Auf dem Weg in ein zukunftsfähiges NRW!? Der Zukunftskreis Steinfurt und der Lokale Agenda 21 Prozess in Solingen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

I EINLEITUNG
1 Leitbild der nachhaltigen Entwicklung und die Agenda 21

II DIE LOKALE AGENDA 21IN DER PRAXIS
2 Die Lokale Agenda 21 auf Kreisebene - Der Zukunftskreis Steinfurt
2.1 Beginn des Lokalen Agenda 21-Prozesses
2.2 Organisationsstrukturen
2.3 Strategischer Rahmen
2.3.1 Integriertes Klimaschutzkonzept
2.3.2. Energieautark 2050 - Das Projekt „energieland 2050"
2.3.3 Regionale integrierte Bioenergiestrategie
2.3.4 LeitfadenWindenergie
2.3.5 Masterplan 100% Klimaschutz
3 Die Lokale Agenda 21 auf kommunaler Ebene - Die Stadt Solingen
3.1 Beginn des Lokalen Agenda 21-Prozesses
3.2 Organisationsstrukturen
3.3 Strategischer Rahmen
3.3.1 Nachhaltigkeitsbericht
3.3.2 Aktionsprogramme

III ANALYSE
4 Kommunale Entwicklung nachhaltig gestalten - Ein Ansatz zur Entwicklung einer kommunalen Nachhaltigkeitssteuerung
4.1 Situationsanalyse
4.2 Auswahl der Handlungsfelder
4.3 Konkretisierung der Maßnahmen und Umsetzung
4.4 Reflexion und Lernprozess
5 Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abb 1: Der Kreis Steinfurt

Abb 2: Organisationsstrukturen Zukunftskreis Steinfurt

Abb 3: Themen und Projekte des integrierten Klimaschutzkonzeptes

Abb 4: Kartenausschnitt Stadt Solingen

Abb 5: Organisationsstrukturen Solingen

Abb 6: Handlungsfelder Aktionsprogramm 2006

Abb 7: Das Themenfeld „Soziales, Jugend und Gesundheit" und die dazugehörigen Leitprojekte

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I Einleitung

„Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Prinzip nationaler und internationaler Politik. Es zielt darauf, wirtschaftlichen Wohlstand zu ermöglichen, für sozialen Ausgleich zu sorgen und die natürlichen Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen zu erhalten.“ (BUNDES­ZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG 2008, o.S.).

Die Welt steht vor großen Herausforderungen. Der anthropogene Klimawandel, die rasante Ausbeutung von Ressourcen, die wachsende Überbevölkerung auf der einen und die Entvölkerung ganzer Landstriche auf der anderen Seite sind nur einige Probleme mit denen sich die Bewohner dieses Planeten auseinandersetzen müssen. Die 27 Grundsätze der Rio- Erklärung über Umwelt und Entwicklung (kurz Rio-Deklaration) aus dem Jahr 1992 sind aktueller denn je. Manche Stimme würde vielleicht sogar sagen, dass sich seit der UN­Konferenz in Rio nichts auf dieser Welt verbessert hat, sondern alle Herausforderungen noch drängender geworden sind. Ganz falsch wäre diese Annahme wohl nicht. Trotzdem lohnt es sich eine genauere Analyse der Errungenschaften vorzunehmen.

Folgerichtig beschäftigt sich diese Arbeit mit den Ergebnissen des Agenda-Prozesses, der in der UN-Konferenz von 1992 initiiert wurde. Die Idee war, dass eine nachhaltige Entwicklung dieser Welt nur erreicht werden kann, wenn die Maßnahmen von kleineren, lokalen Institutionen und Akteuren vorgenommen werden im Gegensatz zu großen Akteuren wie z.B. Nationalstaaten. Der Wille zu einer nachhaltigen Entwicklung auch von solch großen Akteuren ist unabdingbar - dennoch haben kleinere Institutionen wie z.B. Kommunen eine viel direktere Verbindung zu den Betroffenen und den Verursachern der Herausforderungen. Und bei einem intensiven Engagement in vielen kleineren Institutionen haben diese auch eine weitaus größere Reichweite als nationale Initiativen.

