Flipped Classroom und andere neue Formen der Mediendidaktik

Vor- und Nachteile des Flipped Classrooms


Bachelorarbeit, 2016
59 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Lerntheoretische Grundlagen
2.1 Lernformen
2.2 Montessori-Pädagogik
2.3 Motivation
2.4 Wie lernen Menschen besser mit digitalen Medien?

3 Die Interviews und das Auswertungsverfahren
3.1 Schriftliches qualitatives Interview
3.2 Das Gruppeninterview
3.3 Das Experteninterview
3.4 Das Auswertungsverfahren

4 Flipped Classroom
4.1 Was ist Flipped Classroom ?
4.2 Theorie des Blended Learnings
4.3 Geschichte des Flipped Classroom s
4.4 Blooms Taxonomie
4.5 Vier Fragen an den Lehrenden

5 Neue Formen der Mediendidaktik
5.1 Wichtige Komponenten des Flipped Classroom s
5.1.1 Lehrvideos und Screencasts
5.1.2 Skript (optional)
5.1.3 Schülerportfolio (optional)
5.1.4 Lehrerblog (optional)
5.1.5 Lernspiele (optional)
5.2 Unterrichtsmethode Flipped Classroom
5.2.1 Szenario 1 mit Anwendung von Screencasts
5.2.2 Szenario 2 mit Screencasts, Skript, Schülerportfolio und einer Projektaufgabe

6 Vor- und Nachteile des Modells
6.1 Aufbau des Flipped Classroom s Modells im Seminar Kosmochemie
6.2 Ergebnisse der Interviews mit den Studierenden
6.2.1 Flipped Classroom im Vergleich mit klassischen Unterrichtseinheiten
6.2.2 Weitere digitale Medien (Quiz, Instant Reviews, Skripte)
6.2.3 Langzeitgedächtnis
6.2.4 Zeitaufwand
6.2.5 Fehlender Stress bei Prüfungen
6.2.6 Präsenzphase
6.2.7 Schwierigkeiten als Lehrender
6.2.8 Männliche / Weibliche Unterschiede

7 Fazit und Ausblick

8 Quellenverzeichnis
8.1 Literaturverzeichnis
8.2 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang
9.1 Interviews

Hinweis für Leser:

Um den Lesefluss der Arbeit zu verbessern, habe ich mich dazu entschlossen, mich im kompletten Text häufig auf eine Form – meist die weibliche – zu beschränken. Selbstverständlich ist die männliche bzw. weibliche Form gedanklich immer mit einzubeziehen. Aus selbigem Grund habe ich mich für die übliche Abkürzung SuS für „Schülerinnen und Schüler“ entschieden.

1 Einleitung

Diese Arbeit möchte dem Leser und möglicherweise Lehrenden das von den amerikanischen Physik- und Chemielehrern Aaron Sams und Jonathan Bergmann im Jahre 2006 entwickelte Konzept des Flipped Classroom s näherbringen.

Flipped Classroom (oder Inverted Classroom sowie deutsch: umgedrehter Unterricht) beschreibt ein Unterrichtskonzept, nach welchem die Übungsphase in Form der Hausaufgaben einerseits und die Präsenzphase der Stoffvermittlung innerhalb des Schulunterrichts andererseits vertauscht sind.

Im konventionellen Unterricht folgen SuS bei der Erschließung neuen Lernstoffs gewöhnlich passiv dem Lehrvortrag der Lehrerin. Zu Hause sollen die SuS dann alleine anhand von Übungsaufgaben das Erlernte verinnerlichen. Im Flipped Classroom -Modell beginnt die Unterrichtseinheit zu Hause. Die SuS schauen sich aktiv von der Lehrerin erstellte Videos zum neuen Themengebiet an. Dabei können sie beliebig zurückspulen, pausieren und mitschreiben. So können sie beispielsweise einen Teil der Videos direkt nach der Schule schauen und einen anderen Teil bevor sie ins Bett gehen. Dabei legt jede Schülerin individuell ihr eigenes Lerntempo fest. Nach Möglichkeit nutzen die SuS dabei weitere digitale Angebote wie Lehrerblogs oder Lernspiele.

