Aphasien. Historie, Erscheinungsformen und Diagnose der erworbenen Sprachstörungen


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historie der Neuropsychologie

3. Aphasien
3.1. Lokalisation von Aphasien
3.2. Symptomatik
3.2.1. Störung in der Wortfindung und der Wortwahl
3.2.2. Kategorienspezifische Störung in der Wortfindung
3.2.3. Störungen im Satzbau und in der Verknüpfung von Satzkonstituenten
3.3. Aphasiesyndrome
3.3.1. Global-Aphasie
3.3.2. Broca-Aphasie
3.3.3. Wernicke-Aphasie
3.3.4. Amnestische Aphasie
3.3.5. Sonderformen der Aphasie
3.4. Ätiologie und Prävalenz

4. Diagnostik
4.1. Aachener Aphasie Test (AAT)
4.2. LeMo

5. Verlauf
5.1. Spontanverlauf
5.2. Funktionelle Rückbildung
5.2.1. Restitution
5.2.2. Substitution
5.2.3. Kompensation

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aphasien sind nach Weniger (2006) „erworbene Sprachstörungen, die als Folge einer akuten (meist) linkshemisphärischen Schädigung persylvischer Hirnareale auftreten.“ Für die Betroffenen bedeutet diese bestürzende Diagnose, meist ein Leben mit eingeschränkter Laut- und Schriftsprache zu führen. Meine Hausarbeit wird sich dem Thema der Aphasie nähern und sich mit diesem Störungsbild auseinandersetzen.

So beginne ich mit einem kurzen historischen Abriss der Neuropsychologie und werde dann näher auf die verschiedenen Komponenten einer Aphasie eingehen. Hiernach werde ich einige Standardsyndrome beschreiben und setze mich sodann mit einigen aphasiediagnostischen Verfahren auseinander. Schließlich werde ich mich dem Verlauf der Aphasie widem.

2. Historie der Neuropsychologie

Die Neuropsychologie kann auf eine gut 200 Jahre alte Geschichte zurückblicken. Der eigentliche Begriff der Neuropsychologie dürfte wohl auf Sir William Osler zurückgehen, der diesen erstmals 1913 bei der Eröffnung des Johns Hopkins Hospital verwendete. Ihr eigentlicher Beginn wird aber meist mit dem Phrenologen Franz Joseph Gall (1758-1828) gleichgesetzt. (Goldenberg, 2007)

Gall ging davon aus, dass es verschiedene Gemütseigenschaften und geistige Fähigkeiten (Fakultäten) gebe, die ihren Sitz in der menschlichen Psyche und damit im Gehirn haben. Nach Gall sollte das Gehirn aus verschiedenen Organen bestehen, welche die verschiedenen Fakultäten repräsentieren. So sollte es zum Beispiel ein „Organ des Witzes“ oder eins des „Zahlensinns“ geben (Goldenberg, 2007). Gall untersuchte hauptsächlich die externen Merkmale des Schädels, also dessen Vertiefungen und Wölbungen und setzte diese ins Verhältnis zur Ausprägung der Fakultäten. Eine Vertiefung entsprach einer Unterentwicklung der darunterliegenden Fakultät, eine Wölbung dementsprechend besonders gute Ausprägung (Karnath &Thier, 2003). Beispielsweise nahm Gall an, dass redselige Menschen hervorstehende Augen haben sollten, weil das „Gedächtnis für Worte“ direkt im Stirnlappen über den Augen lag und dies bei einer Überentwicklung die Augenhöhlen einengt. So irrig sich seine Theorie anhört, hat sie doch die Entdeckung des Sprachzentrums im frontalen Bereich der linken Hemisphäre durch Broca vorbereitet.

Franz Joseph Gall wurde 1842 von Flourens gefolgt, welcher anhand von Tierexperimenten nachwies, dass das Großhirn der Sitz der Intelligenz war und das Kleinhirn die Motorik koordinierte. Allerdings konnte er keine spezielle Lokalisation der Intelligenz ausmachen und korrelierte Intelligenzminderung mit zerstörtem Gehirngewebe (Karnath &Thier, 2003).

Das Sprachvermögen war die psychologische Funktion, welche hinsichtlich ihrer Lokalisierung detailliert untersucht wurde. Man vermutete ihren Sitz, aufgrund der Schlussfolgerung, dass differenzierte Bewegungen meist mit der rechten Hand ausgeführt werden, im linken Frontallappen (Karnath & Thier, 2003).

1861 veröffentlichte Pierre Paul Broca den ersten Befund einer linksseitigen Läsion in der 3. Stirnwindung und einer damit einhergehenden Sprachstörung beim Patienten. Nach weiteren Untersuchungen an anderen Patienten konnte er seine Theorie bestätigen.