Diese Arbeit beschäftigt sich im speziellen mit zwei Beispielen - dem Kreis Steinfurt und der Stadt Solingen - die lange Erfahrung in der lokalen Agenda 21 Arbeit vorweisen können. Zuerst wird auf den Agenda Prozess eingegangen, dann detaillierter die beiden Beispiele dargestellt und abschließend anhand des Handbuchs „Kommunale Verwaltung nachhaltig gestalten“ analysiert.

1 Leitbild der nachhaltigen Entwicklung und die Agenda 21

Im Juni 1992 fand in Rio de Janeiro die „Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung“ statt. Anlass waren weltweite Probleme, wie steigende Bevölkerungszahlen, wachsende Armut und Schädigung der Ökosysteme, die aus Sicht der Staatengemeinschaft derart weit fortgeschritten waren, dass Handlungsbedarf bestand (vgl. SATURRA 2005, S.1). Die Agenda 21 ist neben der Rio-Deklaration über Umwelt und Entwicklung das zentrale, internationale Dokument, das aus den sogenannten „Erdgipfel von Rio“ hervorgegangen ist und von 178 Staaten unterzeichnet wurde. Im Gegensatz zur Deklaration, in der sich die Regierungen der Welt auf die allgemeinverbindlichen Prinzipien nachhaltiger Entwicklung verpflichten, enthält die Agenda 21 ein detailliertes Aktionsprogramm mit konkreten Maßnahmen. Dabei gliedert sich die Agenda 21 in vier Abschnitte[1] und 40 Kapitel (vgl. NOLTE 2006, S.108). In den Kapiteln wird versucht, anhand eines breiten Vorschlagskatalogs, Beiträge zur Umsetzung der Rio-Anliegen zu liefern, die von Staaten, internationalen Organisationen sowie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteuren zu ergreifen sind, um das Nachhaltigkeitsprinzip von „Sustainable Development“ in die Praxis umzusetzen (BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG 2008, o.S.). Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit Ökologie, Ökonomie und Soziales sollen dabei miteinander verknüpft und als gleichwertige Bestandteile der Entwicklung betrachtet werden (vgl. SATURRA 2005, S.18). Der Begriff „Sustainibility“[2] geht zurück auf den sogenannten Brundtland-Report, der 1987 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter der Leitung der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland erstellt wurde (NIEMANN 1997, S.31). Dort heißt es:

„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ (BUNDES-ZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG 2008, O.S.).

Die Einbindung internationaler Organisationen sowie wirtschaftlichen und privaten Akteuren, der sogenannten „major groups“ basiert auf dem Gedanken, dass globale Probleme nur bewältigt werden können, wenn möglichst viele Beteiligte aus verschiedenen Bereichen ihren Teil dazu beitragen (vgl. SATURRA 2012, S.39). Zu diesen „major groups“ zählen auch Kommunen, deren Rolle bei der Gestaltung eines Agenda-Prozesses in Kapitel 28 „Initiativen der Kommunen zur Unterstützung der Agenda 21“ näher beschrieben wird (vgl. SATURRA 2012, S.41). In Kapitel 28.1 heißt es:

„Da viele der in der Agenda 21 angesprochenen Probleme und Lösungen auf Aktivitäten auf der örtlichen Ebene zurückzuführen sind, ist die Beteiligung und Mitwirkung der Kommunen ein entscheidender Faktor bei der Verwirklichung der in der Agenda enthaltenen Ziele. [...] Bis 1996 soll sich die Mehrzahl der Kommunalverwaltungen der einzelnen Länder gemeinsam mit ihren Bürgern einem Konsultationsprozess unterzogen und einen Konsens hinsichtlich einer lokalen Agenda 21‘ für die Gemeinschaft erzielt haben.“ (AGENDA 21, Kap.28.1)

Inzwischen wurden die Ziele der Agenda 21 in zahlreichen Nachfolgekonferenzen konkretisiert und bekräftigt. So verabschiedete die internationale Staatengemeinschaft 2002 auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg einen zusätzlichen Aktionsplan, der sich auf die Kernbereiche Wasser, Energie, Gesundheit, Landwirtschaft und Artenvielfalt konzentriert sowie eine stärkere Beteiligung privatwirtschaftlicher Akteure vorsieht (BUNDES-ZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG 2008, o.S.). Ein weiteres Beispiel sind die Milleniumsentwicklungsziele gegen Hunger und Armut, auf die sich im Jahr 2000 bereits 189 Staaten verpflichteten. 2012 fand zudem die Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung statt - erneut in Rio de Janeiro, deshalb auch „Rio+20 - Gipfel“ genannt. Angesichts der weltweit (seit 1992) weiter gewachsenen Herausforderungen fielen die Ergebnisse jedoch sehr „bescheiden“ aus. Es wurde vereinbart globale Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals - abgekürzt: SDGs) einzuführen und diese mit der bis 2015 anfallenden Neugestaltung des Rahmenwerkes für die Milleniumsentwicklungsziele gegen Hunger und Armut zu verknüpfen (vgl. SATURRA 2005, S.36).

