Anwesenheitseffekte bei persönlichen Interviews. Inwiefern beeinflusst die Anwesenheit des Partners das Antwortverhalten bei dem Thema der Geschlechterrolle der Frau?


Hausarbeit, 2016

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und theoretische Überlegungen

2. Daten, Operationalisierung und Methoden
2.1 Datengrundlage
2.2 Operationalisierung
2.3 Methodisches Vorgehen

3. Ergebnisse

4. Zusammenfassung und Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Neue und alte Itembatterie zur Geschlechterrolle der Frau im ALLBUS

Tabelle 2: Ergebnisse des Brant-Tests

Tabelle 3: Interviews mit Anwesenheit Dritter bzw. des Partners (in % und absolut)

Tabelle 4: Antwort-Verteilung zu Item 1 und 2 mit und ohne Partneranwesenheit (in %)

Tabelle 5: Antwort-Verteilung zu Item 3 und 4 mit und ohne Partneranwesenheit (in %)

Tabelle 6: Wahrscheinlichkeiten der Zustimmung zu Item 1 bzw. 2 mit und ohne Partner

Tabelle 7: Wahrscheinlichkeiten der Zustimmung zu Item 3 bzw. 4 mit und ohne Partner

Tabelle 8: Übersicht der Kontrollvariablen mit Verteilungen bzw. Lagemaße

Tabelle 9: durchschnittl. Marginaleffekte Item 1 – Gesamtmodell mit Kontrollvariablen

Tabelle 10: durchschnittl. Marginaleffekte Item 2 – Gesamtmodell mit Kontrollvariablen

Tabelle 11: durchschnittl. Marginaleffekte Item 3 – Gesamtmodell mit Kontrollvariablen

Tabelle 12: durchschnittl. Marginaleffekte Item 4 – Gesamtmodell mit Kontrollvariablen