1874 postulierte Wernicke seine Theorie der Aphasie der Sprachwahrnehmung. Er erkannte ein weiteres Areal, welches bei einer Störung zwar ungestörte ja sogar exzessive Sprachäußerungen zu ließ aber kein Sprachverständnis. Darüber hinaus berichtet Wernicke als einer der Ersten von der Theorie der Leitungsstörung, welche besagt, dass nicht nur Schädigungen eines bestimmten Hirnareals für eine Störung verantwortlich sind, sondern Störungen auch dann auftreten, wenn bestimmte Leitungen die zu diesen Arealen führen Läsionen aufweisen. (Karnath & Thier, 2003)

Dieses Konzept wurde später von vielen Forschern aufgegriffen unter anderem auch von Norman Geschwind. Er konstatierte, dass viele neuropsychologische Störungen ihre Ursache in Konnektivitätsproblemen (Aphasie der Leitungsbahnen) zwischen bestimmten Arealen haben.

Einen Schub erhielt die Neuropsychologie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung des „Internationalen Neuropsychologischen Symposiums“ unter der Leitung von Henry Hécaen. In diesem Symposium wurden viele Themen der Hirnforschung intensiv diskutiert.

Die moderne Neuropsychologie ist unter anderem auf Grund der Entwicklung moderner Bildgebender Verfahren (wie MRT, PET und CT) auf der Suche nach objektiven Daten die zur Beantwortung der folgenden Fragen (Karnath & Thier, 2003) bezüglich hirnorganischer Verletzungen dienen:

- Welche Prozesse liegen der spontanen Rückbildung von Funktionsstörungen zugrunde?
- Wie kann man rational begründet und überprüfbar die Rückbildung fördern?
- Welche Hirnstrukturen sind an der Rückbildung, an Restitution und Substitution beteiligt?

3. Aphasien

Aphasien werden als erworbene Sprachstörungen beschrieben, welche meist nach einer linkshemisphärischen Hirnschädigung auftreten. Die Störungen zeigen sich in allen Arten der Sprachverarbeitung, beim Lesen und Schreiben bzw. beim Sprechen und Hören, und betreffen alle verschiedene Komponenten des Sprachsystems, also die Phonologie, das Lexikon, die Syntax und Semantik.

Die Komponenten sind je nach Art und Ausmaß der Hirnschädigung unterschiedlich betroffen. Bei Schädigungen die durch Hirnblutungen entstehen, lassen die Läsionsorte den Schluss auf die sprachlichen Ausfallmuster zu. Beispielsweise gehen Läsionen im Bereich des Frontalhirns, dem Broca Areal, mit einer gestörten Sprachproduktion einher. Bei einer Läsion im Bereich der hinteren Sprachregion, dem Wernicke Areal (vgl. Abb. 2), ist allerdings eine deutliche Wortfindungsstörung zu erkennen ohne dass dabei die Sprachproduktion gestört ist. Darüber hinaus geht eine Wernicke-Aphasie mit einer starken Störung des Sprachverständnis einher. (Karnath & Thier, 2003)

3.1. Lokalisation von Aphasien

Nicht alle linkshemisphärischen Läsionen sind ursächlich für Aphasien. Verantwortlich für die Sprachfähigkeit sind die Regionen, welche an der sylvischen Furche angrenzen. Diese werden zur persylvischen Region zusammengefasst (siehe Abb. 3). Faktoren die zur Ausbildung einer Aphasie beitragen sind zum einen wie o.g. die Lokalisation der Läsion zum anderen aber auch die Ursache und Größe der Läsion sowie die individuelle Verteilung der Sprachkompetenz über das Gehirn. (Goldenberg, 2007) Eine typische Situation zur Entstehung einer Läsion ist die Okklusion der Ateria cerebri media, welche meist mit einer Global Aphasie einhergeht. Diese kann sich aber im Laufe der Zeit und gerade bei jüngeren Patienten zu einer Broca Aphasie zurückbilden.

Die Broca Aphasie ist nicht auf das Broca Areal beschränkt, sondern kann sich auch auf benachbarte frontale Regionen, das parietale Operkulum, vordere Teile der Insula und die darunterliegende weiße Substanz erstrecken (Kanarth et al., 2006).

Eine weitere typische Störung entsteht aufgrund einer embolischen Okklusion der hinteren Äste der Ateria cerebri media und geht einher mit einer Läsion des hinteren Anteils der persylvischen Sprachregion, also der rückwärtige Teil des Temporallappens. Diese Störung wird Wernicke Aphasie genannt (siehe Abb. 2 und Abb.3).

Läsionen in der mittleren persylvischen Sprachregion und der darunterliegenden Insula gehen mit Störungen in der Phonetik und Sprechprogrammierung einher (siehe Abb. 3). Läsionen die nur auf die Insula beschränkt sind, sind meist Ursache für phonematische Paraphasien und Leitungsaphasien (Goldenberg, 2007).

3.2. Symptomatik

Die typischen Symptome einer Aphasie lassen sich erst nach dem Abklingen der Akutphase bestimmen. Je nach Aphasie-Typ ist bei einigen Patienten eine reduzierte Sprachproduktion zu finden, bei anderen hingegen kann eine flüssige Sprachproduktion beobachten werden allerdings zeigen sie wiederum deutliche Wortfindungsstörungen (Weniger, 2006).