In der Schule wird das erlernte Wissen dann in Gruppenarbeitsphasen rekapituliert. Die SuS wenden das Erlernte anschließend in Übungs- oder Projektaufgaben an und erklären sich gegenseitig mögliche Verständnisschwierigkeiten. Die Lehrerin hilft individuell direkt bei Problemen weiter und bleibt stetiger Ansprechpartner. Ziel der Präsenzphase ist es die gemeinsame face-to-face Zeit möglichst effektiv zum gemeinsamen Arbeiten sowie Lernen zu nutzen und Unterrichtsteile in denen dies nicht so erforderlich erscheint, nach Hause auszulagern.

Der Flipped Classroom -Ansatz verheißt ein individualisiertes, verbessertes Lernen, um den heutigen heterogenen Klassen auch im Zuge der Inklusion gerecht zu werden. Die SuS würden sich die Lerninhalte asynchron, ortsunabhängig, individuell, selbstgesteuert und im eigenen Lerntempo anhand von digitalen Lernmaterialien aneignen können. Dabei würden Kompetenzen eigenverantwortlich und aus eigener Motivation heraus erlernt werden. Durch die direkte Anwendung der Lerninhalte sollen Zusammenhänge und Verknüpfungen langfristig im Kopf erschlossen werden können. Diese und weitere Hypothesen sollen innerhalb dieser Arbeit in der Praxis untersucht und durch Interviews evaluiert werden.

Dafür habe ich an der Universität Köln das Seminar Kosmochemie des Masters Geowissenschaften begleitet in welchem das Flipped Classroom -Konzept angewendet wird. In Interviews mit Studierenden und dem Dozenten Dr. Dominik Hezel wollte ich die Vor- und Nachteile des Systems in der Praxis erfahren.

Zunächst werden in dieser Arbeit lerntheoretische Grundlagen erläutert, anschließend die Interviewmethoden erklärt, dann das Flipped Classroom- Modell samt wichtiger Komponenten präsentiert und zum Schluss die Interviews analysiert.

Mit dieser Arbeit soll die neue Unterrichtsmethode Flipped Classroom vorgestellt und in der Praxis erforscht werden, um Stärken und Schwächen der Methode zu erkennen und anschließend Möglichkeiten der Verbesserung herauszuarbeiten und tiefergehende Forschungen zu ermöglichen.

2 Lerntheoretische Grundlagen

„Erkläre mir, und ich werde vergessen. Zeige mir, und ich werde mich erinnern. Beteilige mich, und ich werde verstehen.“ Konfuzius (551-479 v.Chr.)

2.1 Lernformen

Im Flipped Classroom -Konzept wird ein selbstgesteuertes Lernen in den Vordergrund des Unterrichts gestellt. Durch die Umkehr von Wissen vermittelndem Unterricht nach Hause und im Gegenzug dem Versetzen der Übungsphasen in die Schule (welche normalerweise in Form von Aufgaben zu Hause zu erledigen sind) sollen die SuS zum selbstständigen Lernen animiert werden. Der Unterricht dient in diesem Konzept hauptsächlich der Erprobung des bereits erlernten Stoffes. Die Lehrerin unterstützt das selbstständige Lernen der SuS und berät bei Fragen und Problemen. Dabei verschiebt sich nach Reber das Verhältnis von implizitem zu explizitem Lernen. Implizites Lernen ist unbeabsichtigt und passiert beiläufig. Der Lernende ist sich dessen häufig gar nicht bewusst. Beispielhaft dafür könnte man das Aufnehmen von Geschichtswissen beim Spielen eines Videospiels am Computer nennen. Durch den frontalen Vortrag der Lehrerin im klassischen Unterricht lernen SuS häufig implizit.