1. Einleitung und theoretische Überlegungen

Unter einer persönlichen Befragung versteht man in den Sozialwissenschaften gemeinhin ein dyadisches Interview-Setting, bei dem sich ein Interviewer[1]und ein Befragter zum Zwecke der Datenerhebung in Person gegenübersitzen (Kahn und Cannell 1968: 149; Sudman und Bradburn 1974: 4ff.). Nach den Regeln der Umfrageforschung sollte es dabei möglichst vermieden werden, dass diese Befragungskonstellation durch zusätzliche Personen erweitert wird. Dies lässt sich speziell bei Interviews, die bei den Befragten zu Hause stattfinden, jedoch nicht immer durchsetzen, ohne dabei eine erfolgreiche Durchführung des Interviews an sich zu gefährden (Reuband 1984: 117; 1987: 303; 1992: 269). Die Ursache, warum die Anwesenheit sogenannter „Dritter“, vor allem bei standardisierten Interviews, zu einem Problem werden kann, liegt in den Grundprinzipien der quantitativen Datenerhebung begründet. Nur wenn es gelingt die Interviewsituation über alle Befragten hinweg in bestmöglichem Maße konstant zu halten, erhält man gültige und verlässliche Messergebnisse, die sowohl untereinander vergleichbar, als auch auf die intendierte Grundgesamtheit übertragbar sind. Jede Abweichung von dieser „Norm“, wie sie auch die Anwesenheit einer dritten Person darstellt, verändert die Befragungssituation und ist somit eine potentielle Quelle für Messfehler. Allgemein ist der Anteil der Befragungen im Beisein Dritter jedoch trotzdem oft verhältnismäßig hoch (Reuband 1984: 120f.; Schnell 2012: 59). Bei genauerer Betrachtung handelt es sich dabei hauptsächlich um Ehepartner sowie nichteheliche Lebenspartner[2]. Die berichteten Anteile an Befragungen mit Partneranwesenheit variieren von 17% (Reuband 1992: 271) über maximal 25% (Lander 2000: 232) bis hin zu maximal 32% (Smith 1997: 36) und sogar 36% (Aquilino 1993: 366). Obwohl eine solche Interviewsituation somit weit davon entfernt ist, als gelegentliche Ausnahme deklariert werden zu können, wird dieser Thematik und ihrer möglichen Folgen in der Forschung bislang kaum Beachtung geschenkt (Reuband 1984: 117; Smith 1997: 35; Cantillon und Newman 2005: 34f.). Besonders die Anwesenheit des Partners ist aus methodologischer Hinsicht bedenklich. So scheint es doch gerade in diesem Fall recht plausibel, dass sich das Antwortverhalten teilweise verändern kann. Man denke hierbei vor allem an Fragen, die z.B. die Zufriedenheit, die Ehe bzw. Partnerschaft oder auch Geschlechterrollen thematisieren und somit den anwesenden Partner direkt oder indirekt betreffen. In Anlehnung an Lander (2000) steht letzteres Thema, mögliche Auswirkungen einer Partneranwesenheit im Kontext der Geschlechterrollen, im Fokus dieser Untersuchung. Die konkrete Forschungsfrage lautet entsprechend:Inwiefern beeinflusst die Anwesenheit des Partners das Antwortverhalten zur Einstellung gegenüber der Geschlechterrolle der Frau?Wie könnte nun eine etwaige Beeinflussung des Antwortverhaltens durch Partneranwesenheit zustande kommen und welche Einflüsse sind theoretisch zu erwarten? Es ist denkbar, dass Befragte im Beisein ihres Partners Antworten geben, die diesen zufriedenstellen und sie so nicht mehr ihre tatsächliche, eigene Meinung äußern (Anderson und Silver 1987: 541f.; Aquilino 1993: 359). Lander konstatiert in diesem Zusammenhang, dass eine zusätzliche Person eigene, neue Erwartungen in ein Interview miteinbringt und der Befragte dadurch die Situation anders bewertet. Effekte von allgemeiner, kultureller sozialer Erwünschtheit können so von situationaler sozialer Erwünschtheit (bezogen auf den Partner) überlagert werden (2000: 227, 230). Ebenso ist es möglich, dass Antworten mit dem Partner gar gemeinsam diskutiert und abgestimmt werden (Anderson und Silver 1987: 541f.; Aquilino 1993: 359). Im Gegensatz zur Tendenz möglichst „partnerfreundliche“ Angaben zu machen, ist aber auch nicht auszuschließen, dass eine Befragung in Gegenwart des Partners als „Plattform“ dienen kann, um Kritik an diesem bzw. an dessen Einstellungen zu äußern (Lander 2000: 230). Eng mit den bisher genannten Punkten verbunden ist die Sichtweise des Befragten als rational handelndes Wesen. Der Befragte wählt hiernach, unter Einbeziehung sämtlicher Faktoren der Interview-Situation, die Antwortalternativen aus, die für ihn am besten erscheinen (zusammenfassend Haunberger 2006: 25ff.). Auf diese Weise ist der anwesende Partner und dessen Erwartungen Teil des Abwägungsprozesses. Durch eine bestimmte Antwortauswahl kann dieser zufriedengestellt bzw. eben auch kritisiert werden. In allen dargestellten Fällen würden sich Messfehler ergeben, die mit dem Grad der Privatsphäre während dem Interview variieren. Eine Vergleichbarkeit der Befragungen mit und ohne Partner, sowie eine Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse insgesamt, währen so nicht mehr ohne weiteres möglich. Da typische Geschlechterrollen tief in unserem Selbstbild und der Gesellschaft verankert sind, kann davon ausgegangen werden, dass traditionelle Einstellungen diesbezüglich als wünschenswert (= vom Partner erwünscht) eingeschätzt werden. Dies sollte sich darin äußern, dass im Beisein des Partners auch eher traditionellere Antworten gegeben werden. Dahinter kann die Intention stecken, die Erwartungen des Partners (zumindest bis zu einem gewissen Grad) zu erfüllen und somit negative Konsequenzen zu umgehen. Eine weitere mögliche Intention kann darin bestehen, ihm durch das eigene traditionelle Antwortverhalten zu verdeutlichen, dass er mit seinem Verhalten den eigenen Eistellungen bzw. gesellschaftlichen Normen widerspricht. Auch empirische Belege deuten darauf hin, dass bei Partneranwesenheit eine Tendenz zu traditionelleren Antworten gegeben sein könnte (Reuband 1984; Lander 2000). Die weitere Arbeit ist in drei Gliederungspunkte aufgeteilt. Zunächst wird die zugrundeliegende Datenbasis, die Operationalisierung der relevanten Variablen sowie das methodische Vorgehen genauer erläutert. Im Anschluss daran erfolgt die Darstellung der deskriptiven und multivariaten Ergebnisse. In einem letzten Punkt werden schließlich die zentralen Punkte der Untersuchung nochmals zusammengefasst und die Ergebnisse und Einschränkungen diskutiert.

