Wissen als Ware - Unternehmensberatung in der Wissensgesellschaft


Diplomarbeit, 2004

99 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Diskurs über die Wissensgesellschaft
2.1 Die postindustrielle Wissensgesellschaft (D. Bell)
2.2 Die postkapitalistische Wissensgesellschaft (P.F. Drucker)
2.3 Die informationelle Gesellschaft (M. Castells)
2.4 Wissenswaren und Wissensgesellschaft

3. Wissenswaren und Klassenpolitik
3.1 Wissen als Ware
3.2 Unternehmensberatung als Wissensware
3.3 Unternehmensberatung in der erweiterten Kulturindustrie

4. Arbeitsbündnisse in der Unternehmensberatung
4.1 Zu Methode und Material
4.2 Wieso überhaupt Unternehmensberatung?
4.2.1 Der Unternehmensberater als (externe) Fachkraft
4.2.2 Der Unternehmensberater als Krisenmanager
4.2.3 Der Unternehmensberater als Guru
4.2.4 Der Unternehmensberater als Vermittler
4.2.5 Die Beratungsmotive und Beratertypen
4.3 Das Unternehmensprofil
4.3.1 Unternehmensgröße
4.3.2 Personalisierung
4.3.3 Professionalisierung
4.3.4 Design
4.3.5 Selbstdarstellung durch die Profilierung des Unternehmens
4.4 Das Leistungsprofil
4.4.1 Notwendigkeit
4.4.2 Qualität
4.4.3 Exklusivität
4.4.4 Rentabilität
4.4.5 Selbstdarstellung durch die Profilierung von Leistungen

5. Das Arbeitsbündnis der inszenierten Exklusivität

6. Quellenverzeichnis
6.1 Untersuchungsmaterial
6.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Diskurs über die Wissensgesellschaft ist kein Produkt der politischen Debatte der 90er Jahre. Auch wenn es den Anschein haben mag, dass die Debatte über den Stellenwert von Wissen für die kapitalistische Produktionsweise erst mit der Popularisierung von Computer und Internet ein Thema für die Politiken der gebildeten Klasse geworden sei, so ist die Problematisierung der Zusammenhänge zwischen Wissen und Gesellschaft, ihrer sozialen und ökonomischen Strukturierung, dennoch deutlich älteren Datums. Ein zentraler Markstein bei der Erfindung der Wissensgesellschaft ist die im Jahr 1973 veröffentlichte Schrift von Daniel Bell über „Die nachindustrielle Gesellschaft“. Ausgehend von der Frage nach der Zukunft der modernen Industriegesellschaft problematisiert Bell den Vermittlungszusammenhang von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und diagnostiziert das Heraufdämmern einer postindustriellen Gesellschaft durch einen soziotechnischen Strukturwandel. Dieser Strukturwandel gründet sich vor allem auf die zunehmende Bedeutung des theoretischen Wissens, welches bei Bell die Stellung eines axialen Regulationsprinzips beim Wandel von einer güterproduzierenden zu einer Dienstleistungsgesellschaft einnimmt.

Andre Gorz lässt den „langen Weg zur Wissensgesellschaft“ sogar bei Karl Marx beginnen.[1] Schon Marx habe in den Grundrissen zur politischen Ökonomie die Auffassung vertreten, dass Wissen nicht eine Produktivkraft unter anderen sei, sondern dahin tendiere, sich zur führenden Produktivkraft des Kapitalismus zu entwickeln. Nicht das quantitative Maß der abstrakten Arbeitszeit, sondern die qualitativen Formen des Stands der technischen Entwicklung und des wissenschaftlichen Fortschritts sollten das Prinzip der unternehmerischen Produktion darstellen und den Profit der Unternehmer bestimmen. Die zunehmende Einsparung von Arbeitszeit durch den technischen Fortschritt sollte mit der Vermehrung der freien Zeit zusammenfallen. Am Horizont der Marxschen Theorie konturiert sich das Bild einer Gesellschaft, in der die Menschen sich in Muße befangen den schönen Künsten und hehren Wissenschaften hingeben. Die für die materielle Reproduktion der Gesellschaft notwendige Arbeit steht durch die fortgeschrittene Entwicklung der wissensbasierten Produktivkräfte nicht mehr im Widerspruch mit der allseitigen Entfaltung der Individuen und befreit die Menschen zum Ende dieser Entwicklung aus den Zwängen des kapitalistischen Produktionsverhältnisses.

Auch heute versammeln sich noch die buntesten Hoffnungen und Absichten um die Einschätzung des Stellenwerts von Wissen für die Entwicklung der Gegenwartsgesellschaft. Sie kulminieren in der Beschreibung von Gesellschaft als Wissensgesellschaft. Nicht mehr Arbeit oder Kapital wäre demnach die zentrale Ressource für die Gestaltung der gesellschaftlichen Strukturen, sondern Wissen. Angetrieben von den wissenschaftlich-technischen Innovationen der Informations- und Kommunikationstechnologien wird hier nicht weniger verhandelt als ein Umbruch von epochalem Ausmaß: die Transformation der Industriegesellschaft in eine postindustrielle, teilweise sogar postkapitalistische Wissensgesellschaft. Politiker, Ökonomen und Wissenschaftler übertreffen sich in immer kürzer werdenden Fristen mit ihren Diagnosen, Visionen und Katechesen. Vor allem eines scheint diesen Produktionen der gebildeten Klasse bislang gemein: sie werden immer wieder an prominenter Stelle im Rahmen von kulturindustriellen Inszenierungen (Fernsehen, Radio, Zeitschriften, Veranstaltungen) platziert und verkaufen sich alle überdurchschnittlich gut in Form von Büchern, Hörspielen oder Videos.

Die Vertreter der Wissensgesellschaft haben der Öffentlichkeit Bedeutsames zu verkünden. Keiner weiß ja wirklich so recht, was da auf den Einzelnen, sein soziales und kulturelles Umfeld sowie die gesellschaftlichen Strukturen – die gerne als das Große und Ganze beschworen werden, worum wir uns stets besorgen sollen – zukommt. Vor diesem Hintergrund einer seit Habermas vielfach wiederholt unterstellten „neuen Unübersichtlichkeit“ der sozioökonomischen Verhältnisse lässt sich trefflich global, regional und lokal diagnostizieren. Das solche Diagnosen und Analysen – wie beispielsweise die von Peter Glotz ausgerufene beschleunigte Gesellschaft, ökonomisch figuriert als digitaler Kapitalismus und schichtungsanalytisch interpretiert als Zwei-Drittel-Gesellschaft – vor allem auch ein Ausdruck von politischen und ökonomischen Interessen sind, wird kaum mehr wahrgenommen, wenn die Wellen in der kulturindustriell verfassten Öffentlichkeit hoch schlagen. Stets bleiben die epochalen Transformationen oder Umbrüche ohne Subjekt. Weder der Prozess der Globalisierung noch der „Megatrend Wissensgesellschaft“ (Jürgen Rüttgers)[2] werden als Politiken aufgefasst, die von bestimmbaren gesellschaftlichen Gruppen gewollt, betrieben und gemacht werden.

Auch oder vielleicht sogar gerade die zeitdiagnostischen Arbeiten der Medien- und Sozialwissenschaftler verstricken sich, ob nun den Urhebern gänzlich bewusst und von ihnen gewollt oder auch nur als unreflektiertes Faktum der Bedingtheit durch die Interessen und Wirkkräfte der eigenen Klasse, in die Lust und das Pathos des Entdeckertums. Ob das Entdeckte nun als informationelle Gesellschaft wie bei Manuel Castells oder wie bei Peter Glotz als beschleunigte Gesellschaft benannt wird, ist zumeist nur dem Fetisch der Mode geschuldet, die auch in den Wissenschaften ihre Kreise zieht. Stets werden die gleichen gesellschaftsstrukturellen Entwicklungen untersucht und aus diesen eine Prognostik des Kommenden abgeleitet, die eine neue, eine andere Gesellschaft verheißt. Die Prognosen bleiben dabei, was auch freimütig eingestanden und als grundsätzlicher Makel von Prognostik auf der sozialstrukturellen Makroebene bestimmt wird, immer ungenau und in schwammige Konturen gefasst. Sich zu sehr festzulegen, das könnte ungeplante Nebenfolgen zeitigen. Dieser Makel der Wahrscheinlichkeit wird jedoch zur Genüge mit den aus der Prognose abgeleiteten Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft kompensiert. Hier weiß der Zeitdiagnostiker nur zu genau, wie es das Gegenwärtige in Anbetracht des (vielleicht einmal) Kommenden zu gestalten, zu verändern gilt. Schnell wird aus der gut belegten Tatsache der durch Technik beschleunigten Kommunikation eine beschleunigte Gesellschaft, ebenso schnell teilen sich die Einzelnen in Beschleuniger und Entschleuniger und mit dem nächsten Zauberschlag sieht sich das staunende Publikum in eine Zweidrittelgesellschaft versetzt, deren letztes Drittel noch nicht einmal zur Vorstellung geladen war. Zeitdiagnostik ist stets ein Moment der Politiken der gebildeten Klasse gewesen. Reflektiert sie nicht auf diese Verstrickung, so fällt sie ihr zum Opfer und ist nicht mehr als ein Ausdruck dieser Interessen.

