Emile Durkheims Studie zum Selbstmord. Die soziologische Suizidforschung der Moderne und der Gegenwart


Hausarbeit, 2017
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in die soziologische (Selbstmord-)Theorie Durkheims und die Definition von Selbstmord in dieser Arbeit

3. Grundtypen des Selbstmords
3.1 Der egoistische Selbstmord
3.2 Der altruistische Selbstmord
3.3 Der anomische Selbstmord

4. Ausgewählte sozialwissenschaftliche Theorien zum Selbstmord der Gegenwart
4.1 Weitere sozialwissenschaftliche Theorien im Überblick
4.2 Soziologie des Selbstmords von Lindner-Braun (1990)

5. Kritische Reflexion

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Grundtypen des Selbstmords im Überblick

(in Anlehnung an Durkheim 1983:339 und Brock et al. 2007:123)

1. Einleitung

„Zwei Kinder getötet – Vater begeht Selbstmord. Im schleswig-holsteinischen Wedel sind am Sonntag zwei tote Kinder gefunden worden. Im benachbarten Hamburg beging kurz danach ein Mann Selbstmord. Er soll der Vater sein“.

Die Welt am 17.Oktober 2016

Recherchiert man aufgrund dieser Nachricht in unterschiedlichen Medien nach weiteren Fällen zu Selbstmord oder Suizid und zudem nach Statistiken, so wird schnell deutlich, dass die Selbstmordrate seit 2014, entgegen Aussagen Albrechts (2012: 797), wieder steigt. „Suizidhandlungen sind [...] Teil unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (Brassel-Ochmann 2016: 109). So veröffentlichte beispielweise das Statistische Landesamt Nordrhein Westfalen über Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) Ende 2015, dass 1.831 Menschen 2014 freiwillig aus dem Leben geschieden sind (535 Frauen, 1.296 Männer), sechs Prozent mehr als im Jahr 2013. Die niedrigste Zahl wurde 2007 (1.430) verzeichnet, die höchste 1995 (2.107). Die Rate liegt in NRW bei 10 Opfern auf 100.000 Einwohnern und sie steigt mit dem Alter tendenziell an (vgl. IT.NRW 2015: 1. Absatz)[1]. Brassel-Ochmann (2016: 109) ergänzt, dass die Dunkelziffer in Deutschland sogar um etwa 25 Prozent höher liegt. „Das liegt daran, dass viele Selbstmorde als Verkehrsunfall oder Drogentod eingestuft werden“ (ebd.).

Die World Health Organization (WHO) publizierte 2014 in ihrem Bericht „Preventing suicide: A global imperative“, dass 2012 weltweit alle 40 Sekunden ein Mensch Suizid beging und veröffentlichte eine Broschüre zur Prävention. Schaut man sich die Rubrik der Webseite an, so findet man das Thema und den Bericht unter Gesundheitsthemenà nicht übertragbare Krankheiten à Psychische Gesundheit. 1883 interpretierte der französische Psychiater Étienne Dominique Esquirol als erster Arzt Suizid als Krankheit sui generis, also als einzigartig anzusehen oder als ein Stadium psychischer Störung (vgl. Bronisch 2014: 56). Bronisch (vgl. ebd.) selbst verfolgt allerdings zunehmend eine biologische Komponente.

Der Soziologe Émile Durkheim vertrat hingegen die These, dass für Selbstmord (ein soziales Phänomen, 1897) der Grund ein soziologisches Problem ist, das in diesem Kontext nicht durch Psychologie zu erklären sei (vgl. Durkheim 1983: 153). Selbstmord sei zwar eine individuelle und private Entscheidung, aber gesellschaftlich bedingt (vgl. Müller 2012: 174).

Durkheim (1983: 153) äußert, dass eine Erklärung „weder in der organisch-psychischen Verfassung der Individuen noch in der Beschaffenheit ihrer physischen Umwelt“ (ebd.) zu finden ist. Dazu erläutert er zwei Formen gesellschaftlicher Integration. Das Verhalten der Individuen wird einerseits maßgeblich von gesellschaftlichen Normen bestimmt und andererseits bedeutet Integration soziokulturell, dass Akteure entweder als Gruppenmitglied oder als Individuum handeln (vgl. Klatetzki 2010: 201f.). So ist Durkheims Ziel, den Selbstmord im sozialen Kontext zu erklären. Dabei verfolgt er die Erklärung der Unterschiede kollektiver Selbstmordraten, wobei die Rate als Indikator für den Zustand des Kollektivbewusstseins zu betrachten ist. Zudem beschreibt er vier Grundtypen des Selbstmords, die auf unterschiedlichen sozialen Ursachen beruhen.