Explizites Lernen beschreibt geplantes und bewusstes Lernen. Der Lernende sucht bestimmte Erfahrungen und wählt dafür passende Handlungen aus. Um sich über ein Thema fortzubilden wird beispielsweise mit Absicht ein Dokumentarfilm angesehen. Auch Vorbereitungen zu einer Klausur sind als explizit zu betrachten (Reber 1993:9).

Im Flipped Classroom-Modell wird sich durch das selbstständige Erarbeiten des Lernstoffs eine Steigerung des expliziten Lernens erhofft. Die Schülerin hat die Möglichkeit, beispielsweise durch Zurückspulen und Pausieren, gewisse Passagen ihrem Tempo gemäß zu erlernen und zu rekapitulieren. Der Effekt des expliziten Lernens kann sich jedoch verringern, wenn nicht sichergestellt ist, ob sich die Schülerin gerade in einer passenden Lernsituation befindet. Im klassischen Unterricht kann die Lehrerin während ihres Vortrags für Ruhe im Klassensaal sorgen und Konzentration von den SuS fordern. Die Ablenkungsmöglichkeiten und die Konzentrationseinbußen zu Hause sind erheblich größer: Beim häuslichen Betrachten des Lern-Videos, das die Lehrerin zu dem Unterrichtsthema erstellt hat, ist die Gefahr gegeben, dass die Schülerin gleichzeitig beispielsweise ihr Smartphone benutzt. Die Lehrende muss daher im Flipped Classroom -Modell den SuS vermitteln, sich selbst zu kontrollieren: Sollte die Aufmerksamkeit zu stark sinken, so muss die Schülerin wieder an die Stelle im Video zurückspulen an welcher ihre Konzentration noch vollständig vorhanden war.

Des Weiteren wird zwischen oberflächlichem Lernen (surface level processing) und v ertieft em Lernen (deep level processing) unterschieden. Oberflächliches Lernen beschreibt Formen des Auswendiglernens oder der puren Nachahmung. Dabei werden keine Zusammenhänge erschlossen oder Verknüpfungen zu anderen Teilgebieten erstellt. Beim vertieften Lernen geht es darum, Gründe und Zusammenhänge zu erschließen. Der Lernende möchte erfahren, in welchen Situationen und warum das Erlernte hilfreich sein kann (Laurillard 2002:144).

Das Flipped Classroom-Modell möchte das vertiefte Lernen in den Präsenzphasen (dem Unterricht) steigern. Die SuS sollen zu Hause anhand der Videos durch Nachahmung und Informationsaufnahme in die Lernprozesse, die sich „oberflächlich“ abspielen, eingebunden werden. Das dadurch erlangte Vorverständnis soll hinterher im Unterricht angewendet werden. Durch die Anwendung und den gemeinsamen Austausch mit anderen SuS sollen sich kognitive Verknüpfungen und Zusammenhänge auf der Meta-Ebene bilden können (Petko 2014:100).

2.2 Montessori-Pädagogik

Ein Blick auf die Montessori-Pädagogik lohnt sich für das Flipped Classroom -Modell, da bei dieser das Kind selbstständig die Art und Weise des Lernens bestimmt.

Maria Montessori (1870-1952) tat nämlich den bedeutsamen Schritt der Abkehr vom lehrerzentrierten Unterricht hin zum Kind und seinem Verlangen, seine Umgebung selbst zu erkunden und seine Handlungen selbst zu steuern.

Sie erkannte, dass für die Selbststeuerung des Lernenden die passende Lernumgebung von eminenter Bedeutung ist. So wurden die SuS im Unterricht in eine vorbereitete Umgebung gebracht, in welcher sie selbst den Gegenstand wählten, mit dem sie sich beschäftigen und den sie als nächstes erlernen wollen. Die vorbereitete Umgebung beschreibt einen Ort, welcher SuS zum Lernen motivieren soll und beinhaltet Gebäude, Räume und Anordnung von Lernmaterialen.

