Der Diskurs über die Wissensgesellschaft ist kein Produkt der politischen Debatte der 90er Jahre. Auch wenn es den Anschein haben mag, dass die Debatte über den Stellenwert von Wissen für die kapitalistische Produktionsweise erst mit der Popularisierung von Computer und Internet ein Thema für die Politiken der gebildeten Klasse geworden sei, so ist die Problematisierung der Zusammenhänge zwischen Wissen und Gesellschaft, ihrer sozialen und ökonomischen Strukturierung, dennoch deutlich älteren Datums. Ein zentraler Markstein bei der Erfindung der Wissensgesellschaft ist die im Jahr 1973 veröffentlichte Schrift von Daniel Bell über „Die nachindustrielle Gesellschaft“. Ausgehend von der Frage nach der Zukunft der modernen Industriegesellschaft problematisiert Bell den Vermittlungszusammenhang von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und diagnostiziert das Heraufdämmern einer postindustriellen Gesellschaft durch einen soziotechnischen Strukturwandel. Dieser Struktur-wandel gründet sich vor allem auf die zunehmende Bedeutung des theoretischen Wissens, welches bei Bell die Stellung eines axialen Regulationsprinzips beim Wandel von einer güterproduzierenden zu einer Dienstleistungsgesellschaft einnimmt.
Andre Gorz lässt den „langen Weg zur Wissensgesellschaft“ sogar bei Karl Marx beginnen. 1 Schon Marx habe in den Grundrissen zur politischen Ökonomie die Auffassung vertreten, dass Wissen nicht eine Produktivkraft unter anderen sei, sondern dahin tendiere, sich zur führenden Produktivkraft des Kapitalismus zu entwickeln. Nicht das quantitative Maß der abstrakten Arbeitszeit, sondern die qualitativen Formen des Stands der technischen Entwicklung und des wissenschaftlichen Fortschritts sollten das Prinzip der unternehmerischen Produktion darstellen und den Profit der Unternehmer bestimmen. Die zunehmende Einsparung von Arbeitszeit durch den technischen Fortschritt sollte mit der Vermehrung der freien Zeit zusammenfallen. Am Horizont der Marxschen Theorie konturiert sich das Bild einer Gesellschaft, in der die Menschen sich in Muße befangen den schönen Künsten und hehren Wissenschaften hingeben. Die für die materielle Reproduktion der Gesellschaft notwendige Arbeit steht durch die fortgeschrittene Entwicklung der wissensbasierten Produktivkräfte nicht mehr im Widerspruch mit der allseitigen Entfaltung der Individuen und befreit die Menschen zum Ende dieser Entwicklung aus den Zwängen des kapitalistischen Produktionsverhältnisses.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DER DISKURS ÜBER DIE WISSENSGESELLSCHAFT
2.1 Die postindustrielle Wissensgesellschaft (D. Bell)
2.2 Die postkapitalistische Wissensgesellschaft (P.F. Drucker)
2.3 Die informationelle Gesellschaft (M. Castells)
2.4 Wissenswaren und Wissensgesellschaft
3. WISSENSWAREN UND KLASSENPOLITIK
3.1 Wissen als Ware
3.2 Unternehmensberatung als Wissensware
3.3 Unternehmensberatung in der erweiterten Kulturindustrie
4. ARBEITSBÜNDNISSE IN DER UNTERNEHMENSBERATUNG
4.1 Zu Methode und Material
4.2 Wieso überhaupt Unternehmensberatung?
4.2.1 Der Unternehmensberater als (externe) Fachkraft
4.2.2 Der Unternehmensberater als Krisenmanager
4.2.3 Der Unternehmensberater als Guru
4.2.4 Der Unternehmensberater als Vermittler
4.2.5 Die Beratungsmotive und Beratertypen
4.3 Das Unternehmensprofil
4.3.1 Unternehmensgröße
4.3.2 Personalisierung
4.3.3 Professionalisierung
4.3.4 Design
4.3.5 Selbstdarstellung durch die Profilierung des Unternehmens
4.4 Das Leistungsprofil
4.4.1 Notwendigkeit
4.4.2 Qualität
4.4.3 Exklusivität
4.4.4 Rentabilität
4.4.5 Selbstdarstellung durch die Profilierung von Leistungen
5. DAS ARBEITSBÜNDNIS DER INSZENIERTEN EXKLUSIVITÄT
6. QUELLENVERZEICHNIS
6.1 Untersuchungsmaterial
6.2 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Unternehmensberatung als zentrale Unternehmungsform innerhalb der sogenannten Wissensgesellschaft. Dabei wird analysiert, inwiefern die Diagnose einer "Wissensgesellschaft" als politische Programmatik und Ideologie der gebildeten Klasse fungiert, um Wissen als Ware zu etablieren, deren Wert durch künstliche Verknappung und mediale Inszenierung gesichert wird.
- Analyse des Diskurses zur Wissensgesellschaft und deren Klassencharakter.
- Untersuchung der Unternehmensberatung als Vermittler von Wissenswaren.
- Analyse der Selbstdarstellung von Beratungsunternehmen durch Werbebroschüren.