Wissensgesellschaft lässt sich also aus gutem theoretischen Grunde auch als eine Form der kulturindustriellen Inszenierung von Klassenpolitik verstehen. Ob sie überhaupt etwas anderes als eine ökonomische und politische Programmatik der gebildeten Klasse ist, kann erst durch eine kritische Reflexion auf die diesem Diskurs zugrunde liegenden Selbstverständlichkeiten und seine Verschränkungen mit den Politiken der gebildeten Klasse entschieden werden. Auch eine solche Reflexion bleibt ihrem Gegenstand verhaftet und kann sich nicht über ihn erheben. Die Erkenntnis der Gesellschaft liegt in der unaufhebbaren, weil dialektischen Spannung zwischen den sozialen Objektivitäten und den verschiedenen Ausprägungen des Bewusstseins über diese Objektivitäten verborgen.[3] Kritische Soziologie kann diese Spannung nicht aufheben, ohne Verzicht auf den Anspruch wissenschaftlicher Erkenntnis zu tun. Sie muss diese Spannung aushalten und in ihr arbeiten, um sich Perspektiven auf Gesellschaft zu erschließen, die nicht primär von den Interessen dominiert werden, innerhalb deren sich die wissenschaftliche Arbeit vollzieht.

Soll Wissen tatsächlich die Produktivkraft der Zukunft sein, dann kann es sich nur um das durch kritische Reflexion des Bestehenden erworbene Wissen handeln. Kein Wissen im Allgemeinen und kein Wissen über die Gesellschaft im Besonderen ist heute ohne die Reflexion auf die kulturindustrielle Bedingtheit allen Wissens noch dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit adäquat.[4] Kulturindustrie ist heute mehr denn je eine unhintergehbare Dimension von Vergesellschaftung. Insofern die Produktionen der Gebildeten von vorneherein die Form des Marktes antizipieren, ordnet sich der Gebrauchswert dem Tauschwert unter. Dieser Imperativ der Warenform strukturiert letztlich alle Produktionen der gebildeten Klasse, insofern sie sich den Zwängen des Marktes aussetzen, ohne diese selbst zum Gegenstand ihrer Arbeit zu machen. Deshalb ist es den mit der Gesellschaft und dem Sozialen befassten Wissenschaften aufgegeben, die Theorie der Kulturindustrie auf die Analyse von Wissen als Ware hin zu erweitern. Wissensproduktion unter den Bedingungen von Kulturindustrie bedeutet die Herstellung von Wissen in der Warenform. Wenn Wissen heute kaum mehr anders als in der Form einer Ware produziert werden kann – alles Denken über das Wahre, Schöne und Gute inner- und außerhalb der Akademien eingeschlossen – und man Kulturindustrie als intellektuelle Produktion nach den Imperativen der Warenförmigkeit verstehen mag, dann hätte sich in der Wissensgesellschaft Kulturindustrie verallgemeinert.

Der Diskurs über die Wissensgesellschaft vermittelt das Bild einer Gesellschaft, in der der Mensch im Mittelpunkt steht. Der ehemalige Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers spricht gar von einer „Gesellschaft mit menschlichem Antlitz“[5] und distanziert sich damit von den Schreckbildern der Apokalyptiker, die den Horizont der Zukunft von einer entmenschlichten Gesellschaft verdunkelt sehen, in der die künstliche die menschliche Intelligenz dominiert. Wissensgesellschaft, das soll eine Gesellschaft sein, in der die Menschen sich lebenslang bilden und weiterentwickeln (müssen). Die Kompetenz aus den Informationsfluten des Internet und anderer Medien nach vorgegebenen Kriterien zu selektieren und Information durch Kontextualisierung in Wissen zu transformieren, soll uns das verfügbare Wissen kontinuierlich vergrößern. Solche Träumereien von einer menschlicher werdenden Gesellschaft verraten jedoch in erster Linie einen Mangel an analytischer Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Wandlungsprozessen der modernen Industriegesellschaft und das kalkulierte Interesse daran, der politischen Programmatik der eigenen Klasse in der Arena der Diskurse zur Hegemonie zu verhelfen.

Neben dem grundlegenden Einstieg in die Analyse des Diskurses über die Wissensgesellschaft, dass Wissen heute bei allen Produktionsformen der gebildeten Klasse die Warenform angenommen hat, erscheint es gut begründet, die Analyse mit der heuristischen Hypothese zu beginnen, dass die Wissensgesellschaft nicht eine Gesellschaft des sich stetig mehrenden und diversifizierenden Wissens sei, sondern primär eine Gesellschaft des enteigneten Wissens, in der nicht das Wissen, sondern das Nicht-Wissen zum zentralen Moment der Regulation von kapitalistischer Produktionsweise und Sozialstruktur wird. Um Wissen verkäuflich zu machen, um ihm die Form einer Ware mit Wert zu geben, braucht es die verbreitete und sich selbst einsichtige Wahrnehmung von Nicht-Wissen auf der Nachfrageseite: Ich weiß, dass ich (noch) nichts (über dieses Thema) weiß. Der Käufer einer Wissensware, ob Produkt oder Dienstleistung, muss wissen, was er nicht weiß. Wissensgesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn es ein weit verbreitetes Maß an Halbwissen gibt, das sich durch alle Schichten der Gesellschaft zieht und begleitet wird von einem hegemonialen Diskurs, der alle genügsamen Einstellungen zu diesem Halbwissen unter die Strafe des Untergangs, den sozialen Ausschluss, stellt. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich Beratung zu der zentralen Unternehmungsform der Wissensgesellschaft.

Beratung ist eine Unternehmungsform, die Wissen zur Ware und damit verkäuflich macht. Sie differenziert sich aus in die Beratung der Beherrschten, als kulturindustriell aufbereitete Alltagsberatung, und in die Beratung der Herrschenden, als Politik- und Unternehmensberatung. Während der Zugang zur Alltagsberatung nicht primär eine Frage von Status und Einkommen ist, bleibt die Beratung der Herrschenden nur für die zahlungskräftigen und einflussreichen Kunden zugänglich. Die Öffentlichkeit ist zumeist ausgeschlossen und bekommt den Eindruck vermittelt, dass es sich bei der Beratung der Herrschenden um eine unerhört exklusive, geheimnisvolle und aufregende Angelegenheit handelt. Alltagsberatung begegnet uns dagegen in allen nur erdenklichen Varianten an jedem Zeitschriftenstand, in den Regalen der Bücherläden und in den Programmen der Fernseh- und Radiosender. Kostenlos oder zu erschwinglichen Preisen wird hier Beratung von der Wiege bis zur Bahre feilgeboten und man geht gewiss nicht weit fehl mit der Annahme, dass sich die Alltagsberatung zu einem zentralen Betätigungsfeld der Gebildeten entwickelt hat. Politik- und Unternehmensberatung wird im Unterschied zur Alltagsberatung nur als Gegenstand von medialer Inszenierung öffentlich und damit für uns überhaupt erst sichtbar.

Mediale Inszenierung unter den Bedingungen von Kulturindustrie bedeutet immer auch Selbstdarstellung. Wenn Roland Berger & Co in den Medien auftreten, so handelt es sich stets um einen Auftritt, der die öffentliche Meinung oder bestimmte Schnittmengen von dieser antizipiert und als Element der Inszenierung inkludiert. Man möchte ein bestimmtes Bild abgeben, betreibt nicht selten Werbung und Imagepflege, immer jedoch Selbstdarstellung. Deshalb eignen sich auch alle Formen von medial vermittelter Selbstdarstellung für eine Analyse hinsichtlich der in den verschiedenen Formen von Selbstdarstellung sich formierenden Interessen. Methodisch lässt sich Beratung und ihre mediale Inszenierung als eine komplexe soziale Konstellation beschreiben, welche sämtliche Haltungen, Kenntnisse und Handlungsweisen der beteiligten Akteure (Berater, Klienten, Agenten der medialen Vermittlung) umfasst und auf das spezifische Arbeitsbündnis – als der Psychoanalyse entlehntes methodisches Instrument zur reflexiven Deutung von Situationen und ihren Voraussetzungen[6] – des sozialen Phänomens „Beratung“ hin versammelt und interpretiert.

Im Rahmen dieser wissenschaftlichen Abschlussarbeit werden im Ausgang von einer theoretischen Einführung in den Diskurs über die Wissensgesellschaft und den Stellenwert von Beratung und Expertise innerhalb dieses Diskurses die Werbebroschüren von Beratungsunternehmen als Material für die Analyse der Selbstdarstellung von Unternehmensberatern verwendet. Es wird dabei die Frage untersucht, wie diese Fraktion der gebildeten Klasse ihre Produkte und Leistungen, vermittelt über den Diskurs der Wissensgesellschaft und die durch ihn gestützten Politiken, als Wissenswaren anzupreisen sucht, deren Wert sich für den Käufer rechnet und damit den Status eines Kapitals annimmt. Wie versuchen Unternehmensberater ihre potentiellen Kunden davon zu überzeugen, dass sie eine Beratung notwendig haben und mit welchen zentralen Elementen der Marktschreierei arbeiten die Beratungsunternehmen dabei? Welchen Stellenwert spielen in diesem Zusammenhang die Diskurse über Wissensgesellschaft und Globalisierung? Lässt sich der Nachweis erbringen, dass diese Diskurse als polit-ökonomische Bedrohungsszenarien für die Interessen der Berater diskursiv instrumentalisiert werden, um die Kundschaft zu verunsichern und die Bedeutung von Beratung und zusätzlichem Wissen zu betonen? Wenn dem so wäre, dann wäre auch die These, dass der wichtigste Rohstoff der Wissensgesellschaft nicht Wissen ist, sondern das Bewusstsein seines Mangels, das Bewusstsein über das Nicht-Wissen oder ein defizitäres Halb-Wissen, durch die Empirie belegt.

