Ist das deutsche Rentensystem angesichts des demografischen Wandels noch zukunftsfähig?

Analyse anhand eines OLG-Modells


Hausarbeit, 2016
28 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Overlapping-Generations-Modell allgemein
2.1 Entstehung des OLG-Modells
2.2 Grundannahmen des OLG-Modells

3. Das OLG-Modell angewendet auf das deutsche Rentensystem
3.1 Das deutsche Rentensystem
3.2 Untersuchung des deutschen Rentensystems anhand eines OLG-Modells

4. Auswirkungen auf die Zukunft
4.1 Der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf das Rentensystem
4.2 Mögliche Alternativen

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Altersverteilung in der EU von 1990 bis 2060 in Prozent

Abbildung 2: Renteneinkommen in Europa

1. Einleitung

Das deutsche Rentenmodell funktioniert seit Jahren als Umlagemodell. Jede Generation von Rentenbeziehern erhält Beiträge, die aktuell von den Einzahlern geleistet werden. Die- ses Modell wird von Generation zu Generation weitergetragen. Seit einigen Jahren zeichnet sich in der deutschen Gesellschaft ein demografischer Wandel ab. In Zukunft werden im- mer weniger junge Menschen für immer mehr ältere Menschen sorgen müssen. Damit gerät das bisher praktizierte System in eine gefährliche Schieflage, sodass die Alterungsprozesse in Deutschland (und ganz Europa) zu einer der größten gesellschaftlichen Herausforderun- gen des 21. Jahrhunderts werden.1

In dieser Arbeit wird untersucht, ob die zukünftige Rentenfinanzierung sich mit einem Overlapping-Generations-Modell (im Folgenden OLG-Modell) angemessen darstellen lässt. Die Arbeit orientiert sich dabei an der Frage, wie ein zukunftsfähiges Rentensystem in Deutschland aussehen könnte. Die Hausarbeit gliedert sich folgendermaßen:

Im zweiten Kapitel werden die Entstehung des OLG-Modells und dessen Grundannahmen beschrieben. Die Ausführungen zum OLG-Modell beziehen sich dabei auf die Grundlagen der klassischen Variante, ohne die Details weiterer Modifikationen des Modells zu be- schreiben.

Kapitel 3 stellt das deutsche Rentensystem in seinen Grundzügen vor und untersucht dieses anhand eines OLG-Modells. Dabei wird die historische Entstehung des Rentensystems ge- schildert, bevor der OLG-Ansatz auf das deutsche Rentenmodell bezogen wird. Das Ziel besteht darin, zu Erkenntnissen zu kommen, die ohne das OLG-Modell nicht zu erklären wären.

Im vierten Kapitel wird der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf das deut- sche Rentensystem diskutiert. Dieser Punkt ist von großer Bedeutung, da die demografische Entwicklung einen sehr großen Einfluss auf die Gesellschaft insgesamt hat, und damit auf die Ausgestaltung eines zukünftigen Rentensystems. Im zweiten Abschnitt (4.2) werden mögliche Alternativen zum bisher praktizierten Modell untersucht. Dabei erfolgt ein Vergleich mit den Modellen in anderen europäischen Ländern, wobei die Mischung unterschiedlicher Vorsorgeformen dargestellt wird. Ein Schwerpunkt ist die Betrachtung der Alterssicherungssysteme in verschiedenen europäischen Ländern.

Kapitel 5 schließt die Arbeit mit einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse und einem Ausblick auf die Zukunft. Auch wenn die Forschungsfrage möglicherweise nicht vollstän- dig beantwortet werden kann, sollen zumindest zukunftsweisende Ansätze erläutert und dargestellt werden.