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich Durkheims Theorie noch auf die Gegenwart anwenden lässt und welchen Stellenwert sie in der heutigen Zeit (noch) hat.

Dazu soll nach einer Definition von Selbstmord bzw. Suizid für diese Arbeit zunächst Durkheims Studie zum Selbstmord und ihre Bedeutung für die Soziologie als Wissenschaft dargestellt werden. Im Anschluss werden überblickartig weitere sozialwissenschaftliche Theorien der soziologischen Suizidforschungen der Gegenwart vorgestellt. Auch Lindner-Braun (1990: 21f.) beobachtet, wie ein spezifischer Gesellschaftszustand die Suizidrate einer Gesellschaft bestimmen kann. Die Theorien werden gegenübergestellt und kritisch hinterfragt, denn die Analysen Durkheims scheinen aus heutiger Sicht ungenügend. Abschließend erfolgt ein Fazit.

2. Einführung in die soziologische (Selbstmord-)Theorie Durkheims und die Definition von Selbstmord in dieser Arbeit

Durkheims Soziologie „zielt auf die Rekonstruktion kollektiver Wissensbestände, die als Realitäten sui generis, d.h. als eigenständige Realitäten, die Handlungsweisen der Menschen beeinflussen“ (Brock/Junge/Krähnke 2007: 111). Die Moralwissenschaft, der Individualismus sowie soziale Regeln stehen im Vordergrund (vgl. ebd.: 113). Durkheim verfolgt eine autonome Wissenschaft der Soziologie sozialer Phänomene (vgl. Lindenberg 1986: 140). Dabei haben seine soziologischen Methoden[2] zum Grundprinzip, dass die zu untersuchenden Tatsachen als Wirklichkeiten außerhalb des Individuums liegen (vgl. Durkheim 1983: 20). Gesellschaftliche Faktoren werden als dafür verantwortlich gesehen. Hierbei stehen Kollektivkräfte im Vordergrund, „also das Integrationspotenzial einer Gemeinschaft“ (Feldmann 2001: o.S.; Hervorheb. CW.). Durkheim (1983) erörtert Merkmale der sozialen Umwelt der Individuen und versucht Unterschiede individueller Handlungen abzuleiten. (vgl. Brock et al. 2007: 120; Müller 2012: 169). Dabei sind soziale Tatbestände bzw. Phänomene äußerlich (nicht angeboren), zwanghaft, allgemein und unabhängig (vgl. Müller 2012: 169). Mit der Studie zum Selbstmord (1897) will Durkheim seine Überlegung über die Gesellschaft fortführen und den Diskurs über ihren Charakter und Zustand empirisch weiterverfolgen (vgl. Müller 2012: 174). Er will durch die Studie eine gesellschaftliche Bedingtheit für den Selbstmord nachweisen und somit die Unverzichtbarkeit der Soziologie als Wissenschaft unterstreichen (vgl. ebd.).

Durkheims Studie zum Selbstmord (1897) basiert auf zusammengetragenen Daten seines Neffen zu Selbstmordraten in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Studie gilt als „grundlegend für die Entwicklung einer empirisch verfahrenden Soziologie“ (Klemm 2016: 68) und beweist die Tendenz zum Selbstmord innerhalb einer jeden Gesellschaft (vgl. Durkheim 1983: 35). Die soziale Selbstmordrate ist dabei die abhängige Variable, deren Schwankung im gesellschaftlichen Zusammenhang beobachtet und begründet werden soll (vgl. Müller 2012: 175).