2. Der Diskurs über die Wissensgesellschaft

Wieder einmal ist ein Streit in den Geisteswissenschaften darüber entflammt, in welcher Gesellschaft wir denn heute leben. Wurde die Frage in den 70er Jahren noch in dem vergleichsweise engen Rahmen von „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft“ diskutiert[7], kam es seit Mitte der 80er Jahre bis heute zu einer kaum noch überschaubaren Anzahl von Vorschlägen zur Bestimmung der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur. Während die Differenzierung zwischen Spätkapitalismus und Industriegesellschaft sich noch ohne Vorbehalt auf die These vom Primat der Ökonomie stützte, zeichnen sich die prominenten Vorschläge seit Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ (1986) dadurch aus, dass die Bedeutung ökonomischer Prozesse sich zugunsten anderer sozialer Entitäten relativiert. Stets mit dem Anspruch einer gesamtgesellschaftlichen Diagnose verbunden, wurden, neben der Risikogesellschaft, Gesellschaftsbegriffe wie postmoderne, multikulturelle, individualisierte, Erlebnis-, Welt- oder auch Wissensgesellschaft hoch gehandelt.[8]

Die Charakterisierung der Gegenwartsgesellschaft als Wissensgesellschaft ist der derzeit prominenteste Versuch, die gesellschaftlichen Strukturen nicht mehr über den Primat der Ökonomie zu bestimmen. Auffällig dabei ist, dass sich die unterstellte Ablösung des auf die Verwertung von Sachkapital ausgerichteten Kapitalismus durch eine Regulationsstruktur, die auf die Verwertung von „Wissenskapital“ begründet ist, sich parallel zu einem Wandel in der gesellschaftlichen Klassenstruktur vollzieht. Nicht nur nimmt die Bedeutung der akademischen Ausbildung für den Arbeitsmarkt und die Anzahl der Hochschulabsolventen kontinuierlich zu, sondern zugleich formiert sich die gebildete Schicht als neue politische Klasse innerhalb einer Gesellschaft, in der akademische Ausbildung und Expertentum das Eintrittsbillet für die Besetzung von Herrschaftspositionen darstellen. Privilegiert zur Produktion und Verwertung von „Wissenskapital“, aber auch genötigt durch die vermehrte Konkurrenz um begehrte Positionen in den Akademien, drängt es die gebildete Klasse auf den Markt. Die Theoriearbeit zu dieser Entwicklung wurde seit den 70er Jahren in den Vereinigten Staaten geleistet. Während in Deutschland nach der Katastrophe in Tschernobyl die Debatte um den Gesellschaftsbegriff noch bis in die späten 90er Jahre durch die Diskussion über die sozialen, ökonomischen und ökologischen Risiken der kapitalistischen Gesellschaft entlang des Begriffs der Risikogesellschaft besetzt war, sah man in Amerika die Morgenröte eines ganz anderen Gesellschaftshorizontes. Die Wissensgesellschaft ist eine amerikanische Erfindung. Die für den Diskurs maßgeblichen Theoretiker – Daniel Bell, Peter F. Drucker und Manuel Castells – leben und publizieren in den Vereinigten Staaten.

2.1 Die postindustrielle Wissensgesellschaft (D. Bell)

Daniel Bell stellte bereits 1973 die These auf, dass die beachtlichen Fortschritte der Industriestaaten in Technologie und Wissenschaft eine Transformation der Industriegesellschaft in eine postindustrielle Gesellschaft – die er unter dem Aspekt des zunehmenden Stellenwerts des theoretischen Wissens und von Veränderungen innerhalb der Klassenstruktur, dem Entstehen einer neuen Klasse, die sich primär aus Wissenschaftlern und Technikern zusammensetzt, explizit auch als Wissensgesellschaft bezeichnet[9] – bewirken würde. Bell datierte den Abschluss dieser Transformation auf das erste Viertel des 21. Jahrhunderts und sah die Vereinigten Staaten als das Muster eines ökonomischen und sozialstrukturellen Wandels, der sich auch in Japan, der Sowjetunion und Westeuropa ausmachen ließe. Die zentralen Bestimmungsmomente dieses Transformationsprozesses macht er in der zunehmenden Bedeutung des theoretischen Wissens und dem sektoralen Wandel der Ökonomie von einer güterproduzierenden zu einer Dienstleistungswirtschaft aus.

Die postindustrielle Gesellschaft lässt sich nach Bell aus zwei Gründen als Wissensgesellschaft beschreiben:

„Einmal, weil Neuerungen mehr und mehr von Forschung und Entwicklung getragen werden (oder unmittelbarer gesagt, weil sich auf Grund der zentralen Stellung des theoretischen Wissens eine neue Beziehung zwischen Wissenschaft und Technologie herausgebildet hat); und zum anderen, weil die Gesellschaft – wie aus dem aufgewandten höheren Prozentsatz des Bruttosozialprodukts und dem steigenden Anteil der auf diesem Sektor Beschäftigten ersichtlich – immer mehr Gewicht auf das Gebiet des Wissens legt.“[10]

Dabei ist die zentrale Stellung des theoretischen Wissens als Quelle von Innovationen und Ausgangspunkt der gesellschaftlich und politischen Programmatik für Bell ein hinreichender Grund das theoretische (in den Akademien erzeugte) Wissen als axiales Prinzip der postmodernen Gesellschaft zu interpretieren.[11] In Abgrenzung gegenüber dem Axiom des historischen Materialismus, dem Primat der Ökonomie oder auch der Basis gegenüber dem gesellschaftlichen Überbau, spricht Bell vom „Primat des theoretischen Wissens“[12], der sich durch den technologischen Fortschritt und die Vergrößerung der gebildeten Klasse gegenüber der güterproduzierenden Ökonomie herausbilden konnte. Gegen den undifferenzierten Vorwurf, dass Wissen schon seit den frühesten Kulturen der Menschheitsgeschichte, also seit der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, eine Ressource der sozioökonomischen Entwicklung gewesen sei, betont Bell, dass es ihm bei der Begründung des axialen Prinzips seiner Gesellschaftsanalyse nicht einfach um das Wissen als solches gehen würde, sondern explizit um das theoretische Wissen. Unter theoretischem Wissen rubriziert dabei nicht nur das in den Akademien hergestellte Wissen, sondern das abstrakte Wissen im Allgemeinen. Nur solches Wissen, das im Rahmen von abstrakten Symbolsystemen kodifiziert werden kann, lässt sich unabhängig von den spezifischen Gegenständen bzw. Gegenstandsbereichen, anhand derer es gewonnen und überprüft wurde, verallgemeinern und als allgemeines Gesetz der Empirie gegenüberstellen.

Bell unterscheidet drei grundlegende gesellschaftliche Entwicklungsformationen, die er entlang eines idealtypischen Fortschritts auf einer linearen Zeitachse anordnet. Die vorindustrielle Gesellschaft (geographisch lokalisiert in den Regionen Asien, Afrika und Lateinamerika) läßt sich als ein Spiel des Menschen gegen die Natur interpretieren. Die Reproduktion der Gesellschaft wird durch die Ausbeutung von Rohstoffen und die Entwicklung des primären Wirtschaftssektors sichergestellt. Die wichtigsten Berufsgruppen der vorindustriellen Gesellschaft sind demnach Bauern, Fischer, Bergarbeiter und ungelernte Arbeiter und das axiale Prinzip besteht im soziokulturellen Traditionalismus und in der Begrenzung des Bodens und seiner Schätze. Die industrielle Gesellschaft (Westeuropa, Sowjetunion, Japan) ist im Unterschied zur vorindustriellen Gesellschaft nicht mehr ein Spiel gegen die Natur als solche, sondern ein Spiel gegen die zweite, die technisch domestizierte Natur. Ökonomisch gründet sie sich auf den sekundären Sektor, die Produktion von Gütern und neben den Fertigprodukten vor allem das verarbeitende Gewerbe. Grundlage der Technologie sind nicht mehr die Rohstoffe und ihre Fördertechnik, sondern die Energie und die verschiedenen Techniken zu ihrer Gewinnung und Speicherung. Zur wichtigsten Berufsgruppe entwickeln sich die Facharbeiter, wobei der Ingenieur zu einem Sinnbild der Epoche wird. Das axiale Prinzip der Industriegesellschaft ist das Wirtschaftswachstum und die Verfügungsgewalt über das Kapital. Das Funktionsschema der postindustriellen Gesellschaft ist nach Bell durch das „Spiel zwischen Personen“ strukturiert, denn nach der technischen Domestizierung von Mensch und Natur durch die Maschine wird das Fortschrittsparadigma der „Maschinentechnologie“ durch die „intellektuelle Technologie“ und das theoretische Wissen abgelöst. Nicht mehr die Industrie, sondern das Dienstleistungsgewerbe ist nun der führende ökonomische Sektor der Gesellschaft.[13] Zur Grundlage der Technologie wird die Information, das nicht mehr kontextgebundene Rudiment des (theoretischen) Wissens, welches das axiale Prinzip der postindustriellen Gesellschaft darstellt. Dementsprechend sind die technischen und akademischen Berufe die wichtigste Berufsgruppe und nicht mehr der Ingenieur, sondern der Wissenschaftler steht Pate für die Bestimmung der Gesellschaft als Wissensgesellschaft.

Das Hauptproblem der postindustriellen Gesellschaft ist nach Bell die Organisation der Wissenschaft im Rahmen der Akademien und Forschungsinstitute. Da Bell die Akademien und Institute vor allem unter der Perspektive ihrer Bedeutung für die Ökonomie und die Konkurrenz der nationalen Ökonomien untereinander betrachtet, wird die Bildungs- und Wissenschaftspolitik zum zentralen Anliegen der staatlichen Agenda. Staatliche Maßnahmen zur Förderung der Wissenschaft oder die geforderte Politisierung der Universitäten[14] stehen daher im Dienste des auf die wissenschaftliche Forschung aufbauenden Industrie- und Dienstleistungssektors und Wissensgesellschaft wird in der Verbindung von Gesellschaftsanalyse und politischer Programmatik transparent als etwas Hergestelltes, als eine Hoffnung der Angehörigen der gebildeten Klasse auf die Hegemonie der eigenen Klassenpolitik.