2. Das Overlapping-Generations-Modell allgemein

2.1 Entstehung des OLG-Modells

Das sogenannte OLG-Modell geht in erster Linie zurück auf Paul Samuelson (1958). Ähn- liche Ansätze hatte Maurice Allais zwar bereits 1947 veröffentlicht, diese fanden jedoch nicht die gebührende Resonanz.2 Heute gilt das Modell als “the most important and influen- tial paradigm in neoclassical general equilibrium theory outside of the Arrow-Debreu eco- nomy.”3 Dies rührt daher, dass sich das Modell als besonders gut anwendbar auf die Ren- tenproblematik erwiesen hat. Das Modell geht von unterschiedlichen Generationen aus. Dies bildet die Grundlage des Rentensystems überhaupt, wo es darum geht, dass verschie- dene Generationen miteinander in Kontakt stehen: In diesem konkreten Falle durch die Leistung von Transferzahlungen innerhalb eines staatlich geregelten Finanzsystems.

2.2 Grundannahmen des OLG-Modells

Eine Grundannahme des Modells besteht darin, dass immer zwei Generationen gleichzeitig leben - sich deren Lebenszeit also um eine bestimme Länge überlappt.4 Geneakoplos (2007) beschreibt diese Annahme des Modells mit Verweis auf Vater und Sohn: Da sich die Lebenszeit überlappt, würde ein Vater von den Ressourcen seines Sohnes leben, ohne selbst etwas zurückzugeben - eine Situation, die unter Aspekten des Marktes nicht funktioniert, da es zu keinerlei Austausch kommt.5

Es gibt zu jedem Zeitpunkt Angehörige unterschiedlicher Generationen, die über Märkte oder Präferenzen miteinander verbunden sind. Definiert man die Nutzen (u) aus dem Kon- sum der ersten und zweiten Lebensperiode (ct) und (ct+1), ergibt sich folgendes Modell:

Dabei ist ρ>0 die Zeitpräferenzrate, die in Bezug zu der Rate β=1/(1+ρ)<1 gesetzt wird.6

Es wird davon ausgegangen, dass in der ersten Lebensperiode Arbeit ausgeübt wird, die zum Lohnwtführt. Dieser muss den Lebensunterhalt sowohl in der ersten als auch in der zweiten Lebensperiode finanzieren. Was in der ersten Lebensperiode angespart wird, kann in der zweiten konsumiert werden. Daraus ergibt sich die Restriktion des Budgets:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten7

Die Ersparnisse der ersten Periode werden verzinst um in der zweiten verkonsumiert zu werden. Schäfer (2016) verweist in diesem Zusammenhang auf die sogenannte Euler-Glei- chung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten8

Diese als Euler-Gleichung des Konsums bekannte Variante der Euler-Gleichung „beschreibt die optimale intertemporale Konsumallokation eines nutzenmaximierenden Haushalts. Sie stellt eine dynamische, realzinsabhängige Konsumfunktion dar, die gleichzeitig als IS-Glei- chung im dynamischen Grundmodell der Neukeynesianischen Makroökonomik aufgefasst werden kann.“9

Im nächsten Kapitel wird dargestellt wie eine Betrachtung des deutschen Rentensystems anhand des OLG-Modells aussehen kann. Zuvor erfolgt eine allgemeine Darstellung dieses Systems und seiner historischen Hintergründe.

3. Das OLG-Modell angewendet auf das deutsche Rentensystem

3.1 Das deutsche Rentensystem

Das deutsche Rentensystem hat eine lange Geschichte hinter sich. Erste moderne Entwick- lungen setzten bereits mit Bismarck ein. Nach der Reichsgründung im Jahre 1871 existierte für die breiten Volksschichten keine Absicherung gegen allgemeine Risiken wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Um die zunehmende Organisation der Arbeiter abzuschwächen und gleichzeitig die Arbeiterschaft stärker an den Staat zu bilden, führte Bismarck ein soziales Sicherungssystem ein. Im Jahr 1883 wurde das „Gesetz betreffend die Krankenversiche- rung der Arbeiter“ eingeführt, dies war gleichzeitig der Start der Pflichtmitgliedschaft in einer Krankenversicherung. Bereits in den 1880er Jahren entstand somit ein System, in dem Arbeitnehmer und Arbeitgeber Beiträge in eine Sozialkasse einzahlen. Das Ziel war eine Minimalabsicherung.10 Noch heute ist das vorrangige Ziel des Rentensystems die Vermeidung von Altersarmut. Diese ist dann gegeben, wenn das Einkommen bei weniger als 40 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens liegt.11