2. Daten, Operationalisierung und Methoden

2.1 Datengrundlage

Die vorliegende Untersuchung basiert auf den Daten der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“ (ALLBUS) von 2012 (Diekmann et al. 2013). Die ALLBUS-Befragung wird seit 1980 im Turnus von zwei Jahren durchgeführt (Wasmer et al. 2014: 6). Vorrangige Ziele sind die Untersuchung des sozialen Wandels und die Datengenerierung für Sekundäranalysen (Braun und Mohler 1991; Koch und Wasmer 2004). Hierfür werden Daten zu Einstellungen, Verhaltensweisen und sozialstrukturellen Merkmalen aufgenommen. Die Grundgesamtheit der ALLBUS-Studien bilden alle erwachsenen Personen, die in Privathaushalten in Deutschland leben. Seit 1994 erfolgt die zufällige Auswahl der Zielpersonen zweistufig, indem zunächst eine Gemeindestichprobe erstellt wird und im Anschluss daran Personen aus den jeweiligen Einwohnermelderegistern gezogen werden. Die Durchführung der Studie erfolgte durch TNS-Infratest (Wasmer et al. 2014: 5f.). Im Zuge der ALLBUS-Welle von 2012 wurden zwischen April und September insgesamt 3480 Personen in computergestützten persönlich-mündlichen Interviews (CAPI) befragt. Die Ausschöpfungsquote lag bei 37,6% (Wasmer et al. 2014: 55).

2.2 Operationalisierung

Die Einstellung gegenüber der Geschlechterrolle der Frau, die in vorliegender Untersuchung als abhängige Variable fungiert, wurde in der Befragung des ALLBUS von 2012 zwar Anhand der Zustimmung zu bis zu 10 Aussagen erhoben, jedoch ergeben sich dabei einige Schwierigkeiten. Im Zuge einer Anpassung der Items an moderne gesellschaftliche Entwicklungen, kam es zu einer Aktualisierung in der Formulierung einiger Aussagen und zur Erstellung neuer Items, deren Inhalte von den bisherigen nicht abgedeckt wurden. Die Datenerhebung erfolgte dann im Fragebogensplitt, sodass eine Hälfte der Befragten mit der alten Version der Items befragt wurde und die andere Hälfte mit der neuen Version (Wasmer 2014: 26ff.). Wie in Tabelle 1 ersichtliche, hat sich die Formulierung der Items teilweise drastisch geändert (siehe z.B. Item B und F), wodurch das einfache Zusammenführen beider Versionen nicht in allen Fällen zu rechtfertigen ist. Es besteht hierbei die Gefahr, unterschiedliche Bereiche des Konstrukts „Geschlechterrolle der Frau“ zu vermischen und mögliche Effekte zu überdecken. Ebenso erscheint es wenig sinnvoll, die Analyse nur auf eine der beiden Version zu beschränken und somit die Fallzahl um etwa die Hälfte zu reduzieren. Die Entscheidung fiel daher auf den Kompromiss die Analyse auf die drei Items, die in beiden Versionen identisch abgefragt wurden (C, D und F), sowie ein viertes Item, das in der neuen Version nur marginal verändert wurde (A), zu beschränken.

Tabelle 1: Neue und alte Itembatterie zur Geschlechterrolle der Frau im ALLBUS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Wasmer 2014: 27f., eigene Darstellung. Tabelle beschränkt sich auf Items, die über eine Entsprechung in der alten Version verfügen.