Ohne die Analyse auf die eigene sozialstrukturelle Position zu beziehen, sieht Bell in der seit den fünfziger Jahren sich vollziehenden Zunahme der wissenschaftlichen und technischen Berufspositionen und in der vor allem seit den späten sechziger Jahren stetig steigenden Anzahl von Hochschulabsolventen die empirischen Indikatoren für den Aufstieg einer neuen Klasse.[15] Dass diese neue Klasse der Gebildeten – zu der sich Bell als objektiver Sozialwissenschaftler nicht wirklich hinzurechnen mag, auch wenn er ihr de facto angehört[16] – danach streben könnte, sich innerhalb der gesellschaftlichen Klassenstruktur als herrschende Klasse zu etablieren, ist für Bell nicht wirklich ausgemacht. Er bezeichnet das Streben der gebildeten Klasse nach Hegemonie als ein denkbares Problem der postindustriellen Gesellschaft und bleibt damit unkritisch seiner eigenen sozialstrukturellen Position verhaftet, insofern die Interessen des Akademikers als Angehöriger der gebildeten Klasse nicht zum Gegenstand der Reflexion gemacht und als ein kritisches Moment der Analyse von gesellschaftlichen Strukturen in die Analyse miteinbezogen werden.

Die Klassenstruktur der Wissensgesellschaft ist nach Bell viergeteilt und hierarchisch nach Status und politischem Einfluss geordnet:[17] Die wissenschaftlich-akademische Klasse – die sich wiederum aus vier Ständen, den Wissenschaftlern, den Technologen (aus Technik, Wirtschaft und Medizin), den Verwaltungsexperten und den Kulturschaffende (Kunst und Religion) zusammensetzt – besitzt dabei zwar den höchsten gesellschaftlichen Status und den größten politischen Einfluss, wird sich aber nach Bell nicht zwangsläufig zur herrschenden Klasse entwickeln. Unterhalb der wissenschaftlich-akademischen Klasse rubrizieren bei Bell die Klasse der Techniker und Fachkräfte, die Klasse der Bürokräfte und Verkäufer und schließlich die Klasse der Handwerker und angelernten Arbeiter. Obwohl Bell es in seiner Analyse nicht klar ausspricht, so ist es doch ausgemacht, dass die Klasse der Bürokräfte und Verkäufer sowie die der Handwerker und angelernten Arbeiter in der Wissensgesellschaft über deutlich weniger Status und politischen Einfluss verfügen wird als in der industriellen Gesellschaft.

Dass sich die gebildete Klasse nicht zwangsläufig auch zur herrschenden Klasse entwickeln wird, liegt Bell zufolge daran, dass die heterogene Struktur der Klasse weder einen konstanten Gruppenzusammenhalt noch eine konsistente Gruppenidentität zulässt. Lediglich ein durch alle vier Stände wirkendes Ethos des Dienens und der Wille, das Bildungsthema zum dauerhaften Bestandteil der politischen Agenda zu machen, könnten als für die ganze Klasse der Gebildeten geltende Bestimmungsmomente der Gruppenidentität gelten. Ansonsten überwiege das Trennende zwischen den vier Ständen, da die Interessenkonflike in der Wissensgesellschaft sich nicht mehr entlang der Schichtung, sondern primär nach dem „Situs“, dem „Ort der beruflichen Tätigkeit“, strukturieren. Nicht mehr Statusidentität und ständeübergreifendes Ethos wären demnach die bestimmenden Motive für die polit-ökonomischen Interessenkonflikte, sondern die Zurechnung zu einer spezifischen Organisation (z.B. Universität) und deren Beziehung zu und Bewertung von anderen Organisationen (z.B. Unternehmen oder Kirche). Weil sich die Angehörigen der vier Stände der gebildeten Klasse jedoch auf ganz verschiedene Orte der beruflichen Tätigkeit (Wirtschaft, Staatswesen, Akademien, soziale Einrichtungen und Militär) verteilen, sinkt die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung eines Standesbewusstseins und die Möglichkeit der Entwicklung eines über die Stände hinausgehenden Klassenbewusstseins verschwindet durch die situsbasierte Analyse von Interessenkonflikten vollständig. Ausgehend von der Diversifizierung der Berufspositionen innerhalb des ökonomischen Systems und ohne ein durchgängiges Klassenbewusstsein lässt sich die gebildete Klasse nur noch als „Klasse an sich“ und nicht mehr als „Klasse für sich“ beschreiben. Als Subjekt der Gestaltung von Politik und Geschichte ist sie durch das analytische Raster der Bellschen Terminologie nicht mehr wahrnehmbar.

Das analytisch-diagnostische Unternehmen Wissensgesellschaft kreiselt durchgängig um einen impliziten Widerspruch der Bemühungen Bells. Einerseits geht es ihm darum, einen Wandel der Sozialstruktur zu analysieren, der die gebildete Klasse in das Zentrum der Verfügung über die gesellschaftlichen Herrschaftspositionen vordringen lässt. Andererseits sieht sich Bell jedoch immer wieder dazu veranlasst, diese Entwicklung so zu interpretieren, dass ein möglicher Konflikt zwischen den Klassen entlang der Verteilung von Eigentum, Status und politischem Einfluss dispensiert wird. Er betont an vielen Stellen seiner Untersuchung[18], dass die Veränderungen der Sozialstruktur nicht mit entsprechenden Veränderungen in den politischen und kulturellen Strukturen der Gesellschaft korrespondieren müssten. Zunächst einmal verkennt der gegenüber der Akademie und dem Ethos der Wissenschaft verpflichtete Soziologe dabei aber seine eigene Gebundenheit an Klasse und Gesellschaftsstruktur und schreibt deren Interessen in das Zentrum seiner Theorie ein. Selbstverständlich ist die Arbeit des Soziologen ein gutes Stück sozialwissenschaftliche Handwerkskunst, deren oberste Maxime, die wissenschaftliche Objektivität, hier nicht weniger den Naturwissenschaften entlehnt wurde als das zugrunde liegende Verständnis von Theorie, welches Wissen auf das logische Perpetuum Mobile der Begriffe reduziert, um es zu einem axialen Prinzip der Gesellschaftsstruktur erklären zu können. Darüber hinaus vermeidet es Bell durch die These der situsbasierten Interessenkonflike in der postindustriellen Gesellschaft und die nicht weiter hinterfragte Unterstellung, dass die gebildete Klasse so gut wie keine gemeinsamen politökonomischen Interessen besitzt, die möglichen Interessengegensätze und Konfliktszenarien zwischen den Klassen in Beziehung zu den schon seinerzeit erkennbaren hegemonialen Ansprüchen der gebildeten Klasse zu setzen und die Frage nach den neuen Formen von Macht und Herrschaft zum Gegenstand seiner Analyse des sozialen Wandels zu machen.

2.2 Die postkapitalistische Wissensgesellschaft (P.F. Drucker)

Der mit Abstand bekannteste Vertreter der Wissensgesellschaft ist der Unternehmensberater und Verfasser zahlreicher Veröffentlichungen zur Theorie und Praxis des Managements, darunter inzwischen auch die eine oder andere Schrift mit dem verkaufswirksamen Gütesiegel des Klassikers, Peter F. Drucker. Drucker inszeniert sich in seinen nur für gutbetuchte Kreise bezahlbaren Seminaren und in seiner Literatur als Guru des Managements und weiser Augure sozialökonomischer Entwicklungen. So kann es den Leser von Druckers Schrift „Die postkapitalistische Gesellschaft“[19] auch nicht verwundern, wenn Drucker gleich zu Beginn seiner Untersuchung des Wandels zur postkapitalistischen Gesellschaft darauf verweist, dass seine Analyse der Entwicklung nicht erst mit der vorliegenden Schrift, sondern bereits vor vierzig Jahren ihren Anfang nahm und so über mehrere Untersuchungen des Zusammenhangs von ökonomischer Regulation und Gesellschaftsstruktur hindurch zu einem soliden Stück an Gesellschaftsanalyse und Zeitdiagnostik heranreifen konnte.[20]

Mit der Autorität von 40 Jahren gut verkaufter Zeit- und Gesellschaftsdiagnostik im Rücken und dem wohlfeilen Hinweis, dass sich die meisten der von ihm empfohlenen Maßnahmen – ungesagt bleibt, um welche Empfehlungen es sich handelt und an wen sie sich richteten – im Laufe der Zeit als richtig erwiesen hätten, leitet Drucker seine Analyse der Transformation der kapitalistischen Gesellschaft in die postkapitalistische Wissensgesellschaft ein, in der wir ihm zufolge bereits heute (also seit 1993) leben. Der Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus um das Wendejahr 1989 markiert nach Drucker nicht, wie bei Francis Fukuyama, „das Ende der Geschichte“[21] überhaupt, sondern das Ende einer bestimmten Form von Geschichte. Diese Form der Geschichte bestimmt sich Drucker zufolge durch die säkulare Religion des Glaubens „an das Heil durch die Gesellschaft“, welcher durch Jean-Jacques Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ zum ersten Mal eine verbindliche Ge­stalt annahm und durch den Marxismus und das Marxsche Versprechen eines „Reichs der Freiheit“ seinen Höhepunkt erreichte. Die Hoffnung auf die Befreiung von Herrschaft, durch die gesellschaftlichen Widersprüche – zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Herren und Knechten – hindurch, sei, ob in ihrer Gestalt der marxistischen Ideologie und ihren realexistierenden Staatskulissen oder in Gestalt der kapitalistischen Wohlfahrtsstaaten, trügerisch. Die Fundamente der kommunistischen und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung geraten nach Drucker in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts gleichermaßen ins Wanken und werden schließlich „rasch von einer neuen, ganz anders gearteten Gesellschaftsform abgelöst“.[22]

Die postindustrielle Wissensgesellschaft ist nach Drucker das Ergebnis von drei ökonomischen Revolutionen.[23] In einer ersten Entwicklungsphase zwischen der Mitte des 18. und dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kommt es im Rahmen der industriellen Revolution zu einer Anwendung von Wissen auf die Produktionsmittel (Werkzeuge, Maschinen und Verfahren) und im Zusammenhang der Weiterverarbeitungs- und Veredelungsverfahren auch auf die industriell gefertigten Produkte. Die Arbeit verlagert sich von der guten Stube oder dem Kleinbetrieb in die Fabrikhalle. Die Erfindung der Dampfmaschine, die Entdeckung neuer Verfahren zur Eisen- und Stahlgewinnung und die maschinelle Herstellung von Textilprodukten begründen einen technologisch gestützten Fortschritt der industriellen Ökonomie, der den Beginn des Siegeszugs der Kopf- über die Handarbeit einleitet. Ausgehend von den großen Zentren der britischen Industrie formiert sich die Arbeiterschaft zu einer Klasse für sich. Es entstehen Gewerkschaften, die die Interessen der Arbeiterklasse organisieren und gegenüber den Agenten des Kapitals, den Unternehmern und Fabrikbesitzern, vertreten. Kapital und Lohnarbeit bewegen sich zunehmend nicht mehr im Verhältnis eines einfachen Gegensatzes zueinander, sondern formieren sich zu einem strikten Widerspruch. So entsteht ein Kampf der Klassen, der sich noch lange Zeit in einer Dialektik zwischen Befreiung und Unterdrückung fortschreibt und sich nur unter großen Opfern politisch einhegen lässt.