Zunächst definiert Durkheim (1983: 27) Selbstmord (als soziales Phänomen), da Wörter innerhalb einer Umgangssprache oft mehrdeutig sein können:

„Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens voraus kannte“. (ebd.: 27)

Für Durkheim (vgl. ebd.) stehen das Bewusstsein der Folgen und die volle Absicht des Handelnden also im Vordergrund. Er schließt den Selbstmord von Tieren bewusst aus. Ferner werden willkürliche Ausnahmen verhindert und auf die Analyse der Selbstmordmotive verzichtet (vgl. Müller 2012: 175). Lindner-Braun (1990: 29) ergänzt, dass Fremdeinwirkung ausgeschlossen wird und der Tod unmittelbar nach der Handlung eintritt. Die Folgen übermäßigen Alkohol- oder Nikotingenusses sowie Nahrungsverweigerung werden aus der Definition ausgeklammert. Bei einem Selbstmordversuch wird die Handlung vor Todeseintritt abgebrochen. So ist Selbstmord eine Aufkündigung „des normativen Bandes zwischen Individuum und Gesellschaft“ (Beckenbach/Klotter 2014: 341). Albrecht (2012: 980) betont an dieser Stelle eine enorm starke Ablehnung der Handlung durch den Begriff Selbst mord, dem somit eine Vorab-Wertung zu Grunde liegt. Brassel-Ochmann (2016: 137) verweist diesbezüglich auf den Begriff des Suizids, der „gegenüber anderen keine positiven oder negativen Konnotationen beinhaltet“ (ebd.).

Durkheim (1983: 37) betrachtet als Soziologe die Ursachen, die es ermöglichen auf eine Vielzahl von Menschen einzuwirken und beschäftigt sich auf der Makroebene mit jenen Selbstmordfaktoren, die „sichtbaren Einfluß [sic!] auf die Gesamtgesellschaft haben“ (ebd.; Einfügung CW.). Im Selbstmord sieht Durkheim „einen Indikator der gesellschaftlichen Krise, einer sozialen Krankheit“ (Némedi 1995: 60). Er (1983: 162ff.) betrachtet für jede Gesellschaft an sich die Summe der Selbstmorde als Ganzes, wobei die unterschiedlichsten Faktoren einen Selbstmord beeinflussen können. So fokussiert er nicht das Individuum als solches, sondern gezielt die Selbstmordrate, also die absolute Zahl der Selbstmorde in Beziehung zur Zahl der untersuchten Gesamtbevölkerung (vgl. ebd.: 32)[3]. Dabei interessieren Durkheim die Selbstmordraten als Phänomen sui generis (vgl. Müller 2012: 175).

Zu Beginn seiner Studien jedoch prüft Durkheim (1983: 100ff.) zunächst den Einfluss von außergesellschaftlichen Faktoren, wie beispielweise Rasse (nationale Gruppen), Erblichkeit, den Wahnsinn, das Klima, die Temperatur und die Nachahmung, die er aber allesamt abschließend als bedeutungslos bewertet (vgl. dazu auch Müller 2012: 175; Anastasopoulos 2012: 190). So ist der Selbstmord von sozialen Ursachen abhängig und wird als Kollektiverscheinung beschrieben. Dabei sind nur jene Ursachen ausschlaggebend, die die soziale Selbstmordrate bilden und verändern (vgl. Durkheim 1983: 154ff.). Als Untersuchungsobjekt dient somit die soziale Selbstmordrate, um vom Ganzen auf die Teile schließen zu können (vgl. ebd.: 156).

Der Selbstmord, also die Handlung selbst, ist die Folge einer Wirkung sozialer Zustände. Da bei den gesellschaftlichen Zuständen eine Gesetzmäßigkeit erkannt werden kann, lassen sich Selbstmorde als Typen methodisch erfassen (vgl. ebd.: 345f.). Brock et al. (2007: 121) ergänzen an dieser Stelle, dass alle Selbstmordarten eine andere soziale Ursache haben und man kann „den Selbstmord wie ein Ding untersuchen, das sich nur durch Soziales erklären lässt“ (Anastasopoulos 2012: 183).

3. Grundtypen des Selbstmords

Durkheim beschreibt vier Grundtypen des Selbstmords, die auf unterschiedlichen sozialen Ursachen beruhen. Prinzipiell handelt es sich um zwei Gegensatzpaare: Mit dem Inhalt von Regeln befassen sich der Egoismus und Altruismus, auf Regelzustände verweisen Anomie und Fatalismus (vgl. Müller 2012: 175). In dieser Arbeit wird gezielt nur auf den egoistischen, altruistischen und anomischen Selbstmord eingegangen (vgl. Durkheim 1983: 162ff.)[4], wobei sich die Typen der Selbstmorde auch überlappen können und nicht immer eine klare Trennung möglich ist.

3.1 Der egoistische Selbstmord

Charakteristisch für diesen Typ des Selbstmords ist ein Mangel an gesellschaftlicher Anbindung, die eine Entfremdung von gesellschaftlichen Systemen und eine Lösung von soziokulturellen Normen nach sich zieht.