Dabei verschiebt sich die Rolle der Lehrerin. Sie muss die passenden Gegenstände erwerben bzw. anfertigen und passend im Raum platzieren. Des Weiteren muss sie für die passende Lernatmosphäre sorgen und die SuS bei ihrem Lernprozess unterstützen. Dabei sollte sie ein Gefühl dafür entwickeln, wann die SuS zum Lernen bereit sind und wann die Lernenden ihre Ruhe brauchen und möglicherweise nicht lernen können.

Die Montessori-Pädagogik hat folgende anthropologische Grundannahmen:

- Jeder Mensch lernt und entwickelt sich verschieden.
- Jeder Mensch besitzt ein angeborenes Bedürfnis zu lernen.
- Jeder Mensch kann am besten selbst entscheiden, welchen Lerngegenstand er als Nächstes erlernen möchte und sollte.
- Jeder Mensch durchläuft sensible Phasen, in welchen er am ehesten zum Lernen bereit ist.
- Eine Beeinflussung von außen, was als nächstes und wie zu erlernen sei, behindert den Lernenden eher als es diesem hilft. (Kerres 2012: 26-28)

Man kann die Montessori-Pädagogik gut mit der Präsenzphase und der Rolle der Lehrerin innerhalb des Flipped Classroom -Konzepts vergleichen. Beide beruhen auf der Eigenständigkeit der SuS, sich mit Hilfe von Medien Lerninhalte selbst bzw. gegenseitig beizubringen. Ob jetzt die vorbereitete Umgebung, in welcher Lernmaterialien in ansprechender Anordnung liegen, oder ob die Medien zu Hause in digitaler Form vorliegen, in beiden Fällen soll den SuS zum eigenständigen Lernen verholfen werden.

Beide Modelle unterscheiden sich jedoch hinsichtlich des jeweiligen Wissensstandes des Lernenden zum Lernobjekt: In der Montessori-Pädagogik kommen die SuS in die Schule um sich ein neues Wissensgebiet selbst auszusuchen sowie erstmalig zu erlernen und sie erproben es dann innerhalb der Unterrichtszeit in der Schule. Im Flipped Classroom -Modell wird das zu erlernende Wissensgebiet vorgeschrieben, die SuS erlernen es nach Möglichkeit zu Hause und erproben dann ihr erlerntes Wissen in der Unterrichtszeit.

Trotzdem ähneln sich die Rollen der Lehrerinnen dahingehend, dass sie die Eigenständigkeit der SuS in beiden Konzepten stark in den Vordergrund rücken. So greift die Lehrerin in den Lernprozess meistens nur ein, wenn die SuS sie selbst kontaktieren. Dabei liegt der Fokus in der Montessori -Pädagogik auf der Motivation und der Fähigkeit der Lehrerin, mit reduzierten Gesten die SuS zum Lernen zu animieren. Im Flipped Classroom -Modell liegt der Fokus des Lehrenden auf der Beratung sowie darauf, die SuS immer wieder neu zum Lernen zu motivieren.

2.3 Motivation

Eine Problematik innerhalb des Flipped Classroom-Modells besteht darin, die Lernmotivation der SuS aufrecht zu erhalten. Rheinberg unterscheidet drei Arten der Motivation:

- Vollzug der Tätigkeit: Freude sich über ein Thema zu informieren und sich darüber mit anderen auszutauschen.
- Ergebnisse der Handlungen: Freude darüber, dass man etwas erlernen wird und sich fortgebildet hat.
- Folgen: Freude über das Gelingen einer Prüfung oder den Erwerb einer Qualifikation.

Des Weiteren wird zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation unterschieden: Intrinsische Motivation liegt vor, wenn die oben erläuterten Punkte „ Vollzug der Tätigkeit“ und „Ergebnissen der Handlungen“ gegeben sind. In diesem Fall hat der Motivierte Spaß an der Handlung des Lernens und der Kommunikation mit anderen. Bei der extrinsischen Motivation wird eine Handlung hingegen aufgrund ihrer Folgen und Ergebnisse ausgeführt. Beispiele dafür sind monetäre Entlohnung an der Arbeitsstelle oder der Erhalt eines Zertifikats.

