Das organisierte Verbrechen in den Unterschichten der Frühen Neuzeit

Die Flucht in die Kriminalität am Beispiel des Schinderhannes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziale Herkunft und Lebenssituation von Randgruppen
2.1 Vaganten und Unehrliche
2.2 Zigeuner und Juden

3 Der Schinderhannes als Leitfigur der Unterdrückung
3.1 Kindheit und kriminelle Vorerfahrungen
3.2 Die Räuberbande des Schinderhannes
3.3 „Ein Robin Hood der Neuzeit?“- Auswirkungen seiner Taten

4 Gruppierungen von Banden
4.1 Rekrutierung von Mitgliedern
4.2 Struktur innerhalb der Räuberbande

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Kriege ziehen sich wie ein Lauffeuer durch die Geschichte der Menschheit, doch seit dem 17. Jahrhundert wüteten speziell in Europa viele Kriege, die die Menschen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts vor eine ungewisse Zukunft stellten. Die Spitze war dabei die Aufteilung des deutschen Gebietes. Rund 300 Kleinstaaten verwalteten sich eigenständig und es gab keine direkte übergeordnete Kontrollinstanz. Die wirtschaftlichen Verhältnisse wurden dramatischer, indem die Obrigkeit immer reicher wurde und viele Menschen in der Unterschicht am Existenzminimum lebten. Dabei stellt sich aus heutiger Sicht die Frage, wie damals ein armer Mensch definiert wurde? Laut Reinheimer gab es vier Gruppen von armen Menschen. Die erste Gruppe konnte ohne fremde Hilfe überleben, dies konnte sich jedoch schnell durch wirtschaftliche oder soziale Gegebenheiten ändern. Die zweite Gruppe war abhängig von der Unterstützung durch die Obrigkeit, kirchliche Institutionen oder Stiftungen. Sie waren gesellschaftlich anerkannt. Menschen, die nicht auf diese Weise anerkannt waren, erhielten keine Unterstützung und mussten sich auf ihre Art durch das Leben schlagen, sei es auf legale oder illegale Weise. Sie gehörten zur dritten Gruppe der armen Menschen. Die letzte Gruppe bildeten die Vaganten. Heimatlose Menschen, die umherzogen und von dauerhafter Diskriminierung und Ausstoßung betroffen waren.[1] Für viele waren kriminelle Vergehen, sei es Diebstahl, Mord oder Plünderung, der letzte Ausweg, um überleben zu können. Andere wurden durch ihre Vorfahren und die geringen Chancen des sozialen Aufstiegs in die Kriminalität hinein geboren. Die Aneinanderreihung der Ereignisse, Kriege und wirtschaftliche Veränderungen, erhöhte die Anzahl der Vaganten schlagartig. Speziell die kriegerischen Auswirkungen nach der Eroberung der Rheinlande durch die Revolutionstruppen 1794 stellten die Territorien vor enorme Verwaltungsprobleme. Diese Lücken machten sich viele Menschen zu Nutze. Es konnte nicht allen Vergehen nachgegangen werden, gesuchte Kriminelle konnten in ein anderes Staatsgebiet fliehen ohne verfolgt werden zu dürfen und die Anzahl von Verbrechern stieg immer weiter. Es bildeten sich zahlreiche neue Banden von Sozialrebellen, die auf deutschem Boden ihr Unwesen trieben. Vor allem die Große Niederländische Bande und die Räuberbande des Schinderhannes konnten sich durch ihre zahlreichen Vergehen in den Geschichtsbüchern verewigen.