Dazu beschreibt Durkheim (1983: 161) beispielsweise das Verhalten in Religionsgemeinschaften und findet einen Unterschied zwischen verschiedenen Konfessionen, wobei er betont, dass dieselbe Gesellschaft dabei verglichen werden muss. Er betrachtet, neben Gebieten in Frankreich, unter anderem Kantone der Schweiz. Hier lagen die Selbstmordraten in den katholischen Gemeinden vier- und fünfmal niedriger, als in den protestantischen. Diese Tendenz lässt sich sogar teilweise länderübergreifend feststellen (vgl. ebd.: 165). Religiöse Gemeinschaften verfolgen einen bestimmten Lehrkodex, der die Gemeinschaft fest und umfassend bindet, sowie keine freie Kritik zulässt (vgl. ebd.: 171) „[I]ndividuelle Abweichungen [sind] fast unmöglich wegen der Gemeinsamkeit ihres Lebens und der unaufhörlichen Kontrolle“ (ebd.: 172; Einfügung und Anpassung CW.).

Durkheim referiert, dass überlieferte Dogmen und Autoritäten Erschütterungen ausgesetzt sind, die ein freies Handeln und Denken schaffen, somit auch eine Autonomie. Er kommt abschließend zu der Schlussfolgerung, dass beispielsweise die größere Selbstmordanfälligkeit innerhalb des Protestantismus dadurch erfolgt, dass er als Kirche weniger stark in der Gesellschaft integriert ist (vgl. ebd.: 171).

Hinzu kommt ein Drang nach Bildung und Weiterentwicklung. Durkheim konstatiert, dass es sich mehrheitlich um freie Berufe handelt und die höheren Einkommensklassen, bei denen „am ehesten eine intellektuelle Lebensführung zu finden ist“ (ebd.: 178). Der Selbstmord in den höchsten Gesellschaftsschichten ist außerordentlich häufig, wobei nicht die Bildung selbst die Ursache ist, sondern durch den Bedarf an Wissen wird die Auflösung des Glaubens laut (vgl. ebd.: 183). Des Weiteren referiert Durkheim seine Studien zum Familienleben und zum Staat (vgl. ebd.: 186-232). Die Selbstmordrate bei Familien mit einem starkem Familienbund und Kindern ist demnach geringer als die von geschiedenen Personen (Feldmann 2001: o.S.). „Die Familie ist ein mächtiger Schutz gegenüber dem Selbstmord und wirkt um so nachhaltiger, je fester sie gefügt ist“ (Durkheim 1983: 224).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ursache des egoistischen Typs des Selbstmords in der Auflösung der Verbundenheit zu der Gruppe (Religion, Familie, Staat) als Gemeinschaft liegt. Das Individuum entfremdet sich und verfolgt seine persönlichen Ziele nach Belieben. Damit erhält es eine bestimmte Unabhängigkeit und entwickelt seine eigenen (Verhaltens-)regeln. Somit steht das individuelle Ich über dem sozialen Ich. Die fehlende Integration und Bindung in das Gesellschaftsleben lässt allerdings auch eine moralische Unterstützung und Stärke der Gemeinschaft für den Einzelnen missen. Ursache des Selbstmords ist die extreme Individualisierung, die fehlende Kollektivität der Gesellschaft (vgl. Durkheim 1983: 232f.), sowie die Infragestellung des Lebenszwecks. Der Mensch begreift sich selbst nicht mehr und fragt nach dem Sinn von alledem (vgl. ebd.: 237). Die Schwermut äußert sich in tiefer Niedergeschlagenheit mit dem Blick auf eine Sinnlosigkeit (vgl. ebd.: 253). Es formt sich ein Selbstmord mit eigener Prägung: der egoistische Selbstmord.

3.2 Der altruistische Selbstmord

Im Vergleich zum egoistischen Selbstmord herrscht beim altruistischen Typ eher eine zu starke gesellschaftliche Verflechtung, Abhängigkeit und Integration vor. Die Individualisierung des Einzelnen hat nur eine sehr schwache Ausprägung, wodurch er einem gesellschaftlichen Druck nicht standhalten kann.