Durch den Korrumpierungseffekt kann sich intrinsische Motivation in extrinsischer Motivation wandeln. Dies kann beispielsweise durch eine unerwartete Belohnung geschehen. Um diesen Effekt möglichst gering zu halten, sollte mögliches Feedback des Lehrenden informativ und nicht wertend sein (Rheinberg 2005:16-20).

Für das Flipped Classroom-Modell bedeutet dies, dass der Lehrende die SuS zum Forschen entsprechend ihren eigenen Interessen animieren sollte. So sollte die Motivation nicht hinsichtlich des Erfolges in einer Prüfung aufgebaut werden, sondern damit, dass sich die SuS untereinander zu einem Thema austauschen können und jeder das Gefühl hat, etwas dazugelernt zu haben.

2.4 Wie lernen Menschen besser mit digitalen Medien?

Das Flipped Classroom -Modell basiert auf dem Lernen mit digitalen Medien, da die SuS sich ihr Wissen in Form von Videos, Skripts, Lernspielen etc. zu Hause selbst aneignen. Studien dazu, ob ein Lernen mit Medien ertragreich ist, gibt es in Hülle und Fülle. Die Ergebnisse dieser Studien reichen dabei von einer Verbesserung des Lernerfolges über die Feststellung keiner Veränderung bis zu einer Verschlechterung desselben.

John Hattie fasste in seiner Arbeit ca. 4800 Studien zum Lernen mit Medien zusammen und arbeitete Aussagen darüber heraus, wann der Einsatz von Medien dem Lernenden hilft:

- Wenn Computer ergänzend (nicht ersetzend) zum Unterricht eingesetzt werden.
- Wenn SuS einen selbst bestimmten individuellen Lehrplan aufstellen können, ergo entscheiden wie, wann und wo gelernt wird.
- Wenn SuS am Computer in Gruppen arbeiten und vom Lehrenden Feedback zu ihrer Arbeit bekommen.
- Durch Tutorien-Videos in denen den SuS Probleme erklärt werden.
- Nicht jedes Medium ist für jede Schülerin gleichermaßen geeignet. Daher sollte eine Medienvielfalt angeboten werden.

Die wichtigste Quintessenz aus Hattie's Studie ist jedoch, dass es vor allem auf den sinnvollen Einsatz von Medien ankommt und nicht darauf, ob überhaupt Medien eingesetzt werden. Demnach soll im Vordergrund ein guter Unterricht stehen und Medien sollen diesen passend ergänzen (Hattie 2015:279-308).

3 Die Interviews und das Auswertungsverfahren

„Das große Geheimnis des Erfolgs bei Gesprächen ist, wenig zu bewundern, viel zu hören; immer dem eigenen Verstand mißtrauen und manchmal auch dem unserer Freunde; niemals vorgeben, besonders gewitzt zu sein, aber so gewitzt wie möglich erscheinen lassen; genau hinhören, was gesagt wurde, und auf das antworten, was gemeint wurde.“ Benjamin Franklin (1706-1790)

Um das Flipped Classroom-Modell in der Praxis zu erleben habe ich das Seminar Kosmochemie der Geowissenschaften an der Universität Köln von Herrn Dr. Dominik Hezel besucht. An diesem nahmen 20 Studentinnen und Studenten zwischen 23 und 28 Jahren teil, welche Geowissenschaften im Master-Studiengang studieren. Meiner Meinung nach kann man dieses Seminar von den Rahmenbedingungen sehr gut mit einem Leistungskurs in der Oberstufe vergleichen. Die Veranstaltung wurde in einem sehr kleinen Raum abgehalten; ähnlich einem kleinem Klassensaal. Da der Studiengang Master Geowissenschaften sehr klein ist, sind sich die Studierenden untereinander auch sehr bekannt und teilen größtenteils einen gemeinsamen Stundenplan. Des Weiteren ist das Seminar Kosmochemie ein Pflichtseminar und kann somit ansatzweise mit der Schulpflicht verglichen werden.