In der vorliegenden Hausarbeit geht es jedoch nicht darum, die Ergebnisse der Konferenzen zu bewerten. Es soll anhand von zwei Beispielen betrachtet werden, wie die Umsetzung einer Lokalen Agenda 21 in der Praxis aussehen kann, um abschließend die Leitfrage des Titels zu beantworten: Befinden sich die beiden Kommunen auf dem Weg in ein zukunftsfähiges NRW?

1.1 Politische Umsetzung: Nachhaltigkeit und Kommunen

Die Nachhaltigkeit auf kommunaler Ebene ist im Prinzip keine Erfindung der Neuzeit. Städte sind seit jeher Zentren des Handels, der Industrie, des Handwerks, der Bildung, der Kultur und der Verwaltung. Gleichzeitig aber stehen sie für Müllnotstand, Lärm, Verkehr, Obdachlosigkeit, Kriminalität, Verödung der Innenstädte, Anonymität, Zersiedlung sowie natürlich auch für Finanznot. Nimmt man die internationalen Einbindungen einer Stadt hinzu (z.B. Städtepartnerschaften, Luftverschmutzung, Ansiedlung von Handelsbetrieben), wird deutlich, dass in Kommunen durchaus sowohl die Voraussetzungen als auch die Notwendigkeiten für eine qualifizierte Diskussion über Nachhaltigkeit gegeben sind (vgl. NIEMANN 1997, S.31).

Das in Artikel 28 formulierte Ziel, bis 1996, in einer Mehrheit der Kommunen einen Beschluss zur Erstellung einer lokalen Agenda 21 gefasst zu haben, wurde weltweit trotzdem nicht erreicht (vgl. KONRAD-ADENAUER-STIFTUNG o.J., S.4). Die Ursachen dafür sind mehrfach bedingt. Zum einen ist die Lokale Agenda 21 kein Rechtsinstrument, das Sanktionen nach sich zieht, wenn es nicht umgesetzt wird. Zum anderen sahen zu diesem Zeitpunkt in Deutschland viele Stadtverwaltungen keine Notwendigkeit zur Einführung einer Lokalen Agenda 21, da bereits vor der Rio-Konferenz Aktivitäten zur Verbesserung der Umweltqualität und zu Vermeidung neuer Umweltschäden durchgeführt wurden (vgl. NOLTE 2006, S.118). Der Kern des Kapitels 28 der Agenda 21 ist jedoch, dass die Kommunen Programme, Pläne, Maßnahmen und Projekte entwickeln, die nicht nur umweltgerecht, sondern auch sozialverträglich und ökonomisch vertretbar sind (vgl. RÖSLER 2000, S.13). Als Verwaltungsebene, die den Bürgern und Bürgerinnen am nächsten ist, sind Städte und Gemeinden zudem gefordert in einem Konsultationsprozess mit allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen ein lokales Aktionsprogramm zu erarbeiten (vgl. DOBRINDT/ HÖPER 2002, S.32).

Erst mit der Bereitstellung von Förderprogrammen durch die Landesregierungen war insbesondere in den Jahren 1998-1999 ein Anstieg an kommunalen Beschlussfassungen zur Lokalen Agenda 21 zu verzeichnen (vgl. NOLTE 2005, S.118 f.). Insgesamt starteten deutschlandweit etwa 1400 Agenda 21-Prozesse und stellten die Städte und Gemeinden vor neue Herausforderungen hinsichtlich der Partizipation der Bürger, der Langfristigkeit der Prozesse und der Messbarkeit der Ergebnisse (vgl. GEHRLEIN/STÄRK 2000, S.141). Viele Kommunen unterschätzten den nötigen Aufwand, um eine lokale Agenda 21 erfolgreich umzusetzen.