Die Anwesenheit des Partners stellt die zentrale unabhängige Variable dieser Untersuchung dar. Im Anschluss an jede ALLBUS-Befragungseinheit war vom Interviewer hierzu folgende Frage zu beantworten:„Wurde das Interview mit dem / der Befragten allein durchgeführt oder waren während des Interviews dritte Personen anwesend?Wenn ja, welche?(Terwey und Baltzer 2013: 565). Waren dritte Personen anwesend, so war auch eine Mehrfachantwort möglich. Aus dieser Angabe wurde von GESIS eine dichotomisierte Variable erstellt, die anzeigt, ob der Partner während des Interviews anwesend war (Wert 1) oder nicht (Wert 0) (Terwey und Baltzer 2013: 564ff.). Dies impliziert zwei Dinge. Erstens unterscheidet diese Variable nicht zwischen Interview-Situationen in denen nur der Partner anwesend ist und solchen in denen zusätzlich noch weitere Personen anwesend sind. Zweitens wird auch nicht zwischen Befragungen differenziert, bei denen keine dritte Person anwesend ist und solchen bei denen eine andere Person als der Partner anwesend ist. Beide Implikationen sind jedoch im Sinne der vorliegenden Fragestellung. In Anlehnung an Lander, soll der allgemeine Effekt der Partneranwesenheit auf die Angaben zur Geschlechterrolle der Frau, in Kontrast zu allen anderen Interview-Situationen ohne eine solche Anwesenheit, untersucht werden (Lander 2000: 228f.). Es ist plausibel und recht wahrscheinlich, dass sich etwaige Anwesenheitseffekte durch den Partner auch zeigen, wenn zusätzlich noch weitere Personen anwesend sind (Reuband 1984: 137ff.; Lander 2000: 229). Ob die Anwesenheit von anderen Personen als dem Partner einen Effekt auf das Antwortverhalten von Befragten ausübt, wäre an anderer Stelle separat zu überprüfen.

Die Anwesenheit eines Partners während eines Interviews ist kein rein zufälliges Geschehnis. Eine Vielzahl an Faktoren bezüglich der Lebenssituation und des Partnerschaftsstatus des Befragten sowie der Interviewsituation an sich machen eine solche Anwesenheit mehr oder weniger wahrscheinlich. Da davon auszugehen ist, dass viele dieser Faktoren auch einen Einfluss auf die Einstellung zur Geschlechterrolle der Frau haben können, müssen die betreffenden Merkmale innerhalb der multivariaten Analyse kontrolliert werden, um den „wahren“, von andere selektiven Einflüsse bereinigten, Effekt der Partneranwesenheit zu erhalten (Aquilino 1993: 359f.; Lander 2000: 227f.; Chadi 2013: 5). Ganz im Sinne der Methoden der modernen Kausalanalyse werden in vorliegender Arbeit dementsprechend diejenigen Merkmale kontrolliert, die sich auf Basis theoretischer Überlegungen sowohl auf die Anwesenheit des Partners, als auch auf die Einstellung gegenüber der Geschlechterrolle der Frau auswirken können. Nur wenn dieses Vorgehen gewissenhaft eingehalten wird, ist dieconditional independence assumptionbestmöglich erfüllt und kausale Schlussfolgerungen können – wenn auch im Querschnittsdesign mit Einschränkungen – gezogen werden (Legewie 2012 :130ff.).

[...]


[1]Hier und im Folgenden stehen Bezeichnungen, wie z.B. Interviewer, Befragter und Partner, stellvertretend für beide Geschlechter und sind somit als geschlechtsneutral zu verstehen. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird nur die kürzere männliche Form explizit genannt.

[2]Da es für diese Untersuchung nicht relevant ist, wird im Folgenden nicht weiter zwischen Ehepartnern und nichtehelichen Lebenspartner unterschieden und beide, ebenfalls aus Gründen der besseren Lesbarkeit, unter dem kurzen Begriff „Partner“ zusammengefasst.

[3]d = dichotomes Merkmal; k= kategoriales Merkmal, m = metrisches Merkmal

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Anwesenheitseffekte bei persönlichen Interviews. Inwiefern beeinflusst die Anwesenheit des Partners das Antwortverhalten bei dem Thema der Geschlechterrolle der Frau?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Soziologie, insb. Survey-Methodologie)
Veranstaltung
Fortgeschrittene Methoden der Datenerhebung: Datenerhebung und Fehlerquellen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V354559
ISBN (eBook)
9783668412248
ISBN (Buch)
9783668412255
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anwesenheitseffekte, Anwesenheit, Partner, Ehepartner, Antwortverhalten, Geschlechterrolle, soziale Erwünschtheit, Verzerrung, Datenerhebung, Messfehler, Interview, Anwesenheit Dritter
Arbeit zitieren
Thomas Beer (Autor), 2016, Anwesenheitseffekte bei persönlichen Interviews. Inwiefern beeinflusst die Anwesenheit des Partners das Antwortverhalten bei dem Thema der Geschlechterrolle der Frau?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354559

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