Das Seminar wird von drei Dozenten gehalten. Dr. Dominik Hezel hat hierbei fünf Seminarstunden a 90 Minuten in der Mitte des Semesters geleitet. Die Studierenden mussten bei ihm am Ende eine benotete mündliche Prüfung über 20 Minuten abhalten. Hezel hielt bereits zum dritten Mal ein Seminar nach dem Flipped Classroom -Ansatz und ist sehr aufgeschlossen, diesen Ansatz weiter zu verfeinern und zu verbessern.

Nach den ersten drei Sitzungen habe ich den Studierenden ein schriftliches Interview in Form eines DIN A4 Blattes zum Thema Flipped Classroom mitgebracht, welches sie handschriftlich ausfüllten. Zwei Wochen später führte ich mit drei weiblichen Studierenden ein freiwilliges Gruppeninterview. Darauf folgte ein Einzelinterview mit dem Dozenten Dominik Hezel. Das Ziel war, möglichst verschiedene Sichtweisen auf das Thema des Flipped Classrooms zu erhalten.

3.1 Schriftliches qualitatives Interview

Das schriftliche qualitative Interview ist eine Befragungsmethode der qualitativen empirischen Sozialforschung. Die Fragen sind im Vorfeld festgelegt, die Befragten können aber stets offen auf diese antworten. Es gibt keinerlei vorgefertigte Antwortmöglichkeiten (Schiek 2014:380).

Das Interview wurde den 20 Studierenden des Seminars Kosmochemie als DIN A4 Blatt ausgehändigt, welches sie freiwillig und anonym bis zur nächsten Seminarsitzung eine Woche später ausfüllen sollten.

Ich habe mir von dieser Interviewmethode bisher unbekannte, interessante Sichtweisen erhofft. Die Studierenden sollten selbst qualitativ antworten können und ihre Anschauung darstellen. Durch die Anonymität sollte den Studierenden auch die Möglichkeit offenstehen, das Konzept des Flipped Classroom negativ zu bewerteten. Ich hatte die Bedenken, dass ansonsten allein durch die große Hingabe des Dozenten zu diesem Modell eine negative Sichtweise auf Grund des sozialen Drucks und Abhängigkeit zum Dozenten schwer artikulierbar sein könnte.

Ich stellte Fragen, welche mir beim Betrachten der Lehrvideos, der Lernspiele und während der Präsenzzeit interessant erschienen und die verschiedene Meinungen und Einstellungen zuließen.

Zudem orientierten sich manche Fragen an bekannten Vor- und Nachteilen des Flipped Classroom -Modells zu welchen die Studierenden ihre Ansicht darstellen sollten.

Nachteilig an diesem System war, dass die Studierenden die Blätter nach Hause nehmen und sie dort ausfüllen mussten. Zum einen war dann eventuell die letzte Sitzung nicht mehr frisch in Erinnerung, zum anderen füllte nur die Hälfte der Studierenden die Bögen aus. Des Weiteren kann der Interviewer bei einem festgelegten Fragenkatalog hinsichtlich interessanter Teile des Interviews nicht weiter nachfragen und somit mögliche weitere unbekannte Gesichtspunkte ans Licht bringen. Aus diesem Grund entschied ich mich, zusätzlich noch ein persönliches Gruppeninterview zu führen.

3.2 Das Gruppeninterview

„Die Gruppendiskussion ist ein Gespräch mehrerer Teilnehmer zu einem Thema, das der Diskussionsleiter benennt, und dient dazu, Informationen zu sammeln.“ (Lamnek 1998: 408)

In einem Gruppeninterview werden Gruppen untersucht, welche auch außerhalb des Interviews existieren. Das Ziel des Interviews ist nicht die Meinung des Einzelnen zu einem Thema herauszufinden, sondern die Meinung der Gruppe zu erfahren. Die Teilnehmer diskutieren dann selbst zu einem vorgegebenen Thema und die Aufgabe des Interviewers ist es nur, die Diskussion in eine bestimme Richtung zu lenken (Bohnsack 1997: 492).