- Dekonstruktion des "Arbeitsbündnisses" zwischen Beratern und Klienten als Mittel zur Machtausübung.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Der Diskurs über die Wissensgesellschaft ist kein Produkt der politischen Debatte der 90er Jahre. Auch wenn es den Anschein haben mag, dass die Debatte über den Stellenwert von Wissen für die kapitalistische Produktionsweise erst mit der Popularisierung von Computer und Internet ein Thema für die Politiken der gebildeten Klasse geworden sei, so ist die Problematisierung der Zusammenhänge zwischen Wissen und Gesellschaft, ihrer sozialen und ökonomischen Strukturierung, dennoch deutlich älteren Datums. Ein zentraler Markstein bei der Erfindung der Wissensgesellschaft ist die im Jahr 1973 veröffentlichte Schrift von Daniel Bell über „Die nachindustrielle Gesellschaft“. Ausgehend von der Frage nach der Zukunft der modernen Industriegesellschaft problematisiert Bell den Vermittlungszusammenhang von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und diagnostiziert das Heraufdämmern einer postindustriellen Gesellschaft durch einen soziotechnischen Strukturwandel. Dieser Strukturwandel gründet sich vor allem auf die zunehmende Bedeutung des theoretischen Wissens, welches bei Bell die Stellung eines axialen Regulationsprinzips beim Wandel von einer güterproduzierenden zu einer Dienstleistungsgesellschaft einnimmt.
Auch heute versammeln sich noch die buntesten Hoffnungen und Absichten um die Einschätzung des Stellenwerts von Wissen für die Entwicklung der Gegenwartsgesellschaft. Sie kulminieren in der Beschreibung von Gesellschaft als Wissensgesellschaft. Nicht mehr Arbeit oder Kapital wäre demnach die zentrale Ressource für die Gestaltung der gesellschaftlichen Strukturen, sondern Wissen. Angetrieben von den wissenschaftlich-technischen Innovationen der Informations- und Kommunikationstechnologien wird hier nicht weniger verhandelt als ein Umbruch von epochalem Ausmaß: die Transformation der Industriegesellschaft in eine postindustrielle, teilweise sogar postkapitalistische Wissensgesellschaft. Politiker, Ökonomen und Wissenschaftler übertreffen sich in immer kürzer werdenden Fristen mit ihren Diagnosen, Visionen und Katechesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in den Diskurs über die Wissensgesellschaft und deren Bedeutung als Instrument einer gebildeten Klasse.
2. DER DISKURS ÜBER DIE WISSENSGESELLSCHAFT: Theoretische Auseinandersetzung mit den Konzepten von Bell, Drucker und Castells bezüglich des soziotechnischen Wandels.
3. WISSENSWAREN UND KLASSENPOLITIK: Analyse der Warenform von Wissen und der Rolle der Beratung als Unternehmertum in der Wissensgesellschaft.
4. ARBEITSBÜNDNISSE IN DER UNTERNEHMENSBERATUNG: Empirische Untersuchung der Methoden, Strategien und Selbstdarstellung von Unternehmensberatern.
5. DAS ARBEITSBÜNDNIS DER INSZENIERTEN EXKLUSIVITÄT: Zusammenfassende Betrachtung der Beratungsbranche als Instrument zur Durchsetzung von Herrschaftsinteressen.
6. QUELLENVERZEICHNIS: Auflistung der verwendeten Werbebroschüren und der wissenschaftlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Wissensgesellschaft, Unternehmensberatung, Wissensware, Kulturindustrie, Klassenpolitik, Arbeitsbündnis, Selbstdarstellung, Neoliberalismus, Wissensmanagement, Expertenwissen, Nicht-Wissen, Consulting, Informationsgesellschaft, Warenform, Rationalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die praktische Umsetzung der "Wissensgesellschaft" durch Unternehmensberatungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Kritische Soziologie, Theorie der Wissensgesellschaft, Kulturindustrie, ökonomische Klassenanalyse und die Methodik der Unternehmensberatung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzudecken, wie der Diskurs der "Wissensgesellschaft" von der gebildeten Klasse genutzt wird, um ökonomische Interessen zu verfolgen und Wissen in eine verkäufliche Warenform zu bringen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Inhaltsanalyse von Werbebroschüren und soziologische Theorien zur Diskursanalyse und Arbeitsbündnis-Interpretation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die konkrete Selbstdarstellung von Beratungsunternehmen, deren Berater-Typologien und die strategische Vermarktung von "Wissen" als exklusive Dienstleistung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wissensgesellschaft, Wissensware, Unternehmensberatung, Klassenpolitik und Kulturindustrie.
Wie definiert der Autor das Verhältnis zwischen Berater und Klient?
Der Autor versteht dieses als ein "Arbeitsbündnis", das oft auf dem künstlich erzeugten "Nicht-Wissen" des Klienten basiert, um Abhängigkeiten zu schaffen.
Welche Rolle spielen die Medien in der Argumentation?
Medien dienen als kulturindustrielle Apparate, die Krisenszenarien befeuern, um den Bedarf an Beratungsleistungen für die "Wissenswaren" der Berater kontinuierlich zu generieren.
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- Oliver Laqua (Author), 2004, Wissen als Ware - Unternehmensberatung in der Wissensgesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35484