In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich Durkheims Theorie zum Selbstmord noch auf die Gegenwart anwenden lässt und welchen Stellenwert sie in der heutigen Zeit (noch) hat. Dazu soll nach einer Definition von Selbstmord bzw. Suizid für diese Arbeit zunächst Durkheims Studie zum Selbstmord und ihre Bedeutung für die Soziologie als Wissenschaft dargestellt werden. Im Anschluss werden überblickartig weitere sozialwissenschaftliche Theorien der soziologischen Suizidforschungen der Gegenwart vorgestellt. Auch Christa Lindner-Braun beobachtet, wie ein spezifischer Gesellschaftszustand die Suizidrate einer Gesellschaft bestimmen kann. Die Theorien werden gegenübergestellt und kritisch hinterfragt, denn die Analysen Durkheims scheinen aus heutiger Sicht ungenügend. Abschließend erfolgt ein Fazit.
Der Soziologe Émile Durkheim vertrat die These, dass für Selbstmord der Grund ein soziologisches Problem ist, das in diesem Kontext nicht durch Psychologie zu erklären sei. Selbstmord sei zwar eine individuelle und private Entscheidung, aber gesellschaftlich bedingt. Durkheim äußert, dass eine Erklärung „weder in der organisch-psychischen Verfassung der Individuen noch in der Beschaffenheit ihrer physischen Umwelt“ zu finden ist. Dazu erläutert er zwei Formen gesellschaftlicher Integration. Das Verhalten der Individuen wird einerseits maßgeblich von gesellschaftlichen Normen bestimmt, und andererseits bedeutet Integration soziokulturell, dass Akteure entweder als Gruppenmitglied oder als Individuum handeln. So ist Durkheims Ziel, den Selbstmord im sozialen Kontext zu erklären. Dabei verfolgt er die Erklärung der Unterschiede kollektiver Selbstmordraten, wobei die Rate als Indikator für den Zustand des Kollektivbewusstseins zu betrachten ist. Zudem beschreibt er vier Grundtypen des Selbstmords, die auf unterschiedlichen sozialen Ursachen beruhen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in die soziologische (Selbstmord-)Theorie Durkheims und die Definition von Selbstmord in dieser Arbeit
3. Grundtypen des Selbstmords
3.1 Der egoistische Selbstmord
3.2 Der altruistische Selbstmord
3.3 Der anomische Selbstmord
4. Ausgewählte sozialwissenschaftliche Theorien zum Selbstmord der Gegenwart
4.1 Weitere sozialwissenschaftliche Theorien im Überblick
4.2 Soziologie des Selbstmords von Lindner-Braun (1990)
5. Kritische Reflexion
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Émile Durkheims klassische soziologische Theorie des Selbstmords von 1897 auch heute noch zur Erklärung suizidaler Phänomene in der Gesellschaft herangezogen werden kann und welchen Stellenwert sie in der modernen soziologischen Suizidforschung einnimmt.
- Grundlagen der soziologischen Suizidtheorie nach Durkheim
- Differenzierung der Grundtypen des Selbstmords (egoistisch, altruistisch, anomisch)
- Gegenüberstellung moderner sozialwissenschaftlicher Ansätze, insbesondere der Arbeit von Lindner-Braun
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit klassischer soziologischer Konzepte auf aktuelle gesellschaftliche Strukturen
Auszug aus dem Buch
3.3 Der anomische Selbstmord
Bei diesem dritten Typ des Selbstmords verfolgt Durkheim die Werte und Normen der Gesellschaft, die Einfluss auf das Individuum haben. Die Gesellschaft übt eine große Macht hierbei aus (vgl. Durkheim 1983: 273), sodass beim anomischen Selbstmord „die gesellschaftliche Regellosigkeit, Normschwäche oder -inkonsistenz auf die betroffenen Individuen durchschlägt“ (Feldmann 2010: 184). Durkheim (1983: 282) referiert, dass einem Streben des Menschen Grenzen gesetzt werden müssen, also eine regulative Kraft, damit Menschen nicht ziellos werden. Der Mensch selbst stellt sich dem prinzipiell auch nicht entgegen: Er akzeptiert eine Autorität. Durkheim (1983: 283) betont dazu: „Nur die Gesellschaft ist in der Lage, diese mäßigende Rolle zu spielen, sei es direkt und als Ganzheit oder vermittels eines ihrer Organe“ (ebd.).