Auch der Umgang mit finanziellen und personellen Engpässen oder generellere Probleme, z.B. bei der Mobilisation von Wirtschaft und Öffentlichkeit, überforderten viele Städte, mit der Folge, dass viele der gestarteten Prozesse nach der Umsetzung einiger Projekte ins Stocken gerieten und eingestellt wurden (vgl. NIEMANN 1997, S.34 f.).

II Die lokale Agenda 21 in der Praxis

Eine zentrale Rolle bei der erfolgreichen Initiierung einer lokalen Agenda 21 spielt eine langfristig angelegte strategische Planung. Die Entwicklung sogenannter Nachhaltigkeits­strategien sieht vor, dass die Regierungen auf lokaler und nationaler Ebene jeweils unter Beteiligung privater Akteure aus Wirtschaft und Gesellschaft, Politikmaßnahmen formulieren und umsetzen, die am Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung ausgerichtet sind. Eine erfolgreiche Umsetzung der Agenda 21 setzt demnach voraus, die Wechselwirkungen zwischen Umwelt- und Entwicklungszielen in der Politikplanung vorausschauend zu berücksichtigen.

Im Folgenden werden nun beispielhaft zwei Kommunen vorgestellt, die diese Aspekte berücksichtigt haben und in denen die Lokale Agenda 21 und somit das Thema einer nachhaltigen Entwicklung heute ein fester Bestandteil der Verwaltung ist: Der Kreis Steinfurt und die Stadt Solingen.

2 Die Lokale Agenda 21 auf Kreisebene - Der Zukunftskreis Steinfurt

Der Auftrag aus Rio, die Ziele der Agenda 21 umzusetzen, richtet sich also insbesondere an die Kommunen (vgl. BUNDESMINISTERIUM FÜR UMWELT, NATURSCHUTZ UND REAKTORSICHERHEIT 1997, S.231 f.). Kommunale Gebietskörperschaften lassen sich unterscheiden in kreisfreie Städte, kreisangehörige Städte und Gemeinden sowie in Kreise (vgl. PRITZKOLEIT/FRIEDRICH 1988, S.51). Somit gelten in Deutschland auch Kreise als Kommunen. Die Verwaltungsebene der Kreise hat die Aufgabe über die lokale Ebene der Städte und Gemeinden hinaus vernetzend zu agieren und übergreifende Strategien und Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung zu erarbeiten (vgl. DOBRINDT/HÖPER 2002, S.32). Wie dies in der Praxis aussehen kann, wird im Folgenden anhand des Kreises Steinfurt dargestellt.

Der Kreis Steinfurt liegt im Norden NRWs in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Niederlanden und grenzt an Niedersachsen. Mit rund 1.8000 km2 ist er flächenmäßig der zweitgrößte Landkreis in NRW. In der Region leben rund 434.000 Einwohner in 24 Kommunen (vgl. Abbildung 1). Die Bevölkerungsdichte beträgt 248 EW/km2.

67 Prozent der Fläche (ca. 120.000 ha) werden landwirtschaftlich genutzt, 14 Prozent sind Wald-flache (ca. 25.000 ha) und 16 Prozent Siedlungs- und Verkehrsfläche (vgl. KREIS STEINFURT 2014, ร. 10). Viele kleine und mittelständische Unternehmen prägen die Wirtschaftsstruktur des Kreises. Gemeinsame identitäts-stiftende Merkmale sind neben der Prägung als landwirtschaftliche Region vor allem das Regionalbewusstsein, das die Bewohner des Kreises Steinfurt eint. Die Ebene des Kreises ist aus gesellschaftlicher wie auch wirtschaftlicher Perspektive ein bewährter Handlungsraum: Zum einen hat der Kreis die Größe zur Etablierung regionaler Wertschöpfungsketten, zum anderen kennen sich die Akteure und stehen bereits im regelmäßigen Austausch miteinander (vgl. ebd.). Somit bestanden bereits vor der der Initiierung einer Lokalen Agenda 21 auf Kreisebene solide Netzwerkstrukturen, die den Konsultationsprozess mit allen gesellschaftlichen Gruppen des Kreises erleichterten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 1 : Der Kreis Steinfurt Ollelle: FH MÜNSTERO.J., O.S.