Die zweite Phase der Entwicklung zur Wissensgesellschaft beginnt nach Drucker um das Jahr 1880 und kulminiert in den Jahren des Zweiten Weltkriegs.[24] In dieser Entwicklungsphase wird das Wissen nicht mehr nur auf Produktionsmittel und Produkte, sondern nun auch auf die Arbeit angewendet. Auf der Grundlage von Massenproduktion und der Standardisierung von Arbeit, Produktion und Produkten entwickelt sich die fordistische Produktionsweise zum ökonomischen Leitmodell der Industrieländer. Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung von Frederick Winslow Taylor sind ein besonders eindrucksvolles und folgenreiches Beispiel für die Anwendung von Wissen auf Arbeit.[25] Taylors System einer wissenschaftlich fundierten Arbeitsteilung und Betriebsführung hat eine grundlegende Reform des Produktions- und Arbeitsprozesses in drei Schritten zum Ziel: Ausgehend von einer Analyse des Arbeitsprozesses durch Zeitstudien wird dieser in seine elementaren Handlungsmomente zerlegt und diese einzelnen Arbeitsschritte unter dem Gesichtspunkt der Optimierung des Arbeitsprozesses rekombiniert. Im Ergebnis bedeutet das tayloristische System der Arbeitsteilung und Arbeitssteuerung eine durchgängige Transparenz und Kontrolle des Arbeitsprozesses und der Arbeiter, insofern diese durch die technische (Fließband, Stechuhr usw.) oder personale Kontrolle (Aufseher) als Element des Arbeitsprozesses mit diesem zwangsweise synchronisiert werden. Durch den Taylorismus wurde das wissenschaftliche Wissen zum zentralen Element der Betriebsführung. Produktionsmittel und Arbeitsprozess werden mit der Durchsetzung der fordistischen Massenproduktion durch das Wissen von Technikern und Akademikern analysiert, geplant und gesteuert. Während der Arbeiter in der Fabrik nur noch ein Rädchen im Getriebe ist, partizipiert er an einem stetig zunehmenden Teil der erwirtschafteten Unternehmensgewinne.

Der Aufstieg eines Teils der Arbeiter in die Mittelschicht motiviert Drucker zu der kurzschlüssigen Folgerung, dass die Produktivitätsrevolution den Klassenkampf und den Kommunismus beseitigt hätte. Das sozialer Wandel auch eine Folge von sozialen Kämpfen und ihren Politiken sein könnte,[26] scheint für den Managementtheoretiker und Unternehmensberater keine sonderlich plausible Überlegung zu sein. Immer dann, wenn sozialer Wandel mit Konflikten zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Interessengruppen verbunden ist, erliegen die Vertreter der herrschenden Klasse allzu rasch der Versuchung, die anonymen Kräfte des ökonomischen Systems (zumeist den Markt) als Erklärung für Entwicklungen zu begreifen, deren Tendenz mit den Interessen der Herrschenden korrespondiert. Letztlich dienen solche Vergesslichkeiten gegenüber der Geschichte, eine Vergesslichkeit vor allem bezüglich der sozialen Kämpfe um Einfluss und Hegemonie in der Klassengesellschaft, der Statik des neoliberalen Diskurses. Überwunden geglaubte, aber immer noch gefürchtete Opponenten oder gegenwärtige Störsignale werden von bedeutungsvollen Inhalten zum Rauschen des Diskurses erklärt. Alternativen werden unsichtbar oder undenkbar.[27]

Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt nach Drucker die letzte Phase der Entwicklung zur Wissensgesellschaft.[28] Die Anwendung von Wissen wird selbstreferentiell: Wissen wird nun auf Wissen angewendet und potenziert sich so noch einmal in seiner Bedeutung für die Ökonomie, auf einem höheren Niveau als es durch die industrielle Revolution und durch die Produktivitätsrevolution der Fall war. Drucker spricht von einer Management-Revolution, die zwischen 1945 und 1990 sich auf der ganzen Welt durchgesetzt hätte. Wie bei Bell, so ist auch für Drucker das „formale Wissen“ die bedeutendste Ressource der Ökonomie. Es sei nicht nur gegenüber Boden, Kapital und Arbeit eine weitere Ressource des ökonomischen Kalküls, sondern überhaupt die einzige Ressource von Bedeutung für die gegenwärtige und zukünftige Ökonomie. Wissen werde von nun an auf Wissen als „systematische Innovation“ – die systematische Analyse erstens des notwendigen Bedarfs an neuem Wissen, zweitens der Wege, auf denen man es zu gewinnen gedenkt und drittens der effizienten Anwendung durch ein Innovationsmanagement auf mikro- und makroökonomischer Ebene – angewendet.[29] Die auf Dauer gestellte Bereitschaft der Unternehmen zur Innovation, im Rahmen vorgegebener struktureller Zwänge wie z.B. der Marktkonkurrenz oder der politischen Regulation durch Steuern und Auflagen, wird zur wichtigsten Aufgabe des Managements.

Von einer die gesellschaftlichen Strukturen umwälzenden Managementrevolution kann Drucker deshalb sprechen, weil er den Begriff des Managements aus seinem primären Bedeutungsspektrum der Unternehmensführung herauslöst und ihn mit dem Begriff der Organisation verbindet, wie es in den Wirtschaftswissenschaften und der Organisationssoziologie inzwischen gebräuchlich ist.[30] Management ist demnach eine „generische Funktion aller Organisationen“,[31] unabhängig davon, ob sie der Profitmaximierung dienen, wie die Unternehmen der Privatwirtschaft, oder nicht, wie z.B. öffentliche Einrichtungen, nichtstaatliche Organisationen und Verwaltungen. Den Wandel in der Bedeutung des Managements konkretisiert Drucker durch die Veränderung der grundlegenden Anforderung an die Berufsposition des Managers. Musste dieser in der Zeit nach 1945 „für die Arbeit seiner Mitarbeiter verantwortlich sein“, verengte sich das Spektrum der Verantwortlichkeit schon zu Beginn der fünfziger Jahre auf den Aspekt der „Leistung von Menschen“. Das Management als Funktionsstruktur wurde in dieser Zeit in zunehmendem Maße zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen an den Fakultäten für Betriebswirtschaft. Anders als Arbeit, die als komplexer sozialer Prozess eine sozialdynamische Perspektive der Analyse verlangt, ist Leistung eine Kategorie der Quantität, die durch die Reduktion des Arbeitsprozesses auf sein Produkt, vermittelt über ein distinktes zeitliches Verlaufsschema, messbar ist. Das „Controlling“[32] entwickelt sich zu einem zentralen Betätigungsfeld des mittleren Managements und ermöglicht die Konstruktion und diskursive Legitimation – Leistung wird durch quantitative Indikatoren standardisiert und durch die wissenschaftliche Methode als zumutbare Vorgabe unabhängig von der Person und deren Status legitimiert – eines lückenlosen betrieblichen Kontrollregimes.

Die Anforderung an den Manager der Gegenwart leitet Drucker von der zentralen Bedeutung des Wissens ab. Der Manager in der Wissensgesellschaft „ist verantwortlich für die Anwendung und die Produktivität von Wissen“.[33] Die ökonomische Entwicklungsstufe einer Gesellschaft, deren bedeutendste Ressource das Wissen ist, setzt voraus, dass die selbstreferentielle Anwendung von Wissen durch ein effizientes Management sich über den Weltmarkt und die Vermarktung von Innovationen stets in ausreichendem Maße die Sekundärressourcen Land, Arbeit und Kapital verfügbar machen kann. Wenn Wissen, vermittelt über den Ausweis der Innovation, also der Generierung von neuem Wissen, welches als knappes Gut einen Tauschwert besitzt und damit Warencharakter, einen Stellenwert gewinnt, der die Kapitalakkumulation reguliert, dann ist das nach Drucker ein ausreichender Grund, die gegenwärtige Struktur der Gesellschaft als postkapitalistisch zu bestimmen.[34]

Parallel zur Achse der ökonomischen Entwicklung und ihren drei revolutionären Etappen – der Industriellen Revolution, der Produktivitätsrevolution und der Managementrevolution – verweist Drucker auf eine weitere Entwicklungsachse, die den Bedeutungswandels des Wissens darstellen soll. Dieser Bedeutungswandel vollzieht sich über die Entwicklung vom „singulären“ zum „pluralen“ Wissen. Unter singulärem Wissen versteht Drucker nun nicht etwa das spezialisierte Wissen des Experten, sondern das „traditionelle Wissen“ des Bildungsbürgers seit der Antike. Wissen bedeutet hier Bildung und diese sei ohne oder nur von geringer Relevanz für konkrete Handlungszusammenhänge, in denen sich Wissen jeder Form zu bewähren hat, wenn es sich schon nicht als Gebrauchsanleitung zur Herstellung eines Produkts verwerten lässt. Bildungswissen verleiht seinem Träger zwar die (mehr oder minder hohe) Kunst des Verstehens, Redens, Schreibens und Kritisierens, nicht aber die praktische Kunde über den Umgang mit den Dingen. Über die Technik im Allgemeinen oder eine bestimmte Maschine zu lesen, nachzudenken oder selbst zu schreiben ist nicht mit der Fähigkeit zur Bedienung der Maschine gleichzusetzen, wobei das letztere auch nicht einfach aus dem ersteren folgt. Das Wissen des Bildungsbürgers vergangener Epochen nivelliert Drucker kurzerhand auf das Niveau eines humanistischen Glasperlenspiels, dessen Relevanz für den Einzelnen wie für die Gesellschaft sich auf eine gehobene Form der Unterhaltung beschränkt.[35] Der gebildete Mensch der Wissensgesellschaft könne sich nicht auf die Aufarbeitung vergangener Wissensbestände beschränken. Abstrakte Reflexionen, wie sie in den Geisteswissenschaften die Regel seien, und konkrete Erfahrungen, wie sie der Praktiker des Handwerks bei der Ausübung seiner Tätigkeit macht, müssen sich durch die Methode dem System einfügen und unterordnen.

