Diese Hausarbeit befasst sich mit Heinrich Heine und der Rezeption seiner Werke (speziell "Deutschland ein Wintermärchen") im schulischen Literaturunterricht der späten DDR. Hierzu werden Lehrpläne, Lehrbücher und Materialien untersucht, um zu eruieren, welches Heine-Bild den Schülern der DDR übermittelt werden sollte und welche Rolle der Dichter für das DDR-Regime hatte.
Einführend wird ein Überblick über die Heine-Forschung in der Literaturwissenschaft und -didaktik der DDR, die als Grundlage des Literaturunterrichts angesehen wird, gegeben und in diesem Zusammenhang nach der Bedeutung und Wichtung von Heines Werken im Kanon des Literaturunterrichts gefragt, die mittels einer Lehrplananalyse der Sekundarstufe I2 ermittelt werden. Im zweiten Punkt werden Unterrichtsmaterialien der Stoffeinheit „Deutschland. Ein Wintermärchen“ als Quelle schulischer Heine-Rezeption exemplarisch untersucht, um zu eruieren, wie der Dichter didaktisch aufbereitet, interpretiert, in welche Traditionslinie gesetzt und womöglich auch instrumentalisiert wurde, um im anschließenden dritten Kapitel eine hypothetische Bilanz zur Akzentuierung und Intention des Heine-Bildes zu ermöglichen und unter dem Gesichtspunkt der Herrschaftssicherung zu erörtern.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitende Betrachtung –
Heine und die Tüten des Gewürzkrämers
B. Heinrich Heine: Nationalautor, Klassiker des Sozialismus und Identifikationsfigur
1. Zu den Grundlagen des schulischen Literaturunterrichts der DDR -
Staatliche, schulpolitische und wissenschaftliche Determinanten des Heines-Bildes
2. Der Dichter im Kanon des Literaturunterrichts der späten DDR -
Eine curriculare Bestandsaufnahme der Sekundarstufe I
3. Der Blick in ausgewählte Materialien schulischer Heine-Rezeption –
Eine Beispieluntersuchung der Stoffeinheit „Deutschland. Ein Wintermärchen“
4. Literatur als Herrschaftssicherung –
Eine Bilanz zu Akzentuierung und Intention des Heine-Bildes der späten DDR
C. Abschließende Betrachtung –
Ein „Heine, der uns allen gehört...“
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption und Instrumentalisierung von Heinrich Heine im Literaturunterricht der späten DDR, um aufzuzeigen, wie das SED-Regime den Dichter als sozialistischen Klassiker und Identifikationsfigur stilisierte, um eigene politische Bildungsziele und den Alleinvertretungsanspruch auf das kulturelle Erbe zu legitimieren.
- Staatliche und didaktische Determinanten der Heine-Rezeption in der DDR
- Curriculare Analyse des Literaturkanons der Sekundarstufe I
- Instrumentalisierung von Heine im Kontext der sozialistischen Persönlichkeitserziehung
- Untersuchung der Stoffeinheit „Deutschland. Ein Wintermärchen“ als Beispiel für ideologische Lenkung
- Analyse von Heine als Identifikationsfigur im Sinne der SED-Staatsdoktrin
Auszug aus dem Buch
A. Einleitende Betrachtung – Heine und die Tüten des Gewürzkrämers
„Dieses Bekenntnis, dass die Zukunft dem Kommunismus gehört, dieses Bekenntnis machte ich in einem Ton der Besorgnis und äußerster Furcht, […] – ach, mein Buch der Lieder wird dem Gewürzkrämer dazu dienen, Tüten zu drehen, in die er den armen alten Frauen der Zukunft Kaffee und Tabak schütten wird. Ach, ich sehe all dies voraus, […] wenn ich an den Verfall denke, mit dem das siegreiche Proletariat meine Verse bedroht […]“ HEINRICH HEINE, Vorwort zu „Lutetia“ (1855)
Heines Befürchtungen eines künftigen kommunistischen Bildersturms auf seine Werke sollten sich als unberechtigt herausstellen, denn entgegen seiner düsteren Zukunftsprognose wurden seine Werke im Kommunismus keineswegs als Papiertüten zweckentfremdet. Statt dessen trugen zahllose Publikationen, Schulen, Straßen und Preise seinen Namen, zierte sein Konterfei Münzen und Briefmarken, wurden unzählige Festakte und Reden zu seinen Ehren veranstaltet und kaum ein Schüler/in, der nicht sein Weberlied rezitieren oder das Wintermärchen lesen musste: Am „real existierenden Sozialismus“ des „Arbeiter- und Bauernstaates“ der DDR lässt sich jener Anachronismus zur Heineschen Vorahnung entsprechend eindrucksvoll nachvollziehen, dessen nationale Identität dermaßen von der Berufung auf das literarische Erbe des Dichters zehrte und profitierte, dass Heine vom DDR-Regime postum zum (früh)sozialistischen Klassiker stilisiert und zur Vorbildfigur emporgehoben wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitende Betrachtung – Heine und die Tüten des Gewürzkrämers: Das Kapitel führt in die Heine-Rezeption der DDR ein und skizziert den Anachronismus zwischen Heines eigener Skepsis gegenüber dem Kommunismus und seiner postumen Stilisierung zum sozialistischen Klassiker.
