Sprachentwicklung im ersten Lebensjahr. Wie vollzieht sich der Übergang von der Phase des Babbelns zur Produktion erster Wörter?


Hausarbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Phasen des Erstspracherwerbs

3. Die Produktion erster Wörter
3.1 Strategien zur Worterkennung und Segmentierung
3.2 Die Abgrenzung zwischen Babbeln und Wort
3.3 Die Wahl der ersten Wörter

4. Zusammenfassung der Ergebnisse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der Sprachfähigkeit entwickelt sich nicht nur die Eigentümlichkeit der Stimme und der Sprechweise; sie definiert auch das Kind als ein Wesen, auf das die Umwelt mit veränderter Ausdrucksweise und Aufmerksamkeit reagiert. Andererseits erwartet diese Umwelt nunmehr von ihm, ohne besondere Erklärungen und Gesten verstanden zu werden.

Dieses Zitat von E.H. Erikson aus seinem Buch „Identität und Lebenszyklus“ (1959) zeigt, welche Bedeutung die Sprache und ihr Erwerb für den Menschen innehat. Der Spracherwerb des Kindes ermöglicht ihm weit mehr als die bloße Verständigung mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt. Die Sprache als Ausdrucksmittel von Gefühlen und Zuständen, wie sie entsteht und nach welchen Mustern der Mensch seine Muttersprache und dann fremde Sprachen erlernt, fasziniert die Wissenschaft schon seit Jahrhunderten.

Das Seminar „Spracherwerb“ gibt einen Einblick in die Sprachforschung und zeigt auf, wie unterschiedlich und teilweise kontrovers die Meinungen und Theorien zum Erstspracherwerb sind. Dieses Seminar bietet einen Überblick über Forschungsmethoden der Sprachentwicklung und Ansätze in der aktuellen Spracherwerbsforschung.

Die Entwicklung der Sprache des Kindes beginnt schon weit vor der Produktion seiner ersten Wörter. Diese treten meist im Verlauf der ersten zwölf Lebensmonate auf, in denen für die Sprachwahrnehmung vor allem die Prosodie der Muttersprache eine wichtige Rolle spielt. In der Sprachentwicklung differenzieren sich Laute, die Größe des eigenen Lautinventars des Kindes steigt stetig an, und es entwickelt Strategien zur Silben- und Worterkennung (Szagun 52013, 43ff).

In den ersten zwölf Monaten durchläuft ein Kind mehrere Phasen der Sprachentwicklung von anfänglichen Gurrlauten über Silbenplappern bis zu den ersten eigenen Wörtern (Vihman et al. 1986, 4). Gisela Klann-Delius hat in ihrem Buch „Spracherwerb“ (²2008) diese Phasen des Erstspracherwerbs dargestellt.

In diesem Zusammenhang ergibt sich eine Reihe von Fragen. Was veranlasst ein Kind, ab einem gewissen Zeitpunkt neben dem wahllos scheinenden Aneinanderreihen und Wiederholen von Silben auch bezugnehmende Wörter zu produzieren und schließlich sinngemäße Sätze zu bilden? Welche Strategien nutzt es zur Wiedererkennung von Wörtern im Fluss der gesprochenen Sprache? Welche Charakteristika der Sprache helfen ihm dabei, Wortgrenzen zu differenzieren? Wie gelingt es ihm, schlussendlich den Übergang vom Babbeln zu ersten eigenen Wörtern zu meistern?

Im anschließenden Kapitel werden die Phasen des Spracherwerbs erläutert, um in die Thematik einzusteigen und die Fragestellung in den Verlauf der Sprachentwicklung einzubetten. Im Hauptteil dieser Arbeit wird beschrieben, wie sich der Übergang von der Phase des Babbelns zur Phase der ersten Wörter vollzieht. Strategien zur Worterkennung und Wortsegmentierung werden dargestellt; ebenso wird die Frage diskutiert, welche Kriterien ein Wort von Babbel-Äußerungen abgrenzen. Ebenso wird auf die Wahl der ersten Wörter näher eingegangen und welche Rolle hierbei die Interaktion und Umwelt des Kindes spielen. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und einem Ausblick auf noch offene Fragen der Spracherwerbsforschung.

2. Die Phasen des Erstspracherwerbs

In der folgenden Darstellung der Phasen des Erstspracherwerbs beziehe ich mich auf die Veröffentlichungen von Gisela Klann-Delius (²2008).

Die Lautproduktion eines Menschen beginnt mit dem Schreien, als erstes vokales Signal. Hierbei handelt es sich um ein angeborenes und artspezifisches Lautmuster, welches als Warnsystem zur Überlebenssicherung dient. Es gibt dem Kind die Möglichkeit sein Unwohlsein auszudrücken. Ebenso dient das Schreien dazu, die Lungenkapazität stetig zu erweitern. Ab der zweiten Lebenswoche sind schon erste differenzierte Klangmuster zu erkennen, die verschiedene Zustände des Säuglings unterscheiden lassen. Ab diesem Zeitpunkt werden die ersten sogenannten Gurrlaute ausgebildet. Diese differenzieren sich nach der sechsten Woche noch weiter, indem erste melodische Modulationen und weiche Gaumenlaute auftreten. Erste Anklänge an Vokale sind schon zu erkennen (Klann-Delius ²2008, 23f). Die auditive Konzentration der Säuglinge liegt von Beginn an auf Lauten, die sprachlicher Natur sind, da sie menschliche Laute gegenüber anderen Lauten bevorzugen (Szagun 52013, 45).