Nur ein durch wissenschaftliche Methoden kanalisiertes Wissen verwandelt die anekdotische Bildung des Humanisten und die konkrete Erfahrung des Praktikers in „plurales“, das heißt systemisches Wissen. Dieses Wissen besitzt den Charakter von kanonisiertem Schulwissen und ermöglicht dem Wissensträger eine zunehmende Spezialisierung, die es ihm entlang der Pfadstruktur von Schul- und Berufsausbildung im Idealfall ermöglicht, das erworbene Wissen im Rahmen eines (Lohn-)Arbeitsverhältnisses zu verwerten. Wie Bell, betont also auch Drucker die Bedeutung der wissenschaftlichen Methode und des systemischen, wissenschaftlich hergestellten Wissens für die Charakterisierung der Gesellschaft als Wissensgesellschaft. Es ist nicht das Anything goes des reinen Pluralismus des Wissens, das hier eine neue diskursive Formation der Gesellschaftsstruktur anleitet. Das Wissen der Astrologin, um die Sternkreise und die Formen dieses esoterische Wissen profitorientiert zu verwerten, ist nicht von gleichem Rang wie das in den Akademien hergestellte oder überhaupt durch die wissenschaftlichen Methoden gewonnene und ihren Maßstäben[36] gehorchende Wissen. Im Unterschied zu Bell betont Drucker jedoch die Anwendung von Wissen auf Wissen, womit bei Drucker die Formen der Organisation von Wissen, der geplanten Herstellung von warenförmigem Wissen und des Managements von Wissen, verstärkt zum Gegenstand der Untersuchung werden. Damit ist die Frage nach der Produktivität von Wissensarbeit gestellt.[37]

Mit der Frage nach der Produktivität von Wissensarbeit sind zwei Implikationen verbunden. Zum einen die Frage nach den strukturellen Trägern der Produktion und ihrer Restrukturierung und Anpassung an die unterstellten Erfordernisse der Wissensgesellschaft (Akademien, Institute und Unternehmen), zum anderen aber auch die Frage nach den personalen Produktionseinheiten, den Wissensarbeitern. Zur Restrukturierung der strukturellen Träger fällt Drucker auch nicht mehr ein, als den populären Diskurs der Profitsteigerung durch Rationalisierung der Unternehmensstruktur (v.a. der Verzicht auf unprofitable Handarbeit) und Externalisierung von Arbeitskraft (Verzicht auf die dauerhafte Beschäftigung von nur temporär benötigten Arbeitskräften) zu rezitieren.[38] Der Wissensarbeiter rückt bei Drucker in das Zentrum der Gesellschaft, er wird zur zentralen Figur der gesellschaftlichen Reproduktion. Ohne größeres Zögern bestimmt Drucker den Wissensarbeiter als den „universell gebildeten Menschen“.[39] Sei dieser in den überwundenen Entwicklungsstadien zur Wissensgesellschaft ein „bloßer Zierrat“ gewesen, so werde er in der Gegenwart zum „Emblem der Gesellschaft“, ihrem „Bannerträger“ und „Archetyp“. Im (tautologischen) Umkehrschluss ändere sich durch die zentrale Stellung des gebildeten Menschen auch dessen Definition. Hierzu weiß Drucker jedoch nicht mehr anzuführen, als dass der universell gebildete Mensch die Gegenwart organisieren und die Zukunft gestalten wird.

Das glamouröse Bild der Wissensgesellschaft endet bei Drucker in einer gekritzelten Skizze von einer „Gruppe von Führern an ihrer Spitze, der es gelingt, lokale, die Menschen voneinander trennende Traditionen gemeinsamen, von allen Menschen geteilten Wertvorstellungen und einem gemeinsamen Konzept herausragender Leistung und gegenseitiger Achtung zu verpflichten“.[40] Dass es sich bei diesen Wertvorstellungen um das Credo zum neoliberalen Diskurs und bei dem Konzept herausragender Leistung um wenig originelleres als das altbekannte Leistungsprinzip der Klassengesellschaft handelt, ist kein Geheimnis. Nicht anders als bei Bell, jedoch ohne größeren Ballast sozialwissenschaftlicher Empirie, so versucht auch Drucker den Diskurs über die Wissensgesellschaft für die Interessen der gebildeten Klasse fruchtbar zu machen. Wissen wird verkürzt auf das analytische und profitabel verwertbare Wissen, Bildung auf das Rudiment der messbaren Leistung und der Fähigkeit zur Generierung neuen Wissens, welches gegenüber dem alten Wissen einen Mehrwert besitzt und dem Interesse der Profitmaximierung des Unternehmers gehorcht.

2.3 Die informationelle Gesellschaft (M. Castells)

Die Untersuchungen Manuel Castells zur Informationsgesellschaft[41] nehmen viele Anleihen bei den Arbeiten Bells. Nicht anders als Bell stuft auch Castells die Entwicklung der Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse als zentrale Achsen des gesellschaftlichen Wandels ein. Ebenso wie Bell spricht auch Castells von der Entstehung einer neuen, wissensbasierten Gesellschaftsstruktur, die er als „informationelle Gesellschaft“ bezeichnet. Das Ausmaß des Wandels beschränkt sich jedoch nicht mehr, wie noch bei Bell, auf die westlichen Industriegesellschaften, sondern wird hier als planetar eingestuft, denn dieser Wandel vollzieht sich nach Castells durch alle kulturellen und institutionellen Unterschiede hindurch. Das komplexe Vermittlungsverhältnis von Produktionsweise und Entwicklungsweise bildet dabei den Bezugsrahmen für den historischen Wandel.

Unter Produktionsweisen versteht Castells das diskursive Geflecht der „Regeln für Aneignung, Verteilung und Verwendung“ des Teils der Produktionserträge, der nicht durch die Konsumtion aufgebraucht wird, sondern als Produktionsüberschuss bzw. Surplusprodukt angeeignet werden kann.[42] Die zwei zentralen Produktionsweisen des 20. Jahrhunderts bestimmt Castells als Kapitalismus und Etatismus, von denen sich die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, und von diesen wiederum die verschiedenen sozialen Klassen ableiten ließen. Nicht anders als bei Marx, wird der Kapitalismus hier dadurch bestimmt, dass eine Trennung zwischen den Produzenten und den Produktionsmitteln besteht, die Produkte Warenform besitzen, die Produktion auf Profitmaximierung abgestellt ist und die Aneignung des Surplus durch eine kleine, die Produktionsmittel kontrollierende Klasse (die Kapitalisten) erfolgt, welche den Surplus nicht konsumiert, sondern im Dienste der Kapitalakkumulation wieder dem Produktionsprozess zuführt.[43] Ähnlich wie Bell unterscheidet auch Castells eine vorindustrielle (agrarische), industrielle und nachindustrielle (informationelle) Entwicklungsweise und auch bei ihm liegt die Quelle der Produktivität der informationellen Entwicklungsweise in der „Technologie der Wissensproduktion, der Informationsverarbeitung und der symbolischen Kommunikation“. Als Hauptquelle der Produktivität bestimmt Castells jedoch, hierin Drucker folgend, die „Einwirkung des Wissens auf das Wissen selbst“.[44]

Einwirkung von Wissen auf Wissen, das bedeutet bei Castells eine Ausrichtung der führenden Technologien auf ihre eigenen Grundlagen, um eine immer weiter fortschreitende Verbesserung bei der Verarbeitung von Informationen zu erreichen. Die aus diesem Prozess, der sich immer weiter technisch perfektionierenden Einwirkung von Wissen auf Wissen, abgeleitete Entwicklungsweise kann deshalb als „informationell“ bezeichnet werden, weil sie mit einem Diskurs über den Fortschritt korrespondiert, dessen Bedeutung zentral durch die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien gestützt wird. Das Leitbild der informationellen Entwicklungsweise ist dabei nicht mehr der Computer, als ein isoliertes technisches Medium zur Verarbeitung von Daten, sondern das Netzwerk. Netzwerke zwischen Computern beschreiben eine Organisationsform, die zumeist als dezentral und nicht-hierarchisch charakterisiert wird. Prototyp für solche begrifflichen Bestimmungen ist meist das derzeit komplexeste Netzwerk zwischen Computer-Systemen, das Internet. In das Internet kann sich jeder einklinken, der über das technische Eintrittsbillet (Computer, Modem, Software, Kommunikations-Protokolle, Provider) und das nötige Wissen (Wie bedient man das alles auch so, dass es funktioniert?) verfügt. Schnell wird dabei vergessen, dass jedes Netzwerk, auch das Internet, zentralisierte und hierarchisch organisierte Substrukturen besitzt. Ohne die Freischaltung des Zugangs durch einen Provider oder Administrator bleibt der Weg ins Netz(werk) verwehrt.