Nach einer ersten Auswertung des schriftlichen Interviews entschied ich mich ein Gruppeninterview zu führen. Dabei hat der Interviewer den Vorteil, bei bestimmten Thesen genauer nachhaken zu können. Zusätzlich werden im Gespräch in der Gruppe Begriffe aufgeschnappt und neuinterpretiert und es besteht die Möglichkeit, zu anderen Themen zu springen. Die Gruppe hat im Vergleich zum Einzelinterview den Nachteil, dass manche Meinungen und Ansichten nicht vertreten werden können, weil Teile der Gruppe diese eventuell negativ auffassen könnten. Zusätzlich ist im Gruppeninterview die Anonymität des Interviewten nicht vorhanden. Ein Vorteil meinerseits gegenüber dem Dozenten, welcher selbstverständlich auch immer nach Feedback und Rückmeldungen zum Thema Flipped Classroom fragte, liegt in der fehlenden Abhängigkeit zwischen Interviewer (ich) und Interviewten (Studierende). Des Weiteren bin ich selbst Student und damit deutlich näher an der Peer-Group der Interviewten. Es können daher auch typische Beispiele aus der Lebenswelt der Peer-Group genannt und vermutlich vom Interviewer verstanden werden.

Ich wählte eine offene Befragung aus, in der die Interviewten eigene Erfahrungen darstellen konnten und ich ließ Gruppengespräche zu. Erst, wenn das Gespräch stockte oder in eine völlig andere Richtung abdriftete, sollte der Interviewer durch immanente und exmanente Fragen das Gespräch wiederaufbauen. Ich stellte außerdem Fragen, welche Besonderheiten aus dem schriftlichen Interview enthielten, um an dieser Stelle noch einmal genauer nachzuhaken.

Ich führte das Gruppeninterview mit drei weiblichen Studierenden. Der Ton des Gesprächs wurde mit einem Samsung S3 Mini in einem kleinen Raum aufgezeichnet, wo normalerweise das Seminar stattfand.

3.3 Das Experteninterview

Ich führte ein Einzelinterview mit dem Dozenten des Seminars, Dr. Dominik Hezel. Das Einzelinterview sollte den Standpunkt des Lehrenden zum Thema Flipped Classroom herausfinden und darstellen, welche Probleme und Stärken er im System sieht.

Bei dem Einzelinterview handelte es sich um ein Experteninterview, in welchem ich einem Leitfaden folgte. So konnte ich bei Verständnisschwierigkeiten nachhaken und weitere Ansichten zu Tage fördern. Dadurch, dass Hezel bereits zum dritten Mal das Flipped Classroom -Modell in einem Seminar anwendete und zuvor gleiche Seminare angeboten hatte ohne dieses anzuwenden, waren seine Erfahrungen auch sehr interessant. Vornehmlich interessierten mich die Probleme des Lehrenden beim Flipped Classroom -Modell, mit welchen Schwierigkeiten zu rechnen und auf welche Probleme er unerwartet getroffen sei sowie welche Unterschiede man als Lehrender bei den Studierenden bezüglich des umgedrehten Unterrichts bemerke, beispielsweise hinsichtlich unterschiedlicher Lerntypen nach Geschlecht (Hopf 2000:351).

3.4 Das Auswertungsverfahren

Bei der Auswertung des schriftlichen Interviews achtete ich auf Besonderheiten in den Antworten, um im späteren Gruppen- und Experteninterview diesbezüglich noch weiter nachhaken zu können. Insbesondere durch die Frage nach Geschlecht und Alter konnte ich auch Unterschiede in Bezug darauf herausarbeiten.