Innerhalb einer Hierarchie hat jeder ein bestimmtes Maß an Wohlergehen. Regeln und Grenzen beeinflussen den Wohlstand jeder Gesellschaftsklasse. So wird der Ehrgeiz einzelner gezügelt. Ungeschriebene Gesetze und Grenzen sind soziale Beschränkungen, also moralisch (vgl. ebd.: 287), fördern damit eine Zufriedenheit der Menschen und eine innere Gesundheit der Gesellschaft (vgl. ebd.: 285). Dennoch kann der Mensch in Maßen weiterstreben und hat bestimmte Handlungsfreiheiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik ein, präsentiert aktuelle Statistiken zu Suizidraten und legt die Ausgangsthese Durkheims dar, dass Selbstmord ein soziales Phänomen ist.
2. Einführung in die soziologische (Selbstmord-)Theorie Durkheims und die Definition von Selbstmord in dieser Arbeit: Hier werden die theoretischen Grundlagen Durkheims, sein Methodenverständnis und die Definition des Suizids für die Arbeit erarbeitet.
3. Grundtypen des Selbstmords: Dieses Kapitel erläutert die drei zentralen Typen des Selbstmords – egoistisch, altruistisch und anomisch – und deren jeweilige soziologische Ursachen.
4. Ausgewählte sozialwissenschaftliche Theorien zum Selbstmord der Gegenwart: Es erfolgt eine Vorstellung moderner Theorien und eine detaillierte Auseinandersetzung mit Lindner-Brauns Soziologie des Selbstmords.
5. Kritische Reflexion: Dieses Kapitel hinterfragt die Gültigkeit von Durkheims Werk aus heutiger Perspektive und adressiert methodische Schwachstellen sowie gesellschaftliche Veränderungen.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und bestätigt die fortdauernde Relevanz von Durkheims Beobachtungen bei gleichzeitiger Notwendigkeit zur Modernisierung der Analyse.
Schlüsselwörter
Émile Durkheim, Selbstmord, Suizid, Soziologie, soziale Integration, Anomie, egoistischer Selbstmord, altruistischer Selbstmord, anomischer Selbstmord, Lindner-Braun, gesellschaftliche Normen, Kollektivbewusstsein, Suizidforschung, soziale Tatbestände, Gesellschaftstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Betrachtung des Suizids, basierend auf dem Standardwerk von Émile Durkheim, und setzt diese in Bezug zu modernen soziologischen Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Selbstmord als soziales Phänomen, die Typologie nach Durkheim sowie moderne sozialwissenschaftliche Ansätze wie die von Lindner-Braun.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, inwiefern Durkheims Theorie von 1897 heute noch auf die Gesellschaft anwendbar ist und welchen Stellenwert sie in der aktuellen Suizidforschung hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und theoriebasierte Analyse, die klassische soziologische Texte mit modernen Befunden vergleicht und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung von Durkheims Grundtypen, eine Übersicht moderner Theorien und die spezifische Analyse des motivationstheoretischen Ansatzes von Lindner-Braun.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Durkheims Theorie, Suizid, soziale Integration, Anomie und der Vergleich zwischen klassischer und moderner Soziologie.
Wie unterscheidet sich der anomische vom egoistischen Selbstmord laut Durkheim?
Während der egoistische Selbstmord durch zu schwache Integration in die Gesellschaft gekennzeichnet ist, entsteht der anomische Selbstmord aus einer fehlenden normativen Regulierung der menschlichen Wünsche.
Welche Bedeutung misst die Autorin den Massenmedien bei?
Die Arbeit analysiert anhand von Lindner-Braun, wie Massenmedien als soziale Institutionen suizidale Handlungen durch die Vermittlung von Verhaltensmustern oder den Werther-Effekt beeinflussen können.
Warum ist Durkheims Theorie laut der kritischen Reflexion heute oft nur eingeschränkt gültig?
Kritikpunkte sind insbesondere die Vernachlässigung individueller psychologischer Motive, die problematische Datenlage und die Schwierigkeit, in modernen, komplexeren Gesellschaften klare Typologien zu trennen.
- Citation du texte
- Christiane Wittich (Auteur), 2017, Emile Durkheims Studie zum Selbstmord. Die soziologische Suizidforschung der Moderne und der Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354850