute und relative Armutsmaße und untersucht Armut als soziales Konstrukt sowie als Instrument zur Machtausübung durch westliche Industrienationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Armut, Entwicklungspolitik, Capability-Approach, soziale Konstruktion, Postkolonialismus und Armutsmessung beschreiben.
Welchen Stellenwert nimmt der Ansatz von Amartya Sen in der Argumentation ein?
Sen dient als Gegenentwurf zur eindimensionalen, rein monetären Armutsmessung, indem er Armut als Mangel an Verwirklichungschancen (Capabilities) definiert, was die Komplexität des Themas verdeutlicht.
Warum wird die These eines "Endes der Armut" als unpolitisch oder sogar bedenklich eingestuft?
Der Autor argumentiert, dass der Slogan Machtinteressen westlicher Geberländer verschleiert und postkoloniale Narrative reproduziert, statt die strukturellen Ursachen von Ungleichheit anzugehen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2016, "Ein Ende der Armut ist machbar!" Chancen, Konzepte, gesetzliche Regelungen und politische Umstände zur Bekämpfung der Armut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354465