1. Zu den Grundlagen des schulischen Literaturunterrichts der DDR - Staatliche, schulpolitische und wissenschaftliche Determinanten des Heines-Bildes: Es wird analysiert, wie staatliche Vorgaben und fachwissenschaftliche Diskurse der DDR den Interpretationsrahmen für die schulische Heine-Rezeption festlegten.
2. Der Dichter im Kanon des Literaturunterrichts der späten DDR - Eine curriculare Bestandsaufnahme der Sekundarstufe I: Das Kapitel bietet eine detaillierte Analyse der Lehrpläne für die Klassen 5, 8 und 10, um die Verortung Heinescher Werke im Unterricht aufzuzeigen.
3. Der Blick in ausgewählte Materialien schulischer Heine-Rezeption - Eine Beispieluntersuchung der Stoffeinheit „Deutschland. Ein Wintermärchen“: Anhand von „Unterrichtshilfen“ wird konkret nachgewiesen, wie das „Wintermärchen“ didaktisch für die SED-Ideologie nutzbar gemacht wurde.
4. Literatur als Herrschaftssicherung – Eine Bilanz zu Akzentuierung und Intention des Heine-Bildes der späten DDR: Abschließend wird die Instrumentalisierung des Dichterbildes als Mittel zur Identitätsstiftung und Herrschaftssicherung zusammenfassend bewertet.
C. Abschließende Betrachtung - Ein „Heine, der uns allen gehört…“: Das Resümee stellt fest, dass die DDR Heine als politisch domestizierten Nationalklassiker in den Dienst ihrer Staatsdoktrin stellte.
Schlüsselwörter
Heinrich Heine, DDR, Literaturunterricht, Sozialismus, Instrumentalisierung, Bildungsauftrag, Nationalklassiker, Deutschland. Ein Wintermärchen, SED-Regime, Kanon, Rezeption, Kulturpolitik, Identitätsstiftung, Vormärz, Arbeiterbewegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie der Dichter Heinrich Heine in der späten DDR im Literaturunterricht behandelt und dabei ideologisch für die Ziele des SED-Regimes instrumentalisiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der staatlichen Lehrpläne, der didaktischen Aufbereitung seiner Werke und der bewussten Konstruktion eines „sozialistischen Heine-Bildes“.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen Heines eigenem Werk und dessen propagandistischer Vereinnahmung im „Arbeiter- und Bauernstaat“ durch die Analyse schulischer Materialien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine Lehrplananalyse und die Untersuchung begleitender Unterrichtsmaterialien, um die didaktische Lenkung der Heine-Rezeption exemplarisch nachzuweisen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen der DDR-Schulpolitik, eine curriculare Bestandsaufnahme des Kanons sowie eine tiefgehende Fallstudie zu „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind die Instrumentalisierung von Literatur, sozialistische Persönlichkeitserziehung, die Stilisierung zum Nationalklassiker und die politisch gelenkte Rezeption von Heine.
Welche Rolle spielt „Deutschland. Ein Wintermärchen“ in der Argumentation?
Es dient als zentrales Fallbeispiel, an dem die Lehrplanautoren und Didaktiker der DDR beispielhaft aufzeigten, wie Heines Satire zur Legitimierung des SED-Staates umgedeutet wurde.
Wie wurde das Heine-Bild in der zehnten Klasse gefestigt?
Durch die Auswahl spezifischer Werke wie „Enfant perdu“ und die Vorrede zu „Lutetia“ wurde Heine als Mitstreiter von Marx und als Prophet des Sieges des Kommunismus etabliert.
- Citation du texte
- Alexander Koch (Auteur), 2016, Genosse Heine. „Für Frieden und Sozialismus immer bereit!“? Zur Rezeption und Instrumentalisierung des Dichters im Literaturunterricht der späten DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354579