Über die XIII. Vorlesung aus Morgenstunden von Moses Mendelssohn

Spinozismus - Pantheismus - Alles ist Eins und Eins ist Alles. - Widerlegung


Ausarbeitung, 2016

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Die folgende Ausarbeitung entstand im Rahmen der Weimar Exkursion 2015 zum Seminar Spinozastreit. Grundlage ist die Schrift Morgenstunden oder Vorlesungenüber das Dasein Gottes aus dem Jahr 1785 von Moses Mendelssohn.

Die achte Vorlesung beginnt Moses Mendelssohn mit einer kritischen Wiedergabe Spinozas„Wir selbst und die sinnliche Welt ausser uns, seyn nichts für sich Bestehendes; sondern bloßeModificationen der unendlichen Substanz. Kein Gedanke des Unendlichen könne ausser ihmund abgesondert von seinem Wesen zur Würklichkeit gelangen; denn es gebe nur eine einzigeSubstanz von unendlicher Denkungskraft und unendlicher Ausdehnung. Gott, sagt der Spino-zist, ist die einzige nothwendige und auch nur die einzige mögliche Substanz, alles Uebrigelebt, webt und ist nicht ausser Gott; sondern Modification des göttlichen Wesens. Eins ist Al-les und Alles ist Eins.“1 Mendelssohn behauptet hier, Spinoza kenne keine Substanz außerGott. In seiner Kritik ist das Ziel der Argumentation enthalten. Spinozas Meinung weichevom gesunden Menschenverstand ab. Ein wichtiger Begriff bei Kant und Mendelssohn, wel-chen man häufig in der Popularphilosophie wiederfindet.

Mendelssohn besuchte die Leibniz-Wolf-Schule und kann daher als Leibnizianer bezeichnetwerden. Für Leibniz sind Substanzen unteilbare Einheiten und entsprechen immateriellenKräften. Sie klären Vorstellungen auf und sind Prinzipien der Wirksamkeiten. In der Lektüre-besprechung stellen wir einen unberechtigten Vorwurf an Spinoza fest - unendliche Gedankenwerden im unendlichen Raum vorgestellt. „Diese Reihe von zufälligen Dingen, sagen wir,haben ausser Gott ihre eigene Substantialität; ob sie gleich nur als Würkungen seiner All-macht vorhanden seyn können. […] Es gebe nur eine Einzige unendliche Substanz; denn eineSubstanz müsse für sich bestehen, keines andern Wesens zu seinem Daseyn bedürfen und alsounabhängig seyn.“2 Mendelssohn will nachweisen, dass die Modi keine Substanzen sind undwiderspricht somit Spinozas Substanzbegriff. Die Gemeinsamkeiten mit den Spinozisten stellter falsch dar: „Diese Reihe von zufälligen Dingen, sagen wir, haben ausser Gott ihre eigene Substantialität; ob sie gleich nur als Würkungen seiner Allmacht vorhanden seyn können.“3 Gott denkt sich aber nicht selbst.

Mendelssohn beschreibt, wie der Spinozist der Lehre des Cartesius folgt und seiner eigenen Substanz zwei Eigenschaften zuteilt: unendliche Ausdehnung und unendliche Gedanken. Er folgert daraus Eins ist Alles, Alles ist Eins. Diese Folgerung ergibt sich in der Seminarbesprechung allerdings als problematisch. Außerdem folgt eine Unterstellung von Mendelssohn „daß Spinoza das Unendliche der Kraft nach, mit dem Unendlichen der Ausbreitung, der Menge nach, die intensive Größe mit der extensiven, zu verwechseln scheint. Aus unendlich vielen endlichen Gedanken setzet er das an Gedanken Unendliche gleichsam zusammen.“4 Wir lesen hier eine erneute Kritik am Substanzbegriff und stellen fest, dass die extensive Größe dem Raum und die intensive Größe den Gedanken entspricht.

„Daß in der Erklärung des Wortes Substanz eine Willkührlichkeit lieget, die den Spinoza vonder gemeinen Bahn abgeführt hat […] Allein wir unterscheiden das Selbständige von demFürsichbestehenden.“5 Spinoza unterscheidet nicht zwischen Selbstständigkeit und Fürsichbe-stehen. Selbstständigkeit ist Eines und Fürsichbestehen existiert abgesondert von dem Selbst-ständigen.

„In der Ausdehnung bestehet, nach diesem Weltweisen, das Wesen der Körper, und im Den-ken das Wesen der Geister. Allein, wenn wir auch zur Ausdehnung den Begriff der Undurch-dringlichkeit hinzuthun; so erschöpfet dieses blos das Wesen der Materie.“6 Mendelssohn be-zieht sich hier nochmals auf die Theorie des Cartesius, aber im Seminar hielten wir es fürsinnvoll, Leibniz’ Erklärungen zu Ausdehnung und Undurchdringlichkeit voranzustellen, daSpinoza einen unzureichenden Begriff von Körper und Ausdehnung (res extensio) hat. BeiLeibniz entsprechen interne Vorstellungen der Klarheit. Man kann Gegenstände unterschei-den, wie am Beispiel Mensch oder Tier. Externe Vorstellungen entsprechen dagegen der Deut-lichkeit. Man kann Merkmale unterscheiden, wie am Beispiel Mensch ist vernünftig. Mensch ist unvernünftig. Leibniz beschreibt den Körper als Zusammensetzung aus Materie und Form.Materie ist hier die Ausdehnung und Undurchdringlichkeit des Körpers. Spinozas Ausführun-gen zur res cogitans machen das gleiche Problem: Denkende Wesen sind keine Modi; sie sindnicht subsistent, laut Mendelssohn. „Wir sehen also, daß das System Spinozens in zweyerleiRücksicht mangelhaft ist. So wohl in Absicht auf die Körperwelt, als in Absicht auf die den-kenden Wesen, […]“7