Beispielhaft werden hier ältere und kranke Menschen genannt (vgl. Durkheim 1983: 244). Ferner werden in einigen Kulturen Witwen dazu angehalten, sich nach dem Tod des Ehemanns selbst zu töten, wie bei den Hindus (vgl. ebd.: 244). In anderen Ländern dürfen Diener und Leibeigene den Tod ihrer Fürsten oder Häuptlinge nicht überleben. In diesem Fall ist es also eine Pflicht aus dem Gesellschaftsleben heraus, eine solche Handlung zu begehen. Feldmann (2001: o.S.) spricht von einer „Selbstaufopferung für das Kollektiv“ und ergänzt ferner, dass dabei “Integration [...] vor allem an der Häufigkeit, Intensität und ideologischen Geschlossenheit der Interaktionen innerhalb von Gruppen bzw. Gemeinschaften ablesbar“ (ebd.) ist. Kommt das Individuum seiner Pflicht nicht nach, so verliert es an Achtung und die Gesellschaft übt weiter Druck aus. Dies kann zur Selbstzerstörung führen (Durkheim 1983: 245). Der Wert des Einzelnen im Kollektiv scheint von daher eher gering zu sein (vgl. ebd.: 246).

Durkheim (1983) unterscheidet noch weitere Arten eines Altruismus, die nur kurz beispielhaft angeschnitten werden sollen. Der beschriebene Selbstmord der Witwen beispielsweise, der aus Pflicht erfolgt, wird als obligatorischer altruistischer Selbstmord bezeichnet. Als fakultativ altruistisch wiederum werden Selbstmorde benannt, die aus einem nur geringen Anlass, wie einer Beleidigung oder aus Übermut heraus, getätigt werden und von der Gesellschaft nicht ausdrücklich gefordert wurden. Die Gesellschaft honoriert aber die Tugend, nicht an seinem irdischen Leben festzuhalten (vgl. ebd.: 249) und eine Moralmaxime kann fordern, dass der Einzelne keinen eigenen Interessen nachgeht und bedingungslose Unterwerfung sowie Verzicht ausübt (vgl. ebd.).

Abschließend sei zusammengefasst, dass die soziale Schwäche des Einzelnen und die Überwachung des Kollektivs eine eigenständige Entwicklung und Individualisierung des Individuums nicht zulassen. Der Einzelne scheint ein „beliebiges Teilchen des Ganzen ohne eigenen Wert“ (ebd.: 247) zu sein. So gehört das Ich nicht sich selbst und der Einzelne ist traurig, weil er alleine nicht lebensfähig ist (vgl. ebd.: 252f.). Er hofft auf ein besseres Leben nach den Tod. Durkheim (vgl. ebd.: 255) betont, dass dieser Typ von Selbstmord im Allgemeinen nicht sehr häufig vorkommt, da sich das Individuum immer mehr von der Kollektivpersönlichkeit befreit hat; er tritt bei primitiven Gesellschaften und auch heute noch beim Militär auf.

[...]


[1] Ausführliche Daten der Kreise und Städte NRWs unter: https://www.it.nrw.de/presse/pressemitteilungen/2015/pdf/310_15.pdf

[2] Èmile Durkheim: Die Regeln der soziologischen Methode (1895). Anwendung der soziologischen Methoden zusammengefasst bei Brock et al. (2007:121) und Lindenberg (1986:140ff.).

[3] Die Selbstmordrate wird dabei pro Million oder pro Hunderttausend Einwohner im Jahr in der untersuchten Gesellschaft berechnet (vgl. Durkheim 1983:32).

[4] Über den fatalistischen Selbstmord, den Durkheim (1987:318) selbst nur als kleine Fußnote bringt, äußert er sich über seine geringe Bedeutung und dass es zwecklos erscheint, sich mit ihm zu befassen. Er steht dem anomischen Selbstmord durch maßlose Überreglementierung gegenüber (vgl. Anastasopoulos 2012:218). Der moralische Druck ist so hoch, dass eigene Handlungsziele nicht mehr verfolgt werden können (vgl. ebd.).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Emile Durkheims Studie zum Selbstmord. Die soziologische Suizidforschung der Moderne und der Gegenwart
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V354850
ISBN (eBook)
9783668409194
ISBN (Buch)
9783668409200
Dateigröße
1010 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstmord, Suizid, Durkheim
Arbeit zitieren
Christiane Wittich (Autor), 2017, Emile Durkheims Studie zum Selbstmord. Die soziologische Suizidforschung der Moderne und der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354850

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