Die Auswirkungen kriegerischer Handlungen und gravierende soziale und wirtschaftliche Veränderungen in Bezug auf die Lebenssituationen armer Menschen und dem damit verbundenen Anstieg der Kriminalität in der Frühen Neuzeit stehen im Vordergrund dieser Seminararbeit. Besonderes Augenmerk wird dabei auf das späte 18. Jahrhundert und das frühe 19. Jahrhundert gelegt, da zu dieser Zeit die Folgen vieler Kriege auf deutschem Boden zu spüren waren, und „infolge ihres offensichtlich gehäuften Auftretens ließen sie (die Kriminellen) das 18. Jahrhundert in Deutschland zum Jahrhundert der Gauner und Räuber werden.“[2] Zu dieser Zeit bildete sich auch eine der bedeutendsten Räuberbanden der frühen neuzeitlichen Geschichte, die des Schinderhannes. Sein Leben kann dabei als Synonym für viele andere kriminell gewordene Menschen verwendet werden: Wie all seine Vorfahren erlernte auch er den unehrlichen Beruf des Abdeckers. Ein sozialer Aufstieg war nur sehr schwer möglich und durch die Entscheidungen des Vaters gehörte die Familie auch sehr schnell zu den Vaganten. Kurz gefasst kann gesagt werden, dass dem Schinderhannes eine kriminelle Zukunft hätte vorhergesagt werden können. Explizit soll es daher im Folgenden um die Fragestellung gehen, ob die Kriminalität wirklich der letzte Ausweg des Schinderhannes war und wie er seine Verbrechen organisierte. In der Literatur können viele Beispiele gefunden werden, wie Menschen aus Verzweiflung ein Delikt begingen, um an Nahrung zu gelangen. Doch wie spielte sich das Geschehen beim Schinderhannes ab? Er hat den gleichen Beruf wie sein Vater erlernt, sodass die Frage gestellt werden muss, ob seine Vergehen wirklich nötig gewesen waren oder ob die Einkünfte der Familie zum Leben gereicht hätten. Überdies wurde er in der Bevölkerung trotz zahlreicher Vergehen als Mann des Volkes gefeiert, doch wie entstand dieser Mythos des Robin Hood beim Schinderhannes?

In der folgenden Arbeit werden zunächst die einzelnen Gruppen der armen Menschen vorgestellt und wie die sozialen Auswirkungen in den Städten aussahen. An dieser Stelle wird erstmals die Flucht in die Kriminalität als letzten Ausweg aufgegriffen, bevor direkt auf den Schinderhannes, seine Bande und derer Taten eingegangen wird. Zu diesen Punkten ist vor allem die Ausstellung des Badischen Landesmuseums Karlsruhe von 1995-1996: „Schurke oder Held? Historische Räuber und Räuberbanden“, unter anderem mit dem Inhalt „Kriminalität und Gesellschaft in Spätmittelalter und Neuzeit“, herausgegeben von Sigrid Schmitt und Michael Matheus, literarisch empfehlenswert. Um über die neuzeitlichen Umstände armen Menschen mehr zu erfahren, dienen dieser Seminararbeit vor allem das Werk von Martin Rheinheimer „Arme, Bettler und Vaganten“ und das Buch von Wolfgang von Hippel „Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit“ von 1995. Interessante Einblicke der damaligen Geschehnisse geben auch die Actenmäßigen Geschichten von Johannes Nicolaus Becker, der ab 1803 Sicherheitsbeamter in Simmern im Hunsrück war und maßgeblichen Anteil an der Verhaftung des Schinderhannes hatte.

2 Soziale Herkunft und Lebenssituation von Randgruppen

Bereits seit der Antike ziehen sich Schichtsysteme in der Bevölkerung wie ein roter Faden durch die Geschichte. Schon immer gab es reiche Menschen, die zur Obrigkeit gehörten und auf der anderen Seite stand die Unterschicht, die um ihr Überleben kämpfen musste. Mit Blick auf das folgende Kapitel müssen die Begriffe Armut, Unterschicht und Randgruppen kritisch begutachtet werden. Nicht jeder Mensch, der der Unterschicht angehörte, wurde auch zu den Randgruppen gezählt. Armut bedeutete in erster Linie ein Leben knapp über dem Existenzminimum, da in den meisten Fällen ein gesichertes Einkommen fehlte. Im Schichtsystem gehörten zur Unterschicht unter anderem Tagelöhner oder Hilfsarbeiter. In wirtschaftlich guten Zeiten gab es für diese viel zu tun und sie konnten ohne fremde Hilfe ihr Leben meistern. Im Übergangsbereich von der Mittel- zur Unterschicht befanden sich kleine Handwerker und Bauern, die über ein eigenes, jedoch sehr geringes Einkommen verfügten. Am sozialen Ende der Unterschicht standen die Randgruppen. Sie wurden zumeist verachtet, diskriminiert und ausgestoßen und führten ein Leben am Übergang vom Leben zum Tode. Zu diesen Randgruppen gehörten Bettler, Vaganten, Räuber, Unehrliche, Juden und Zigeuner. Viele dieser Menschen wurden zu Kriminellen, da sie auf diese Art und Weise den letzten Ausweg gesehen haben, um sich und der Familie ein weiteres Leben ermöglichen zu können.[3]