2.1 Beginn des Lokalen Agenda 21-Prozesses

Der Kreis Steinfurt sah in der Aufstellung einer eigenen Kreisagenda die Chance, eine nachhaltige Kreisentwicklung zu initiieren und zu forcieren. Die Lokale Agenda 21 auf Kreisebene verstand sich von Beginn an nicht als Konkurrenz, sondern als Unterstützung und Ergänzung der bestehenden Aktivitäten in den einzelnen kreisangehörigen Gemeinden. Den Startschuss für die Lokale Agenda 21 lieferte 1999 der Kreistagsbeschluss. Nach der Kommunalwahl 2000 änderten sich die Mehrheiten im Kreistag und das zuvor bereits von allen Kreistagsabgeordneten beschlossene Konzept wurde erneut einstimmig bestätigt und durch weitere Punkte ergänzt. Für die Koordination und Organisation des Lokalen Agenda 21-Prozesses wurde ein Agenda 21-Büro im Umweltamt der Kreisverwaltung eingerichtet, das zunächst nur mit einer und später mit einer weiteren Person besetzt wurde. Wie bereits erwähnt, stellten in diesem Zeitraum viele Landesregierungen Förderprogramme für Lokale Agenda 21-Prozesse zur Verfügung (vgl. DOBRINTH/HÖPER 2002, S.32 ff).

Nachdem die erste Personalstelle sowie weitere benötigte Sachmittel im ersten Jahr vom Kreis Steinfurt selbst finanziert wurden, stellte das Land NRW finanzielle Unterstützung für weitere Schritte bereit. Dabei inbegriffen waren Personalkosten und Prozesskosten wie z.B. für die Durchführung von Veranstaltungen. Finanzielle Unterstützung durch die Länder ist immer befristet und auch im Kreis Steinfurt war die Förderung ursprünglich nur für zwei Jahre angedacht, wurde aber aufgrund des positiven Verlaufes des Prozesses und des Engagements durch die Kreisverwaltung weiter geführt (vgl. ebd.). Mittlerweile fußt die finanzielle Unterstützung des Kreises größtenteils auf Fördergeldern des Bundes oder der EU, worauf im weiteren Verlauf der Arbeit aber noch detaillierter eingegangen wird.

Die erste Phase des Lokalen Agenda 21-Prozesses stellte die sogenannte verwaltungsinterne Phase dar. Dabei wurde der Agenda 21-Prozess zunächst auf der kleineren verwaltungsinternen Ebene erprobt. Zwei ämterübergreifende Arbeitskreise entwickelten insgesamt sechs Projektideen, die nach der Vorstellung im Verwaltungsvorstand parallel mit dem Start der zweiten Phase des Lokalen Agenda 21- Prozesses in die Umsetzung gingen. Den Kern dieser Konsultationsphase bildeten der Strategieworkshop, die Arbeit von Facharbeitskreisen zu spezifischen Themen[3] und ein Vernetzungsworkshop. In Zusammenarbeit mit kreisweit organisierten Vereinen, Verbänden, Organisationen, größeren Wirtschaftsunternehmen, der Kreispolitik und weiteren gesellschaftlichen Gruppen wurden abschließend elf Leitstrategien und zehn beispielgebende Projektideen erarbeitet. Mit einem weiteren Kreistagsbeschluss begann 2002 dann die Umsetzungsphase, in der es darum ging, die einzelnen Projektteams zu festigen, Unterstützungsstrukturen aufzubauen und erste Schritte in der Realisierung der Projekte zu unternehmen (vgl. ebd.).

Bevor im weiteren Verlauf der Arbeit darauf eingegangen wird, wie sich der Lokale Agenda 21-Prozess im Kreis Steinfurt nach der ersten Umsetzungsphase weiterentwickelte, wird zum besseren Verständnis zunächst die Organisationstrukturen des Zukunftskreises erläutert.

2.2 Organisationsstrukturen

Das ehemalige Agenda 21-Büro nennt sich heute „Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit“. Dabei handelt es sich um die zentrale Organisations- und Steuerungseinheit bei der Umsetzung einer nachhaltigen Regionalentwicklung im Kreis Steinfurt. Das Amt fördert, strukturiert und dokumentiert die Aktivitäten im Zukunftskreis. Dies beinhaltet den Ausbau der bestehenden Strukturen und Netzwerke, die Betreuung und Unterstützung von Arbeitskreisen sowie die Hilfe bei der Planung und Umsetzung konkreter Projekte. Die drei zentralen Themen, in denen jeweils Projekte umgesetzt werden sind Nachhaltigkeit, Klimaschutz und ländliche Entwicklung (vgl. KREIS STEINFURT 2014, S.35 ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 2: Organisationsstrukturen Zukunftskreis Steinfurt Quelle: KREIS STEINFURT 2014, ร.36.