1989 wird ein entsprechendes Rentengesetz verabschiedet. Unter dem Titel „Gesetz betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung“ entsteht eine rechtliche Regelung, die auch die mögliche Invalidität mitabsichert. Da es kein offizielles Alter für das Ausscheiden aus dem Berufsleben gab, konnte ab einem Lebensalter von 70 Jahren ein sogenannter Sicherungszuschuss bezogen werden. Dieser war unabhängig vom Einkommen und die Finanzierung und erfolgte durch Beiträge. Gezahlt wurden diese von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, außerdem kam ein allgemeiner Reichszuschuss hinzu.12 Seitdem hat das Rentensystem verschiedene Erweiterungen und Modifizierungen erfahren. Gerade durch die sich abzeichnende demografische Entwicklung verstärkt sich die Notwendigkeit zur Reform beziehungsweise Ergänzung des heutigen Rentensystems.

Die heutige Altersvorsorge beruht in Deutschland grundsätzlich auf drei Säulen, die sich gegenseitig ergänzen. Diese sind laut Peters die private Vorsorge (Sparen), die private Ver- sicherung und die gesetzliche Rentenversicherung.13 Genauer ist die Unterscheidung von Ehrentraut in gesetzliche Renten, staatliche Pensionen und betriebliche und private Alters- vorsorge.14 Diese gesetzliche Rentenversicherung ist das am meisten verbreitetste System der Alterssicherung in Deutschland. „In den alten Ländern beziehen 89 % der Männer und 84 % der Frauen ab 65 Jahren eine eigene Rente der gesetzlichen Rentenversicherung […]. In den neuen Ländern verfügen darüber sogar jeweils 99 % der Männer und Frauen.“15

Zu dieser „klassischen“ Rente kommen weitere Sonderformen, dazu zählt zum Beispiel die Hinterbliebenenrente, die in den alten Bundesländern von 86 Prozent aller Witwen ab 65 Jahren und in den neuen Bundesländern sogar von 99 Prozent der Witwen in dieser Altersklasse bezogen werden.16 Weitere Sonderformen sind betriebliche Altersvorsorgeregelungen die innerhalb der privaten Wirtschaft getroffen werden oder Sonderrenten für Landwirte. Der Anteil der Empfänger von Rentenzahlungen aus der betrieblichen Altersvorsorge beträgt in den alten Bundesländern 44 Prozent (Stand 2007).17

Den größten Teil der Rente machen die Zahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung aus. Dieses System ist als Umlagesystem gestaltet. Das bedeutet, dass die aktuellen Ein- nahmen, die sich aus Beiträgen und Bundeszuschüssen zusammensetzen, direkt für laufen- de Rentenzahlungen verwendet werden. Die Einzahlungen der aktuellen Beitragszahler fi- nanzieren somit die Auszahlungen an die Rentenbezieher, die vorangegangene Generation.18 Dies bedeutet, dass die eingezahlten Beiträge angespart werden, um dann später zur Auszahlung zu gelangen. Dadurch ist - oberflächlich betrachtet - eine gewisse Sicherheit vor Kapitalverlust gegeben. Allerdings funktioniert dieses System nur, wenn die Einzahler und die Rentenempfänger in einem bestimmten Verhältnis zueinanderstehen.