2.1 Vaganten und Unehrliche

Vaganten beschrieben in spätmittelalterlicher Zeit und in der Frühen Neuzeit das wandernde und umherfahrende Volk. Im Gegensatz zu den sesshaften Menschen in der Stadt oder auf dem Land, zogen diese Menschen von Ortschaft zu Ortschaft auf der Suche nach einer Arbeit oder einem Unterschlupf. Anhand ihrer Kleidung waren sie deutlich erkennbar, sodass es für sie überaus schwierig war, sozialen Anschluss zu finden. Unter den Vaganten mussten zwei verschiedene Gruppen unterschieden werden: Die erste Gruppe, zu der Tagelöhner oder Soldaten gezählt wurden, war durch den Beruf nahezu gezwungen, reisend umherzuziehen, um für sich und die Familie Geld zu verdienen. Die Frau und Kinder wurden in einem solchem Fall zumeist unfreiwillig ebenfalls in das Vagantentum gedrängt. Zur zweiten Gruppe gehörten Menschen, die infolge von Kriegen, wirtschaftlichen Ereignissen oder persönlichen Schicksalsschlägen gezwungen waren, ihre Heimat aufzugeben und woanders Unterstützung suchen mussten.[4] Infolge des Heimatrechts wurden die Lebensbedingungen für Vaganten noch schwieriger. Anhand dieses Rechts sollte in den Städten geregelt werden, wer gesellschaftlich anerkannt war und damit eine Armenversorgung erwarten durfte. Der Status des fahrenden Volkes und ihre signifikante Kleidung machten es daher nahezu unmöglich, in den Städten Hilfe zu erwarten.[5] „Die Lebens- und Überlebensstrategien der vagierenden Bettler und Gauner schlossen spezifische Angrenzungs- und Absicherungstechniken ein. Zu ihnen rechnet auch die seit Mitte des 13. Jahrhunderts belegte Geheimsprache des „Rotwelsch“.“[6] Für die Obrigkeiten einer Stadt war es sehr schwierig, die falschen Bettler in Gewahrsam zu nehmen, da diese sich zumeist bei den Randgruppen der Stadtbevölkerung aufhielten und es dort genügend Unterschlupfmöglichkeiten gab. Sie bildeten Zusammenschlüsse und familienähnliche Strukturen, in denen sie durch die verschiedenen Territorien zogen, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Die zunehmenden Kontrollen und das neue System der Armenversorgung veranlassten die Vaganten jedoch seit dem 16. Jahrhundert zu einer Flucht aus den Städten auf das Land. In den dort dünn besiedelten Gebieten war es jedoch äußerst schwierig, eine Arbeit zu finden und vom Betteln konnten sie dort nicht Leben. Für viele war es daher der letzte Ausweg, sich durch Betrug oder Diebstahl Kleidung und Nahrung zu besorgen. Mit der Zeit schlossen sie sich zu immer größeren Banden zusammen und spezialisierten sich zum Teil auf Raub, Plünderung oder Diebstahl, da sie im großen Verbund stärker waren und mehr Beute machen konnten.[7]