Durch die Installierung des Amtes auf Kreisebene besteht eine organisatorische und räumliche Nähe zur Kreisverwaltung, was für die praktische Arbeit von Vorteil ist, da so die Nähe zum Bürger gewährleistet, aber gleichzeitig der koordinierende Überblick behalten wird. Im Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind weitere Kooperationspartner mit ihren Geschäfts-stellen angesiedelt: Die Vereine „LEADER-Regionalmanagement Tecklenburger und Steinfurter Land“4 und „Haus im Glück e.V.“5 Sie arbeiten eng mit dem Amt zusammen und profitieren sowohl von der räumlichen, als auch von der inhaltlichen Nähe (vgl.ebd.).

Mithilfe des Amtes für Klimaschutz und Nachhaltigkeit wurde erreicht, dass alle 24 kreisangehörigen Städte und Gemeinden über eigene kommunale Klimaschutzkonzepte verfügen. Auf Kreisebene organisieren sich die Kommunen in verschiedenen Netzwerken zu Themen wie energetische Gebäudesanierung, erneuerbare Energien, Mobilität oder Landwirtschaft. So wird die interkommunale Zusammenarbeit gestärkt und gemeinsame Potenziale erschlossen. Das Amt für Klimaschutz und Nachhaltigkeit unterstützt unter anderem bei der Planung regelmäßiger Vernetzungstreffen, hilft bei der regionalen Fördermittelakquise, organisiert gemeinschaftliche Projekte und Kampagnen etc. In den ansässigen Vereinen Haus im Glück e.V. sowie den Regionalmanagements sind ebenfalls alle kreisangehörigen Städte und Gemeinden vertreten (vgl. ebd.).

Die Schnittstelle der Politik in das Unternehmernetzwerk und somit in die regionale Wirtschaft bildet die Fachkommission Klimaschutz, die sich aus Beratern sowie allen politischen Fraktionen zusammensetzt. Im Unternehmernetzwerk vertreten sind unter anderem Ingenieursbüros, Handwerksbetriebe, Banken, Stadtwerke etc. Als Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft fungiert wiederum der Beirat für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Dort ermöglichen Vertreter aus verschiedenen Bereichen wie beispielsweise Landwirtschaft, Handwerk, Verkehr etc. die Partizipation zahlreicher Interessengruppen. Beide Gremien wurden erst vor kurzem neu in die Organisationsstruktur des Zukunftskreises installiert, um die Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteursebenen zu optimieren (vgl. ebd.).

Erst mit dem Beschluss im Kreistag können geplante Aktivitäten in die Umsetzung gehen. Die Unterstützung der politischen Entscheidungsträger ist ein wichtiger Indikator für den Erfolg einer nachhaltigen Regionalentwicklung. Auch die Glaubwürdigkeit der Kreisverwaltung als Koordinatorin einer Lokalen Agenda 21 wächst durch eine hohe verwaltungsinterne Akzeptanz auf Kreisebene und die Integration eines nachhaltigen Verwaltungsablaufs (vgl. DOBRINDT/HÖPER 2002, S.36).

2.3 Strategischer Rahmen

Viele Lokale Agenda 21-Prozesse verfolgen den Ansatz, ein möglichst breites Spektrum an Projekten zu entwickeln, sodass die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit, wie in Rio gefordert, miteinander verknüpft und als gleichwertige Bestandteile betrachtet werden. Auch im Kreis Steinfurt lässt sich diese Strategie bei der Auswahl an Facharbeitskreisen in der ersten Konsultationsphase beobachten.

Dabei ist die Berücksichtigung ökonomischer und sozialer Konsequenzen häufig selbstverständlicher Bestandteil ökologischer Projekte, während ökologische Auswirkungen bei ökonomisch oder sozial ausgerichteten Projekten kaum Beachtung finden (vgl. RÖSLER 2000, S.17).