Ab dem dritten bis vierten Monat tritt die Phase der stimmlichen Expansion ein. Durch das „Spiel mit der Stimme“ (Klann-Delius ²2008, 24) und das Ausprobieren des Stimmapparates erlangt das Kind Kontrolle über verschiedene Stimmregister.

Auf diese Weise entwickelt es die individuelle Klangfarbe seiner Stimme und testet Melodik und Intensität aus (Klann-Delius ²2008, 24).

In dieser Phase beginnen Kinder auch schon, an „reziproken Lautnachahmungsspielen“ teilzunehmen (Klann-Delius ²2008, 24). Sie entwickeln in dieser Zeit die Fähigkeit, unterschiedliche Lautkontraste wahrzunehmen und zu unterscheiden, selbst bei Lautkontrasten, die nicht in ihrer Muttersprache vorkommen. Somit ist zu dieser Zeit ihre Lautwahrnehmung noch universell. Bei der Produktion von eigenen Lauten überwiegen Vokale (Szagun 52013, 46).

Die Phase des Babbelns beginnt meist ab dem 6. Monat. Sie wird gekennzeichnet durch erste systematische Produktionen von Kombinationen aus Konsonanten und Vokalen. Der Vokaltrakt des Kindes, der anfänglich dem eines nicht-humanen Primaten ähnelt, nimmt fortschreitend die Gestalt wie bei einem erwachsenen Menschen an. Durch die Absenkung des Kehlkopfes verlängert sich der Rachenraum und die Mundhöhle erweitert sich (Klann-Delius ²2008, 24f).

Es folgt die Phase des repetitiven Silbenplapperns in der Zeit zwischen dem 7. und dem 10. Monat (Klann-Delius ²2008, 25). In diesem Zeitraum ist eine deutliche Erhöhung des Konsonantenanteils zu verzeichnen. Die Silbenproduktion besteht schon aus systematischen Paarungen von Konsonant und Vokal wie [ga] oder [ba]. Diese Silben treten erst einzeln, dann aber bald in Verdopplung („reduplicated babbling“ (Klann-Delius ²2008, 25) auf. Diese Verdopplungen bilden in den meisten Sprachen die Grundlagen für die häufigsten Wörter der „Babysprache“ (Klann- Delius ²2008, 25). Die Silbenkombinationen von unterschiedlichen Vokalen und Konsonanten wie etwa [bada] oder [dadu] bezeichnet Klann-Delius (²2008) als „variegated babbling“. Silbenkombinationen treten für gewöhnlich im 11. oder 12.Monat auf. Scheinen sie erst universell in ihren Kombinationen zu sein, passen sie sich allmählich an die Lautkombinationen der jeweiligen Muttersprache an.

Am Ende des ersten Lebensjahres setzt dann die Phase der ersten Wörter ein. Diese bestehen zu Anfang meist noch aus einfachen Konsonant-Vokal- oder Konsonant-Vokal-Konsonant-Kombinationen und werden fortschreitend komplexer. Auch wenn schon erste Wörter auftreten, bestehen aber weiterhin zwei Drittel der Lautäußerungen in dieser Phase noch aus Babbeln (Klann-Delius ²2008, 25f).

Wie aber erkennt ein Kind Sprachmuster der Muttersprache und woran erkennt es Wörter? Welche Strategien nutzt das Kleinkind, die Muster und Charakteristika seiner Muttersprache zu erlernen und sein eigenes Sprachrepertoire stetig auszuweiten? Mit diesen Fragen möchte ich mich anschließend genauer auseinandersetzen.

3. Die Produktion erster Wörter

Die Produktion der ersten Wörter ist meist gegen Ende des ersten Lebensjahres zu beobachten (Höhle 2005, 16). Bevor es jedoch zu ersten erkennbaren Wörtern kommt, spielt die Phase des Silbenplapperns eine wichtige Rolle. Sie markiert die Einübung der universellen Grundeinheiten einer Sprache und hat große Bedeutung in der Vokalisationsentwicklung (Papoušek 1994, 72ff). Zwischen dem 6. und 11.Monat sind monosyllabische Silbenketten zu erkennen. In dieser Phase neigen Kinder dazu, viel zu monologisieren und dadurch ihre „phonatorischen und artikulatorischen Produktionsmechanismen“ (Papoušek 1994, 86) zu schulen und weiterzuentwickeln. Die Silben sind als Konsonant-Vokal- beziehungsweise Konsonant-Vokal-Konsonant-Struktur zu erkennen und somit „als Silben reifer Sprache akzeptabel“ (Papoušek 1994, 84). Die Beherrschung der regulären Silben setzt die Ausbildung „mehrerer Partialfähigkeiten“ (Papoušek 1994, 85) voraus.