In der Frühen Neuzeit war die Ehrlichkeit eine gefestigte Lebenseinstellung des Bürgertums und der bäuerlichen Gesellschaft. Personen, die als ehrlich galten, konnten ein hohes Maß an sozialer Anerkennung genießen. Umgekehrt wurden unehrliche Menschen missachtet und ausgestoßen. Ehrlichkeit bezog sich damals jedoch nicht nur auf die Aussage eines Menschen, ob er die Wahrheit spricht oder nicht, sondern wurde direkt mit Kriminellen, aber auch einigen Berufsgruppen in Verbindung gebracht. Jegliche Berufe, die etwas mit dem Tode oder den Innereien des Menschen zu tun hatten, sei es Henker, Abdecker, Bader oder Berufe, für die keine ursprüngliche Ausbildung benötigt wurde, wie zum Beispiel Müller oder Zöllner, galten als unehrlich. Die wirtschaftlichen Erträge der Berufe spielten dabei keine Rolle. Vaganten wurden dabei immer als unehrlich angesehen. Ihre nicht sesshafte Lebensweise, ob gewollt oder nicht, die kriminellen Unterstellungen, ob wahr oder nicht, und die unbekannten Ausübungen vieler Vaganten als Tierbändiger oder Akrobat, sorgten im Bürgertum für Verachtung und Ausstoßung. Durch die Folgen der Diskriminierung wurden viele Unehrliche immer weiter in die Randgruppen der Stadt gedrängt und waren so auch im Milieu der außenstehenden Kriminalität zu finden.[8] Das vagierende Volk wurde seit der Entstehung des Zunftbürgertums im 14. Und 15. Jahrhundert als unehrlich stigmatisiert. Zuvor gab es viel fahrendes Volk und sie wurden lediglich von der Kirche als verwerflich angesehen. Jedoch mit der steigenden Sesshaftigkeit an Höfen und in den Städten nahm die Norm der Ehrlichkeit und der damit verbundenen sozialen Anerkennung und Akzeptanz einen immer höheren Stellenwert im Leben der Menschen ein. Für Kinder Unehrlicher war es nahezu unmöglich, sich einen ehrlichen Status durch eine Berufsausbildung zu erarbeiten. Sie wurden schon unehrlich geboren und für das weitere Leben stigmatisiert. „In einer Gesellschaft, in der „ehrbare“ Herkunft ein entscheidendes Kriterium sozialer Wertigkeit bildete, vererbte sich das soziale Stigma auf die Nachkommen und begrenzte je nach Intensität seiner Ausprägung auch die jeweiligen Heiratskreise. Sozialer Aufstieg der nachfolgenden Generationen über die Ausübung von „ehrlichen“ Berufen erwies sich als schwierig, da die Zünfte gerade das Prinzip der „Ehrbarkeit“ als Regulativ bei der Auswahl des Nachwuchses mit dem Ziel konkurrenzmindernder Absicherung und Verbesserung des gesellschaftlichen Status der eigenen Gruppe seit dem 16. Jahrhundert immer restriktiver handhabten.“[9]

[...]


[1] Rheinheimer, Martin: Arme, Bettler und Vaganten- Überleben in der Not 1450-1850, Frankfurt am Main 2000.

[2] Hippel, Wolfgang von: Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, Enzyklopädie deutscher Geschichte Band 34, München 1995, S.34.

[3] Hippel, Wolfgang von: Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, Enzyklopädie deutscher Geschichte Band 34, München 1995, S. 3 ff.

[4] Ebd., S. 32 ff.

[5] Rheinheimer, Martin: Arme, Bettler und Vaganten- Überleben in der Not 1450-1850, Frankfurt am Main 2000, S. 135.

[6] Hippel, Wolfgang von: Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, Enzyklopädie deutscher Geschichte Band 34, München 1995, S. 33.

[7] Hippel, Wolfgang von: Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, Enzyklopädie deutscher Geschichte Band 34, München 1995, S. 32 ff.

[8] Ebd., S. 36 ff.

[9] Hippel, Wolfgang von: Armut, Unterschichten, Randgruppen in der Frühen Neuzeit, Enzyklopädie deutscher Geschichte Band 34, München 1995, S. 39.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das organisierte Verbrechen in den Unterschichten der Frühen Neuzeit
Untertitel
Die Flucht in die Kriminalität am Beispiel des Schinderhannes
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Räuber in der Frühen Neuzeit - Kriminelle und Sozialrebellen
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V354498
ISBN (eBook)
9783668405318
ISBN (Buch)
9783668405325
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verbrechen, unterschichten, frühen, neuzeit, flucht, kriminalität, beispiel, schinderhannes
Arbeit zitieren
Dominik Thale (Autor), 2014, Das organisierte Verbrechen in den Unterschichten der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354498

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