So wandelten sich im Kreis Steinfurt die inhaltlichen Schwerpunkte des Lokalen Agenda 21- Prozesses nach der ersten Umsetzungsphase dahingehend, dass eine stärkere Fokussierung auf den Bereich Klimaschutz stattfand. Den zentralen Auslöser dafür stellte die 2005 erstmalig erstellte CO2- und Energie-Bilanzierung für den Kreis dar, durchgeführt von der Fachhochschule Münster, die wie die Universität Münster ein ständiger Kooperationspartner des Zukunftskreises ist. Hier wurde deutlich, welche Potenziale im Bereich erneuerbare Energien dem Kreis noch offen stehen und dass das Erreichen der Energieautarkie keine Utopie darstellt.

Seit 2008 ist der Kreis Steinfurt Mitglied des Klimabündnisses (vgl. KREIS STEINFURT 2010, S. 3). Dabei handelt es sich um ein europäisches Netzwerk von Städten, Gemeinden und Landkreisen, die sich verpflichtet haben, das Weltklima zu schützen, indem sie ihre Treibhausgas-Emissionen vor Ort reduzieren (vgl. CLIMATE ALLIANCE o.J., o.S.). Der Kreis Steinfurt nimmt regelmäßig am European Energy Award teil, in dessen Rahmen über ein Qualitätsmanagementsystem und dem dazugehörigen Zertifizierungsverfahren die Energie- und Klimaschutzaktivitäten erfasst, bewertet, gesteuert und regelmäßig überprüft werden. Seit 2009 koordiniert ein Biomassenmanager die Aktivitäten zur energetischen Nutzung von Biomasse aus Forst-, Land- und Abfallwirtschaft. Mit dem Projekt „Ökoprofit“, bei dem es darum geht, die betriebliche Energie- und Ökoeffizienz zu verbessern, wird zudem die regionale Wirtschaft eingebunden. 2009 wurde die kreisangehörige Gemeinde Saerbeck vom Land NRW im Rahmen des Wettbewerbs „Aktion Klimaplus-NRW-Klimakommune der Zukunft“ für ihr Klimaschutzkonzept ausgezeichnet und auch die Stadt Rheine belegte einen der vorderen Plätze (vgl. KREIS STEINFURT 2010, S.3).

Anschließend werden nun die wichtigsten Konzepte erläutert, die dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung im Kreis Steinfurt als strategischer Rahmen dienen.

[...]


[1] Die vier Abschnitte lauten: Soziale und wirtschaftliche Dimension, Erhaltung und Bewirtschaftung der Ressourcen für die Entwicklung, Stärkung der Rolle wichtiger Gruppen, spezifische Möglichkeiten der Umsetzung (vgl. NOLTE 2006, S.108).

[2] In der deutschen Übersetzung werden für „sustainable“ neben nachhaltig auch die Adjektive dauerhaft, dauerhaft-umweltgerecht, zukunftsfähig, zukunftsverträglich usw. benutzt (vgl. EKARDT 2010, S.10).

[3] Die Facharbeitskreise waren zusammengefasst unter den Titeln „Ökologisches Wirtschaften“(aus Sicht des wirtschaftenden Menschen); „Ländlicher Raum“ (Natur, Umwelt und Landwirtschaft) und „Individuelles Leben“ (Sicht des Individuums und der privaten Haushalte) (vgl. DOBRINTH/HÖPER 2002, S.34).

[4] LEADER= Liaison entre actions de développement de ľéconomierurale: Europäisches Förderprojekt zur Förderung des ländlichen Raumes (vgl. KREIS STEINFURT 2015, S.5).

[5] Seit 2005 bestehender Verein zum Projekt „Haus im Glück“, der sich für die energetische Gebäudesanierung einsetzt und Menschen bei der Planung von energetischen Neubauten berät und unterstützt (vgl. KREIS STEINFURT 2015, S.9).

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Auf dem Weg in ein zukunftsfähiges NRW!? Der Zukunftskreis Steinfurt und der Lokale Agenda 21 Prozess in Solingen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
45
Katalognummer
V354852
ISBN (eBook)
9783668410787
ISBN (Buch)
9783668410794
Dateigröße
5095 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zukunftskreis, steinfurt, lokale, agenda, prozess, solingen
Arbeit zitieren
Anne Böing (Autor:in), 2016, Auf dem Weg in ein zukunftsfähiges NRW!? Der Zukunftskreis Steinfurt und der Lokale Agenda 21 Prozess in Solingen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/354852

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