Nach Castells ist das Netzwerk der Archetyp der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur. Er definiert das Netzwerk als abstraktes Konstruktum, das „aus mehreren untereinander verbundenen Knoten“ besteht.[45] Der Knoten ist dabei nicht mehr als „ein Punkt, an dem eine Kurve sich mit sich selbst schneidet“. Auf dieser Abstraktionsebene lässt sich jedwedes Phänomen, insofern es aus mindestens drei miteinander assoziierten Entitäten besteht, als Netzwerk beschreiben. Da soziale Phänomene immer komplex sind und aus mehreren miteinander assoziierten Elementen bestehen, wären demnach auch alle sozialen Phänomene als Netzwerk zu beschreiben. Die Bestimmung des Knotens variiert dabei in Abhängigkeit von der konkreten Art des Netzwerks. Deshalb kann es auch nicht wundern, dass Castells so divergente Phänomene wie das globale Finanzsystem, den Drogenhandel oder die Nachrichtenmedien als Netzwerke beschreiben kann, deren Knoten, z.B. Aktienmärkte und Dienstleistungszentren im Falle des Netzwerks der globalen Finanzen, wiederum die Struktur eines Netzwerks besitzen. Aus diesem Grund bezeichnet Castells das Netzwerk auch als „offene Strukturen“ mit der Fähigkeit grenzenlos zu expandieren und neue Knoten bzw. Subnetze in das bestehende Netz zu integrieren, solange die Möglichkeit der Kommunikation innerhalb des Netzes dabei gewährleistet bleibt. Der Zusammenbruch der Kommunikation ist gleichbedeutend mit dem Zusammenbruch des Netzwerks.[46]

Castells charakterisiert eine auf Netzwerken basierende Gesellschaftsstruktur als offen und dynamisch. Er versteht sie als eine angemessene Antwort auf die Entwicklung des Kapitalismus, dessen Angewiesenheit auf ständige Innovation, Flexibilität der Unternehmensstrukturen wie auch der Arbeits- und Lebensverhältnisse auch die Gesellschaftsstruktur unter den Druck permanenter Anpassung an die Anforderungen der Ökonomie setzt. Die immense Intensität dieses Anpassungsdrucks führt Castells auf die Entstehung einer neuen Wirtschaftsform zurück, deren wesentliche Merkmale er als „informationell, global und vernetzt“ bezeichnet und die erst durch die Revolution der Informationstechnologien im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts möglich wurde. Informationell ist diese Wirtschaftsform deshalb, weil sowohl die Produktivität der Unternehmen wie auch die Regulation der Konkurrenzen zwischen den Unternehmen von ihrer Fähigkeit abhängt, „auf effiziente Weise wissensbasierte Information hervorzubringen, zu verarbeiten und anzuwenden“.[47] Wissen ist dabei aber nicht nur ein Element der Produktions- und Zirkulationssphäre unter anderen, sondern Wissen entwickelt sich zum Leitmedium des Produktionssystems, wird selbst Produkt und Ware. Als global bezeichnet Castells die neue Wirtschaftsform deshalb, weil die Regulation der ökonomischen Subsysteme (Produktion, Zirkulation und Konsumtion) nicht mehr alleine auf der lokalen und regionalen Ebene, sondern zunehmend auf der globalen Ebene erfolgt.[48] Das Charakteristikum der Vernetzung verweist dagegen auf die hohe Intensität der flexiblen, stetig überprüften und neu ausgerichteten Verflechtung der Produktion in den Unternehmenskonglomeraten, inklusive ihren Kooperationen mit anderen Unternehmen, der Politik und den Konsumenten.

Auch wenn Castells zwischen den drei Charakteristika der neuen Wirtschaftsform nicht weiter gewichtet, so besitzt der Informationalismus doch einen akzentuierten Stellenwert, da es zum einen die Informations- und Kommunikationstechnologien sind, deren revolutionäre Entwicklung die zunehmenden Globalisierung und Vernetzung überhaupt erst in Gang setzt. Zum anderen steht der Informationalismus bei Castells nicht nur Pate für die Benennung der Gesellschaft als informationelle Gesellschaft, sondern darüber hinaus auch noch für das gesamte Zeitalter: The Information Age. Nicht anders als Bell und Drucker konstatiert auch Castells, dass Information und Wissen schon immer bedeutende Komponenten der technologischen Innovation und des ökonomischen Fortschritts gewesen seien. Entscheidend für die Diagnose einer historischen Diskontinuität vom Rang eines gesellschaftsstrukturellen Wandels zum Informationalismus ist nach Castells jedoch, „dass Information selbst zum Produkt des Produktionsprozesses wird“, denn die Produkte der neuen informationstechnologischen Industriezweige sind Vorrichtungen zur Verarbeitung von Information oder selbst Informationsverarbeitung“.[49] Damit ist der Stellenwert von Informationstechnologie und Wissen nicht mehr nur auf bestimmte Bereiche des Dienstleistungssektors (v.a. im Bildungsbereich) oder auf den Bereich der Produktionsmittel des Industriesektors beschränkt, sondern ihre Bedeutung wird allgemein: Information und Wissen sind deshalb das zentrale Moment der Bestimmung der Gesellschaftsstruktur, weil sie das führende Produkt der kapitalistischen Warenwirtschaft in den hoch entwickelten Industrieländern darstellen. Während diese zentrale Überlegung bei Bell nur als eine Ahnung im Ausblick auf das Kommende enthalten ist, findet sie sich bei Drucker zumindest in der These des für die Wissensgesellschaft zentralen Bestimmungsmoments der „Anwendung von Wissen auf Wissen“ angedeutet. Bei Castells ist sie klar und deutlich konturiert. Wissen ist Ware geworden und als eine solche das für die kapitalistisch verfasste Gesellschaftsstruktur bestimmende Moment.

Wissen definiert Castells wie Bell, als eine „Sammlung in sich geordneter Aussagen über Fakten und Ideen, die ein vernünftiges Urteil oder ein experimentelles Ergebnis zum Ausdruck bringen und anderen durch irgendein Kommunikationsmedium in systematischer Form übermittelt werden“.[50] Mit dieser Definition zieht sich Castells auf den Standpunkt der analytischen Wissenschaftstheorie zurück. Wenn Wissen als ein Aussagesystem verstanden wird, das dem Kalkül der Logik zu gehorchen hat, so nimmt man dem Terminus wie der mit ihm verbundenen Gesellschaftsdiagnostik die Dimension des Sozialen und seiner Kritik. Das maximale Niveau der Abstraktion gewährleistet zwar eine Anwendung auf jeden durch die Sprache vermittelten Gegenstandsbereich, grenzt jedoch solche Erfahrungsdimensionen aus, die sich entweder der Sprache oder dem rationalen Kalkül entziehen. Die Komplexität kulturindustrieller Inszenierungen, unabhängig davon, ob es sich um Phänomene der Selbstdarstellung von Unternehmen zum Verkauf von Waren oder um politische Inszenierungen wie den Populismus handelt, macht jedoch deutlich, dass Wissen seine Wirkung nicht alleine über die Dimension der rational nachvollziehbaren Aussagen entfaltet. Wissen impliziert immer einen subjektiven und/oder kulturellen Kontext, es ist problem- und kulturgebunden.[51] Nur im Rahmen vielfältiger und je spezifischer kontextualer Vorbedingungen lässt sich mit einiger Vernunft darüber entscheiden, nach welcher und mit wie viel Logik ein Phänomen sich strukturiert bzw. entsteht (abläuft und verschwindet). Nur eine Problematisierung der subjektiven, sozialen und kulturellen Voraussetzungen eines Phänomens und der Vergleich mit anderen Phänomenen und deren Voraussetzungen macht ein Wissen möglich, das über die Tautologien des wissenschaftstheoretischen Glasperlenspiels hinausreicht.

An diesem Punkt geht Bell jedoch weiter als Castells, denn Bell unternimmt eine Konkretisierung seiner ersten Definition von Wissen, die ihm wohl selbst für eine sozialwissenschaftliche Untersuchung nicht ausreichend erschien. Obwohl Bell sich immer wieder auf den sicheren Boden der wissenschaftstheoretischen Analytik zurückzieht, um seine Untersuchung nicht dem Verdacht eines schweren Kolosses auf tönernen Füßen auszusetzen, wagt er bei seinem zweiten Anlauf eine Definition von Wissen, die weit über die Bestimmungen von Drucker und Castells hinausgeht. Hier ist Wissen nun das,

„was objektiv bekannt ist, ein geistiges Eigentum, das mit einem (oder mehreren) Namen verbunden ist und durch ein Copyright oder eine andere Form sozialer Anerkennung (z.B. Veröffentlichung) seine Bestätigung erfährt. Es wird bezahlt, einmal in Form des für Niederschrift und Forschung erforderlichen Zeitaufwandes und zum anderen in Form der von den Kommunikations- und Bildungsmedien geleisteten finanziellen Vergütung. Es unterliegt, was seine Brauchbarkeit und Förderungswürdigkeit seitens der Gesellschaft (sofern darauf Anspruch erhoben wird) anlangt, der Bewertung durch den Markt und die mit administrativen oder politischen Entscheidungsbefugnissen ausgestatteten Instanzen sowie dem Urteil der Eingeweihten. So gesehen, ist Wissen Teil der allgemeinen Sozialinvestitionen der Gesellschaft, eine in einem Buch, einem Artikel oder auch einem Computerprogramm zum Zwecke der Übermittlung niedergeschriebene oder anderweitig niedergelegte zusammenhängende Aussage, deren Wert sich in groben Zügen abschätzen lässt.“[52]

[...]