1. das Erzeugen von Konsonant-Vokal-Verbindungen mit vollständigen, meist vorderen und mittleren Verschlußlauten;
2. das Segmentieren der Stimmgebung während einer Ausatmungsphase;
3. und die Kontrolle zeitlich-rhythmischer Regularität. (Papoušek 1994, 85)

Die Phase des Übergangs zwischen Babbeln und ersten Wörtern ist gekennzeichnet durch spielerischen Umgang mit „musikalischen Phrasen“ (Papoušek 1994, 87). Dies bedeutet zwar undeutlich artikulierte Silbenkombinationen, diese weisen jedoch schon „satzähnliche Intonationsmuster“ (Papoušek 1994, 87) auf und wechseln zwischen betonten und unbetonten Silben.

Erste Wörter beziehungsweise Protowörter entwickeln sich noch während der Phase des repetitiven Silbenplapperns. Während die ersten Wörter schon produziert werden, bleibt das Silbenplappern noch lange erhalten und nimmt den Großteil der sprachlichen Äußerungen des Kindes ein (Klann-Delius ²2008, 25f). Zunächst treten Vokalisierungen wie beispielsweise [hap] oder [gaga] auf, die Eltern zwar häufig schon als erste Wörter deklarieren, jedoch objektiv noch zu vorwortähnlichen Äußerungen zählen (Szagun 52013, 73f). Durch das fortlaufende Silbenplappern werden stetig neue Wortformen erprobt. Dies führt auch zum Vergleich von eigener Lautproduktion und gehörter Sprache, wodurch das Kind seine eigenen Äußerungen immer mehr denen der gehörten Sprache angleicht. Es gewinnt an Sensibilität dafür, welche Silbenkombinationen in der Muttersprache genutzt werden. Dadurch verschwinden „fremde“ Silbenkombinationen langsam aus seinem Lautrepertoire (Papoušek 1994, 88ff).

Häufig haben Mutter oder vergleichbar enge Bezugspersonen des Kindes direkten Einfluss auf den Zeitpunkt und die Wahl erster Wörter. Die Wortäußerungen treten dementsprechend meist in einem bestimmten Kontext auf, in dem das Kind durch häufiges Nachfragen [wo ist der Ball?] oder Zeigegesten [da, guck!] auf einen bestimmten Gegenstand oder eine Handlung hingewiesen wird. Werden solche „Übungen“ kontinuierlich betrieben, wird eine Antwort des Kindes direkt herausgefordert. Besonders häufig treten zu Beginn auch Bezeichnungen der Bezugspersonen wie [mama] oder [papa] auf, da sie einfache Verdoppelungen der Silben [ma] und [pa] darstellen (Papoušek 1994, 151, 166). Entwickelt das Kind ein Gespür dafür, dass zwischen Wort und einer bestimmten Interaktion oder einem Gegenstand ein direkter Bezug besteht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es immer mehr Wörter erlernt und zur Kommunikation nutzt. Nach Beginn des Wortgebrauchs, der meist zwischen 9 und 18 Monaten liegt, besteht der Wortschatz für einige Monate nur aus wenigen Wörtern. Nach und nach erweitert er sich dann aber, und es treten erste Zweiwortäußerungen auf (Szagun 52013, 74).

Monate vor der Produktion erster Wörter muss ein Kind jedoch Strategien entwickeln, im Redefluss Wortgrenzen zu erkennen und sich somit die Charakteristika der muttersprachlichen Wortbildung anzueignen (Szagun 52013, 53). Eine der wichtigsten Strategien der Wortsegmentierung stellt die Konzentration auf spezifische prosodische Merkmale der Muttersprache dar. Unter prosodische Merkmale fallen Charakteristika wie Betonungsmuster, Sprachrhythmus und Satzmelodie. Diese Informationen helfen dem Kind bei der Gliederung in einzelne Sprachsegmente (Höhle 2004, 2). Ebenso existieren in jeder Sprache spezifische Regelhaftigkeiten, nach denen Laute zu Wörtern kombiniert werden. Es gibt Lautkombinationen, die nur innerhalb eines Wortes, am Anfang oder am Ende eines Wortes möglich sind (Höhle 2004, 3).

Diese Informationen und Strategien, die das Kind bei der Wortsegmentierung für sich nutzt, werden anschließend beschrieben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sprachentwicklung im ersten Lebensjahr. Wie vollzieht sich der Übergang von der Phase des Babbelns zur Produktion erster Wörter?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V354650
ISBN (eBook)
9783668406926
ISBN (Buch)
9783668406933
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spracherwerb, Erstspracherwerb, erste Wörter, Babbeling
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Sprachentwicklung im ersten Lebensjahr. Wie vollzieht sich der Übergang von der Phase des Babbelns zur Produktion erster Wörter?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354650

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