3.2.1. Störung in der Wortfindung und der Wortwahl

3.2.1.1. Sprachliches Suchverhalten

Über alle Aphasieformen hinweg treten Wortfindungsstörungen auf. Sie sind gekennzeichnet durch eine mangelnde Verfügbarkeit oder reduzierter Abrufbarkeit des gewünschten Wortes. Dies führt zu einem sprachlichen Suchverhalten, welches nach Karnath und Thier (2003) folgende Formen haben kann:

- Lange Pausen, die mit Interjektionen gefüllt werden
- Ausweichen in inhaltsarme Redefloskeln, z.B. „Wie soll ich Ihnen das sagen?“
- Perseveratorische Wiederholung von gerade gebrauchten Wörtern
- Satzabbrüche und Fortführen des Themas in variierter Form, wobei der neue Ansatz oft weiter von der der intendierten Aussage wegführt
- Ausweichen in Pantomime, Gestik und Mimik

3.2.1.2. Semantische Paraphasien

Wird ein Wort abgerufen, erfordert dies eine Verknüpfung von Wortbedeutung und Wortform. Bei diesem Abruf kann allerdings fehlerbehaftet sein, d.h. es kann zu einer Verwechslung von ähnlichen Wörtern oder Wortformen kommen. Eine Verwechslung auf der Bedeutungsebene wird „semantische Paraphasie“ genannt (Weniger, 2006).

Paraphasie und Zielwort sind im semantischen Lexikon meist benachbart, d.h. sie können der gleichen semantischen Kategorie angehören. Kommt es zu einem semantischen Jargon, also nehmen die semantischen Paraphasien überhand, wird es schwer den Inhalt einer Rede zu erfassen, da keine Bewertung über die Entfernung von Paraphasie zum Zielwort vorgenommen werden kann (Goldenberg, 2007).

3.2.1.3. Phonematische Paraphasien

Eine fehlerhafte Suche im phonematischen Lexikon hat meist die Verwechslung von Wortformen als Ergebnis. Fehlerhafte Wortformen, bei denen das Zielwort noch erkennbar ist (z.B. „Kisskappe“ für „Gießkanne“) nennt man phonematische Paraphasien. Darüberhinaus kann ein fehlerhafter Zugriff auch zu Veränderungen einzelner Laute innerhalb der Wortform führen. Die Veränderungen können dabei vielseitig sein. Es kann zum Ersetzen, z.B. „Bisen“ statt „Besen“, zum Hinzufügen, z.B. „Teledofon“ statt „Telefon“, oder zum Umstellen, z.B. „Schühlkrank“ statt „Kühlschrank“, einzelner Laute kommen. Wird eine Wortform mehrfach verändert, so dass das intendierte Zielwort nicht mehr erkennbar ist, spricht man von Neologismen (Weniger, 2006).

Eine Besonderheit phonematischer Paraphasien ist, dass sie phonotaktische Regeln der jeweiligen Sprache befolgen und so wie mögliche Wörter klingen. Des Weiteren sind Funktionswörter und einzelne Zahlen oder Ziffernfolgen meist nicht von diesen Paraphasien betroffen. Eine einfache Erklärung könnte sein, dass die phonotaktischen Regeln direkt in der Sprachproduktion mit eingebaut sind und so ein fehlerhaftes Lexikon keine Rolle spielt. Auch oft gesprochene Wörter, wie Zahl- oder Funktionswörter, könnten als einzelne phonetische Muster vorliegen und bedürften so keiner lexikalischen Kontrolle (Goldenberg, 2007).

3.2.1.4. Automatismen

Bei Patienten mit schweren Aphasien besteht die Spontansprache überwiegend aus automatisierten Sprachelementen, welche unwillkürlich hervorgebracht werden. Diese können sowohl aus Silben, Wörtern oder auch Phrasen bestehen. Die Automatismen werden nach diesen Sprachelementen unterschieden. Sie können aus aneinander gereihten Einzelsilben, wie z.B. „dododo“, aus festen Silbenabfolgen, wie z.B. „pompe“ oder aus Wörtern und Phrasen aufgebaut sein (Weniger, 2006).

[...]

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Details

Titel
Aphasien. Historie, Erscheinungsformen und Diagnose der erworbenen Sprachstörungen
Hochschule
Universität Potsdam  (Psychologie)
Veranstaltung
Anwendungsfelder der Diagnostik
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V354795
ISBN (eBook)
9783668408579
ISBN (Buch)
9783668408586
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diagnostik, Aphasie, Gall, Broca, Sprachstörungen, Neuropsychologie
Arbeit zitieren
Patrique Eggert (Autor), 2008, Aphasien. Historie, Erscheinungsformen und Diagnose der erworbenen Sprachstörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354795

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