Im Folgenden lesen wir einen weiteren Vorwurf an Spinoza, dass er Intension nicht berück-sichtige, sondern nur Ausführungen über Extension mache. „Jede Beschaffenheit der Dingehat ihre Ausbreitung und ihre Stärke, ihre Extension und ihre Intension. Durch das Hinzuthunmehrerer gleichartigen Dinge nimmt die Beschaffenheit an Ausbreitung, aber nicht an Stärkezu.“8 Eine 1. Konsequenz daraus, finden wir noch im selben Absatz „Wenn also endliche We-sen auch in ihrer unendlichen Menge zusammen gefaßt werden, so erwächst aus denselbeneine totale Unendlichkeit, blos der Menge und Ausbreitung nach. Die Intension oder die Stär-ke der Beschaffenheit bleibt im Ganzen immer noch endlich.“9 Da nach Spinoza nur eine ein-zige Substanz unabhängig sein kann und Extension von Intension abhängt, entsteht ein Vor-rang Verhältnis - Intension vor Extension.

Mendelssohn beschreibt Inbegriffe, also Prädikate, die als Ausdehnung aller Materie zukom-men als keine wirkliche Einheit, „sondern eine Wiederholung einer und eben derselben Be-schaffenheit in den kleinsten Theilen der Materie.“10 In unserer Besprechung stellen wir fest,dass es das nur im Denken gibt und auch Mendelssohn gibt später zu, dass es nur „durch dieVorstellungen denkender Subjecte“11 geschieht. Jedes denkende Wesen hat seine eigene Kraft„Wenn schon dieselbe Kraft zu denken allen zukommt; so ist es doch nicht dieselbe Einheit,die in allen denkt. […] Jedes denkende Wesen, wenn es endlich ist, denkt indessen blos einenTheil der Welt, eine Seite und Aussicht derselben, die nicht das Ganze mit gleicher Deutlich keit umfasset.“12 Mendelssohn meint etwas göttliches das den denkenden Wesen vorausgesetzt werden muss und das die isolierten Teile, nämlich die denkenden Wesen, durch umfassende Gedanken vereint. Daraus schlussfolgert er, dass „dieser schrankenlose Geist der Kraft nach unendlich, selbstständig und unabhängig seyn wird“13

Trotz anfänglicher Kritik, kann Mendelssohn der Idee Spinozas von einem unendlichen Weltall das der Kraft nach von einem unendlichen, einzelnen Wesen geführt wird und das die Körper- und Geisterwelt umfasst und in einem System verbindet, viel abgewinnen und gibt sogar zu „Auf solche Weise würde unser Zwist mit diesem Weltweisen ja hier am Scheidewege schon größtentheils beygelegt seyn.“14

Literaturverzeichnis

Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. Band 3.2, Berlin 1929 ff. [ab 1974: Stuttgart u. Bad Cannstatt], S. 104-113

[...]


1 Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. Band 3.2, Berlin 1929 ff. [ab 1974: Stuttgart u. Bad Cannstatt], S. 104

2 Ebenda

3 Ebenda

4 Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. Band 3.2, Berlin 1929 ff. [ab 1974: Stuttgart u. Bad Cannstatt], S. 105-106

5 Ebenda, S.106

6 Ebenda, S.107-108

7 Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. Band 3.2, Berlin 1929 ff. [ab 1974: Stuttgart u. Bad Cannstatt], S. 109-110

8 Ebenda, S.110

9 Ebenda, S.110

10 Ebenda, S.111

11 Ebenda, S.111

12 Ebenda, S.112

13 Moses Mendelssohn. Gesammelte Schriften. Band 3.2, Berlin 1929 ff. [ab 1974: Stuttgart u. Bad Cannstatt], S. 112

14 Ebenda, S.113

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Über die XIII. Vorlesung aus Morgenstunden von Moses Mendelssohn
Untertitel
Spinozismus - Pantheismus - Alles ist Eins und Eins ist Alles. - Widerlegung
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Spinozastreit
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
5
Katalognummer
V354497
ISBN (eBook)
9783668405288
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spinoza, Spinozismus, Spinozastreit, Pantheismus, Mendelssohn, Morgenstunden, Leibniz, Theorie des Cartesius
Arbeit zitieren
Arlind Oseku (Autor), 2016, Über die XIII. Vorlesung aus Morgenstunden von Moses Mendelssohn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354497

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