Erstmals wurde im Jahr 1957 eine systematische Dynamisierung der Renten eingeführt, um Rentenbezieher am Produktivitätsfortschritt teilhaben zu lassen. Damit wurden die Renten an das Lohnniveau gekoppelt. Diese Bruttolohnanpassung wurde in Deutschland bis 1992 weiterverfolgt. Im Jahr 1992 wurde mit dem Rentenreformgesetz eine Regelung verab- schiedet, die die sogenannte Nettoanpassungsformel einführte.19 Prinzipiell sind diese Regelungen sinnvoll, da durch ein Ansteigen der Löhne auch die prozentualen Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen steigen. Wer mehr verdient, zahlt auch mehr in die Rentenversicherung ein, sodass sich der Umlagebetrag automatisch erhöht. Dadurch ist ein Anheben des Rentenniveaus in diesem Falle möglich.

Durch die bereits erwähnte demografische Entwicklung bestand jedoch die Notwendigkeit, zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten zu schaffen. Das Rentensystem wurde daher in den Jahren zwischen 2001 und 2004 mehreren Reformen unterzogen. Dazu gehörte die Einfüh- rung der kapitalgedeckten Privatvorsorge, der sogenannten „Riester-Rente“. Andererseits wurde die „Rürup-Rente“ eingeführt.20 Während die „Riester-Rente“ eine Form der Alters- vorsorge darstellt, die privat oder betrieblich organisiert sein kann, handelt es sich bei der „Rürup-Rente“ um eine Möglichkeit der Vorsorge, die auch von jenen Personen bean- sprucht werden kann, auf die die Bedingungen für den Abschluss einer „Riester-Rente“ nicht zutreffen.21

Problematisch bleibt gerade für Geringverdiener das Äquivalenzprinzip. Dieses besagt, dass die erhaltenen Leistungen in direktem Zusammenhang mit den geleisteten Einzahlungen stehen. Daraus ergibt sich, dass Geringverdiener deutlich niedrigere Ansprüche erwerben als solche, die höhere Summen eingezahlt haben. Dies ist jedoch nicht der einzige Ausgangspunkt für die Rentenberechnung. Hinzu kommen individuell erworbene Leistungspunkte, die sich aus mehreren Faktoren zusammensetzen. Die Berechnung der individuellen Äquivalenz erfolgt folgendermaßen: Aus dem Arbeitseinkommen ergibt sich die Höhe der gezahlten Beiträge. Dazu kommt die Dauer der Einzahlungen.22

[...]


1 Vgl. Börsch-Supan et al. 2009, S. 7.

2 Vgl. Geanakoplos 2008, S. 1.

3 Geanakoplos 2008, S. 1.

4 Vgl. Geanakoplos 2008, S. 1.

5 Vgl. Geanakoplos 2008, S. 2.

6 Vgl. Schäfer 2016.

7 Vgl. Schäfer 2016.

8 Vgl. Schäfer 2016.

9 Wohltmann

10 Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2016).

11 Naber 2001, S. 44.

12 Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2016).

13 Peters 1989, S. 1.

14 Ehrentraut 2006, S. 27.

15 Kortmann & Halbherr 2008, S. 29.

16 Vgl. Kortmann & Halbherr 2008, S. 29.

17 Kortmann & Halbherr 2008, S. 34.

18 Deutsche Rentenversicherung 2015, S. 48f.

19 Kluth 2014, S. 52.

20 Riedmüller & Willert, M. o. J., S. 4.

21 Deutsche Rentenversicherung 2015, S. 42f.

22 Bäcker & Kistler 2014.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Ist das deutsche Rentensystem angesichts des demografischen Wandels noch zukunftsfähig?
Untertitel
Analyse anhand eines OLG-Modells
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V354558
ISBN (eBook)
9783668412224
ISBN (Buch)
9783668412231
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wachstum und Verteilung, VWL, Sozialwissenschaft
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Ist das deutsche Rentensystem angesichts des demografischen Wandels noch zukunftsfähig?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354558

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