[1] André Gorz (2001): „Welches Wissen? Welche Gesellschaft?“. Im Folgenden wird in den Fußnoten für jede zitierte Quelle, insofern diese in mehreren sich inhaltlich unterscheidenden Auflagen publiziert wurde, zunächst das Jahr der ersten Veröffentlichung, danach das Jahr der jeweils verwendeten Ausgabe angegeben.

[2] So in Jürgen Rüttgers (1999): „Zeitenwende – Wendezeiten. Das Jahr-2000-Projekt: Die Wissensgesellschaft“ (S. 13-37).

[3] Vergleiche hierzu den Aufsatz „Soziologie und empirische Forschung“ von Theodor W. Adorno (1969/1993): v.a. S. 98f.

[4] So schon die „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno (1944/1984) und auf die neueren Entwicklungen, unter Berücksichtigung der Erweiterung von Kulturindustrie nach 1945, bezogen bei Heinz Steinert in „Kulturindustrie“ (1998) sowie Heinz Steinert und Christine Resch in „Kulturindustrie: Konflikte um die Produktionsmittel der gebildeten Klasse“ (2003).

[5] Rüttgers (1999): S. 24.

[6] Im praktischen Teil der Arbeit folgt eine vertiefende Erläuterung des Begriffs. Eine methodologisch fundierte Begriffsanalyse ist dem Buch „Die Schönen Guten Waren – Die Kunstwelt und ihre Selbstdarsteller“ von Christine Resch (1999: S. 25-33) zu entnehmen.

[7] Eine ausführliche Dokumentation dieser Debatte, die ihren Höhepunkt auf dem 16. Soziologentag in Frankfurt am Main fand, liegt in Form des von Th. W. Adorno und der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) veröffentlichten Tagungsbandes „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft, Verhandlungen des 16 Deutschen Soziologentages 1968“ (1969) vor.

[8] Für einen ersten Überblick über die Diskussion und die wieder entdeckte Freude der Geisteswissenschaftler an der Bestimmung des Gesellschaftsbegriffs eignen sich die zwei Bände „In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?“ (1999/2000), herausgegeben von Armin Pongs.

[9] Vergleiche D. Bell: „Die nachindustrielle Gesellschaft“ (1973/1989): S. 53 und S. 220.

[10] Ebd. S. 219.

[11] Ebd. S. 32.

[12] Ebd. S. 36.

[13] Bell unterteilt das Dienstleistungsgewerbe in drei Sektoren. Dem tertiären Sektoren ordnet er dabei den Verkehrs- und Erholungsbereich, dem quartären Sektor die Banken und Versicherungen und dem quintären Sektor schlägt er die Bereiche Gesundheit, Ausbildung, Forschung und die Regierung zu (vgl. ebd. S. 117).

[14] Fast mag einen diese Wendung an eine große Debatte in der deutschen Soziologie und Nationalökonomie, den Streit über die Bedeutung des Werturteils in den Wissenschaften, denken lassen, wenn nicht gar an die Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre aktuellen Debatten über den Stellenwert von Marxismus und Revolution für die Lehr- und Studienpläne der Akademien. Doch Bell denkt in diesem Zusammenhang an eine zunehmende Bürokratisierung und Kontrolle der Universitäten, um den Fortschritt in die nachindustrielle Gesellschaft nicht nur zu motivieren, sondern zu planen und durchzusetzen.

[15] Ebd. S. 120.

[16] Seine Selbstbeschreibung als „dem nach 'Ordnungsschemata' für den sozialen Wandel in einer Gesellschaft suchenden Soziologen“ (ebd. S. 120) macht noch einmal deutlich, dass er seine Diagnostik nicht auf seine eigene sozialstrukturelle Position und den damit implizierten Interessenkonflikt zwischen Wissenschaftlichkeit und Klassenlage bezieht.

[17] Vgl. hierzu ebd. S. 271-277.

[18] So z.B. ebd. S. 115.

[19] Erstmals in den Vereinigten Staaten im Jahre 1993 unter dem Titel „Post-capitalist Society“ veröffentlicht. Im Folgenden dient die im gleichen Jahr erschienene deutsche Ausgabe „Die postkapitalistische Gesellschaft“ als Quelle für Zitate.

[20] Ebd. S. 16.

[21] Francis Fukuyama: „Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?“ (1992).

[22] Drucker (1993): S. 18.

[23] Vergleiche hierzu und im Folgenden ebd. S. 35 ff. und S. 47-54.

[24] Ebd. S. 54-66.

[25] F. W. Taylor: „The Principles of Scientific Management“ (1911).

[26] Erinnert sei in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten, Liberalen und Konservativen vor und während der Einführung der deutschen Sozialgesetzgebung durch Bismarck (1883-1889).

[27] Weitere Strategien zur Kontrolle von Diskursen diskutiert Michel Foucault in „L`ordre du discours“ („Die Ordnung des Diskurses“, 1996/1972).

[28] Drucker (1993): S. 66-73.

[29] Zur Konkretisierung des Zusammenhangs von systemischer Innovation und Innovationsmanagement empfiehlt Drucker seine Schrift über „Innovation and Entrepreneurship: Practice and Principles“ (1985). Kaum ein Kapitel in den Schriften Druckers geht zu Ende, ohne dass er nicht wenigstens eines seiner anderen Bücher zitiert. Dagegen ist ihm die nicht von ihm selbst verfasste Literatur keines Zitates würdig, auch Fußnoten sind ihm obskures Rankenwerk, statt haltendes Gerüst der Fachliteratur. Die Selbstinszenierung als Guru des Managements wird so zur obersten Maxime des Unternehmensberaters, der dem Kunden (Leser) gegenüber stets den Fuß in der Tür behält.

[30] So beispielsweise bei Dirk Baecker in „Organisation und Management“ (2003) oder bei Arnold Picot (u.a.) in Die grenzenlose Unternehmung – Information, Organisation und Management. Lehrbuch zur Unternehmensführung im Informationszeitalter“ (2003).

[31] Drucker (1993): S. 71.

[32] Unter Controlling versteht die Betriebswirtschaft den Entwurf und die Implementierung von Informations-, Planungs-, Steuerungs- und Kontrollsystemen in allen Unternehmensbereichen.

[33] Ebd. S. 73.

[34] Ebd. S. 73.

[35] Ebd. S. S. 302 ff.

[36] Als da wären Widerspruchsfreiheit, die interne und externe Konsistenz von Aussagen sowie die empirische Überprüfbarkeit der wissenschaftlichen Theoreme.

[37] Ebd. S. 266-273.

[38] So ebd. S. 133-137.

[39] Ebd. S. 302.

[40] Ebd. S. 302.

[41] Siehe hierzu M. Castells Dreiteiler „The Information Age“ (1996, 1997, 1998). Hier durchgehend zitiert nach der deutschen Ausgabe „Das Informationszeitalter I – Die Netzwerkgesellschaft“ (2001).

[42] Vgl. hierzu Castells (2001): S. 16 ff.

[43] Den Etatismus bestimmt Castells als eine Produktionsweise, bei der die Kontrolle über das Surplus bei einer Klasse außerhalb der ökonomischen Sphäre, z.B. den Leitungs- und Planungsstäben der Zentralpartei in den sozialistischen Regimen, liegt. Deshalb sei der Etatismus auch nicht auf eine Maximierung des unternehmerischen Profits, sondern auf eine Maximierung der Macht in den Händen der politischen Führung hin angelegt.

[44] Ebd. S. 17 f.

[45] Siehe ebd. S. 528.

[46] An diesem Punkt wird die Nähe zur Systemtheorie Luhmanns besonders deutlich. Auch bei Luhmann ist Kommunikation der Indikator für das Bestehen und Fortbestehen eines Systems. Luhmann bleibt bei Castells jedoch vollständig ausgespart. Sowohl das Literaturverzeichnis als auch das Register kennen diesen prominenten Namen nicht und so mutet es wie eine Wiederkehr des Verdrängten an, dass er sich immerzu zwischen die Zeilen drängt.

[47] Ebd. S. 83.

[48] Ein prominentes Beispiel hierfür ist die zunehmende Deregulierung nationaler Märkte über die Welthandelsorganisation (WTO), deren Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Regulation der nationalstaatlichen wie auch regionalen Wirtschafts- und Finanzpolitiken in den letzten Jahren zunehmend erweitert wurden.

[49] Vgl. ebd. S. 84.

[50] So bei Bell (1989): S. 180. Bei Castells (2001), Bell zitierend, auf S. 17.

[51] Vgl. hierzu die Schrift von Egon Becker: „Die postindustrielle Wissensgesellschaft – ein moderner Mythos?“ (2001), v.a. S. 98 f. Ebenso Joachim Hirsch in: „Wissen und Nichtwissen: Anmerkungen zur Wissensgesellschaft“ (2002), S. 44.

[52] Bell (1989): S. 181 f.

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Wissen als Ware - Unternehmensberatung in der Wissensgesellschaft
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
99
Katalognummer
V35484
ISBN (eBook)
9783638353816
Dateigröße
948 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Diplomarbeit wird im Ausgang von einer theoretischen Einführung in den Diskurs über die Wissensgesellschaft und den Stellenwert von Beratung und Expertise innerhalb dieses Diskurses die Frage untersucht, wie Unternehmensberater ihre Produkte und Leistungen, vermittelt über den Diskurs der Wissensgesellschaft und die durch ihn gestützten Politiken, als Wissenswaren zu vermarkten versuchen, deren Wert sich für den Käufer rechnet und damit den Status eines Kapitals annimmt.
Schlagworte
Wissen, Ware, Unternehmensberatung, Wissensgesellschaft
Arbeit zitieren
Oliver Laqua (Autor), 2004, Wissen als Ware - Unternehmensberatung in der Wissensgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35484

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