Im Gruppeninterview und Experteninterview mit dem Dozenten hatte ich keine Hilfsperson, welche die Gruppe oder den Einzelnen beobachtete, da mich vorrangig die Aussagen der Interviewten zum Themengebiet interessierten. Daher erfolgte die Transkription ausschließlich basierend auf den aufgezeichneten Aussagen.

In der Transkription wurden die meisten Aussagen der Interviewten grammatikalisch aufbereitet und Bestätigungen oder direkte Weiterbefragungen des Interviewers auf gefallene Aussagen entfernt, da der Hauptfokus auf den Meinungen und Interessen der Interviewten lag.

4 Flipped Classroom

„Ich unterrichte meine Schüler nicht. Ich schaffe Bedingungen, unter denen sie lernen können.“

Albert Einstein (1879-1955)

4.1 Was ist Flipped Classroom ?

Flipped Classroom (oder Inverted Classroom sowie deutsch: umgedrehter Unterricht) beschreibt eine Unterrichtsmethode, in welcher die Übungsphase in Form der Hausaufgaben einerseits und die Phase der Stoffvermittlung innerhalb des Schulunterrichts andererseits vertauscht sind.

Im konventionellen Schulunterricht müssen die SuS während einer Präsenzveranstaltung („dem Unterricht“) der Lehrerin hauptsächlich passiv folgen. Die SuS bearbeiten dann das Gelernte zuhause oder in der häufig sehr kurzen Übungszeit innerhalb der Unterrichtsstunde. Aus Sicht des Flipped Classroom- Konzepts hat dies folgende Nachteile: Die Aufmerksamkeitsspanne der SuS sinkt kontinuierlich während des Frontalunterrichts bei einem Vortrag der Lehrerin. Auch der unterschiedliche Wissensstand der SuS kann die Motivation senken. Manche SuS sind mit dem neuen Stoff über-, andere unterfordert, worauf ebenfalls die Konzentration sinkt. Des Weiteren kann das eigenständige Üben in Form der Hausaufgaben zu Wissenslücken und Verständnisproblemen führen.

Das Flipped Classroom-Modell möchte durch den vertauschten Unterricht genau diese Punkte verbessern. Die SuS eignen sich die Lerninhalte asynchron, ortsunabhängig, individuell, selbstgesteuert und im eigenen Lerntempo anhand von digitalen Lernmaterialien an (Schäfer 2012:9). Häufig handelt es sich bei diesen digitalen Lernmaterialien um selbstproduzierte Videos. Die Lehrerin zeichnet dafür eine Vorlesung mit einer Videokamera auf oder fertigt einen Screencast an. Bei einem Screencast wird ein Teil des Desktops des Computers gefilmt und die Lehrerin spricht akustisch während der Darstellung darüber. Möglich sind als digitale Medien aber auch Podcasts, digitale Skripts/Unterlagen, Lernspiele etc.

Die SuS müssen als Hausaufgabe für die Unterrichtsstunde diese digitalen Medien bearbeiten. Dabei notieren sie sich mögliche Verständnisprobleme. Die Präsenzzeit in der Schule während des Unterrichts wird für die Aufarbeitung dieser Verständnisprobleme, Diskussionen, Einzel- und Gruppenarbeit genutzt. Dabei greifen die SuS auf ihr zu Hause erlerntes Vorwissen zurück und überprüfen gegenseitig ihren Kenntnisstand.

[...]

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Flipped Classroom und andere neue Formen der Mediendidaktik
Untertitel
Vor- und Nachteile des Flipped Classrooms
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
59
Katalognummer
V354486
ISBN (eBook)
9783668415522
ISBN (Buch)
9783668416451
Dateigröße
1316 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flipped Classroom, umgedrehter Unterricht, Gruppeninterviews, lerntheoretische Grundlagen
Arbeit zitieren
Constantin Becker (Autor), 2016, Flipped Classroom und andere neue Formen der Mediendidaktik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354486

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Flipped Classroom und andere neue Formen der Mediendidaktik


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden